Soldaten, Mönche und Winzer

Soldaten, Mönche und Winzer

Ein Beitrag zur Geschichte unserer näheren Heimat

VON HERMANN BAUER

Das Kennzeichen für Kraftfahrzeuge in unserem Heimatkreis ruft bei manchen Zeitgenossen in der weiteren Umgebung Erinnerungen eines feucht-fröhlichen Ausflugs an die Ahr wach. Bei den Bewohnern des Kreises selbst verbindet eine leichte Selbstironie den Namen mit der nicht leichten Arbeit des Weinbauern, der auch heute in einem schweren Existenzkampf steht. Daher fällt die Werbung und der Konsum am meisten auf, doch wer sich vom Gestank der Abgase, dem Lärm der Motore und der Hektik des Lebens zu lösen versteht, der findet noch heute die Philosophen des Weines, den Professor hinter der Theke, Gäste wie wissenshungrige Scholaren, Stätten der Gastlichkeit, die Gast und Wirt zugleich ehren. Und dann welch ein Tropfen! Er weckt die Gedanken und formt ein Gespräch! Kein Wunder, er offenbart seine Abstammung. Ich aber erinnere mich an das Felsennest im Appeninn abseits der großen Touristenstraße, an den Maestro in der Tratoria, die lebhaft gestikulierenden Gäste und die unnachahmbare Art, wie er uns, Gäste aus dem Norden, in seine Gemeinde einbezieht. Der unvergeßliche Freund von der Ahr verbindet die Klarheit des Denkens mit dem Temperament des Südens und vereinigt wie eine wunderbare Symbiose seine Welt mit der hiesigen.

Soldaten

Wie lange ist es her, daß römische Legionäre auch die Kultur ihrer Heimat mitbrachten. Auf Grabdenkmälern, die heute im Provinzialmuseum in Trier sind, finden wir römische Weinhändler und Weinbauern von der Burg Konstantins in Neumagen. Sie gelten als das älteste Zeugnis deutschen Weinbaues überhaupt. Funde hei Kobern und Winningen beweisen auch die Kenntnisse des Weinbaues vor Kaiser Probus, dem man allgemein den. Anbau des Weines nördlich der Alpen zuschreibt (um 300 n. Chr.).

Forscher vertreten die Ansicht (v. Henkel), daß gallische und hispanische Legionen den Weinbau an den Rhein gebracht haben. Kärste und Messer als Fundstücke in dem römischen Weinberg bei Bad Neuenahr, und die Münzen des Gallienus, die hier 1853 ausgegraben wurden, geben Zeugnis davon, wie weit nach Norden die Pflege der Reben schon vorgedrungen ist. Systematisch wurde die Mosel und das ganze linke Rheinufer bis zur Ahr im dritten Jahrhundert unter dem Schütze des römischen Limes mit Wein bepflanzt. Rechtsrheinisch wuchs damals noch keine Rebe, da der Rhein eine unüberwindliche Grenze bildete. Als die vordringenden germanischen Stämme den römischen Grenzwall überrannten, fand der Wein keine neuen Freunde. Die unter den neuen Herren ansässig gebliebenen romanischen Kleinarbeiter versuchten als Lehrer der Frankenstämme wenigstens das bis jetzt Erreichte zu bewahren. Schließlich sprengte die Zauberkraft des Weines auch die alten Gewohnheiten der Mettrinker. Die fränkischen Großen, in römischen Diensten erzogen, beschenkten ihre treuen und tapferen Gefolgsleute mit ehemaligen römischen Weindomänen. Von Karl dem Großen, der politisch das Erbe des alten römischen Kaiserreiches übernahm und die Umleitung in das heilige römische Reich deutscher Nation einleitete, sind uns genaue Vorschriften über Bewirtschaftung der fränkischen Kammergüter und der Pflege des Weines in deutschen Landen überliefert.

