Erinnerungen an die Dorfschule

Hermann Bauer

Am 1. August 1976, mit Beginn des neuen Schuljahres, wurden die letzten kleinen Schulen im Kreise Ahrweiler aufgelöst.

Seit dieser Zeit sind Kinder und Lehrer bei Schulbeginn und Schulschluß auf Achse. Sogar die Kleinsten sind zur frühesten Stunde schon wach; so verlangt es der Omnibusplan.

Die gesunde Vorbereitung zum Unterricht, ein Schulweg durch die frische Luft, gibt es nicht mehr. Statt dessen zittert das strapazierte Nervensystem von dem Motorengeräusch, dem Kindergeschrei und der Radiomusik weiter, vereinigt sich mit dem Spektakel auf dem Hof und flaut bei günstigen Fallen mit Unterrichtsbeginn ab. Sogar da, wo noch gefahrlose Wege aus zumutbarer Entfernung als günstige Voraussetzung für. eiir gedeihliches Lehren und. Lernen gegeben sind, werden die Kinder schon in frühester Morgenstunde dem Lärmstreß ausgesetzt.

Die Busse treffen sich jeden Morgen im Schulzentrum und die Einheimischen mit den Fahrschülern im Klassenraum des jeweiligen Lernjahres. Ihre Kameraden von gestern sind in anderen Räumen. Das ist jetzt eine ganz andere Schule, groß, mit vielen Sälen und Sonderräumen, ausgestattet mit den modernsten Lehr- und Lernmitteln. Die Fachlehrer sind auf zwei bis drei Fächer spezialisiert und bieten ihr Wissen mit den neuesten Hilfsmitteln zur Aneignung an. War die Landschule wirklich so veraltet?

Die innere Struktur der Landschule

Nach dem ersten Weltkrieg hat der Arbeitsschulgedanke die alte Lernschule verdrängt. In der Landschule fand die Selbsttätigkeit der Kinder offene Türen. Ministerialdirektor Kaestner vom preußischen Kultusministerium in Berlin berichtete Ende der 20er Jahren, über seine Eindrücke von den Landschulen: „Wir haben vom Ministerium aus in sehr vielen und erfreulichen Fällen beobachten können, daß der zielbewußte Landlehrer… eine Geschlossenheit und eine Höhe der äußeren und inneren Bildung erreicht hatte, die dem Bildungsstand einer reich gegliederten und äußerlich bevorzugten Stadtschule mit guten Lehrern zum mindesten nicht nachstand.“ Für uns ist besonders erfreulich, daß die gleiche Kommission und leitende Beamte der Schulabteilung der Bezirksregierung in Koblenz bei einer Besichtigungsfahrt durch den damaligen Kreis Adenau zu gleichen Feststellungen kamen.

Nach dem Handbuch der Lehrenden an den Volksschulen im Regierungsbezirk Koblenz, 1960, waren im Kreise Ahrweiler im ganzen 103 Schulstellen, von denen 66 einklassig und 30 zweiklassig waren. Unter den zweiklassigen waren 6 evangelische Schulen mit den größeren katholischen in demselben Schulgebäude untergebracht. In Oberwinter war im gegenseitigen Einvernehmen ein gemeinsamer Raum für Lehr- und Lernmittel, auch war hier in manchen Fällen die konfessionelle Enge bereits durchbrochen.

