Stumme Gräber auf dem Kalvarienberg erzählen

VON PFARRER SCHUG

Die Mutter Erde gibt immer wieder Geheimnisse preis. So hatten Arbeiter am 10, 3. 1958 das Glück, bei Erneuerungsarbeiten in der Klosterkirche auf dem Kalvarienberg auf eine Gruft zu stoßen. Bei Öffnung dieser von den Ursulinen nicht bewußten Grabstätte eines bekannten rheinischen Adelsgeschlechtes fand man wohlgeborgen fünf Särge mit ziemlich gut erhaltenen Leichen. Der Kopf einer Leiche, vermutlich eines Mannes, zeigt ein vollständiges Gebiß, ein Zeichen für die natürliche Lebensweise unserer Vorahnen. Quer über die offenen Särge standen noch zwei kleine Särge, offenbar mit Leichen von Kindern aus derselben Familie. Und wer sind die stillen Bewohner der unterirdischen Wohnung?

Es ist bekannt, daß am 27. 3. 1630 der Franziskanerpater Felix Loch feierlich die eben durch Baumeister Joh. Gohr neu errichtete, heute aber nicht mehr vorhandene Kirche auf dem Kalvarienberg in Besitz nahm. Pfarrer Servatius Ottler, vorher Mönch und Chronist des Klosters Prüm der von 1627 bis 1667 der Pfarrei Ahrweiler rühmlich vorstand, dann ein Opfer der Pest wurde, freute sich, daß sein Plan, Patres vom Bettelorden des hl. Franziskus in der Ahrmetropole ansässig zu machen, gelungen war. Die Minderbrüder des heiligen Franz fanden viele Freunde und Gönner, darunter auch einen Edelmann aus dem rheinischen Geschlechte der Freiherren v. A. Leyen, die schon länger auf Burg Adendorf, 8 km nördlich von Ahrweiler, ihren Wohnsitz hatten. Nach der v. Oidtmanschen genealogischen Sammlung in der Kölner Universitätsbibliothek ist als erster ein Bartholomäus v. d. Leyen als Herr in Adendorf bekannt, der am 17.7. 1522 vom Abte von Siegburg mit der Burg Adendorf, mit 40 Morgen Ackerland und mit Waldrechten im Kottenforst belehnt wurde. Von dessen Söhnen war Johann VI. von 1556 bis 1567 Kurfürst von Trier, ein Mann von fleckenlosem Lebenswandel, der sich bemühte, der Glaubensneuerung entgegenzuarbeiten und wohl aus diesem Grunde 1560 die Jesuiten nach Koblenz berief. Ein anderer Sohn war Michael v. d. Leyen, verheiratet mit Eva v. Palant zu Kinzweiler, deren Sohn Damianus bald alleiniger Besitzer und Stammherr auf Adendorf wurde. Damianus, in jungen Jahren nach damaliger Sitte Domherr in Trier, ohne Priester zu sein, verzichtete frühzeitig auf seine Dompfründe, zeigte aber weiterhin seine Treue zur Kirche. So stiftete er 1622 im Bonner Münster den schönen Geburt=Christi=Altar, in Marmor, auf dem er in Relief in seiner ganzen Größe zu sehen ist. 1624 errichtete er in Köln eine Studienstiftung, deren Präsentator der jeweilige Burgherr von Adendorf sein sollte. Und als dann 1625 Baumeister Joh. Gohr mit dem Bau einer größeren Kapelle auf dem Berge begann, 1630 fromme Mönche dort einzogen, die Beliebtheit der emsigen Patres stetig wuchs, die Wallfahrten kein Ende nahmen, das Kloster in den Jahren des Dreißigjährigen Krieges (1618—1648) eine Oase des Friedens war, der schwedische General Baudissin dem Kalvarienberg einen Schutzbrief ausstellte, so daß 16 Jahre kein Feind das Haus betrat, da war es Damianus v. d. Leyen, der als Freund und Wohltäter der Niederlassung auftrat und in sicherem Schutz des hl. Berges die letzte Ruhe genießen wollte. Nach der Chronik unseres Klosters wünschte er für sich und seine Familie hier eine Erdbegräbnisstätte. Und als dann das Ende kam, am 17. 3. 1639, nicht, wie irrtümlich auf dem Sarg zu lesen 1636, wurden seine sterblichen Reste in der Konventskirche der Franziskaner beigesetzt. Ihn überlebte um viele Jahre seine geliebte Gattin Anna Katharina Waldbot von Bassenheim, die oft zum Berge kam, da sie, wie sie erklärte, auch im Tode nicht wolle geschieden sein von dem, den sie im Leben einzig liebte. Und kamen Bedrängnisse, wie z. B. anno 1644, wo zwei Juden Simon und Baruch zu Koblenz wegen einer Schuldforderung sie belästigten, hat sie ganz gewiß am Grabe ihres Gatten Ruhe und Trost gefunden. An diesem Grabe kniete ihr großer Sohn, der spätere Kurfürst Karl Kaspar v. d. Leyen, von dem die Chronik schreibt: „Den 8. 4. 1651 kam der Fürst=Koadjutor zu Trier, Karl Kaspar, aus Adendorf mit zahlreichem berittenen Gefolge zum Berge, hier seine Andacht zu halten. Dem zahlreich versammelten Volk zum Beispiel, empfing er nach verrichteter Beichte, vor dem Grabe des geliebten Vaters kniend, die hl. Kommunion (er war noch nicht Priester!). Nachdem gehalten die Andacht, in welcher er während des Segnens der Osterkerze und des Meßopfers verharrte, wurde ihm der Titel eines Fundators dargebracht, den er auch keineswegs verschmähte, wie sich aus seiner dafür abgelegten demütigen Danksagung ergab. Veranlassung zu diesem Antrag fanden wir (sc. die Patres) in der Betrachtung, daß sein hochfreiherrlicher Vater, indem er bei uns sein Grab, das erste und einzige unserer Kirche, erwählte, für seine gesamte Nachkommenschaft das Erbrecht zu dieser Gruft erwarb.“