Mönche

Die geistige Erbmasse antiker und besonders römischer Kultur übernahmen die Benediktiner und später die Zisterzienser. Sie erreichten, daß die Antike sich mit germanischem Wesen verband, wodurch die Grundlage zu dem gelegt wurde, was man heute schlechthin als das christliche Abendland bezeichnet. Mit der Ausbreitung des Christentums bis Pommern, Mecklenburg und Dänemark wurden die Mönche auch die Lehrer der Großen und der Kleinen des Landes, da sie ihnen zeigten, wie man die Felder bebaut. Aus den Güterverzeichnissen der Klöster wissen wir, wann der Weinbau uns erreichte, und wie weit er nach Norden vordrang. Die Aufteilung des deutschen Reiches in größere, mittlere und kleinste Herrschaftsgebiete, die Zölle und Weggelder, dazu die Unsicherheit der Straße ließ den Klöstern keine andere Wahl, auch den Wein innerhalb der Klostergemarkung anzubauen. Welche Arbeiten die Kuttenträger leisten mußten, um einen Weinberg anzulegen, verrat uns die Abtei Heisterbach im Siebengebirge in ihrer 1413 erlassenen Anweisung an die Oberkasseler Kirchspielleute. Das schwierigste Problem fing schon bei der Planung, die richtige Stelle zur Anlegung der Weingüter anzuweisen an. Die eigentlichen Arbeiten begannen mit der Rodung bei einer Hügellage mit der niedrigsten Stelle, Die Asche des verbrannten Geästes und des Wurzelwerkes lieferte eine gute Voraussetzung für gedeihliches Wachsen. In dem Schriftstück aus Heisterbach folgen dann die Angaben der Arbeiten, die im Laufe einer Zeitspanne von acht bis neun Jahren durchzuführen sind.

Der Ertrag aber stand in keinem Verhältnis zur Arbeit. Daher gaben die Mönche den Weinbau in den unwirtschaftlichen Gebieten des Nordens auf und bemühten sich, in. den günstigen Weingebieten eigene Weingärten zu beschaffen. Die Widrigkeit des Transportes blieb nach wie vor, aber da sie auch in den entfernt gelegenen Gebieten mit eigenen Leuten arbeiteten, blieben die Erstehungskosten gering. In unserem Räume finden wir heute noch Wingerte, deren Grenzsteine mit 1/3 bezeichnet auf die ehemaligen geistigen Besitzer hinweisen. Das waren die sogenannten Drittelwingerte, von deren Ertrag der Klosterbote ein Drittel, der Schultheiß ebenfalls ein Drittel und die Weinbauern das letzte Drittel erhielten. Die Abtei Werden an der Ruhr z. B, besaß ein Weingartenstück bei Bachein am Rhein, die Prümer hatten in Ahrweiler große Besitzungen und ernteten Wein bester Qualität, die Äbtissin des Damenstiftes von Gerresheim bei Düsseldorf erwarb bereits 874 einen Weinberg bei Linz. Kaiser Otto I. schenkte dem Aachener Marienstift Weinberge m Oberdollendorf, die heute die nördliche Grenze des Weinbaues in Deutschland bilden.

Remagen war für die gottgeweihten Männer und Frauen ein ewig fließender Weinbrunnen. „In villa prodicta Remago“ schenkte Erzbischof Heribert von Köln im Jahre 1003 „ornes decimas (allen Zehnten) ex vincis vel victis“ (von Weinstöcken und Weinbergen) in Remagen der Abtei Deutz. Die Abtei Weingarten in Württemberg erhielt von Anno II. von Köln einen Weinberg in Remagen und Erzbischof Philipp bedachte auch Rolandswerth (Nonnen wert h) mit einer Weinparzelle. Die weltlichen Herren sicherten sich durch großzügige Spenden die Erfüllung ihrer letzten Hoffnungen: Graf Adolf von Berg gab dem Caecilienstift in Köln eine Rente aus Remagener Wein.

Wie aus einem Bericht des Preußischen Staatsarchivs an die Gemeindeverwaltung in Oberwinter hervorgeht, hatten viele klösterliche Niederlassungen hier Eigentum oder Pachtbesitz. Um 1300 besaß das Kölner Domstift hier Haus und Weingarten, in der Mitte des 16. Jahrhunderts waren auch die Kölner Kartäuser Besitzer von Hof und Weingarten, Groß St. Marien erschien als Besitzer, die Abteien Altenberg, Heisterbach und Siegburg als Pächter.

