Schatzbewahrer der Heimat

Ein Gedenk- und Dankblatt für Jakob Rausch

„Der ist in tiefster Seele treu, wer die Heimat liebt wie du . . .“ läßt Theodor Fontäne den Archibald Douglas sagen. Ein tiefes Wort, ein Wort der Liebe, ein Wort auch der Gebundenheit an den Ursprung wie ein Gang zu den Müttern. Dies ist ein Beitrag, der ohne Wissen und Willen des verehrungswürdigen Herausgebers dieser Jahrbücher erscheint, und es bedarf der (erlaubten) List seiner redaktionellen Mitarbeiter, ihn zur Druckerei zu schmuggeln.

Orden gebühren denen, die nicht danach streben! Vor einem Halbdutzend Jahren wurde dem Kreisarchivar und Herausgeber des Heimat=Jahrbuchs für den Kreis Ahrweiler der päpstliche Orden „Pro ecclesia et Pontifice“ verliehen, und zu Anfang des Jahres 1959 trat Landrat Urbanus mit einer Freundesschar ins Haus des Rektors, um ihm den Bundesverdienstorden I. Klasse zu überreichen. Welches Mitfreuen im Kreis, welches Mitfreuen aber auch draußen, als die Zeitungen den Anlaß dieser Ehrung veröffentlichten! Eine verehrungswürdige Gestalt unseres Kreises Ahrweiler wurde ausgezeichnet, ein Mensch von reichem Wissen und untadeliger Haltung, der unserer Landschaft viel gegeben hat. Denn er hebt den Begriff Heimat aus der Enge, Abzirkelung, manchmal zu beklagenden Inzucht in das Licht der Geschichte.

Er hat, zeit seines Lebens, das wahrgemacht, was der Dichter Johannes Kirschweng gültig ins dichterische Wort gegossen hat:

„Jede Schrift, jedes Wort soll sorgen, daß Heimat immer mehr auch Heimat der Seele werde; dann reicht die Verbundenheit in eine Tiefe, die keiner irdischen Macht erreichbar ist. Daß das geschehe, muß die Heimattreue aus dem Dumpfen, Triebmäßigen, Verschleierten emporgehoben werden ins helle Licht der Erkenntnis und der Liebe.“

Wer hat das so tief wahrgemacht und erfüllt wie Rektor Jakob Rausch! Wer je einen seiner Vorträge hörte, spürte immer den großen Atem: das ist nicht nur „Heimatgeschichte“ im begrenzten Bezirk — das ist geborgenes Leben der Landschaft und ihrer Menschen! Wenn Rektor Rausch redet, spricht er nicht nur, sondern hat etwas zu sagen. Und wenn er es sagt, ist immer der Herzschlag eines Jahrhunderts zu hören und der Herzschlag der Generationen unserer Vorväter. Ja, es ist alles sichtbar und vernehmbar, was in Zuckmayers „Des Teufels General“ so beredt angedeutet wird im Gespräch des Generals zum jungen Offizier: der Schritt der römischen Legionäre ist in uns wie der glühende Glanz der mittelalterlichen Kathedralenfenster und das brennende Leben der Jahrhunderte, der Menschenherzen vor allem, die vor unseren Herzen geschlagen haben. Er hat, wie früher im Westerwaldkreis Altenkirchen, ein großes Lebenswerk gesammelt, das im ARE=Verlag in einem Ausschnitt als Heimatkunde des Kreises Ahrweiler herausgegeben ist. Aber sein Lebenswerk ist größer. Es möge bald ins Licht der Öffentlichkeit gehoben werden, denn es sagt unendlich viel Gültiges aus, was diese unsere Landschaft bedeutet und von welcher geschichtlichen Herkunft sie ist.

Er ist Historiker und Schatzbewahrer unserer Heimat, aber er war auch mehr: wenn je ein Jünger Pestalozzi in der Schulstube seinen Platz mit Gnade ausfüllen durfte, dann er! Sein Leben hat er den Kindern gewidmet und in ihre Herzen die Saat der Liebe und des Christentums gelegt. Alle, die zu seinen Füßen gesessen haben, verehren ihn tief. Ein halbes Jahrhundert hat er diesen Beruf — nein: diese Berufung — nicht nur ausgeübt, sondern ausgefüllt aus dem Quell seines Herzens. Und auch nach seiner Pensionierung blieb er treu, weil er’s nicht aufgeben konnte, auf dem Calvarienberg Latein und Geschichte zu unterrichten. Und nicht nur den Kindern hat er viel gegeben, sondern auch den jungen Kolleginnen und Kollegen. Als Leiter der Junglehrer=Arbeitsgemeinschaft hat er ihnen die Liebe zum Beruf veredelt. Was sie heimgetragen haben aus diesen Tagen und Stunden, war mehr als Wissen und Pädagogik aus dem reichen Schatz eines erfahrenen Magisters, sondern auch viel für ihr persönliches Wachstum am Vorbild eines untadeligen Mannes.

Wir haben einmal „Faust“ abgewandelt: „Mit Euch, Herr Rektor, zu spazieren ist ehrenvoll und bringt Gewinn . . .“ Eine Exkursion mit Rektor Rausch ist immer Gewinn. Da pflückt er die VINCA, die keiner im Wald gesehen hat, hält sie hoch und redet von den Römern, die an diesem Platz gesiedelt haben. Da findet er Blumen, die keiner kennt. Da macht er das Dichterwort des jungen Johannes Kirschweng wahr:

„Was ist Heimat? Heimat ist einmal die mütterliche Erde, die unseren Stamm und unsere Art geboren hat, die Gottes Sonne, Gottes Wolken und Gottes Stürme in sich aufnimmt, damit sie im Verein mit ihren eigenen, geheimnisvollen Kräften Brot und Wein bereiten, die auf unserem Tische, ruhen und uns Kraft geben zu reinem und gutem Leben,“

Das Wort ist ihm aufs Herz geschrieben. Kaum reichen die magischen Sinnzeichen von Orden aus, ihm den Dank zu sagen, der ihm gebührt. Seine Lehrbücher, die er geschrieben hat, seine heimatkundlichen Schriften und Vorträge, seine fruchtbare Arbeit als Kreisarchivar, als Naturschutzbeauftragter des Kreises Ahrweiler, seine Herausgeber Schaft dieser Heimat Jahrbücher — dies alles sind Wesenszüge. Sie sind Ergebnis eines fundierten Wissens. Seine Güte aber leuchtet aus einem kinderreinen Herzen.

HARRY LERCH