Für die spätere Forschung ist es wichtig zu wissen, daß in der NS-Zeit die Schulen Gemeinschaftsschulen waren, daß nach dem Kriege alle Schulen wieder einen konfessionellen Charakter bekamen, Ende der 60er Jahre die christliche Gemeinschaftsschule Regelschule wurde. In einer einklassigen Schule unterrichtet der Lehrer alle 8 Jahrgänge in einem Raum, doch nur bei ganz kleinen Schulen zur gleichen Zeit. Der Unterricht in der wenig gegliederten Schule war zunächst eine Frage der Organisation, setzte eine gewissenhafte Vorbereitung des Lehrers voraus, um als Ergebnis des Unterrichts den Schülern eine sinnvolle Stillarbeit anzubieten. Für das spätere Lernen war es auch sehr von Nutzen, wenn die Jüngeren bei der mündlichen Arbeit der Älteren vorwitzig „stipitzten“ und umgekehrt die Älteren sich unbemerkt in die Arbeit der Jüngeren einschalteten, einmal, um selbst zu repetieren, andererseits, um eine Lehranweisung zu erhalten, als Helfer den Stoff einzuüben. Das war soziale Nachbarschaftshilfe, und eine Erziehung der Großen zur Ehrfurcht vor den. Kleinen. Diese Kleinen kamen ja meist erst nach der 2. Unterrichtsstunde, so daß sich dann die Großen leichter in den ersten Leseunterricht, in das Schreiben und Rechnen einschalten konnten, und an geeigneter Stelle mit dem Üben begannen. Das schloß auch nicht aus, daß der Kamerad dem Kameraden, der mit seiner Aufgabe nicht zu Rande kam, erklärend und helfend beisprang, und das Helfersystem sich auf alle Jahrgänge ausdehnte. So war das wiederholende Einführen in allen Lernstufen aufwärts und das fortwährende Wiederholen in allen Altersstufen abwärts ein Charakteristikum der kleinen Schulen. Ich bin der letzte, der behaupten wollte, daß diese vollendete Art in allen kleinen Schulen ausgebildet war, und daß die „Musterschulen“ immer in der gleichen Höhe schwebten. So etwas gab es nicht, und so etwas gibt es auch heute nicht. Die Unterrichtszeit war bis in die dreißiger Jahre von 8—12 Uhr, im Winter von 8.30 bis 12 Uhr, nachmittags von 14—16 Uhr außer mittwochs und samstags, dazu gab der Lehrer an einigen Schulen zweimal in der Woche Unterricht in der ländlichen Fortbildungsschule von 18—21 Uhr, Ich, der ich das Landleben nur Von der romantischen Seite kannte, verpflichtete mir ehemalige Absolventen der landwirtschaftlichen Fachschule in Adenau, bereitete mit ihnen einen einleitenden Vortrag vor. Eine Aussprache dann zu leiten, war kein Kunststück mehr.

Die hier skizzenhaft dargestellte Zeiteinteilung war keine vorgeschriebene Norm; es gab geradezu Künstler in der inneren Ausgestaltung der kleinen Landschule. Man kann nicht leugnen, daß vielen das Land und die Einsamkeit bitter auf der Seele lag, daß sie sich von der Welt wie abgeschrieben vorkamen. Die Umstellung von dem kulturellen Leben der Stadt und ihrem vielfältigen Angebot gerade in den berühmten 20er Jahren kam für manche zu plötzlich. Als in den 30er Jahren die Musen vom Marschtritt der Kolonnen in den Hintergrund gedrängt wurden, drohten die braunen Funktionäre mit einer Versetzung auf das Land, um den Widerstand gegen die kirchenfeindliche Politik zu brechen.

Mit viel Liebe und Einfühlungsvermögen wurde die Zusammengehörigkeit der Landschullehrer und deren Familien gepflegt. Es gab keinen Geburtstag oder Namenstag meist innerhalb eines Pfarrsprengels, der nicht mit einem ausgedehnten Fest gefeiert wurde. Um den 1. eines jeden Monats, wenn man das Gehalt auf der Amtskasse abholte, gab es ein feucht-fröhliches Treffen der gesamten Amtslehrerschaft, wobei die Freunde eines zünftigen Skats am längsten aushielten. Uns haben die Waldwege zu jeder Tages- und Nachtzeit gesehen. Gefahren auf den Straßen gab es nicht, da nur von Hause aus gut Dotierte sich ein Auto leisten konnten. Zum Glück gab es kein Fernsehen, das die Gemeinschaft störte. Auch außerhalb der festlichen Zusammenkünfte standen die Lehrerwohnungen gastfrei offen.

