Als Beamter in kurkölnischen, französischen und preußischen Diensten:

Philipp Anton Delhaes aus Altenahr (1752 – 1817) 

Heinz Schönewald

Der vielfältige Aufgabenkomplex des gebürtigen Altenahrer Beamten Philipp Anton Delhaes vor 200 Jahren steht im Mittelpunkt des Beitrages.

Der im Januar 1752 in der Pfarrkirche zu Altenahr auf die Namen Philipp Anton Franz getaufte Knabe, war das dritte Kind des kurkölnischen Vizeamtmannes und Kellners Johann Heinrich Delhaes und dessen Gemahlin Maria Katharina Theisen. Als Taufpaten waren die beiden Geschwister der Eltern, Philipp Anton Delhaes und Maria Wirtz, vorgesehen. Beide konnten aber der Feier nicht persönlich beiwohnen, weshalb ersatzweise Pfarrer Johann Franz Delhaes aus Schuld und Maria Veronika Dick geb. Delhaes aus Niederdrees am Tage nach Neujahr als Paten füngierten. Da die beiden älteren Söhne bereits früh verstorben waren, setzten die Eltern besondere Erwartungen in Erziehung und Ausbildung von Philipp Anton. Nach Absolvierung des Gymna-sio Laurentiano erwirkte sein Vater beim in Bonn residierenden Kölner Kurfürsten Maximilian Friedrich v. Königsegg-Rothenfels die Beiordnung Philipp Antons zu seinem Adjunkt, was der Landesherr wenig später per Bestallungsdekret amtlich bestätigte. Im Mai 1768 immatrikulierte sich der junge Delhaes ah der Kölner Universität und übernahm im Januar 1776 nach dem Tod des Vaters dessen Amtsgeschäfte als Vizeamtmann. Zum Amt Altenahr zählten neben den Dingstühlen Altenahr, Brück und Liers die beiden Vogteien Hönningen und Kesseling sowie die Unterherrschaften Burg-sahr, Kirchsahr, Lind, Vischel und Wenzburg. Philipp Anton Delhaes, zu dessen Bekannten u. a. der bekannte Koblenzer Professor Alexander Minola zählte, war verheiratet mit der ältesten Tochter des Röttgener Forstmeisters Stephan Ostler, Maria Katharina Helena. Ostler, dessen Vorfahren aus Garmisch stammten, stand seit seinen Kindertagen beim prunkliebenden Wittelsbacher Clemens-August in großer Gunst, was sich durch die Positionen als Kastellan auf Schloß Herzogsfreude, Forstverwalter des gesamten Erzstifts und Leutnant der Parforce ausdrückte. Zudem konnte Ostler sich rühmen, den später weltberühmten Ludwig van Beethoven im Sommer 1781 mit einem Hauskonzert bei sich begrüßen zu können (vgl. Heimatjahrbuch Ahrweiler, 1978, S. 89 ff.)

Durch die Revolution der grande nation fielen im Herbst 1794 die ersten Schatten auf benachbartes deutsches Reichsgebiet. Unser Landesherr Maximilian Franz v. Habsburg, der jüngste Sohn Maria Theresias, hatte allen Grund zur Sorge. Standen doch die Zeichen auf Sturm und war in Paris bereits seine Schwester Marie Antoinette mitsamt ihrer Familie der Guillotine zum Opfer gefallen. So sah er sich gezwungen, Anfang Oktober 1794 vor den nahenden französischen Truppen den Gang ins alpenländische Exil anzutreten. An der Seine herrschte unterdessen der Wohlfahrtsausschuß der Herren Danton, Marat und Robespierre mit seinem Schreckensregiment. Nachdem die drei Vorsitzenden binnen weniger Wochen selbst von der blutigen Lawine des Regimes überrollt waren, kämpfte sich der Heeressoldat Napoleon Bonaparte langsam an die Staatsspitze.

