St. Barbara in Kleinasien, in Schlesien und anderswo

VON HEINRICH O. OLBRICH UND JAKOB RAUSCH

I.

Die Legende berichtet uns, daß St. Barbara die Tochter eines reichen Kaufmanns aus Nikomedien war. Als die schöne Barbara vierzehn Jahre alt wurde, trat sie ohne Wissen ihres christenfeindlichen Vaters zum Christentum über. Dieser im Geheimen vollzogene Wandel der jugendlichen Neuchristin konnte dem Vater nicht lange verborgen bleiben. Mutig bekannte sie vor dem Vater, daß sie Christin sei.

St. Barbara-Darstellung aus Schlesien

Da ließ sich der gemütsharte Vater zu einer unmenschlichen Tat hinreißen. Barbara kam vor den Richter und wurde zur Strafte qualvoll gefoltert. Als dieses Martyrium Barbara nicht bewegen konnte, dem Christentum zu entsagen, ergriff, wütend der eigene Vater das Schwert und tötete sein frommes Kind. Die junge Märtyrerin wurde heilig gesprochen. Sie wird seitdem als Schutzheilige verehrt und von den Gläubigen angerufen, sie vor einem unvorhergesehenen plötzlichen Tode zu bewahren. So ist es zu erklären, daß die Bergleute bereits seit Jahrhunderten St. Barbara zu ihrer Schutzpatronin auserkoren haben. Die Bergknappen in Tirol verehren unsere Schutzheilige seit dem 24. Jahrhundert und führen am 4. Dezember eine Barbarawallfahrt nach Gossensaß (Tirol) durch. Ganz groß und innig wurde St. Barbara von den Bergleuten in Oberschlesien und im Waldenburger Land verehrt. Es ist urkundlich erwiesen, daß Markgraf Georg der Fromme von Brandenburg-Ansbach im Jahre 2528 die erste Bergordnung für Oberschlesien erlassen hat, in der den Zünften der Bergknappen u. a. auch die Pflege des heimischen Brauchtums auferlegt wurde. Die damaligen Bergmannsbräuche stützten sich auf das religiöse Brauchtum der „St.-Barbara-Bruderschaft“, so daß unsere Schutzheilige als Schützenpatronin der Knappen erkoren wurde.

Vor der Einfahrt in die Grube beteten die Knappen:

„O heilige Barbara, du edle Braut,
mein Leib‘ und Seele sei dir anvertraut,
komm mir zu Hilf‘ in meiner Not.“

In ganz Oberschlesien wurde der Barbaratag, der 4. Dezember, als bedeutendes Volksfest begangen. Eingeleitet wurde es durch feierliche Gottesdienste. In ihren schmucken Knappenuniformen mit Federbüschen an der Kopfbedeckung, die rangmäßig verschiedene Farben hatten, marschierten die Bergleute unter den Klängen der Zechenmusikkapellen geschlossen in die Kirche. Anschließend fand in den Grubenbetrieben eine weltliche Feier statt, in der die Ehrung langjähriger und verdienter Knappen durch Verleihung traditioneller „goldener Treueuhren“ vorgenommen wurde. Frohe Stunden beschlossen diesen Festtag. Und die Hausfrauen daheim hielten „Mohnbaben„ und Salat mit warmer Wurst für Freunde und Verwandte bereit.

Die einmütige Geschlossenheit beim Begehen der Barbarafeste wird uns verständlicher, wenn wir erkennen, daß sämtliche Knappen den Barbarazünften angehören mußten, die durch eine strenge Ordnung zusammengehalten wurden. So konnte z. B, der Bergmannsberuf nur von Zunftsmitgliedern ausgeübt werden. Ihre erworbenen Vorrechte übertrugen sie auf ihre Söhne. Wenn ein Außenstehender Knappe werden wollte, so „büßte“ er seinen Eintritt durch einen Beitrag von zehn Tälern, die in die Knappschaftsbruderlade eingezahlt werden mußten. Das Standesbewußtsein der Bergleute war so ausgeprägt, daß Verehelichungen mit Außenstehenden nur ungern geduldet wurden.