Der Marienhof

Auf eine seltsame Weise erhielt ich Einblick in das Leben der Winzer und die Verwaltung eines klösterlichen Besitzes in Oberwinter. Darüber lüftete ein altes Buch mit billigem Einband das Geheimnis, nachdem die Erläuterungen eines Geometers auf einer alten Farbzeichnung den Anstoß dazu gegeben hatten. Ich zog das Buch zufällig und unbeabsichtigt aus einem vollgepferchten Schrank eines Speichers. Ich wollte zwar früher über Beginn und Ende des hiesigen Weinbaues schreiben, hatte schon im vergangenen Jahre nach Quellen gesucht, fand in der „Geschichte des Rheinlandes nur allgemeine Darstellungen doch später in der Dissertation von Heinrich Schmitz über „Blüte und Verfall des rheinischen Weinbaues unterhalb der Mosel“, Bergisch Gladbach 1925, im Kreisarchiv in Ahrweiler mehr auf unseren Raum bezogene Untersuchungen. Etwas aber, was Oberwinterer Erdgeruch hatte, fand ich nicht, wie sehr ich mich auch bei den Nachfahren alter Weingutsbesitzer darum bemühte. Was das Buch enthielt, war mir bald klar.

Foto: Gerd Bauer, Bonn-Bad Godesberg
Die Verteilung der Parzellen des ehemaligen Besitzes von B.M.V. im Kapitol zu Köln

 Es war ein einfaches Protokollbuch, das über Verlauf von Sitzungen berichtet. Wer hier jedoch ein. „Quäntchen“ Weingeist vermutete, mußte schon mehr als Optimist sein. Es reizte mich nichts, seinen Inhalt zu erforschen, denn es wiederholten sich die Aufzählungen von Namen, Flächen und Zahlen. Später, als ich den oben genannten Anstoß bekam, blätterte ich weiter, mehr mechanisch als gewollt und auf einmal wurden Tote zu Lebenden. Es erschienen jene bekannte Namen von Menschen, die noch heute hier wohnen und die ein jeder kennt: Vogels, Güttgemann, Hausen, Unkels, Faßbender, und da diese Seite besonders sorgfältig geschrieben war, habe ich mich in sie festgebissen und sie offenbarte mir das Geheimnis über den Marienhof und die Mariengasse in Oberwinter. 1651 steht heute über dem Besitztum von Wilhelm Gielsdorf, Oberwinter, und die Jahreszahl mag stimmen. 1690 beginnt das Protokollbuch, das sich selbst als Fortsetzung bezeichnet. Und hier der Text dieser Seiten: „Hofprotokolli auf Marienhof des hochadelichen Stiftes (B.(catae) M.(ariae) V.(irginis) in Kapitolio in Köln unter der (Leitung) der hochwürdigen Frau Äbtissin Gräfin von Blankart, wo heute das hochlöbliche Hofgeding gehalten worden unter Beisein des hochwürdigen Vikarie Möser (?). Hofdiener Stephan Kleuter (?) berichtete die Aufforderung an sämtliche Geschworene beschieden zu haben. Es erschienen sämtliche Hof geschworene wie folgt: Johann Wilhelm Weyerbusch, Johann Peter Unkels, ist noch nicht erschienen, und andere Namen, deren Träger noch heute das Oberwinterer Leben mitbestimmen.

Die Verhandlung begann mit der Neuverteilung der Ländereien, die durch den Tod der Pächter notwendig wurde. Dann begann unter Führung des Hof Schultheißen und unter Beisein des Vikars die übliche Flurbereinigung. Über die Besichtigung schreibt der Protekollarius weiter. „Nun haben sämtliche Hofgeschworene mit Vikarie Moeser und mit dem Hofschultheißen sich nach den Weinbergen begeben und selbige alle besichtigt, wobei sich befunden, daß in dem Friedrichsberg ein Stein sich versetzt oder verhangen hatte, welcher Stein von sämtlichen Hof geschworenen gerichtet worden, ist. Die anderen Weingärten haben sich noch alle in ihren Steinen befunden, wie auch die Weingärten sich noch in einem guten Zustand befunden haben.“ Am Ende der Flurbegehung versammeln sich die Geschworenen wieder im Marienhof im Beisein der Äbtissin. Die Geschworenen baten um Erlaß der noch rückständigen Abgaben an Hühnern, worauf die Gräfin auf eine Lieferung für die letzten drei Jahre verzichtete. Dann setzte man Höhe und Preis der künftigen Abgaben fest. Den Schluß des Protokolls beherrscht das Unbehagen über das eigenmächtige und unbegründete Fernbleiben des Geschworenen Johann Peter Unkels, ,,der auf alles freundliche Ersuchen nicht erschienen ist“ und sämtliche Geschworene beschließen, ein Notgeding gegen ihn zu veranlassen.