Nach der Zerstörung von Burg Are (1714) baute man am Fuße des Burgbergs das neue Amtshaus, in dem Philipp Anton Delhaes seinen Dienst versah (Lith. v. N. Ponsart)

Durch seine dem österreichischen Vizekanzler Johann Ludwig Graf v. Cobenzl nach dem 1. Koalitionskrieg am 17.10.1799 im Frieden von Campo Formio diktierten geheimen Zusatzvereinbarungen, konnte er für Frankreich, mit Bildung der gesamten Ostgrenze durch den Rhein, ein fast tausendjähriges außenpolitisches Problem lösen. Verbindlich wurden die Vereinbarungen erst nach dem Ausscheiden Österreichs aus der zweiten antinapoleoni-schen Koalition und den anschließenden dubiosen Machenschaften der Säkularisation. Doch untermauerten die Besatzer ihre Ansprüche schon seit geraumer Zeit durch umfangreiche Verwaltungsreformen. Den linksrheinischen Landstreifen zwischen Wörth und Emmerich teilte man in vier Departements ein, die später noch in Arrondissements untergliedert wurden.

Auf das Arrondissement Bonn im Rhin-et-Moselle-Departement Koblenz entfielen die neun Kantone Adenau, Bonn-Stadt, Bonn-Land, Re-magen, Rheinbach, Saffenburg i. Mayschoß, Ulmen, Virneburg und Wehr. Der Kanton Saffenburg konstituierte sich aus der gleichnamigen ehemaligen arenbergischen Reichsherrschaft (Dernau, Laach, westl. Marienthal, Mayschoß, Rech), sowie Teilen des ehemaligen kurkölnischen Gebietes (Ahrweiler mit Bachern und Walporzheim, Herrschaft Vettelhoven und Amt Altenahr) und Teilen der beiden ehemaligen Herrschaften Adendorf (Eckendorf) und Gelsdorf (Gelsdorf). Im Jahre 1803 verlegte man den Hauptport des Kantons, wozu die Mairien Ahrweiler, Brück, Gelsdorf und May-schoß zählten, nach Ahrweiler und benannte den Kanton entsprechend um. Nachdem die Amtsträger der zerfallenen Länder ihrer Ämter enthoben waren, wurden sie durch die Franzosen erst nach Leistung des Verfassungseides in adäquaten Positionen des Staatsdienstes wieder eingesetzt. Das Forst-und Steuerwesen des Ahrkantons wurde von den benachbarten Orten Bonn und Adenau verwaltet, so daß nur drei Stelleninhaber in dem Verwaltungsbezirk selbst beheimatet waren. Hierbei handelte es sich um den Kantonspräsidenten Georg Kriechel aus Ahrweiler, den ebenfalls aus Ahrweiler stammenden Notar Peter Kriechel und schließlich den Friedensrichter Philipp Anton Delhaes aus Altenahr.

Proportional zur Kantonsbevölkerung wurden auf jeweils 10 000 Einwohner die Friedensrichter eingesetzt, nachdem diese zuvor von den Kantonalversammlungen unter zwei Kandidaten gewählt worden waren. Sie führten den Vorsitz an den Friedensgerichten, die die erste Ebene der Zivilgerichtsbarkeit bildeten. Ein Gericht setzte sich zusammen aus dem Friedensrichter (juge de paix), dem als Kanzleivorsteher füngierenden Schreiber (greffier) sowie der dem Gerichtsvollzieher unserer Tage entfernt vergleichbaren Boten (huissier). Die beiden erstgenannten Beamten erhielten ihre Ernennung direkt von der Pariser Staatsregierung, während die Einsetzung des Boten in aller Regel durch den Friedensrichter erfolgte. Für den Fall seiner Verhinderung sah das Gesetz für den Richter zwei ehrenamtliche Suppleanten vor, die bei seiner Anwesenheit keinerlei juristische Befugnisse besaßen.

