200 Jahre Sankt-Josephs-Säule in Burgbrohl

Ein Beitrag zur Entstehungs- und Baugeschichte. 

Andreas Breuer

Der heilige Joseph erfuhr bereits vor mehr als dreihundert Jahren in Burgbrohl eine besondere Verehrung entgegen den damals üblichen Gepflogenheiten der römisch-katholischen Kirche. Eine St. Joseph-Bruderschaft, von Papst Klemens IX. im Jahre 1669 genehmigt, legt hiervon Zeugnis ab. Diese Bruderschaft dürfte von der damaligen Herrschaft von Burgbrohl, den Freiherren von Bourscheidt, nachhaltig gefördert, wenn nicht gar gegründet worden sein. Diese Bruderschaft beeinflußte stark das religiöse Empfinden breiter Bevölkerungsschichten. Der St. Joseph-Tag stand in hohen Ehren, wie aus Akten und Rechnungen von 1726 hervorgeht. Das Bruderschaftsbuch von 1744 (heute im Pfarrarchiv) verzeichnet neben namhaften Mitgliedern der Familie von Bourscheidt eine Reihe Bürger von Burgbrohl und den benachbarten Orten wie Glees, Tönisstein, Wassenach und Zissen.

Ein weiteres Beispiel der Josephs-Verehrung ist in einer Inschrift an der Westwand im Saale des heutigen Pfarr- und Gemeindezentrum »Alte Kirche« zu finden. Diese berichtet über die 1771 begonnene und 1794 vollendete Erbauung der ehemaligen Pfarrkirche, u. a. zu Ehren des hl. Joseph durch Franz-Karl-Ludwig-Anton, Reichsfreiherr von und zu Bourscheidt und seine Gemahlin Maria Charlotte Friderike, Reichsfreiherrin von und zu Bourscheidt etc. Religiöse Baudenkmäler entstehen und entstanden zumeist aus der tiefen Gläubigkeit der Bevölkerung oder ihrer Stifter. Ein Höhepunkt solch frommer Übung war im Leben des genannten Reichsfreiherrn die Errichtung der St. Josephs-Säule im Jahre 1786, im Volksmund »St. Josephs-Pfeiler« genannt, zumal auch der Mär nach Franz-Karl-Ludwig-Anton, Reichsfreiherr von Bourscheidt die Errichtung der Säule gelobt haben soll, wenn schwere Epidemien seine Herrschaft verschonen würden. Die Errichtung der Säule 1786 ist leider auch der letzte Hinweis auf die St. Joseph-Bruderschaft, zumal ja wenig später die Wirren der französischen Revolution über Europa hereinbrachen.

Die St. Josephs-Säule stellt sich als freistehende Bildsäule nicht nur im Heimatbereich, sondern überhaupt in rheinischen Landen (frühere Rheinprovinz) als ein seltenes Baudenkmal dar. Diese Einmaligkeit und damit der Hang zum Besonderen spiegelt zugleich auch ein wenig den Charakter des Stifters wieder, der -obwohl Wohltäter der Kirche und religiös -noch gegen Ende des 18. Jahrhunderts einen uneingeschränkten Absolutismus in seiner kleinen Herrschaft (etwa 200 Untertanen) ausübte. Dr. Julius Wegeier, der sehr bekannte Heimatforscher des 19. Jh., berichtet aus eigener Erfahrung, daß »der von Bourscheidt nicht standesgemäßen Personen mit Stolz und Hochmut begegne.«

Die Baubeschreibung der St. Josephs-Säule im 1. Halbband »Die Kunstdenkmäler des Kreises Mayen«, herausgegeben 1941 von Prof. Paul Clemen, lautet: »Auf dreiseitigem Grundriß erhebt sich über einem Stufenunterbau der Sockel mit dem Aufsatz, dessen Felder mit Muschelecken versehen sind und vor dessen Ecken Voluten treten, die das Gebälk tragen, auf dem ein nach oben sich verjüngender Pfeiler mit jonisierendem Kapitell steht, an dem Pfeiler in Rokokorahmung das Doppelwappen v. Bourscheidt.«