Karl Kaspar v. d. Leyen, in Trier am 18. 10. 1618 geboren (Damianus war damals noch Landhofmeister und Trierer Rat), bereits 1640 Domherr, 1650 Koadjutor, bestieg mit 34 Jahren 1652 als Nachfolger des unglücklichen Philipp Christoph v. Sötern (1632—52) den erzbischöflichen Stuhl in Trier. Er sollte zum Segen für das Trierer Land werden. Glücklich in seiner Politik, konnte er viele Schäden des 3ojährigen Krieges auslöschen, dem Volk ein guter Landesvater sein. Aber auch in der Hauspolitik war er nicht minder geschickt. 1658 erhielt er vom Kaiser Leopold I. (1657 bis 1705) die Erlaubnis, die drei Dingstühle Adendorf, Eckendorf und Villip in der Grafschaft Neuenahr anzukaufen, wofür dann Jülich den Anteil derer v. Leyen und v. Waldbot an Landskron erhielt. 1660 genehmigte Kaiser Leopold, daß die drei Kirchspiele Adendorf, Eckendorf und Villip reichsunmittelbar werden sollten. Der Lehensverband aus der Grafschaft Neuenahr und Herzogtum Jülich, das damals zu Pfalz=Neuburg gehörte, wurde gelöst, die Herrschaft Adendorf war selbständiges Gebiet wie Kurtrier, Kurköln und Kurpfalz. Die Geschichtskarte auf Seite 196 des Heimatbuches von Rektor Rausch zeigt die Selbständigkeit der Herrschaft Adendorf i. J. 1789. Ferner erwarb Karl Kaspar die Herrschaft Blieskastei, die er den Herren von Adendorf im Testament überließ. Es sei aber auch erinnert, daß der große Sohn Damians kirchliche Interessen ebenso förderte. 1655 ließ er eine großartig verlaufene Ausstellung des hl. Rockes auf dem Ehrenbreitstein durchführen; 1656 war er um die Visiation der Diözese bemüht, die das Konzil von Trient angeordnet hatte, die dann auch wirklich zum Segen für die Kirche gewissenhaft zu Ende geführt wurde. 1673 sorgte er durch Gründung des Lambertinischen Seminars für die Ausbildung des geistlichen Nachwuchses, wurde auch Förderer des Bruderschaftswesens und Gründer von Waisenhäusern und Hospitälern. Am 1. 6. 1676 verschied der seeleneifrige Erzbischof in Koblenz und wurde am 14. 6. 1676 im Trierer Dom beigesetzt. Konnte Rühmliches von Karl Kaspar gesagt werden, so sei es nicht unterlassen, auf weitere Kinder der Eheleute Damianus und Anna Katharina v. d. Leyen hinzuweisen. Älter als Karl Kaspar war die Schwester Antonetta, die als Jungfrau kurz nach dem Tode des Vaters am 28. g. 1639 verstarb und neben ihrem Vater auf dem Kalvarienberg ihre Ruhestätte fand. Sie hatte zu Lebzeiten eine silberne Ampel in unserer Klosterkirche gestiftet, war auch um die Bemalung des Hochaltares dieser Kirche besorgt gewesen. Kurz vor ihr wurde auf dem Berge beigesetzt eine jüngere Schwester der Antonetta, nämlich die am 14. 4. 1639 zu Gott heimgerufene Clara, die einem geistlichen Orden angehört hatte. Noch über 20 Jahre überlebte die würdige Ehegattin Anna Katharina v. d. Leyen geb. Waldbott v. Bassenheim ihren Gatten und ihre geliebten Töchter Antonetta und Clara, oft gerühmt als „geistliche Mutter unseres Konventes“. Sie vertauschte die Erde mit dem Himmel am 8. Aug. 1660 und fand als vierte ihr Grab in unserer Familiengruft.