Das Dorf als Quelle der ländlichen Kultur

Die Dorfschule war eingebaut in den Rhythmus des dörflichen Lebens und empfing von hier aus ihre Kraft. Wesentlich für das Bildungsgut der Landschule war es. „daß es der heimatlichen Natur und dem heimatlichen Kulturgut entstammt“ (Kreuzberg). „Das deutsche Dorf (aber) ist eine stetig aus dem ureigensten Wesen des Volkes sich erneuernde Kulturfrucht und Kulturtat“ (Schreiber). Trotz guter Leistungen der Schulen war der Ruf nach mehr Wissen und besserer Bildung immer hörbare? geworden. Oje Schulen in ihrer jetzigen StrukturTronnten den AnfordeV runge.n nicht mehr gerecht werden. In dieser Situation entstanden dem Lande Persönlichkeiten von Format, die theoretisch und praktisch die Krise, die sich als eine tiefgehende Veränderung im wirtschaftlichen, geistigen und religiösen Leben des Landvolkes zeigte anzupacken wußten. Nicht selten führte die Umschichtung zu einer Preisgabe, manchmal sogar zu einer Vernichtung des einst so hoch geschätzten und zäh festgehaltenen Erbes. Die Folge war eine Verödung, eine geistige Entleerung des Landlebens, Landmüdigkeit und Landflucht. Der innerlich entwurzelte Mensch litt unter dem Gefühl der Rückständigkeit, bestaunte voll Verehrung alles Städtische und Moderne und öffnete ohne Widerstand und Selbstbewußtsein den zersetzenden Elementen Tür und Tor.

In einer Dorfschule
Foto: Kreisbildstelle

Um den Bildungsstand zu heben, schlug Peter Josef Kreuzberg vor, die benachbarten wenig gegliederten Schulen zu einer mehrklassigen Sammelschule zusammenzufassen.

Jedes Dorf sollte nach Möglichkeit seine Grundschule behalten, alle Schulen mit ein oder zwei Jahrgängen der Ober- und Mittelstufe belegt werden. So behalte jede Schule ihr Dorf als Quelle der Kultur, und jedes Dorf seine Schule als geistigen Mittelpunkt. Dieser Plan hätte zu einer organischen Weiterentwicklung der Landschule geführt. Franz Grafen versuchte durch die ländliche Fortbildungsschule das Bildungsangebot zu erweitern und der Landnot zu steuern. :

Der Direktor der Landwirtschaftsschule in Adenau, Landwirtschaftsrat Schälte, hielt in regelmäßigen Abständen, meist sonntags; Schulungstagungen für Landwirte und Jungbauern ab, um sie mit den neuesten Erkenntnissen für die Landwirtschaft bekannt zu machen. In Einzelbesprechungen mit aufgeschlossenen Bauern wurden Musterhöfe mit vorbildlichen Stallungen gebaut, und Versuchsfelder für zweckmäßigen Pflanzenanbau angelegt.

Begegnung von Stadt und Land

In landschaftlich reichen Gegenden entstanden Schullandheime und Ländschulheime. Die Schullandheime, im Eifelraum Wiesemscheid und Aremberg, gaben neben der Möglichkeit zum Ferienaufenthalt Kindern von Duisburg und des Ernst-Moritz-Arndt-Gymnasiums in Bonn zusätzliche Erholung, vorbereitetes Wandern, Sport und einen auf das Land mit seinen biologischen, geschichtlichen und geologischen Besonderheiten bezogenen Unterricht.

Das Landschulheim war in der Regel ein Gymnasium mit Internat. Auf Unterricht und Erziehung wurden gleichermaßen Wert gelegt. In unserem Kreisgebiet entstand Ende der 20er, Anfang der 30er Jahre „Die Heimschule am Laacher See“, ein hoffnungsvoller Anfang. Von dem Geist des Laacher Mönchtums, von der gepflegten Liturgie, dem Reichtum der Geschichte, der Vielseitigkeit der Laacher Flora und der klassischen Darbietung des geologischen Formenreichtums um das Eifelmaar am Laacher Dom waren alle Voraussetzungen eines geistig gesunden Wachstums den Heimschülern gegeben. Das Internat• vollzog eine stetige Erziehung ohne Störung der Außenwelt. Dem bösen Geist fiel die Schule hoch im Anfangsstadium zum Opfer. Sie könnte heute“ ein geistiges Bollwerk sein!

Für die Gruppen, Bünde und Schulen wurden die Jugendherbergen, die damals in allen Städten und über das Land verstreut entstanden, eine Begegnungsstätte von Stadt und Land, ihre Entstehung im Ausland zu einer Verbrüderung der europäischen Jugend.

