Die Entwicklung des Kur-Fremdenverkehrs in Bad Bodendorf

Jürgen Haffke

1. Die Erbohrung der Hellquellen

„Es sind auch etliche saure Trinkborne wie zu Bodendorf, Ehlingen, Heppingen und an mehreren Orten daselbst im Tal.‘ So schreibt es Tobias Stiffel 1598 in seinem Werk „Landskronische Chronik — Urkundliche Geschichte der Herrschaft Landskron und ihrer Besitzer“ nieder. Besonders der Heppinger Gesundbrunnen erfreute sich schon seit dieser Zeit großer Wertschätzung, wie z. B. um 1840 der Versand von fast 500 000 Krügen Mineralwasser beweist. 1850 hatte man auch in Sinzig eine vorhandene Mineralquelle neu gefaßt und 1853 sogar eine weitere neu entdeckt. In der Gemarkung von Wadenheim stieß 1852 Georg Kreuzberg auf den Apolli-naris-Brunnen und 1856 folgten Quellfunde in Beul (Wadenheim und Beul nannten sich erst seit 1875 offiziell „Neuenahr“), die den Grundstock für einen regelmäßigen Kur-Fremdenverkehr in das Ahrtal legten. 1894 erbohrte der Niederbreisiger Bürger Peter Lang im gegenüberliegenden rechtsrheinischen Henningen den Hubertus-Sprudel und 1897 in Arienheller bei Rheinbrohl die Dreikönigsquelle.

Diese Ereignisse sprachen sich natürlich im Rhein- und Ahrtal herum und auch in Bodendorf sah man die glänzende Entwicklung Neuenahrs und den großen Besucherstrom der Stadt, der seit der Eröffnung der Eisenbahn in das Ahrtal (1880) eine weitere Steigerung erfuhr. In Neuenahr, in Heppingen und in Sinzig sprudelten kräftige Mineralquellen. War es da nicht wahrscheinlich, daß man auch im dazwischenliegenden Bodendorf auf derartige Quellen stoßen müßte, wenn man nur bohrte? Zudem erzählten damals ältere Einwohner Bodendorfs, es habe Anfang des 19. Jahrhunderts auf der rechten Ahrseite innerhalb der Bodendorfer Gemarkung ein gemauerter Brunnen, das ,,Mathäus Sauerbrünnchen“, bestanden, der bei einer außergewöhnlichen Überschwemmung der Ahr verschlammt sei. In einem nahegelegenen Wassertümpel sei aus dem Erdinnern hervorquellendes Wasser sogar fußhoch emporgeschnellt.

All das wußte natürlich auch der Bodendorfer Landwirt und Gemeindevorsteher Josef Hardt (geb. 20. 11. 1848, gest. 28. 11. 1931), dem auf seinen rechts der Ahr gelegenen Feldern eine Stelle besonders aufgefallen war: In einer Mulde von einem seiner Äcker lagen immer wieder verendete Tiere. Er ging der Todesursache nach und stellte fest, daß hier offen Kohlensäure austrat. Die erfolgreichen Quellbohrungen der umliegenden Nachbargemeinden vor Augen, gründete Josef Hardt 1899 mit zwei Teilhabern eine Gesellschaft, der das alleinige Recht zum Bohren und eventuellen Ausnutzen kohlensäurehaltiger Quellen auf der rechten Ahrseite-in Bodendorf eingeräumt wurde. Am 29. 11. 1900 wurde eine im Sommer des Jahres begonnene Bohrung fündig, ein Sprudel mit einer Temperatur von 34 Grad Reaumur (= ca. 42 Grad Celsius) schoß hervor. Diese „Ahrquell“ benannte Quelle nutzte zwar die Bevölkerung und eine wachsende Zahl von Sommerfrischlern, sie erwies sich jedoch für Josef Hardt als nicht rentabel genug, um sie weiter wirtschaftlich zu erschließen.