Ehe wir des letzten Toten auf dem Berge gedenken, seien erwähnt weitere Kinder des Damianus, nämlich die Maria Katharina, später Gattin des Werner v. Orsbeck zu Groß=Vernich, dann Damian Hattard, geb. 1618, Domherr in Trier, am 3. Juli 1675 als Erzbischof von Mainz inthronisiert, damit Erzkanzler und Primas von Germanien, doch bereits am 6. Dez. 1678 verstorben. Ferner Anna Antonetta, Gattin des Frhr. v. Dalberg, Lothar Friedrich, Domherr in Trier und Worms und Gertrud, die wie Clara im Kloster Gott suchte und fand. Der g. Nachkomme und Nachfolger auf Adendorf ist nun Hugo Ernst v. d. Leyen, seit 1652 angetraut der Maria Freiin Quad v. Büschfeld, der die Linie in Adendorf fortsetzte.

Auch er zeigte sich wie seine Eltern und seine Geschwister als ein Freund der Minderbrüder auf dem Berge. So berichtet die Klosterchronik unter dem 26. 2. 1651: „In Betracht der vielen fortwährend von ihm und seiner Mutter dem Kloster erzeigten Wohltaten wurden sie in höchstem Grade unserer geistlichen Verdienste und Gebete samt dem Titel des geistlichen Syndikats würdig befunden. Den (nämlich Hugo Ernst) haben auch unser bester geistlicher Vater und die gnädige Frau (Anna Katharina v. d. Leyen) als unsere frömmste und mildtätigste Mutter in Freuden und Demuth angenommen.“ An die innige Verbundenheit der Familie v. d. Leyen mit dem Kalvarienberg erinnert sodann eine Wappenscheibe im Fenster der Nordseite der Kirche:

DAS FREYHERLICHE HAUS VON DER LEYEN ZU ADENDORF. AO 1671.