Pioniere der ländlichen Bildung

Aus der großen Zahl der Führergestalten, die sich dfe Vertiefung und die Erhöhung der ländlichen Kultur zur Aufgabe gestellt hatten, will ich zwei besonders nennen, die ich persönlich gut kannte und hoch schätze: meinen verehrten Lehrer, den späteren Schulrat im Kreise St. Goar, Peter Josef Kreuzberg und den Schulrat des Kreises Adenau und später des Kreises Mayen, Franz Grafen.

Peter Josef Kreuzberg hat durch seine wissenschaftlichen und methodischen Werke auch die Lehrer unseres Bezirks beeinflußt. Er selbst stammte aus kleinen bäuerlichen Verhältnissen und gehörte mit seinen 160 Veröffentlichungen zu den schöpferischen Schriftstellern unseres Jahrhunderts.

Ein Mann mit so viel dienstlicher und schriftstellerischer Arbeit, mit der Pflege eines großen, vorbildlichen Gartens^ hatte für jeden Zeit, der ihn besuchte. ,,Was den Menschen und Pädagogen Kreuzberg auszeichnet, war über seine hohen menschlichen Qualitäten hinaus — und in engster Verbindung damit — die Fähigkeit, ein Leben im Geiste führen, mit geistigen und künstlerischen Dingen immer vertrauter werden sowie aus einer wurzelhaften Religiosität Freude an geistiger Arbeit und Leistungen wecken zu können,“ Freizeittagungen für junge Lehrer führte er an den verschiedensten Orten durch. Sie waren Leckerbissen pädagogischer Erkenntnisse und wurden in den 20er Jahren besonders denen angeboten, die acht und mehr Jahre warten/mußten, ehe sie die Kinder unterrichten durften. Viele haben damals weiterstudiert, manche haben sich einen anderen Beruf gesucht und es auch da zu Amt und Würden gebracht, die meisten aber sind dem Ruf ihres Herzens treu geblieben, und haben auf die Annehmlichkeiten der Stadt verzichtet, um sich selbst im einsamen Dorf entfalten zu können. Das Beispiel von Peter Josef Kreuzberg hat ihnen auch die dunklen Stunden licht gemacht. „Gegen sich selbst streng und kritisch, duldsam und großzügig gegenüber Kollegen und Kolleginnen im Amt, sachverständig und selbst ein Meister des Unterrichts, gleichwohl ohne jede Überheblichkeit und Besserwisserei, hat Peter Josef Kreuzberg als Mensch, Bürger, Lehrer und Forscher Anerkennung und Anhänglichkeit bei vielen Schülern, Lehrern und Mitbürgern gewonnen… Es war für diesen verdienten und selbstlosen Mann ein schwerer Schlag, wegen sogenannter politischer Unzuverlässigkeit durch vorzeitige Versetzung in den Ruhestand Ende Juli 1933 dem Amte entsagen zu müssen.“ Dann begann für ihn Pestalozzis Abendstunde eines Einsiedlers: „Der Kreis des Wissens, durch den der Mensch in seiner Lage gesegnet wird, ist enge, und dieser Kreis fängt nahe um ihn her, um sein Wesen, um seine nahesten Verhältnisse an, dehnt sich von da aus, und muß bei jeder Ausdehnung sich nach diesem Mittelpunkt aller Segenskraft, der Wahrheit, richten. Reiner Wahrheitssinn bildet sich in engen Kreisen und reine Menschenweisheit ruhet auf dem festen Grund der Kenntnisse seiner nächsten Verhältnisse und der ausgebildeten Behandlungsfähigkeit seiner nähesten Angelegenheiten“. Am 23. Dezember 1939 erlag er einer Lungenentzündung. Er wurde begnadet, den Zusammenbruch seines Vaterlandes und den Abschied von‘ seinen Schul- und Lehreridealen nicht erleben zu müssen.

Schulrat Franz Grafen
Foto: Kreisbildstelle
Peter Josef Kreuzberg
Foto: Kreisbildstelle