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„Sonntags pilgerten unzählige Menschen von nah und fern dorthin um sich das schöne Naturschauspiel anzusehen“ (Pfarr- und Ortschronik Bodendorf 1879—1955 bezügl. des Jahres 1900) der „Ahrquell“ im Jahre 1900

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Bodendorfs Kuranlagen, ca 1925: Im Vordergrund rechts das 1919 errichtete Gebäude für eine Kohlesaureverflüssigungsanlage (siehe dazu: Haffle J. 1979. S 22), links das 1924/25 gebaute erste Badehaus mit fünf Badezellen Im Hintergrund die 1924 gebaute Gaststätte Hardt der Ursprung des späteren ,,Kurhauses“

Mehr als zehn Jahre später, im August 1912, begann J. Hardt auf einem der ersten Bohrstelle benachbarten Grundstück erneut eine Bohrung, die schon am 13.1.1913 von Erfolg gekrönt war. Nun hatte er einen 30 Grad Celsius warmen Sprudel mit starker Schüttung erbohrt. Die Freude darüber währte allerdings nur kurz, denn eine falsche Verrohrung drosselte die Quelle ab. Nach vielen erfolglosen Versuchen, die Quelle frei zu bekommen, gelang es erst einem Pionierkommando aus Koblenz im Sommer 1914, die Quelle frei zu sprengen, so daß sie mit alter Kraft sprudelte. Der im August 1914 ausbrechende Erste Weltkrieg machte jedoch dann eine wirtschaftliche Nutzung dieser Quelle, die zu Ehren ihres Erbohrers Josef Hardt,,Josefsprudel“ genannt wurde, unmöglich.

Nach dem Kriegsende ging J. Hardt noch im Jahre 1919 mit seinen Söhnen daran, die mit dem Josefsprudel freiwerdende Kohlensäure gewerbemäßig auszubeuten. Trotz bescheidener Entwicklung des Hardt’schen Kohlesäurehandels war die Konkurrenz vom ,,Kohle-säureverband (Westkontor Koblenz)“ froh, als sie 1922 J. Hardt gegen eine monatliche Abfindung vertraglich binden konnte, seine Gaslieferungen an auswärtige Kunden einzustellen.

Außer einer Kohlensäure-Vertlüssigungsanlage gab es zu Beginn der 20er Jahre kein Gebäude auf der rechten Ahrseite Bodendorfs. Dazu bestand seit 1920 ein neuer Fußgängersteg aus Eisenbeton über die Ahr. Trotz dieser auch damals schon unzureichenden Verkehrsverbindung baute J. Hardt 1924 in der Nähe der Quellen ein Wohnhaus mit der Konzession zur Führung einer Gaststätte.

2. Der Beginn des Kur-Fremdenverkehrs (1925-1939)

Kamen zwar schon seit der Erbohrung des „Ahrquells‘ im Jahre 1900 viele Gäste zu Besuch nach Bodendorf, um das Wasser zu genießen, so bedeutete doch erst 1924/25 der Bau von fünf Badezellen bei dem Gasthaus Hardt den Beginn eines auf Kurbetrieb ausgerichteten Fremdenverkehrs. Diese Investition zahlte sich schnell aus, und bereits 1927 standen dem wachsenden Besucherstrom, darunter viele Gäste aus Neuenahr, sechs weitere Badezellen zur Verfügung. Ebenfalls seit 1927 ermöglichte eine Erweiterung der Hardt’schen Gaststätte die Beherbergung von Gästen. Neben diesem „Kurhaus , rechts der Ahr fernab von den Häusern Bodendorfs gelegen, boten nun auch im Ort einige neuentstehende Privatpensionen den Gästen Unterkunft. Beste Werbung für die junge Femdenverkehrsgemeinde war der seit 1927 einsetzende Versand von Bodendorfer Mineralwasser, das vor allem in den Städten an Rhein und Ruhr zahllose Freunde gewann. Um mit den benachbarten Badeorten Neuenahr und Niederbreisig konkurrieren zu können – Neuenahr erhielt 1928 den Titel „Bad , Niederbreisig eröffnete im gleichen Jahr das erste Thermal- und Mineral-Freibad Deutschlands, nachdem 1914 auch hier eine leistungsfähige Quelle erbohrt worden war —. waren jedoch weitere Anstrengungen in Bodendorf notwendig. Dieses erkennend gründeten alle am Fremdenverkehr des Ortes Beteiligten am 22. 6. 1929 den ,,Verkehrs- und Verschönerungsverein , der fortan die Koordination und Organisation der für den Fremdenverkehr nötigen Maßnahmen übernahm.

