100 Jahre AGROB in Sinzig

VON JÜRGEN SIELER

Ziegelei- und Töpfereierzeugnisse der „Terra Sigileata“ aus Sentiacum waren Mitte des ersten Jahrhunderts nach Christi Geburt für die römischen Lande etwa das, was seit hundert Jahren die Produkte des Sinziger AGROB Werkes bedeuten. Von 1870 bis 1970 hat sich das Werk zu dem größten Unternehmen in der Wirtschaft des Kreises Ahrweiler entwickelt. Fein- und grobkeramische Erzeugnisse, wie z. B. Bodenfliesen, Klinkerplatten und Mosaik, teils glaciert, treten vom Sinziger Werk aus ihre Reise in mehr als 40 Länder aller fünf Erdteile an. Bei der schlichten Feierstunde zum hundertsten Geburtstag des Werkes am 19. März 1970 stellte Ministerpräsident Dr. Helmut Kohl fest: „Dieses Jubiläum ist auch sichtbares Zeichen dafür, daß Menschen mit Tatkraft und Fleiß sich der Aufgabe verpflichtet haben, Land und Staat zum Blühen zu verhelfen.“ Solch stolzes Jubiläum ist Anlaß genug, einmal in den Jahrbüchern dieses Unternehmens, das eine wechselhafte Geschichte hatte, zu blättern. Nüchterne kaufmännische Überlegungen gaben den Ausschlag dafür, daß die Commanditgesellschaft Ferdinand Frings & Cie. zu Bonn 1870 den Entschluß faßte, in Sinzig eine „Thonwaarenfabrik“ zu errichten. Schon zu dieser Zeit wurde im Geschäftsleben äußerst genau kalkuliert. Nicht historische Reminiszenzen an die Römerzeit spielten eine Rolle, sondern die Tatsache, daß die Barbarossastadt viele Vorzüge hatte: der wirtschaftlich zurückgebliebene Ort war von einer leidvollen Geschichte gekennzeichnet, bot also günstiges Terrain für genügend Arbeitskräfte; die notwendigen Rohstoffe konnten in der Nähe gewonnen werden und im Umland war die Nachfrage nach „Thonwaaren“ nicht unbedeutend. Ochsenkarren waren um 1870 bevorzugtes Nahverkehrsmittel. Über Strecken von 30 Kilometer und mehr mußten sie die Materialien aus Eifel und Westerwald heranschleppen. Tag und Nacht waren die Gespanne unterwegs, um durch genügenden Nachschub die reibungslose Produktion aufrechtzuerhalten.

Werksgelände Agrob-Sinzig

Ministerpräsident Dr. Kohl bei der Werksbesichtigung
Foto: Oscar Lorenz

Die erste Grundbucheintragung datiert vom 27. Januar 1870. Bereits im Sommer des gleichen Jahres hatte die Produktion anlaufen, können. Innerhalb von drei Jahren war das Gelände an der Bahn auf etwa 10000 qm angewachsen.

1871 gestattete die Königlich Preußische Regierung — gegen eine Gebühr von einem halben Taler und 15 Groschen — die Inbetriebnahme einer Dampfkesselanlage. 159 Arbeiter verdienten damals schon in dieser Fabrik ihr täglich Brot. Der durchschnittliche Monatsverdienst lag bei knapp zwölf Talern. In Rundöfen wurden u. a. Blumentöpfe und Tonplatten der verschiedensten Formate und Farben hergestellt. Seine erste Umwandlung erfuhr das Werk im Jahre 1879. Bis 1910 firmierte es dann unter dem Namen „Sinziger Mosaikplatten- & Thonwaaren-Fabrik, Actiengesellschaft in Sinzig am Rhein“! Durch eine Fusion mit der Vereinigten Mosaikplatten-Aktiengesellschaft Friedland trug es von da an den Namen „Vereinigte Mosaikplattenwerke Friedland-Sinzig Aktiengesellschaft“. 1943 vollzog sich die Verschmelzung mit der Aktien-Ziegelei München-Wien. Hieraus leitet sich der heutige Name ab: AGROB Aktiengesellschaft. Das Sinziger Werk ist eines von vielen Werken der AGROB-Gruppe, deren Hauptsitz in Ismaning bei München beheimatet ist.

Zu Beginn des 1. Weltkrieges waren im Werk Sinzig bereits 300 Mann beschäftigt. Sie produzierten 25000 qm (heutige Bezeichnung: 25 Tqm) Bodenfliesen und Mosaik. Bis 1939 hatte sich die Kapazität erneut verdoppelt. Mit dem Bau eines Tunnelofens hatte man in Sinzig nur ein Jahr zuvor den Sprung ins Neuland gewagt. Der damals revolutionierenden Entscheidung war ein voller Erfolg beschieden.

Der 2. Weltkrieg brachte eine Zeit der Stagnation. Hauptsächlich mußten „kriegswichtige Artikel“ hergestellt werden. Zu großen Teilen fiel das Werk gegen Kriegsende in Schutt und Trümmer.

Unter provisorischen Verhältnissen wurde Ende 1945 die Produktion wieder aufgenommen. Was lag näher, als daß erst einmal mit dem Brennen von Dachziegeln begonnen wurde. Mitte 1946 konnte wieder die Produktion von Bodenfliesen (10 Tqm im Monat) aufgenommen werden.

Entsprechend dem Aufschwung der deutschen Wirtschaft erfuhr das Werk dann eine geradezu stürmische Aufwärtsentwicklung, die vor allem bestimmt war durch den starken Bedarf an Bodenfliesen und die rasanten, technischen und verfahrensmäßigten Fortschritte. Heute nun liegt die Produktion bei 150 Tqm je Monat, die — in Form von Bodenfliesen 10 X 10 cm aneinandergereiht — eine Strecke von Berlin nach Moskau ergeben würden.

Doch in Sinzig wird nicht nur produziert. Hier liegt auch ein Schwerpunkt des Verkaufs. Schon vor dem Krieg hatte die „Sinziger Platte“ Weltruf. Das zweite Jahrhundert will man im AGROB-Werk Sinzig genauso elanvoll angehen. Mannigfaltige Weiterentwicklungen sind geplant. Allein 1970 wurden drei Millionen Mark in die Modernisierung investiert.

Von einer positiven Zukunft der Bodenfliesenindustrie ist man überzeugt. Nicht zuletzt baut die Unternehmensleitung dabei auf den großen Stamm treuer Mitarbeiter. Die Menschen im hiesigen Raum sind eng mit „ihrer AGROB“ verbunden. Was würde besser dafür Zeugnis ablegen als die Tatsache, daß 43 Prozent der Belegschaft schon länger als zehn Jahre bei der Mosaik- und Plattenfabrik sein Brot verdient. Die Treue zur Firma geht in vielen Fällen schon bis in die Generation der „Großväter“ zurück.