Der Trierbach, eine alte Grenze vom Hochkelberg zur Ahr

VON DR. PETER BLUM

Eigenartig: von der Bischofsstadt Trier ist der Name entlehnt, Trierbach; die Entfernung ist sehr groß bis zur Moselmetropole. Der Bach wendet sich aber nicht einmal dahin, sondern kehrt Trier den Rücken. Trotzdem nennt er es ausdrücklich. Dasselbe tut Trierscheid. Also: zweimal Trier, als Bach und als Dorf. Wie ist das bei den benachbarten Wasserläufen des Trierbachs? Bleiben wir bei den Dreien, die ebenfalls vom Hochkelberg stammen! Die Lieser nimmt ihren Namen mit und überläßt ihn dem ansehnlichen Weindorf, bei dem sie in die Mosel mündet. Die Elz glänzt wider in der weitgerühmten Burg nördlich der Mosel, während die Üß sich gleich so nennt, wie das erste Dorf an ihrem Lauf. Entsprechend heißt es an der Lieser: Beinhausen. Der Trierbach entspringt bei Köttelbach und mündet bei Müsch in die Ahr. Diese Entfernung kann der Wanderer an einem Tag zurücklegen, zu Wagen in einer halben Stunde. Ist das nun so wichtig? Die Straßenkarte antwortet: Am Trierbach ist eine Drehscheibe der neuen Fernstraßen, von Koblenz nach Aachen, 258, von Bonn nach Bitburg, 257, mit Fortsetzung nach Trier und Echternacherbrück.

Die Kreuzung liegt am „Potsdamer Platz“, wie unsere Tischrunde sie 1926 beim Bau des Nürburgrings hochgelobt hat. Das nahe Dorf Müllenbach reicht bereits an den Trierbach und war bis 1800 kurtrierisch, im Amt Daun. In Müllenbach griff Kurtrier vom linken Ufer des Trierbachs auf das rechte Ufer hinüber. Dasselbe geschah in Hünerbach, gleich östlich von Kelberg, wo sich die Drehscheibe der alten Straßen am Trierbach befand. Von Norden her zog sich der Matthiasweg aus Neuß und Köln nach Trier zum Afcls-kreuz an der Ferkelstraße. Bei Kelberg traf diese Nord-Süd-Linie der alten Zeit auf die west-östliche Ader, auf die Caesarstraße aus dem Gebiet von Lüttich—Aachen, die von Boxberg hinab nach Kelberg und dort hinauf über Hünerbach ins Neuwieder Becken und die Koblenzer Gegend führte.

Kelberg und Müllenbach sind eine Stunde Fußweg von-einan,der entfernt; Gegenwart und Vergangenheit lassen also ihre Straßen sehr nahe beieinander zusammentreffen. Die neue Straße von Beinhausen nach Kelberg seit 1961 (Eifel—Ardennen) nutzt endlich auch das Liesertal nahe der Quelle als Verkehrsband aus, wie der alte Matthiasweg es seit unvordenklicher Zeit mit dem Oberlauf des Trierbachs bei Kelberg gehalten hatte. Die kurtrierische Staatsgrenze bis 1800 am Trierbach hielt sich, abgesehen von Hünerbach und Müllenbach, jenseits des rechten Ufers, und zwar nur auf der linken Seite des Wasserlaufs. Trotz der Nähe blieben die Dörfer Bauler und Pomster kurkölnisch im Amt Nürburg zu Adenau. Gegenüber liegt auf der linken Seite die trierisch-daunsche Reihe der Ortschaften unmittelbar am Trierbach entlang: Köttelbach, Kelberg, Zermüllen und Rothenbach. Westlich davon ordnen sich als Gemeinden von Trier-Daun ein: Gelenberg, Bodenbach, Senscheid, Dankerath und Trierscheid. Am Borler- und Nohnerbach, noch im Einzugsgebiet des Trierbachs, schließen die Dörfer Borler und Nohn diesen nördlichen Zipfel von Kurtrier-Daun. Er bestand aus insgesamt 15 Orten des ehemaligen Kreises Adenau, einschließlich Bongard und Meisenthal.