Hugo Ernst finden wir als Vertrauten der Herzöge von Kurpfalz, als Amtmann der Jülichschen Ämter Neuenahr, Remagen und Sinzig. Er begegnet uns bei der Übergabe des Minoritenklosters „Auf der Lee“, meist Helenenberg genannt, vor den Toren der Stadt Sinzig an die Minoriten am 2. 7. 1648, wo er mit dem Sinziger Dechant Vetter die Patres begrüßte. Zum Bau des Klosters in Sinzig legierte er 50 Taler; für sich und seine Familie fundierte er eine Wochenmesse, die die Patres von Sinzig jeden Samstag in Niederbreisig lesen sollten. Seine Schwiegertochter auf Adendorf, geb. Gräfin Sophie Maria v. Schönborn, ließ 1715 in Sinzig den sogen. Hl. Vogt, eine unverweste Mumie, ein „volkstümlichesPalladium des alten Städtchens“, in einen neuen gläsernen Sarg legen. Früh, allzu früh hat Gott ihn abgerufen. Es war am 1. 5. 1665, als Hugo Ernst, Kalvarienbergs geistlicher Vater, in Köln an der Wassersucht starb. Am 4. Mai setzte sich von Köln aus der Eeichenzug in Bewegung. Auch dieser Edelmann fand seine Ruhestätte auf dem Berge. Das feierliche Leichenbegängnis fand aber erst am 19. Mai statt, dem außer der Gattin, Ww. Maria Büschfeld, der Dompropst von Trier, Friedrich v. d. Leyen, drei Brüder der Witwe, sehr viele gnädige Herren aus der Familie und Verwandtschaft beiwohnten. Nach Beendigung der Feier fuhren diese mit drei Kutschen nach Adendorf zurück. Die Pfarrer der Nachbarschaft, wenigstens 15 an der Zahl, die Beamten der Herrschaft Neuenahr, Bürgermeister, Schöffen und Ratsherren, über 60 Personen, wurden im Refektorium des Klosters mit Speise und Trank erquickt; auch die Bürger aus der Stadt Ahrweiler wurden im Hof reichlich mit Wein, holländischem Käse und Weißbrot bewirtet. Nach dem Neubau der Kirche verlegte man das Erdbegräbnis, diese oben genannten Persönlichkeiten aus dem Hause v. d. Eeyen, in die neue Gruft. Auch in späterer Zeit begegnet uns noch oft diese wohltätige Familie, die u. a. Zehntherr in Karweiler, Kesseling, Lind und Unkelbach war. Als 1760 in Eckendorf beim Läuten der Glocken für den verstorbenen Grafen Friedrich Ferdinand Franz Anton v. d. Leyen, einem Enkel unseres Hugo Ernst, eine Glocke gerissen war, stiftete die Gräfin und Gattin eine neue. Dieselbe Gräfin hatte ca. 1750 ein Ziborium für die Kirche in Antweiler gestiftet. Und suchte ein Priester einen Unterhaltstitel, so war das Haus in Adendorf gern bereit, ihn zu gewähren: Heinrich Klöckener aus Adendorf, später Pfarrer in Lind (1787 bis 1828) und in Herschbach (1828—1840), erhielt eine Bereitstellung von 60 Talern von der Gräfin in Adendorf. Nun hoffen wir, daß die lieben Toten, deren Gräber geöffnet wurden, längst ihren Lohn von dem, der einem jeden vergelten wird nach seinen Werken, empfangen haben. Wir bitten sie, Fürsprache einzulegen für diejenigen, die auf dem Berge sich heiligen und Werke der Caritas an jungen Christen üben, aber auch für die neuen Besitzer von Burg Adendorf, z. Zt. Baronin Theresa Josepha Maria Aloisia Huber= ta v. Loe und das junge Ehepaar, damit der alte christkatholische Geist auch in der neuen Zeit sich offenbare. Noblesse oblige!