Unsere Mundart, eine lebendige Sprache

Die Veränderung unseres Heimatdialektes

VON JOHANN SCHMITTEN

Der laufende Strukturwandel des ländlichen Raumes, der uns heute in fast allen Bereichen des dörflichen Lebens sichtbar entgegentritt, macht sich nicht nur in einer Verbesserung des Lebensstandards der Familie oder in einer neuen Art des Gemeinschaftslebens allein bemerkbar, auch die Änderung von althergebrachten Sitten und Gebräuchen, die zum Teil überhaupt nicht mehr geübt werden, sind von diesem Wandel der Gesamtstruktur in Mitleidenschaft gezogen. Nicht zuletzt aber geht ein zwar sehr langsamer, aber doch stetig fortschreitender Änderungsprozeß in der heimischen plattdeutschen Sprache vor sich, der mehr und mehr dort in Erscheinung tritt, wo viele Tagespendler seit ahren ihr Heimatdorf mit früher unbekannten Lauten beglücken. Der Zuzug vieler Städter aufs flache Land hat ein übriges dazu getan, um heute schon in vielen Landgemeinden eine vollkommene Sprachveränderung gegenüber vor zwei oder drei Jahrzehnten zu bewirken.

Mehr und mehr verwischt die örtliche Eigenart unseres plattdeutschen Dialektes, die sehr oft von Dorf zu Dorf recht verschieden war und zum Teil auch noch besteht.

Im Grundsätzlichen lehnt sich der Dialekt des Kreises Ahrweiler an den des Bonn-Kölner Raumes an und hat seinen Ursprung im Rheinfränkischen. Nur im Rheintal ist bei Brohl eine scharfe Grenze zum Moselfränkischen festzustellen, während sich im westlichen Teil des Kreises diese Sprachgrenze noch weit in die Kreise Daun und Sehleiden hinzieht.

Insul/ Ahr
Foto: H. Esch

Innerhalb unseres Kreises aber gibt es eine Unmenge verschiedener Sprachgruppen, die oft einheitlich in Kirchspielen, oft aber auch selbst dort verschieden sind. Als Kinder hänselten wir oft die Kinder eines Nachbardorfes, weil diese eine für uns lächerlich-komische Sprache hatten, nicht bedenkend, daß unsere Ausdrucksweise dort die gleiche Heiterkeit hervorrief. Wie aber steht es nun um das Alt-Eifeler Plattdeutsch des Unter- und Oberahrraumes? Wenige Alte beherrschen es noch vollkommen, und in Gesprächen der Jugend mit den Alten hört man oft die Frage: „Wat bedöck dat dann?“, wobei dann erst dieser oder jener Alt-Eifeler Ausdruck der Übersetzung bedarf. Während man z. B. den Kölner Dialekt sehr gut niederschreiben kann, bedeutet die Niederschrift unseres Eifeler Dialektes wahrlich eine Kunst, und nur der Geübte kann sie lesbar gestalten. Viele werden sie nie ganz aussprechen lernen, obwohl ein alter Spruch besagt: „Wäe elei an elo an elä net kaan, dä kaan ke Efeler Mädche haan!“ Wer also früher in die Eifel zur Freite kam, mußte erst das dortige Platt beherrschen, sonst bekam er seine Angebetete nicht.

Es mag dreißig Jahre her sein, als mir ein alter Eifeler, der sein Leben in der Fremde verbrachte, aber das Heimatplatt noch voll beherrschte, die Frage stellte, wie wohl die Worte: „Hoch oben in der Luft“ im Heimatdialekt heißen würden. Ich glaubte recht zu haben, wenn ich die Redewendung „owe en de Loff“ brauchte. Er hatte aber damals nur gelacht und sagte: „Ja, Jong, oos schön Blatt änet sech ärg, dat heesch (das heißt) richtig: „Huh en de Luuch!“

Wer früher in die Fremde ging, aber eines Tages zurückkehrte und seine Heimatsprache nicht mehr konnte oder meist nicht mehr sprechen wollte, galt als Angeber und war verpönt. So geschah es eines Tages, daß die Kathreng nach einem halben Jahre Verdingung als Dienstmädchen in Köln auf Urlaub kam und den Bahnhof des Nachbardorfes erreichte, dort aber „vornehm“ gekleidet ausstieg und den Erstbesten mit der Frage ansprach: „Sagen Sie mir, wo geht es hier nach L.?“ Der Angesprochene besieht sich die Fragerin genau und poltert los: „Dat wees Dou doch janz jenau, denn Dou boß doch däm F. Klaas seng Dochte, net Kathreng!“ Beschämt zog die „Städterin“ in Richtung Heimatdorf, um nun aber am gleichen Nachmittag – an Nachbars Kartoffelfeld vorbeikommend – nochmals aufzufallen. Eifrig war man hier bei der Ernte und Kathreng hielt an und grüßte alle freundlich. Jedoch zeigte sie plötzlich auf eine Hacke und frug verächtlich: „Was ist denn das für ein Ding?“ Hierbei mögen wohl die biederen Bauersleute sprachlos hingeschaut haben, was den Anlaß gab, daß Kathreng sich bückte, hierbei aber wohl mit dem Fuß an den schrägstehenden Hackenzahn gekommen war, was bewirkte, daß der Hackenstiel hochschnellte und Kathreng mit aller Wucht saftig gegen den Kopf knallte. „Verdammte Kaasch“, schrie sie auf und wußte plötzlich, was es für ein Handwerkszeug war. Heute noch wird diese -Begebenheit erzählt und kann manchem zur Warnung dienen.

Mit der Sprachveränderung insgesamt ist auch ein starker Wandel nicht nur in der Namensgebung selbst, sondern in der Aussprache der Namen eingetreten. Annemarie wurde früher als Ami, Josef nicht Jupp, sondern als Jösef ausgesprochen. Die Katharina mußte ehedem mit dem kurzen „Drien“ wie auch die Agnes mit dem „Nies“ zufrieden sein. Der „Klös“ für Nikolaus würde heute genauso beleidigend wirken, wie die ebengenannten Frauennamen.

Und zum Schluß noch eine kleine Begebenheit im heimatlichen Dialekt:

Et woe Wonte. Keene hat ärsch viel ze doon, äwe et moot at emme noch jet jefrösselt (kleinere Arbeiten) wäre. Op emol vemeß die Mode (Mutter) ihr zwei Männ, dä Pitte an dä Jirred (Gerhard). Se jing at üweall eröm söke an fon keene. Do hüet se oowe om Spejche jet brassele an jromme (brummen). Na, dänk se due, do hange die schre, an jing aan de Drappedüe (Treppentüre). „Jirred“, reef se, „bos dou owe?“ – „Eja Motte, ech sen hej!“ – „Wat dees Dou dann do oowe?“ – „Ech helefe ein Pitte!“ – „Wat Beet dann dä Pitte do?“ – „Nöeus, Motte!“ (Nichts, Mutter!).