JAKOB RAUSCH

Der Gymnicher Ritt

Ein gar seltsamer Volksbrauch im benachbarten Kreise Euskirchen ist der uralte Gymnicher Ritt, der seinen Ursprung bis in die Zeit des ersten Kreuzzuges zurückführt. Ein Graf Hermann von Gymnich hatte sich an der Fahrt ins Heilige Land beteiligt. Mit seinen Begleitern war er nach einer Schlacht, von Feinden hart bedrängt, in einen Sumpf geraten. Alle Versuche, wieder auf festen Boden zu kommen, schlugen fehl. Die Pferde sanken infolge ihrer heftigen Anstrengungen immer tiefer in den Morast, und der Tod schien den Unglücklichen gewiß.

In seiner Not flehte der Graf Gott um Hilfe an. „Wenn Du“, so rief er, „uns Deinen gnädigen Schutz verleihst, dann werde ich hoch zu Roß mit allen meinen Mannen jedes Jahr am Feste der Himmelfahrt Deines Sohnes eine Prozession über die Fluren von Gymnich halten.“ Und siehe, da rauschte aus dem Schilf eine Kette von Wasserhühnern auf; die Pferde erschraken, bäumten sich gewaltig auf und kamen glücklich ans trockene Land. Jahr für Jahr ritt der Graf nach seiner glücklichen Heimkehr aus dem Morgenlande am Himmelfahrtstage, begleitet von seinen Burgleuten und Bauern, singend und betend durch die Felder und Wiesen von Gymnich. Der Hauskaplan aber trug, auf dem Pferde sitzend, das heilige Sakrament.

Dieser fromme Brauch hat sich bis in unsere Tage erhalten. Nur einmal wurden die Gymnicher Bauern der ehrwürdigen Überlieferung untreu. Sie ließen sich verleiten, den Ritt zu unterlassen. Da vernichtete ein furchtbarer Hagelschlag ihre Feldfrüchte. Nur eine alleinstehende Witwe war der Überlieferung treu geblieben und unternahm allein den langen Bittweg. Und siehe, ihre Feldfrüchte wurden von dem Hagelwetter verschont. Im nächsten Jahre war die Beteiligung am Gymnicher Ritt größer denn je! Und so sind die Bewohner von Gymnich und Umgebung dem alten Brauch bis zum heutigen Tage treu geblieben. So zählte die Prozession im Jahre 1949 3600 Fußgänger, 486 Reiter, 50 Pferdewagen und Geistliche. Im Jahre 1951 nahm sogar Sr. Eminenz Kardinal Josef Frings von Köln an diesem ehrwürdigen Ritt teil. Nach einem feierlichen Hoch= amt im Freien erfolgen Umgang, Umritt und Umfahrt und am Schluß die Segnung der Pferde und Fahrzeuge, der Reiter, Fahrer und Fußgänger. Auf den wehenden Fahnen aber sehen wir die vier Reiterheiligen: St. Georg, St. Quirin, St. Leonhard und St. Martin.

Treue Hüter des Brauchtums sind neben der Pfarrgeistlichkeit die Nachkommen derer von Gymnich, die heute noch auf Schloß Gymnich wohnen und Besitzer des Herrengutes Vischel sind. In ihrem Wappen sehen wir das gezackte schwarze Kreuz auf silbernem Grunde, das uns an das kurkölnische Wappen erinnert, da die von Gymnich ein altes kurkölnisches Adelsgeschlecht sind.

Das Kreuz deutet auch auf die Teilnahme am Kreuzzug hin, worauf uns auch das Wasserhuhn im Wappenhelm hinweist.