Kirmesbrauchtum auf der Grafschaft

VON WILLI GEBHARD

In unserer modernen Zeit hat sich manches geändert, was früher zum dörflichen Leben gehörte, manches ist auch ganz verschwunden. Das liegt im Zuge der Zeit. Um so erfreulicher ist es, wenn sich trotzdem noch altes Brauchtum auf dem Lande erhält, das nicht nur äußere Tradition ist. Das wird dort deutlich, wo Dorf- und Heimatfeste noch wirklich als solche gefeiert werden und bei Fremden wie bei Einheimischen Anklang finden. Das darf wohl von allen Orten gesagt werden, in denen man sich noch Mühe gibt, Feste zu gestalten. Aus der Fülle dörflicher Feste ist wohl das Kirchweihfest, landläufig Kirmes genannt, das Fest. Sehr umfangreich sind die Vorbereitungen, die zur Gestaltung der Kirmes getroffen werden müssen. Da in Gelsdorf nach alter Tradition die Hauptkirmes immer am ersten Sonntag im Mai (Pfarrpatronin St. Walburga) gefeiert wird, sind dort auch die althergebrachten Maibräuche damit verbunden. Die äußere Gestaltung des Festes liegt hauptsächlich in Händen des Junggesellenvereins und des Tambourcorps. Manche freie Stunde muß geopfert werden, damit „etwas auf die Beine gestellt“ wird und es auch klappt. Zunächst muß von den Burschen ein zünftiger Maibaum, hier auch Kirmesbaum genannt, gefällt werden. Meist ist das eine nicht gerade kleine Fichte, die fast bis zur Spitze von ihren Zweigen befreit wird. Am Vortag der Kirmes schmücken die Mädchen die Baumspitze mit langen bunten Bändern. Die Burschen befestigen an einem Zweig eine in Lumpen gehüllte mannsgroße Strohpuppe, den „Pajas“, der am letzten Kirmestag heruntergeholt und verbrannt wird. Am späten Nachmittag des Kirmessamstags wird der Baum von den Junggesellen feierlich eingeholt. Auf einem langen Wagen, von einem Traktor gezogen, wird er durch den ganzen Ort gefahren, nachdem er am Ortseingang vom Tambourcorps und der Jugend in Empfang genommen worden ist. Von flotten Weisen und frohgestimmten Menschen begleitet, gelangt der Kirmesbaum zu seinem Aufstellungsplatz in der Nähe der Kirche, wo inzwischen schon alles zum Aufrichten vorbereitet ist. Hier haben sich viele Schaulustige eingefunden, die das Aufrichten miterleben wollen. Das ist für die Zuschauer eine sehr spannende Sache, für die beteiligten Burschen allerdings eine harte Arbeit, die mit allerlei Hilfsmitteln und vielen „Haurucks“ unter dem Kommando eines „Richtmeisters“ geschafft wird. Nun muß der Baum gut gepflockt und verkeilt werden, damit er schön gerade und fest stehen bleibt, wenn der Grafschafter Wind stürmisch weht. Wenn der Kirmesbaum einwandfrei steht, und das ist Ehrensache, der Durst der fleißigen Burschen gelöscht ist und die bunten Bänder hoch oben im Abendwind knattern, singen alle gemeinsam das Lied vom schönen Mai, der nun gekommen ist. Anschließend marschieren die Junggesellen geschlossen mit dem Tambourcorps in die Gaststätte, um den Abschluß ihrer Kirmesarbeit zu feiern. Der Kirmessonntag beginnt in Gelsdorf schon früh um 6.00 Uhr mit dem „Wecken“. Mit klingendem Spiel marschiert das Tambourcorps durch den Ort. Nach dem Festhochamt gehen Tambourcorps und Junggesellen, denen sich viele Bürger anschließen, in geschlossener Formation zum Kriegerehrenmal auf dem neuen Friedhof, um durch eine Kranzniederlegung die Gefallenen zu ehren. Höhepunkt der Festveranstaltungen ist der Kirmeszug am Nachmittag, der durch die Hauptstraßen des Ortes führt. Doch was wäre die Kirmes im Frühlingsmonat Mai ohne Maikönigspaar? Es nimmt nicht nur an der Kinnes teil, es steht ganz im Mittelpunkt der Festveranstaltungen.