Neben dem ,,Josefsprudel‘, dessen heilende Wässer in den Badehäusern des Kurhauses angeboten wurden, stand seit 1929 allen Gästen auch das ,,Matthias-Bad in der alten Bodendorfer Wasserburg zur Verfügung. Der aus Dasburg/Eifel stammende und bislang in Bad Godesberg praktizierende „Magnetopath und Psychotherapeut“ Matthias Leisen (geb. 8. 9. 1879, gest. 20.1.1940) hatte nämlich am Fuß der ehemaligen Weinbergslagen des Spähnbergs eine radiumhaltige Quelle, den „Matthias-Brunnen“, entdeckt und erschlossen, deren Wasser eine vollständig andersartige Zusammensetzung als der „Josefsprudel“ aufwies. Die in der Nähe der Quelle gelegene Bodendorfer Burg bot somit dem Naturheilkundler Matthias Leisen einen günstigen Standort für die therapeutische Anwendung des Wassers. Doch auch der 82jährige Josef Hardt durfte 1930 mit der Erbohrung einer zusätzlichen Quelle in der Nähe des fast gänzlich verfallenen „Ahrquell einen weiteren Erfolg buchen; denn diese Quelle verfügte nicht nur über eine Temperatur von 31 Grad Celsius, sondern auch über eine dem ,,Josefsprudel überlegene Schüttung.

Heilquellen als unabdingbare Voraussetzung für einen Kur-Fremdenverkehr besaß Bodendorf nun in ausreichender Menge. Jetzt gait es, die Infrastruktur der Gemeinde den Bedürfnissen des Fremdenverkehrs anzupassen. Die Zahl der Badezellen am Kurhaus stieg 1932 um 11 auf insgesamt 22 Zellen. 1933 erweiterte Josef Hardt jun. die Aufnahmekapazität des Kurhauses auf 46 Betten. In den ersten Prospekten des Verkehrsvereins anfangs der 30er Jahre boten 13 Bodendorfer Vermieter schon 84 Betten zur Unterbringung von Gästen an. 1934 erhielt der Ort endlich die bereits Ende des 19. Jarhunderts geplante Wasserleitung. Nach der Einführung einer ,,Kurtaxe durfte Bodendorf ab dem 6. 6. 1935 den Titel ..Heilbad tragen. Alle diese Maßnahmen belohnten steigende Gäste- und Übernachtungszahlen; 1935: 11000 Übernachtungen, 1936: 14 000 und 1937: 20 000 Übernachtungen. Seit der Eröffnung am 20. 6. 1937 zog vor allem das in den Wiesen der Ahraue landschaftlich reizvoll angelegte Ther-mal-Freibad viele Gäste nach Bodendorf, für die 1939/40 schon 21 Vermieter 203 Betten zur Verfügung stellten. 28 000 Übernachtungen zählte man in der Saison vor dem Beginn des Zweiten Weltkrieges.