Zum Kurstaat Trier gehörte das Gebiet seit 1352, als Bischof Balduin gemeinsam mit Kurköln die Burg Daun eroberte und die adelige Herrschaft der Edlen von Daun mit ihren 69 Orten an sich zog. Somit war das Gebiet des Trierbachs vom Mittelalter bis zur Franzosenzeit staatlich nach Trier und seinem nunmehrigen Amtsort Daun ausgerichtet. Das Amt Daun reichte von Trierscheid bis Oberscheidweiler. Kirchlich gehörte die Gegend zur Erzdiözese Köln im Eifel-dekanat Münstereifel, gegenwärtig zum Bistum Trier. Die Mundart blieb kölnisch. Als Teil des preußischen Staates von 1815 wurde der Bereich des Trierbachs in den Kreis Adenau einbezogen, der bis 1932 bestand. Danach kam der größere nördliche Abschnitt mit dem Nürburg-Ring an den Kreis Ahrweiler, der kleinere, südliche, mit Kelberg zum Kreis Mayen. Damit hat die Kelberger Gegend sich von ihrer früheren Ausrichtung nach dem südwestlichen Daun in anderthalb Jahrhunderten nach dem östlichen Mayen verwaltungsmäßig umgestellt. Die zuständigen Amtsverwaltungen für das Einzugsgebiet des Trierbachs sind Kelberg, Adenau und Antweiler heute, bis 1800 das kurtrierische Amt Daun. Unverändert erhielten sich die Gemeindegrenzen. Für den überörtlichen Verkehr wurde die Landschaft erst in der Gegenwart spürbar erschlossen. Die einzige Bundesbahnstation ist Müsch an der Ahr; Busverkehr haben zwei Drittel der Dörfer.

Große Aufgaben in der dörflichen Umschichtung harren noch der Lösung, woran sichtlich gearbeitet wird. Überörtlich wichtig ist die Versuchs- und Lehranstalt für Grünlandwirtschaft und Futterbau in Borler. Seine Eigenschaft als Grenze seit der Römerzeit hat der Trierbach im Bereich der Verwaltung eingebüßt, als um 1800 die französische Besatzung den Umsturz brachte. Der Ußbach, ebenfalls eine alte Grenze, behält etwas von diesem Merkmal bei, und den Vinxtbach ehren die Geschichtsfreunde immer noch. Bei allen dreien blieb die Landschaft unbeirrt, und schon ihretwegen lohnt sich eine Wanderung am Trierbach. Ein Strauß von Bächen ordnet sich um die Dörfer und Straßen zwischen die Wälder und Berge im Einzugsgebiet des Trierbachs, ihres heimlichen Gebieters. Als buchstäblich „hoher“ Herr schreitet er vom Hochkelberg, der 674 m aufragt, seine 300 m in die Tiefe bei Müsch zur Ahr hinab, nur mehr 300 m über dem Meeresspiegel. Das ist auf kaum 20 km Bachlauf ein starkes Gefalle. Ziehen wir den First im Dach der Eifel vom Hochkelberg zum Weißenstein bei Losheim über der Kyll-quelle, so ist der Trierbach eine der großen Dachrinnen, ein wichtiger Ablauf. Schon beim dritten Dorf bergab, nämlich Zermüllen, fühlte der Trierbach sich kräftig genug, um zwei Mühlen zu treiben, Heupenmühle und Meisenthaler Mühle. Die Ortsnamen Müllen-bach und Zermüllen wahren noch die Erinnerung daran, mögen auch die Räder stillstehen. An diesem bedeutsamen Platz hatte die Dauner Reform-Abtei Springiersbach der Augustiner-Chorherren eine ihrer nördlichen Besitzungen, in Zermüllen. Der Strauß der Bäche steckt seine Stiele bei der Kirche Kirmutscheid zusammen. Da münden der Wenigbach und der Wirftbach mit dem Seilbach von rechts ein; links fädelt sich vorher der Nohner Bach ein, im Oberteil Borler Bach geheißen. Von den kleineren Zuflüssen beiderseits ist der Lehmbach zu nennen, der oberhalb Bauler mündet. Die Wasseradern des Trierbachs verästeln sich wie die Rispen in einem Ulmenblatt.

Aus dem täglichen Straßenzustandsbericht läßt sich ahnen, was sich beim Trierbach sammelt an Wasser, Schnee, Eis und Nebel, gespeichert in dem riesigen Wald. Die Gemarkung Kelberg zählt auf ihrer Jagdfläche von über 700 ha allein 400 ha Wald, ein Beispiel aus vielen.