Wie schon gesagt, verbinden sich Kirmes- und Maibräuche in Gelsdorf harmonisch und tragen damit zu einer besonderen Gestaltung des Festes bei. Wie an der Ahr und in der Eifel besteht auch auf der Grafschaft noch der alte Brauch des Mailehensteigerns durch die Junggesellen. Ostern treffen sich die Junggesellen des Dorfes und „steigern“ ein Mädchen als ihr „Mailehen“. Damit sind für beide Teile Verpflichtungen verbunden. Zunächst muß jedes Mailehen seinem Maiburschen einige Ostereier verehren. Das war früher für manchen Knecht eine günstige Gelegenheit, einen ganzen Korb Ostereier zu sammeln, indem er alle schon etwas älteren „Mädchen“, für die nicht geboten wurde, zusammen steigerte oder, wie man hier sagt, den „Rummel“ steigerte. Dafür wurde aber auch den älteren Mailehen die Ehre eines Maibaumes vor ihrem Hause zuteil. Dieses Aufstellen eines Maibaumes ist die erste Pflicht der Burschen, die ein Mailehen haben. Hier sind das stattliche Birken, die man am Morgen des 1. Mai vor vielen Häusern stehen sieht, geschmückt mit bunten Bändern in der Baumkrone. Das Einholen und Anbringen dieser Maigrüße an die Mädchen ist meist Gemeinschaftsarbeit der Burschen. Dabei haben sie auch noch Zeit, da und dort einen Schabernack auszuführen; denn auch das gehört zur Walpurgisnacht. Manchmal versuchen auch Burschen aus benachbarten Dörfern einen Baum wegzuholen. Das darf natürlich nicht gelingen. Außerdem sind die Burschen verpflichtet, ihre „Maibraut“ während des ganzen Monats zum Tanz abzuholen. Das fällt nicht schwer; manchmal wird aus dieser „Pflichtübung“ auch eine lebenslängliche, zu der allerdings dann noch manch andere hinzukommen. Auch aus Maikönigspaaren sind schon Paare für’s Leben geworden, und wenn Maiköniginnen am Ende des Wonnemonats ihren Titel wieder ablegen mußten, so sind sie doch Herzenskönigin geblieben. Wie wird man nun Maikönig oder Maikönigin? Hier muß entgegen der allgemeinen Etikette der König zuerst genannt werden, weil er sozusagen seine Königin kürt. Ehe ein junger Mann Maikönig wird, ist er zuerst „Kurfürst“, das heißt, wer das fürstlichste Gebot für ein Mädchen macht, erhält damit die Königswürde und damit die Berechtigung, die Maikönigin zu küren. Nun zurück zur Kirmes! Zu Ehren des Maikönigspaares findet der Umzug statt. Dazu wird das Paar feierlich am Wohnhause der Maikönigin abgeholt.

Ritzdorf — Gelsdorf

Da ist das ganze Dorf mit allen Kirmesgästen auf den Beinen, wie man so sagt. Nach einem Ständchen des Tambourcorps zeigt der Fähndelschwenker zu Ehren des Paares seine Kunst. Es will gelernt sein, bei stärkerem Wind in tadelloser Haltung mit eleganten Bewegungen das Fähndel dicht über den Boden zu schwenken, ohne ihn damit zu berühren. Beifall belohnt den Fähnrich für seine Leistung. Nachdem allen Beteiligten von den Ehrenjungfrauen ein Gläschen kredenzt worden ist, fährt der blumenverzierte Wagen vor, den das Königspaar zur Festfahrt besteigt.