Wie die Entwicklung im Bettenangebot zeigt, hatte die Bodendorfer Bevölkerung also sehr gerne den Fremdenverkehr als Erwerbsquelle aufgegriffen. Als Gastgeber wurden in den Prospekten vielfach die Ehefrauen der Pensionsinhaber aufgeführt. Das weist auf den Neben- oder Zuerwerbscharakter des Fremdenverkehrsgewerbes für die meisten Familien hin. Denn aufgrund des starken Rückgangs des Weinbaus in der Gemeinde infolge der Reblausverseuchung der Weinberge um die Jahrhundertwende und der ungünstigen Betriebsstruktur im Weinbau (Kleinstbetriebe mit sehr zersplittertem Parzellenbesitz), wie auch durch die besseren Arbeitsmöglichkeiten für die Männer in der nahegelegenen Industrie von Remagen und Sinzig war die Mithilfe der Frauen in der Landwirtschaft nicht mehr so nötig. Jetzt bedeutete die Aufnahme von Gästen einen willkommenen Zuverdienst.

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Einen willkommenen Zuverdienst brachte den Bodendorfern der wachsende Fremdenverkehr Hier die „Fremdenpension“ im Geschäft Hesseler das am Eingang zum Ellig lag. Das Bild stammt aus den 30er Jahren

Verglichen mit Bad Neuenahr, das 1938 über 88 Beherbergungsstätten mit 2690 Betten verfügte, muteten die Bodendorfer Verhältnisse (1939: 698 Einwohner) natürlich sehr bescheiden an, aber es dachte ohnehin niemand daran, Bad Neuenahr zu kopieren, sondern man legte Wert auf die Betonung der dörflichen, familiären Atmosphäre.

Wie überall unterbrach der Zweite Weltkrieg jäh jede weitere Entwicklung.

3. Vom Neubeginn 1949 bis zur „Bad“-Erhebung 1972

Daß in den ersten Nachkriegsjahren an Fremdenverkehr nicht zu denken war, liegt auf der Hand. Erst die Stabilisierung der wirtschaftlichen Verhältnisse durch die Währungsreform (1948) und der politischen Lage durch die Gründung der Bundesrepublik Deutschland ließ auch in Bodendorf wieder den Gedanken aufkommen, sich im Fremdenverkehrsgewerbe zu engagieren. Am 21. 5.1949 fand die Neugründung des ,,Verkehrsund Verschönerungsvereins statt, dessen sofort einsetzende Aktivitäten mit 11 000 Übernachtungen im gleichen Jahr belohnt wurden. In dieser ersten Saison zeigte es sich. daß viele Gäste aus den Vorkriegsjahren Bodendorf nicht vergessen hatten. Einen entscheidenden Impuls für die Erholung und dann den rasanten Aufschwung des Fremdenverkehrs bedeutete 1952/53 die mit dem Bau einer soliden, für Autos befahrbaren Betonbrücke über die Ahr begonnene Verkehrsanbindung und -erschließung des ,,Kurgebietes“ auf der rechten Ahrseite. Parallel mit dem Wegeausbau und der Verlegung einer leistungsfähigen Wasserleitung entstanden Mitte der 50er Jahre im jetzt zu recht so genannten „Kurgebiet“ zahlreiche Hotels und Pensionen. Von 19 Vermietern 1951 stieg die Zahl der Gastgeber im gesamten Ort auf 44 im Jahre 1956. die Bettenzahl wuchs um mehr als das Doppelte — 1951: 174 Gästebetten, 1956: 358 Betten. Diese beachtlichen Investitionen zahlten sich aus, denn die Anzahl und die Verweildauer der Gäste nahmen zu von 1951: 2193 auf 1956: 2544 Gäste und von 1951 durchschnittlich 10 Tagen Aufenthalt in Bodendorf auf 1956 14 Tage. Bis zur Mitte der 60er Jahre hielt die Aufwärtsbewegung der Gästezahlen an, man zählte 1965 4339 Gäste mit durchschnittlich sogar über 15 Tagen Aufenthalt. Das Bodendorfer Frei-Schwimmbad erfreute sich großer Beliebtheit: an sonnigen Wochenenden besuchten über 2000 Menschen pro Tag das Bad; auf dem großen Parkplatz des Schwimmbades drängten sich dann bis zu 350 Autos der Tagesgäste, die vornehmlich aus dem Kölner. Bonner und Düsseldorfer Raum stammten.