Da St. Barbara auch Schutzheilige der Artilleristen, Architekten, Hutmacher, Köche, Gefangenen und Glöckner ist, muß erkannt werden, daß sich im Laufe der Jahrhunderte das Brauchtum um sie nicht nur erheblich ausgeweitet und vertieft, sondern auch verschieden entwickelt hat.

Wie es „anderswo“ als in Schlesien gestaltet und gepflegt wird, lesen wir im II. Teil dieser Abhandlung.

II.

DIE ST. BARBARAVEREHRUNG IM RHEINLANDE

Auch bei den rheinischen Bergleuten ist die St. Barbaraverehrung schon im 15. Jahrhundert festzustellen, Die Reformation brachte in dieser Sache keine Änderung.

Man betete vor der Schicht gemeinsam das Vaterunser und das Gebet zur hl. Barbara als der Schutzpatronin der Sterbenden; denn der Bergmann ist sich bewußt, daß er jeden Tag sein Totenhemd trägt.

Foto: Walter Vollrath
St. Barbara am Ahrtor in Ahrweiler

Das Barbarafest wird bis zur Gegenwart so gefeiert, wie es oben von Oberschlesien berichtet wird.

Zwei ehemalige Bergmannsdörfer, Pitscheid und Plittersdorf (bei Kirchsahr), haben St. Barbara als Patronin ihrer Dorfkapelle. Auch die Kirche in Ramersbach und die Kapelle Wiesemscheid sind St. Barbara geweiht.

Die Artillerie verehrte St. Barbara als ihre Schutzpatronin. So stellte das Artilleriedenkmal in Koblenz, das im Anfang des 20. Jahrhunderts erbaut wurde, eine Kolossalstatue der hl. Barbara dar. Das Denkmal, das auf dem freien Platz gegenüber der Pfaffendorfer Brücke stand, ist heute leider verschwunden. Die ehemaligen Artillerievereine feierten alljährlich am 4. Dezember ihr Barbarafest.

Im rheinischen Volk fand St. Barbara eine allgemeine Verehrung, weil sie zu den 14 Nothelfern gezählt wird. Insbesondere wird sie als Schutzpatronin der Sterbenden verehrt.

Die christliche Kunst stellt sie mit zwei Symbolen dar: mit dem Turm und dem Kelch mit der hl. Hostie. Im Turm hielt der heidnische Vater seine Tochter gefangen, um von ihr die christlichen Einflüsse fernzuhalten. Auf ihr inständiges Gebet brachte ihr ein Engel in einem Kelch das Himmelsbrot.

In Ahrweiler stehen das Ahrtor und die Ahrhut unter dem Schutze von St. Barbara. Deshalb begeht- die Ahrhut am 4. Dezember das Patronatsfest als Feiertag.

Die ursprünglich im Ahrtor stehende lebensgroße, mit seidenen Gewändern geschmückte Wachsfigur der Patronin steht jetzt im Ahrgaumuseurn. Der heimische Künstler Matschula schuf eine wertvolle steinerne Statue, die über dem nach der Stadt gerichteten Torbogen steht. Der Künstler stellt sie nur mit dem Kelche ohne Turm dar, weil sie ja selber vor einem Turme steht.

In der Pfarrkirche sind die vier Hutenheiligen durch Wandgemälde dargestellt.

Neben dem Ahrtor schwebt St. Barbara. Auf der rechten Seite kniet ein Jüngling, dem ein Engel auf die Fürbitte von St. Barbara das Himmelsbrot reicht. Der Jüngling ist der jugendliche Stanislaus Kostka. Aus vornehmem polnischem Adelsgeschlechte stammend, wohnte er in seiner Studienzeit in Wien im Hause eines religionsfeindlichen Freigeistes. Dieser wehrte dem Priester den Zutritt zu dem sterbenskranken Stanislaus. In seiner Seelennot betete er inständig zu St. Barbara. Die Erhörung seines Gebetes zeigt das Wandgemälde.