Wie ein Wanderprediger und Volksmissionar zog damals Franz Grafen von Dorf zu Dorf, von Schule zu Schule durch die gefährdeten Gefilde der Hocheifel um den Aremberg, die Nürburg und den Hochkelberg. Er kam mit großem Gefolge. Er hatte den Ortspfarrer angeschrieben, die Lehrer und die Bauernführer benachrichtigt, die ihrerseits den Gesangverein um den einstimmenden und ausklingenden Rahmen baten. Als die Wagenkolonne aus Adenau vorfuhr, war der Saal vollbesetzt und die Luft zum Schneiden. Grafen hatte es nicht schwer, die Zuhörer in seinen Bann zu zwingen. Er zeigte ihnen die Fragwürdigkeit irdischer Güter, ließ altes Brauchtum wieder lebendig werden, stellte ihnen Menschen aus der Geschichte vor, die mit größeren Schwierigkeiten fertig geworden waren und pries die Freiheit auf eigener Scholle gegenüber der Abhängigkeit in der Industrie. Wie damals, als die christlichen Missionare von Irland kommend den Germanen predigten, sie tauften und ihnen zeigten, wie man die Felder bebaut, Obstplantagen anlegt, Weingärten pflanzt und Häuser baut, so versuchte er die Lehrer, für neue Aufgaben zu begeistern, wies auf die Verantwortung hin und fand auch einige, die sich einzusetzen bereit waren.

Die ländliche Volksbildung

In Aremberg — ein Beispiel für viele andere Dörfer mit individueller Ausstrahlungskraft – wirkte damals „ein junger Frankfurter“ mit einer feinen Antenne für echte Kultur. Das Dorf mit seinen 300 Einwohnern hatte die Durchschnittsgröße der Hocheifeldörfer. Der Bildungswille war groß, ein Geschenk, das nicht auf alle Dörfer gleichmäßig verteilt war. Daß ein Gemeindebürgermeister neben seinem landwirtschaftlichen Betrieb und den Verwaltungsarbeiten noch Sinn für Geschichte hatte, war schon ein Glücksfall, daß er alte Akten entziffern konnte und sie archivierte, war ein Segen für die kommende Generation.

Will Knippler erfüllte die verstaubten Folien mit Geist und Blut. In die Burgruinen zauberte er die Ahnherrn der jetzt in Belgien lebenden Herzöge von Arenberg. Mit seiner leichten Feder hat er die Geschichte seines Dorfes in die Gegenwart geholt. In seinem innersten Wesen vibrierte jede Faser von Musik. Sie ist sein gutes Erbteil, sie gab auch seiner Schule die persönliche Note und programmierte seinen Anteil an der Bildung des Landvolkes vor. Aus Stössellaute und Hohnerharmoniken bildete er ein Schulorchester. Die Gelder dazu spendete den Kindern der Wald; von dem Erlös des Sammelns konnten sie sich zusätzlich „in Schale werfen“. So wurde eine Schulwanderung zur Tournee. Über die Eifelberge gelangte die junge Wanderschar nach Bad Bertrich. Hier boten sich die jungen Künstler an, einen Teil des Kurkonzertes zu übernehmen; sie ernteten reichen Beifall und eine Spende von 400 RM (1929!). Zu Hause waren Schulorchester und Kinderchor integrierte Bestandteile des gemischten Kirchenchores, und diese Künstler, jung und alt, machten in der ganzen Gegend von sich Reden.

Am 10. Mai 1929 inspizierte das Kultusministerium, Berlin, und die Schulabteilung des Regierungsbezirks, Koblenz, die Schulen und Fortbildungsschulen der Hocheifel, verschafften sich ein Bild von dem Stand der ländlichen Volksbildung und waren von der lebendigen; Kulturgemeinde angetan. Sie kamen von Insul, wo sie der Bürgermeister Müller mit der wirtschaftlichen und kulturellen Lage der Hocheifel bekannt machte, und die Arbeit der Volksbildner in Schule, Fortbildungsschule und Volksbildung erwähnte. Ministerialrat Kaestner äußerte sich sehr anerkennend.

Für die Öffentlichkeit weniger sichtbar wirkte Lehrer Jakobs in Waldorf. Er gründete das landwirtschaftliche Casino, eine Genossenschaft und eine Beratungsstelle für landwirtschaftliche Fragen. Die Obstbaumkulturen im Dorf weisen noch heute auf ihren Förderer hin.

