Die alte Madonnen-Statue

VON MATHILDE HUSTEN-CAUSEMANN

Mit dem geruhsamen Schritt eines Menschen, der nach eigenem Gutdünken über seine Zeit verfügt, ging ein hagerer Mann auf ein Eifeldorf zu. Das Alter des Mannes war kaum zu bestimmen. Sein Körper, trocken und dürr wie eine alte Brotrinde, steckte in einem Gehrock. Im Augenblick beschäftigten sich seine Gedanken mit einer mittelalterlichen Madonna von unendlicher Schönheit, die in dem spinnwebüberzogenen Winkel eines Kirchenspeichers lag. Als sie noch in der Altarnische jener kleinen Kirche drüben in dem armen Eifeldorf stand, hatte er sie schon unzählige Male mit frommer Bewunderung betrachtet.

Nachdem er die alte Plastik nicht mehr auf ihrem Platz fand, hatte er den Küster aufgesucht und ihn gefragt, was mit der Madonna geschehen sei und zur Antwort erhalten: sie passe nicht mehr zu der renovierten Kirche und sie wäre wohl auch zu alt und vom Wurm zu sehr zerfressen, um sie neu herrichten zu lassen. Darum hätte man sie auf den Speicher gebracht. Nun war er auf dem Weg zum Pfarrer, um ihm die Madonna abzuhandeln. Als er wenige Stunden später durch die schwarzen Eifelwälder wieder zu der kleinen Stadt hinabstieg, trug er die Madonna so behutsam heim, als fürchte er, sie in seinen Armen zu zerbrechen.

In seinem Zimmer, das mit erlesenen alten Schränken, Truhen und Bildern angefüllt war, stellte er die Madonna auf den besten Platz. Seine Söhne schalten ihn einen alten, wunderlichen Kauz. Sie begriffen nicht, daß man für solchen Plunder auch noch Geld ausgab. Der Alte stand oft in andächtiger Betrachtung vor der Mutter des Menschensohnes mit dem leicht zur Seite geneigten Gesicht, in dem sich Hoheit und Milde mit Reinheit und Adel paarten. Das feingefaltete Gewand umgab in vollendetem Fluß den zarten Leib, und anmutig saß das Kind auf ihrem gebeugten Arm. Dieses herrliche Kunstwerk konnte nur von der Hand eines großen Meisters geschaffen worden sein. Händler aus den nahen Städten des Rheins, an die er schon einige Male einen alten Schrank oder eine Kommode verkauft hatte, boten ihm immer größere Summen für die Madonna an. Aber der Alte lehnte jedes Angebot beharrlich ab. Was wußten diese Männer von dem tiefen Glück, das er empfand, wenn er in stiller Betrachtung vor der Schönheit seiner Madonna stand. Dann kam ein Morgen, an dem die Söhne den Vater tot in seinem Bett fanden. Wenige Wochen später ließen sie die wertvolle Sammlung des Alten versteigern und der Hammerschlag des Auktionators verstreute all die sorgfältig zusammengetragenen Kunstschätze über die kleine Stadt. Nur die Madonna erwarb ein Kunsthändler aus Düsseldorf für eintausendfünfhundert Mark. Eine Summe, über deren Höhe die Söhne vor Freude außer sich gerieten. In den nächsten Monaten floß die Zeit in der kleinen Stadt ereignislos dahin. Doch, dann kam ein Tag, der die Söhne aus ihrer Ruhe aufstörte. Es geschah nicht eben viel: nur der Händler war zu Besuch gekommen. Er saß in der Sofaecke und erzählte mit boshaftem, schadenfrohem Grinsen, daß die Madonna ihm unvorstellbar viel Geld eingebracht hätte — nämlich 45 000 Mark. „Fünfundvierzigtausend Mark?“ Die Gesichter der Söhne wurden totenblaß und einander mit einem Male lächerlich ähnlich. Ihr erregtes Atmen füllte den Raum bis in den letzten Winkel aus. Mit sichtbarer Freude setzte der Händler seine Erzählung fort: „Erinnern Sie sich noch daran“, so sagte er, „wie zerfressen der Sockel der Plastik war? Er drohte abzufallen. Darum gab ich die Madonna einem Schreiner und trug ihm auf, den Sockel durch einen neuen zu ersetzen. Ein paar Tage später brachte er mir eine vergilbte Pergamentrolle. Ich erkannte natürlich sofort, daß ich ein altes kostbares Dokument vor mir hatte. Dieses seltene Dokument befand sich im Sockel der Madonna. Vor Aufregung zitternd, entrollte ich das Pergament und erkannte in ihm eine Urkunde aus dem Jahre zwölfhundertdreißig. — Ein Bischof Hunold aus Straßburg schenkte die wundervolle Plastik einer adeligen Äbtissin des Ordens von der Buße der heiligen Magdalena in Metz. Leider wurde der Meister dieses herrlichen Kunstwerkes in der Urkunde nicht genannt.“

Der Händler schwieg kurze Zeit, um dann genußvoll fortzufahren: „Ich bot die Madonna samt dem Dokument dem Kaiser Friedrich-Museum in Berlin an — und stellen Sie sich vor, meine Herren, vor wenigen Wochen kaufte der Staat die Madonna für den sagenhaften Preis von fünfundvierzigtauseiid Mark.“ Darauf wußten die Söhne nichts mehr zu antworten. Sie wußten nur, daß sie sich aus Habsucht selbst um all das viele Geld gebracht hatten, und das bedrückte ihre harten Herzen mehr als der Tod des Vaters, der für sie in den letzten Jahren seines Lebens nur noch eine Last gewesen war.