Einheimische Kenner sehen in dem häufigen Hochwasser der Ahr großenteils eine Tücke des Trierbachs und haben etwas Furcht vor dem „hohen“ Herrn. Die Dörfer sind ihm abhold und flüchten vor ihm von Bauler ab auf die Höhenzüge, wo sie sich dann um Straßen und Wege bemühen. Denn sie brauchen die Lebenslinien zur weiten Umwelt, um dort mehr Brot zu verdienen, als der heimische Boden liefert, seit die Vorfahren der heutigen Ansiedler vor einem Jahrtausend das „Land nahmen“. Die durchgehenden Züge von Dortmund oder Köln bis Adenau auf der Ahrstrecke dienen auch dem Berufsverkehr, der nichtbäuerlichen Arbeit aufwärts, das ganze Jahr hindurch.

Einen gewissen Wohlstand zur Römerzeit, bis in die Völkerwanderung, lassen die verstreuten Funde erschließen. Von ihnen spricht der Kelberger Flurname Steinseifen, westlich vom Hochkelberg, und die Spukgeschichten vom „Kloster“ darin, wegen der Grabhügel. Mit dem Hochkelberg verknüpft die Sage vom goldenen Wagen den Prunk eines Fürstengrabes. Sein junger Turm, die Sprechfunkstation der Bundesbahn, macht den Hochkelberg, so könnte man sagen, moderner als die Nürburg mit ihrem steinernen Bergfried und als die Hohe Acht mit dem Aussichtsturm. Immer wieder kommen die höchsten Berggipfel einer Gegend aufs neue in Unruhe, man sieht es am Hochkelberg, und wegen seiner beherrschenden Höhen war der Trierbach ein Grenzbach.

Einer der größten „Schutzräume“ der Vorzeit der geplagten Bevölkerung in diesem Grenzstreifen war der Barsberg bei Bongard. Dort liegen Ringwälle, eine römische Warte und im Umkreis Hügelgräber. Eine Hochfläche von etwa sechs Morgen zeigt jetzt noch ihre Befestigung mit Steinwall und Graben, die Stelle des Brunnens und eine besonders geschützte kleine Lagerstätte. Der Barsberg nördlich der Caesarstraße, westlich von Kelberg und dem Matthiasweg, und der Hochkelberg südlich von Kelberg und der Caesarstraße, östlich am Matthiasweg, geben dem französischen Sprichwort recht, wonach Heerstraßen und Ströme keine angenehmen Nachbarn sind. Vermutlich hat Caesar in dieser Gegend den Stamm der Eburonen niedergemetzelt.

Die alltägliche und die außergewöhnliche Not hat die geplagten Leute am Trierbach nicht nur flüchten und ausweichen gelehrt, sondern auch beten, bis heute. Da ist die große Wallfahrt der Prozessionen nach Barweiler im Norden und der Bittgang des Einzelpilgers nach Schwarzenberg bei Hünerbach. Eine durchweg beachtliche religiöse Kunst erbaut uns in den Pfarrkirchen und Filialkirchen am Trierbach von Köttelbach bis Müsch, seien es die Schnitzereien in Trierscheid oder der mächtige Bau für die alte Großpfarrei Kelberg, sei es Kirmutscheid oder Borler.

Der Trierbach als herkömmliche Nord-Süd-Grenze bis 1800 für das kurtrierische Amt Daun ist jetzt von Westen nach Osten überquert durch die Kreisgrenze zwischen Ahr-weiler und Mayen seit 1932. Gewiß fällt diese Durchkreuzung nicht mehr so stark ins Gewicht, seit der Motor die Entfernungen und Grenzen auch in der Hocheifel schneller überbrückt. Aber dem aufmerksamen Beobachter des Volkslebens werden viele Erscheinungen der Gegenwart oft leichter verständlich, sobald er überlegt, in welcher Weise die Dörfer der früheren Generation zueinander gehörten.

Dem Wanderer redet die Landschaft immer noch ihre anheimelnde Sprache, der Bach und die Berge, die Wälder und Dörfer, Flurnamen und Mundart, Sitte und Brauch. Das gilt für den Trierbach, es trifft in jeder unserer alten Kulturlandschaften zu. Die Anfänge der Heimatkunde können wir da ohne geschriebene Urkunden lernen. Wollen wir uns dann weiter damit befassen, so hat auch der Trierbach sein Schrifttum der Landschaft: von Adenau, von Daun und seinem kurtrierischen Amt, von Kelberg und Barweiler, kirchliche und weltliche Handbücher, Wanderbücher und Landkarten von überörtlichem Wert. Es wandert sich gut beim Trierbach, am ergiebigsten für die Fortgezogenen, die draußen gelernt haben, zu vergleichen, denen ihr Heimatdorf immer das schönste von allen ist und bleibt, wie einst das gute Brot aus dem Backofen daheim als Sinnbild.