Dieses Vorgehen kann man nur auf dem Hintergrund der damaligen Zeit verstehen. Die Menschen lebten in einem Untertanenstaat. Gegen den Willen der Obrigkeiten gab es keinen Widerspruch. Der Machtbereich, auch der weltlichen Fürsten, bestimmte sogar Inhalt und Auslegung des Glaubens. Noch heute sind die letzten Zuckungen dieser Zeit nicht ganz überwunden, denn die politischen Grenzen des ausgehenden Mittelalters sind noch heute überwiegend Grenzen der Konfessionen mit bisweilen sorgfältig gepflegten Konflikten.

Die Schöffen waren Untertanen der Äbtissin; diese übte Hoheitsrechte auf ihrem Hofe aus. Auf den ersten Seiten des Protokollbuches sind die Eidesformen genau aufgezeichnet, die der Hofschultheiß, der Hofdiener und die Geschworenen bei Gott und dem heiligen Evangelium der Äbtissin zu leisten haben. Diesen Eid zu mißachten oder ihn nach persönlichem Gutdünken auszulegen, forderte die Strafe des Himmels und der Erde heraus. So konnte der Widerstand, so begründet er auch sein mochte, nicht lange dauern. Wahrscheinlich war das Nichterscheinen ein bewußter Protest, sonst wäre der Name erst an letzter Stelle mit Begründung der Abwesenheit verzeichnet worden. So aber, fast am Anfang mit dem Vermerk „Nicht erschienen“ zu stehen, konnte die Äbtissin nicht übersehen, und das sollte sie auch nicht, dazu waren die Menschen zu sehr im Untertanengeist gedrillt. Schon am folgenden Tage fand das Notgeding gegen Johann Peter Unkels auf dem Marienhof statt. „Johann Peter Unkels ist erschienen und hat auf dem Hofgeding um gnädige Straf angehalten (wie modern!). Nun ist ihm von sämtlichem Hofgericht aus Gütigkeit(l) seine Straf gesetzt worden wegen seines Ungehorsams: ein Viertel firnen achtjährigen weißen Wein, welcher er auch entrichtet hat und hat auch seine schuldigen Hühner gezahlt. „Mithin ist dieser Aktus in gutem Frieden beschlossen Johann Reinerius Hattingen, Hof Schultheiß“

Die Winzer

Die Farbzeichnung eines Geometers, der das Ende des Besitzes und seine Aufteilung anzeigte, kam mir ebenfalls nur durch Zufall zu Gesicht. Weil die Karte gerade noch der Mülltonne entronnen war, kam sie verspäteter zu der Ausstellung der Stadt Remagen anläßlich der Jubiläumsfeierlichkeiten. Sie stand auch nicht im Verzeichnis der Ausstellungsstücke, und ich habe keinen Oberwinterer Besucher getroffen, dein sie aufgefallen ist. Ich weiß nicht, warum es mich gerade zu ihr zog, lesen konnte ich nichts, was Bezug auf Oberwinter hatte. Da sie mir der Besitzer leihweise überließ, konnte ich den Text lesen: ,,Auf Ordre der Abtei des hochadelichen, freiweltlichen Stiftes B.M.V. in Capitolio bimi Cölln habe deren zu Oberwinter gelegenen Güter in Hof, Baumgarten, Weingarten, einem Feld und Rahm wie auch Heidebüsche bestehend vermessen und in gegenwärtige Karte gebracht.“

Es folgt die Aufteilung des ganzen Besitzes von Maria im Kapitel, eine genaue Größenbeschreibung und die Angabe des Wertes. Der erste Privatbesitzer des Hofes heißt Johann Peter Woutier. Ferdinand Faßbender, Johann Peter Vogels und die Abtei Knechtstetten erhalten Weingärten im Speerbaum, die katholische Kirche und Frau Doktorin Schwab die am Kreuz gelegenen Ländereien, größere Erwerbungen machte der Freiherr von Rasfeld.