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Die Bodendorfer Kuranlagen, ca. 1937

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Die Bodendorfer Kuranlagen in den 70er Jahren
Fotos: Archiv

Schon 1960 hatte sich die Gemeinde Bodendorf um den Titel „Bad“ bemüht, der damals von der Aufsichtsbehörde von Auflagen, wie z. B. Straßen- und Kanalbau im gesamten Ort, abhängig gemacht wurde. Diese wichtigen infrastrukturellen Maßnahmen beanspruchten die ganze finanzielle Kraft der Gemeinde für die folgenden Jahre. Dennoch unterstützte sie im Rahmen ihrer Möglichkeiten weiterhin bauliche Aktivitäten von privater Seite, die der Förderung des Fremdenverkehrs dienen könnten. Jedoch scheiterten mehrere derartige Projekte oft bereits im Planungsstadium; auch die beiden größten Probleme des Boden-dorfer Fremdenverkehrs, das Fehlen eines Thermal-Hallenbades und eines „Haus des Gastes“, konnten trotz mehrfacher Ansätze nicht gelöst werden. Das Ausbleiben von Investitionen machte sich bald in einer Stagnation der Gästezahlen und einem Rückgang der durchschnittlichen Aufenthaltsdauer bemerkbar (1968: 4640 Gäste, 54 696 Übernachtungen, knapp 12 Tage durchschnittlicher Aufenthalt).

Im Rahmen der kommunalen Gebietsreform in Rheinland-Pfalz schied Bodendorf aus dem Amt Remagen aus (dem es seit 1816 zugehörte), um mit dem 8. 6. 1969 Teil der Stadt Sinzig zu werden. Im Auseinandersetzungsvertrag der Gemeinde mit der Stadt verpflichtete sich Sinzig, Bodendorf entsprechend seiner Eigenart als Heilbad besonders zu fördern und die Ernennung des Ortes zum ..Bad weiter anzustreben. Die Kommune sicherte auch eine finanzielle Unterstützung beim eventuellen Bau eines Thermal-Hallenbades zu und erklärte sich gegebenenfalls zur Mitträgerschaft einer solchen Maßnahme bereit. Ehe allerdings hiervon die Rede sein konnte, galt es zunächst, kleinere, aber nicht weniger wichtige Anforderungen, welche die Bestimmungen des Deutschen Bäderverban-des für die Titelzuweisung ,,Bad vorsehen, zu erfüllen. So wurde noch 1968 für die Gäste ein Leseraum hergerichtet; 1969 weihte man die ersten zwei Tennisplätze ein; von Januar 1968 bis Dezember 1969 mußten Klimadaten Bodendorfs zur Erstellung eines Klimagutachtens gesammelt werden, das 1971 vorlag; es folgten Gutachten des staatlichen Gesundheitsamtes Ahrweiler und der Bodendorfer Ärzte, welche die medizinische Eignung des Ortes als „Bad“ feststellten; 1971 finanzierte die Kommune den Bau eines Minigolfplatzes und unterstützte die Erweiterung der Tennisanlagen. Kanalisierung und Straßenbau im Kurviertel und alten Ortsteil machten sichtbare Fortschritte. Diesem Engagement trugen die Referenten des Landesministeriums für Soziales, Gesundheit und Sport Rechnung, als sie bei einer Besichtigung Bodendorfs im November 1971 die Zustimmung ihresMinisteriumszur,,Bad“-Ernennung ankündigten. Am Freitag, dem 12. 5. 1972 nahm der Bürgermeister der Stadt Sinzig, Heinrich Holstein, aus den Händen von Landrat Heinz Korbach die Verleihungsurkunde des Titels „Bad“ für den Sinziger Stadtteil Bodendorf entgegen.