Nach der Geburt seiner jüngsten Tochter 1806 verzog Delhaes mit seiner Familie von Altenahr nach Ahrweiler. Hiervon unmittelbar betroffen war auch der langjährige Altenahrer Gerichtsbote Franz Jülich, der in Ahrweiler durch den Huissier Schulz ersetzt wurde. Am 15. Juni 1807, einen Tag nach seinem Sieg über die russischen Truppen bei Friedland, unterzeichnete Napoleon die Ernennungsurkunde für Delhaes‘ zweite Amtsperiode. Gleichzeitig wurden auch die Suppleanten Heinrich Gilles und Mathias Küls sowie Gerichtsschreiber Abshofen in ihren Ämtern bestätigt.

Das französische Justizwesen sah für den Friedensrichter drei Hauptaufgaben vor. Hierzu zählte in erster Linie die richterliche Tätigkeit und die Vermittlerrolle bei außergerichtlichen Schlichtungen. Daneben konnte er bei Bedarf auch in bestimmten Fällen des Personenstandswesens aktiv werden, wenn seine Aufgabe als ministerieller Beamte zum Tragen kam.

In allen Bereichen seiner umfangreichen Tätigkeit konnte ein Friedensrichter auch über Dinge entscheiden, die auf Grund des Wohnorts der Parteien bzw. der Lage des Klagegegenstandes nicht in seinen Amtsbereich fiel.

Als im Spätherbst 1812 die napoleonischen Truppen ihren verlustreichen Rückzug über die Beresina antreten mußten, war dies ein Signal des Aufbruchs für Europa. Am 30. 12. 1812 erweckte der preußische General Ludwig Graf Yorck v. Wartenburg durch seine mit dem russischen General Diebitsch eigenmächtig abgeschlossenen Friedensverhandlungen sein Land aus einem Dornröschenschlaf. Durch die Völkerschlacht bei Leipzig 1813 wurde das Schicksal Napoleons besiegelt und Frankreich mußte seine Grenzen von 1792 wieder anerkennen.

Nach dem Rückzug der Franzosen kam der Kanton Ahrweiler im Wiener Kongreß 1815, nach einem kurzen Intermezzo im Generalgouvernement des Mittelrheins, mit der Rheinprovinz zu Preußen. Binnen weniger Jahre hatte Ahrweiler nach Köln und Paris mit Berlin eine weitere Hauptstadt gefunden. Philippe Antoine Delhaes konnte seinen Namen wieder in seiner Muttersprache ausschreiben. Wenige Wochen später erhielt er seine Ernennungsurkunde zum Richter des königlich-preußischen Friedensgericht Ahrweiler, der direkten Vorläuferorganisation des heutigen Amtsgerichts. Nach ereignisreichem Leben und Wirken verstarb Richter Delhaes im Juli 1817 an Brustkrämpfen. Seine Frau zog anschließend zu einer anderen Ahrweiler Justizbeamtenwitwe — ins Haus des langjährigen Hofgerichtsschreibers Maximilian Heinrich Joseph Schaeffer in der Ahrgaß.

Quellennachweis:

  • Taufbücher der kath. Pfarre Altenahr, BA Trier
  • Amtsakten kurköln. Amt Altenahr, LHA Koblenz
  • Bestallungsurkunden Kurköln II, HSA Düsseldorf
  • Matrikel der Universität Köln, StA Köln
  • Heimatkunde des Kreises Ahrweiler, Jakob Rausch
  • Heimatbuch der Stadt Ahrweiler, Jakob Rausch
  • Das Privatarchiv Ostler, Robert Thomas
  • Der junge Beethoven, Ludwig Schiedermair
  • Tagebuch von Prof. Alexander Minola, LHA Koblenz
  • Der kleine Ploetz, Hauptdaten der Weltgeschichte
  • Gesetzesbücher des Kaiserreichs Frankreich, StBibl Paris
  • Die Kunstdenkmäler des Kreises Ahrweiler, Paul Clemen
  • Sterbebücher der kath. Pfarre Ahrweiler, BA Trier
  • Amtsakten Departement Rhin-et-Moselle Koblenz, Hist StA Bonn
  • Amtsakten der Rheinprovinz, ZentrStA Merseburg