Nach diesen Erläuterungen des Geometers begann ich nun systematisch das Protokollbuch durchzublättern, bis mir in ihm die gleichen Namen begegneten wie auf dieser Aufzeichnung. So konnte ich aus Menschen und Namen der Gegenwart die Vergangenheit erhellen. Die Weingärten sind verschwunden, geblieben sind die typischen Winzerhäuser der Weingebiete: das fränkisch-ripuarische Fachwerkhaus mit dem Giebel zur Straße. 1830 soll der letzte Weinberg in Remagen umgepflügt worden sein, der Apollinariberg jedoch hält die Erinnerung an die ehemalige Weinstadt wach, so daß das jährliche Weinfest nicht nur ein Fest der Erinnerung ist.

Oberwinter Bandorfer Berg
natur
Gutedel, Sylvaner und Morio-Muskat

Aus dem Weinbergbesitz Dr. Seibel 
dem nördlichsten Weinberg Deutschlands, auf der linken Rheinseite

Der Niedergang des Weinbaues

In den mir vorliegenden Arbeiten und Untersuchungen über den Niedergang des Weinbaues wurden verschiedene Gründe angeführt, die bestimmt berechtigt sind, so der im Anfang des 19. Jahrhunderts festgestellte Wärmerückgang, die Abschwemmung des Nährbodens bei den Weinbergen, die Rebenmüdigkeit des Bodens und die dadurch verursachte intensivere Düngung. Mir jedoch scheinen andere Gründe viel maßgebender zu sein. Am Niederrhein und in der Kölner Bucht zeigt sich das Zeitalter der Industrie deutlicher, Eisenbahnen erleichtern den Transport, die Zollunion beseitigt die Schlagbäume, und wer Wein trinken will und Wein zu trinken versteht, kann sich guten Wein kommen lassen. Das Bier hat bei den Konsumenten bereits die Stelle des Konsumweins eingenommen. Die Kumpels kann man sich in ihrer Mehrzahl sowieso nicht als Weintrinker vorstellen. Hier liegt keine Wertung zwischen Bier- und Weintrinkern sondern lediglich eine Feststellung, die bestimmt ihre Gründe hat, aber die ich weder untersuchen noch aufzeigen will und kann. Die Bevölkerungsballung im Räume Bonn Köln und den Industriegebieten erwartet von den Rheinorten einen, verstärkten Anbau von Obst und Gemüse und verspricht beiden Kulturen gute Absatzmöglichkeit. Hier wurden die Winzer hellhörig und sahen einen Ausgang aus ihrer Misere. Schon vorher mußten viele Weingärten den Verlust durch die Getreidemißernte ausgleichen, um als Ackerland wieder bestellt zu -werden. Die wenigen noch vorhandenen Weingärten suchte die Reblaus, die 1850 aus Amerika nach Europa eingeschleppt wurde, heim, und auch die Schädlingsbekämpfung von Heu- und Sauerwurm verlangte zusätzliche Arbeitskraft, doch gerade die wurde immer geringer. Die Industrie bot bessere Verdienstmöglichkeiten, und der Bau der linksrheinischen Eisenbahn, die etwa 1 000 Morgen Acker- und Weinland in bahneigenes Land verwandelte, heuerte auch die Tagelöhner an, die sonst in den Weinbergen arbeiteten.

Es ist bestimmt kein Verlust, wenn hier kein Wein mehr wächst, der Blütenreichtum der Obstbäume und die gute Ernte haben den Schaden längst wieder wettgemacht. Die Erinnerung an den ehemaligen Weinort Oberwinter hält das neue Ortswappen fest. Es ist entstanden aus dem alten Schöffensiegel von 1482, das einen Weinstock zwischen zwei Schilden zeigt. Der rechte Schild ist das Wappen des Geschlechts von Tomberg, der linke Schild weist auf das Geschlecht derer von Landskrone hin. Da beide Geschlechter ausgestorben sind, konnte der goldne Wappengrund der Tomburger in einen roten, und der rote der Landskroner in einen goldenen vertauscht werden, damit der Weinstock die Farbfolge in umgekehrter Reihenfolge haben konnte. Seit 1962 hat der Diplomlandwirt Dr. Anton Seibel an seinem Haus im Bandorfer Berg 120 Stock = 120 qm Wein angepflanzt, den er selbst keltert und den Namen. „Bandorfer Berg“ gegeben hat. So trägt ein Neubürger die alte Tradition weiter. Ich habe den Wein probiert, er gleicht im Geschmack dem Dernauer Weißen. Ich war angenehm überrascht.