Die Gäste reagierten auf die Anstrenungen Bodendorfs in diesen Jahren positiv. Gegenüber der Stagnation und den rückläufigen Tendenzen des Fremdenverkehrs in der zweiten Hälfte der 60er Jahre verzeichnete man wieder einen Anstieg der Gästezahlen (Legt man die Angaben der Statistik zugrunde. muß unbedingt beachtet werden, daß ab einschließlich 1969 in den Zahlen auch die Gäste und Übernachtungen der Kernstadt Sinzig enthalten sind; das erklärt den scheinbar großen Anstieg der Gästezahlen, der für Bodendorf allein lediglich in der Tendenz richtig ist.) Untersucht man die letzte Saison Bodendorfs vor der ,.Bad-Erhebung, vermittelt die Statistik folgende Informationen 1971 besuchten 7689 Gäste Bodendorf, 64 602 Übernachtungen wurden nachgewiesen; das entspricht einem durchschnittlichen Aufenthalt von ca. 8 Tagen. Für die Gäste stellten 52 Gastgeber 489 Betten zur Verfügung, davon allein 263 Betten in den 8 Hotels und 2 Sanatorien des Ortes. Eine Befragung von Gästen in der gleichen Saison erbrachte, daß nahezu 50 % der Gäste aus Berlin, Hamburg, dem Ruhrgebiet und dem Köln-Bonner-Raum kamen. Das Alter von weit mehr als der Hälfte der Gäste lag über 40 Jahren.

4. Bad Bodendorfs Fremdenverkehr in der Gegenwart

Daß man sich auf den verdienten Lorbeeren der ,.Bad-Ernennung Bodendorfs nicht ausruhen durfte, war allen Verantwortlichen klar. Noch fehlten viele der für einen Kurort notwendigen Einrichtungen, andere bedurften der Erneuerung. Die Struktur des Badeortes mit ihren Schwächen in der einseitigen saisonalen Auslastung aller Fremdenverkehrseinrichtungen verlangte nach Initiativen, welche die grundsätzlichen Mängel beheben könnten.

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Ein großer Schritt in diese Richtung schien getan, als im Herbst 1972 der Verkauf des gesamten Kurgeländes, das sich seit den Anfängen des Fremdenverkehrs im Besitz der Erben Josef Hardts befand, an die Firma Dr.h.c. Georg Hubmann (Wetterstein-Se-niorenwohnheime) erfolgte. Dieses Unternehmen wollte in einem Großprojekt drei bis zu 22geschossige Hochhäuser mit allen Einrichtungen für Kur-, Hotel- und Seniorenwohnheimbetrieb im Kurgebiet errichten. Doch zum Kummer vieler Anteilseigner und zur Freude der Freunde eines stillen Kurbetriebs in Bad Bodendorf scheiterte dieses in seinen Dimensionen zweifellos überzogene Projekt — durch den Konkurs der Firma Hubmann — im Sommer 1973, Im September 1974 wechselte das Kurgelände aus der Konkursmasse der Firma Hubmann erneut den Besitzer und fiel formell an den Bieter K. H. Volkmann, den Architekten des Bad Bodendorfer Projektes von Hubmann. Hinter Volkmann standen in den folgenden Jahren verschiedene Interessengruppen, so daß mehrere Jahre unklar blieb, was nun mit dem für den Fremdenverkehr Bad Bodendorfs entscheidenden Kurgebiet geschehen sollte. Um zumindest den laufenden Kurbetrieb aufrecht zu erhalten, gründete die Stadt Sinzig die „Kurbad GmbH“ als Auffanggesellschaft. Erst im Sommer 1978 konnte Bürgermeister Holstein in seinem jährlichen Bericht vor der Bürgerversammlung Bad Bodendorfs neue Pläne Volkmanns und einer Interessengruppe für das Kurgebiet vorstellen, die auch eine Beteiligung der Kommune an Bauvorhaben beinhalteten. Die amtliche Genehmigung eines die Pläne der Volkmann-Gruppe berücksichtigenden Bebauungsplanes ,,Kurgebiet Bad Bodendorf“ durch die Kreisverwaltung Ahrweiler im Februar 1979 war die Voraussetzung einer privatrechtlichen Abmachung zwischen der Stadt Sinzig und der Volkmann-Gruppe (als Eigentümer des Kurgebietes), die u.a. eine Übereignung eines Teiles des Kurgebietes in das Eigentum der Stadt Sinzig vorsah. Dieser Schritt ermöglicht es jetzt der Kommune, beim Bau von Kurmitteleinrichtungen mit Hilfe von Landeszuschüssen neben den privaten Investoren selbst initiativ zu werden, was in den achtziger Jahren geschehen soll.