Freunde und Helfer

Ein pädagogischer Wallfahrtsort für Akademiestudenten der „Pädagogischen Akademie Bad Neuenahr und junge Lehrer wurde nach dem Kriege Karweiler, wo der heute im Ruhestand lebende Oberlehrer Robert Krämer eine einklassige Schule führte. Hier konnten die Kandidaten alles sehen, was sie brauchten; eine durchdachte Unterstufenmethode, einen klaren Weg in der Oberstufenarbeit, eine unverkrampfte Zeiteinteilung, eine sinnvolle Stillarbeit und eine Beherrschung des Lehrers in Stimme und Stoff. Nur so ist es zu verstehen, daß Krämer für jeden Zeit hatte, der mit ihm die Prüfungsarbeit besprechen wollte. Robert Krämer leitete daneben die Pflichtarbeitsgemeinschaften der Junglehrer, nahm mit der Regierungskommission die 2. Lehrerprüfung ab, prüfte mit seiner überlegenen Ruhe die Kandidaten selbst und hat so manche Entgleisung verhindert. Sein Ruhm wird noch heute laut verkündet, nicht zuletzt von denen, die viel bei ihm gelernt haben und dann zu Amt und Würden gelangten. Heute schaut er, gewiß ohne Neid und Verbitterung, auf die, die mit höheren Titeln und besserer Dotierung in die Tretmühle geraten sind. So pflegt er, wie sein Vorgänger in der Junglehrerbetreuung, Rektor Jakob Rausch, einen ausgeglichenen Ruhestand in dem beseligenden Gefühl, mehr als seine Pflicht getan zu haben. Sie haben vielen Menschen einen Dienst erwiesen.

Die Sprache der Bühne erreicht unmittelbar Geist und Herz der Zuschauer. Das wußten schon die alten Griechen, als sie ihre Tragödien und Komödien in den Amphitheatern aufführten. Das wußte auch der jetzige Konrektor und damalige Lehrer Walter Pfahl in Schuld, als er nach dem Zusammenbruch 1946 in Schuld seine Stelle antrat. Aber man muß ein vom Theater Besessener sein, um in einer Zeit, wo die Menschen um das nackte Leben kämpften, sich selbst die Aufgabe zu stellen, Theater zu spielen. Man muß ein Zeuge seiner Idee sein, um andere zu überzeugen und zu begeistern, und man braucht Freunde, die wie er an ihre Sendung glauben. Da war Pfarrer Scherer, ein Freund und großer Förderer, da zeigte sich seine Kollegin als eine begabte Bildgestalterin und seine Frau als sein guter Kamerad. Kein Wunder, daß die Jugend von Schuld und viele Erwachsenen das Werk zum Gelingen brachten. Schuld hatte auch beste Voraussetzungen. Schon Lehrer Massing liebte das Laienspiel und Walter Pfahl konnte an eine alte Tradition anknüpfen. Das Kleinod von Schuld ist die alte Wallfahrtskapelle. Hierhin kamen Beter von nah und fern. Hier bot sich eine natürliche Freilichtbühne von einer vorbildlichen Gestaltung und Geschlossenheit inmitten einer Waldlichtung an. Im „Geiger unserer lieben Frau“ brachte die Jugend ihre Huldigung an Maria, im Passionsspiel ihre Buße, in „Wilhelm Teil“ ihren Freiheitswillen, im „Krimi am Sonntagabend“ ihr Entgegenkommen an den Geschmack von heute. Auch heute noch bietet die Spielschar ein wertvolles Programm an.

Sie spielen also immer noch, trotz Massenmedien und Motorisierung, sie rufen vom einsamer Höhe ihre Bergpredigt/Trotz der oft zur Schau gestellten Überheblichkeit der Zeitgenossen halten sie Glaube und Hoffnung hoch. Das ehrt sie und verlangt unsere Hochachtung. Vielleicht aber spielen sie dann doch das Spiel, das noch nicht geschrieben ist und noch den Dichter sucht, der dieser Gegenwart ihre Deutung gibt:

E n d s t a t i o n  B a b y l o n .

Literatur:

Die zeitgemäße Landschule, herausgegeben vom deutschen Institut für wissenschaftliche Pädagogik. 1930. mit Aufsätzen von Dr. Meinen, Ministerialdirektor Kaestner. P. J. Kreuzberg, Franz Grafen, Dr. Schreiber.
Die ländliche Volksbildung in ihrer zeitgemäßen Gestaltung, herausgegeben P. J. Kreuzberg, 1927 mit Aufsätzen von J. Antz, Schulrat Kreuzberg, Theodor Seidenfaden, B. M. Steinmetz
Zeitungsausschnitte aus Boppard und Adenau