Ritzdorf — Gelsdorf

Bis vor wenigen Jahren wurde das Maikönigspaar in einer festlich herausgeputzten und mit vielen Blumen geschmückten Kutsche gefahren. Dabei trugen der Maikönig und sein Kutscher „stiefstödisch“ einen Zylinder, während die Königin ganz in Weiß gehüllt war. Die Ehrenjungfrauen nahmen ebenfalls in der Kutsche Platz. Das hat sich ein wenig geändert, wie die Bilder es zeigen, aber das ist zeitgemäß und nimmt dadurch nichts dem schönen Brauch. Heute ist der Königswagen ein chromblitzendes, außen und natürlich auch innen mit Schick und Charme ausgestattetes Cabriolet. In einem zweiten Wagen folgen dann die Ehrenjungfrauen. Nun beginnt die Triumphfahrt durch den Ort, die ziemlich lange dauert. Unterwegs bringt das Tambourcorps einigen Honoratioren, den Schwestern des Klosters mit den Insassen des Altersheims und allen Paaren, die im vergangenen Jahr geheiratet haben, ein Ständchen, wobei auch das Fähndel wieder geschwenkt wird. Fähnrich und Musiker erhalten neben dem verdienten Beifall auch einen Trunk als Anerkennung. (Mancher nimmt auch zwei, wenn es im vergangenen Jahr wenig Hochzeiten gegeben hat!) Wenn dagegen viele Hochzeiten gefeiert wurden, soll es vorkommen, daß zum Schluß nicht nur das Fähndel, sondern auch der Fähnrich ein wenig schwankt, sobald er seine akrobatische Kunst zeigt! Aber das tut der Festfreude keinen Abbruch. Daher ist es auch zu verstehen, daß der Kirmeszug bei Fähnrich und Musikern „Trinkzug“ genannt wird! Mit dem Ende des Festzuges endet die Triumphfahrt des Maikönigspaares, das unterwegs begeistert von vielen Leuten und Gästen umjubelt wurde. Aber gleich im Anschluß warten neue Ehren und Pflichten im Ballsaal, wo zu manchem Ehrentanz für das Paar oder die Königin aufgespielt wird. Hier kommt heute allerdings mehr die Jugend zu ihrem Recht, da die älteren Leute bei den modernen Tänzen nicht mehr „richtig“ mitkommen. Doch wird ab und zu auch heute noch ein „schöner Walzer“ gespielt oder ein flotter Rheinländer. Der Kirmesmontag ist weniger „offiziell“ in Veranstaltungen. Es wird mehr in den Gaststätten und auf dem Tanzsaal gefeiert. Auf der Grafschaft ist es seit jeher Ehrensache, auch den dritten Kirmestag noch zünftig zu feiern. Auf diesen Tag freuen sich besonders die Kinder, denn das Festprogramm sieht vor, daß sie dann einige Freifahrten auf dem Karussell oder dem noch beliebteren „Autoselbstfahrer“ absolvieren können. Diese Kirmespflicht ist noch keinem Kind schwergefallen, wohl aber gibt es bei den ganz kleinen oft Tränen, wenn die Fahrt zu Ende ist. Bei dieser Gelegenheit muß auch eine andere Tradition der Junggesellen und Männer lobend hervorgehoben werden. Sie finanzieren nicht nur die Freifahrten der Kindern, sondern sammeln unter sich auch einen ansehnlichen Betrag, den sie der Schulklasse zur Verfügung stellen. Das gibt dann für alle Schulkinder nochmals eine Teilfreifahrt beim Schulausflug. Wenn der Kirmesplatz scholl fast leer ist, gibt es nochmals eine Attraktion vor allem für die Buben: Der Pajas wird heruntergeholt. Ein Mann klettert ohne Hilfsmittel in die Spitze des Maibaumes und schneidet die Kirmespuppe ab, die rauschend niedersaust und aus den Nähten platzend unten landet. Beifall für den Kletterer, der flink wie ein Wiesel am Stamm nach unten rutscht, beschließt die Kirmes für die Kinder, während die Burschen noch den Abschluß feiern. Für alle Arbeit um die Gestaltung des Festes haben sie einen guten Trunk auch redlich verdient.

Es ist lobenswert, wenn sich in der heutigen Zeit trotz vieler entgegengesetzter Tendenzen noch altes Brauchtum in vielen Orten der Grafschaft so oder ähnlich, wie hier geschildert, erhält. Es darf aber auch nicht verschwiegen werden, wie schwer es für die Vereinsvorstände und andere für die Gestaltung solcher Feste verantwortlichen Leute ist, den dazu nötigen Gemeinschaftsgeist zu erhalten und zu vertiefen. Um so mehr muß ihnen und auch den älteren und doch immer jung bleibenden Mitgliedern des Tambourcorps und anderer Verbände ein verdientes Lob dafür ausgesprochen werden, daß sie mit ihrem steten Beispiel der Treue zur guten Sache manch jüngeres Mitglied dazu bewegen, sich weiterhin oder wieder in den Dienst der Gemeinschaft zur Erhaltung guten Brauchtums zu stellen. Möge es immer so bleiben!