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In den ersten Jahren des jungen „Bad“ Bodendorf ließen sich die Gäste von dem Hin und Her hinter den Kulissen noch nicht beeinflussen und belohnten den Badeort mit steigendem Besuch und längerem Aufenthalt. 1973 wurden erstmals bei 6246 Gästen mehr als 70 000 Übernachtungen gezählt, 50 Gastgeber boten 469 Betten an. Doch seit 1975 machte sich ein Rückgang bemerkbar. Die Anzahl der Vermieter sank auf 1979: 41, damit parallel auch das Bettenangebot auf 1979: 366; auch die Zahl der Gäste und Übernachtungen nahm deutlich ab – 1978: 4693 Gäste mit 49 624 Übernachtungen. Bezeichnend für die Situation ist die Tatsache, daß sich seit 1976 kein Hotelier mehr findet, der das Bad Bodendorfer Kurhaus betreiben möchte, so daß es aus dem Fremdenverkehrsangebot ausschied.

Diese augenblickliche Lage verdeutlicht die Notwendigkeit von Investitionen in den zeitgemäßen Ausbau der Kuranlagen Bad Boden-dorts, sofern man in der inzwischen 2462 Einwohner (1968) zählenden Gemeinde auf Einnahmen aus einem Kurfremdenverkehr nicht verzichten möchte. Will man in den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts die in über 50 Jahren Fremdenverkehr gewachsenen daß diese Schätze Bad Bodendorf immer Eigenarten und Besonderheiten der Bad erhalten bleiben und allen Gästen, wie auch Bodendorfer Erholungsatmosphäre nicht zer- Einwohnern eine Quelle der Kraft und Gesundstören, sondern dieses Kapital der Tradition heitsein können. weiter zum Nutzen und Wohle des Gastes erhalten, dann erscheint es zweifelhaft, ob aufwendige Baumaßnahmen diesem Ziele dienen können; vielmehr wird dieses durch eine unauffällige, in den baulichen Dimensionen zurückhaltende Verbesserung der alten Strukturen gelingen. Denn das Wichtigste, was viele Gäste Jahr für Jahr nach Bad Bodendorf zieht, ist ja noch vorhanden: Stille, heilendes Wasser und reine Luft. Hoffen wir, daß diese Schätze Bad Bodendorf immer erhalten bleiben und allen Gästen, wie auch Einwohnern eine Quelle der Kraft und Gesundheit sein können.

Anmerkung:
Eine ausführliche Darstellung der Entwicklung Bad Bodendorfs insbesondere seines Fremdenverkehrs im 19. und 20. Jahrhundert, die über in diesem Rahmen nicht mögliche Quellenangaben und Literaturverweise verfügt, findet sich in folgender, zumindest beim Verkehrsverein Bad Bodendorf erhältlicher Veröffentlichung des Verfassers: Haffke, Jürgen: Vom Winzerdorf zum Badeort. Bad Bodendorf und sein Fremdenverkehr im 19. und 20. Jahrhundert, Düsseldorf 1979.