Bei einer Ausgrabung

Bei einer Ausgrabung

Noch immer graben sie. 
Sie graben die Vergangenheit ans Licht. 
Schon klingt der Spaten wieder an Gestein. 
Das ist so seltsam,
wie in diese grelle Gegenwart
die Trümmerstadt
vergangener Jahrtausende entsteigt.
Stumm 
…, stumm… Und doch ist alles
wie von einem Schrei erfüllt. 
Von einem ungeheuren Schrei. 
So schreit die unverstandene Vergangenheit,
die plötzlich
aus dem über tausendjährigen Grab
in einen unbekannten Tag 

sich finden soll Kannst du von innen lauschen,
hör das Stimmgewirr
aus der Arena dort,
das Brüllen wilder Tiere,
des Gladiators Todesröcheln
und den Jubelruf der Menge,
die sich freut
…! 
Was geht es dich an ? 
Vieles. Alles. Denn du bist ein Mensch. 
Und jene alle waren Menschen.
Auf dieser Erde, wo du schreitest,
reist, dich freust,
geschah das einst,
was jetzt um dich
in hellem Sonnenlicht gespenstert
… 
Noch immer graben sie.
Die Spaten klingen, klingen immer neu an Stein. 
Dort — sieh! — ein Götterkopf,
noch halb verschüttet. Fremd und verwirrt
und auch wie unberührt von alledem,
was um ihn her geschieht,
und spöttisch fast
scheint er zu blicken und zu sprechen: 
Was soll ich hier? 
Entgöttert ist die Welt! 
Sie werden mich vielleicht
in ein Museum stellen
und Dissertationen schreiben!
… 
Hier eine aphrodisische Gestalt
in Götternacktheit. 
Ein junger Herr steht hinter mir,
daneben eine würdige Matrone, 
Sie zieht ihn sanft von dem
verderblichen Gemeissel fort. 
Ich höre alle Götter lachen. Diese Heiden!…

E. K. Plachner
Aus dem Gedichtzyklus „Italia“