Sankt-Josephs-Säule 
Foto: Kreisbildstelle

Die St. Josephs-Säule, 1786 auf dem Platze vor dem ehemaligen Amtshaus (1775 erbaut), jetzt »Hotel zur Krone« errichtet, hat im Verlauf seiner zweihundertjährigen Geschichte manche Wiederherstellung und Standortveränderungen hinnehmen müssen. Diese aber wohl hauptsächlich in den zurückliegenden siebzig Jahren unseres Jahrhunderts. 1919 wird die Säule von einem Militärlastwagen der amerikanischen Besatzungstruppen so gerammt, daß sie abgebrochen werden mußte. Unter Beihilfe der Rheinprovinz wurde sie 1921 neu aufgerichtet. Dabei wurde der häßliche Ölanstrich des 19. Jh. entfernt und an den aus Stenzelberger Trachyt bestehenden Unterbau und Pfeiler die notwendigen Ergänzungen vorgenommen. Die stark verwitterte St. Joseph-Figur, die in ihrem unteren Teil aus rotem Sandstein, im oberen Teil aus Udelfanger Sandstein bestand, wurde durch eine neue, aus Eberbacher Sandstein im Jahre 1920 von Bildhauer Barutzky angefertigte, ersetzt. (Akte des Provinzialkonservators). Um weiteren Beschädigungen durch die ansteigende Motorisierung vorzubeugen, wurde die Säule mit sechs etwa ein Meter hohen Basaltsäulen, durch handgeschmiedete Ketten untereinander verbunden, abgeschirmt. Inflation, Separatisten, Weimarer Republik erlebte die Säule hautnah, auch den Beginn des »Dritten Reiches«. Vor ihren Füßen geschah die »Bücherverbrennung« und wiederum drohte Unheil der Säule. 1938 mußte sie dem wachsenden Verkehr und der dadurch bedingten Begradigung und Verbreiterung der Brohltalstraße erneut weichen. Sie wurde abgebrochen und ihre Wiederaufrichtung aus Zeitgründen »vergessen«. Krieg und Nachkriegszeit verhinderten ebenso einen Wiederaufbau. Der langgehegte Wunsch der Bevölkerung St. Joseph auf seiner Säule wiederzusehen, ging erst 1954 in Erfüllung dank tatkräftiger Förderung durch den Gemeinderat, insbesonders von Ortsbürgermeister Hubert Wolter. Da der letztgenannte Abbruch einen neuen Standort erforderte, wurde die Bildsäule an anderer Stelle im Bereich des »St. Josephs-Platzes« aufgestellt. War bis zu diesem Zeitpunkt die Säule auf den damaligen Ortsmittelpunkt, die Burg über der Brohl, ausgerichtet, so stellt sie nun selbst sich in einer gut gelungenen gärtnerischen Anlage als Mittelpunkt dar, wobei St. Joseph einen großen Teil des Orts überschaut. Die bei der Lagerung in den Kriegs- und nachfolgenden Jahren verlorengegangenen Teile und die entstandenen Beschädigungen an Säule und Figur wurden von Bildhauer Moog in langwieriger Arbeit ersetzt und behoben. Die Grundsteinlegung zur Wiedererrichtung nach sechzehnjährigem »Tiefschlaf« im Hofe der ehemaligen Pfarrkirche erfolgte am 15. Juli 1954 durch Pfarrer Karl Schmitz. Am 31. Oktober des gleichen Jahres erhielt die neuerstandene St. Joseph-Säule ihre kirchliche Weihe. Dabei stellte Pfr. Karl Schmitz den Ort unter den besonderen Schutz des Hl. Joseph. Die bei der Grundsteinlegung eingemauerte Urkunde, heute schon ein historisches Zeitdokument hat folgenden Wortlaut: »Burgbrohl, den 15. Juli 1954 Im Jahre des Heils 1954, im Marianischen Jubeljahre, dem Jahre des überwältigenden Bekenntnisses zum christlichen Glauben, dem Jahre des wirtschaftlichen Aufschwunges nach unseligen Kriegen und Zeiten der Not, am 15. Tage des Monats Juli, als Papst Pius XII. im 15.Jahre seines Pontifikates, Prof. Dr. Theodor Heuss Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland, Dr. Konrad Adenauer Bundeskanzler der Bundesregierung Deutschland, Dr. Matthias Wehr Bischof von Trier, Peter Altmeier Ministerpräsident des Landes Rheinland-Pfalz, Dr. Wilhelm Sommer Regierungspräsident der Bezirksregierung Koblenz, Dr. Josef Kohns Landrat des Kreises Mayen, Dr. Basilius Ebel Abt von Maria Laach, Karl Schmitz Ortspfarrer von Burgbrohl, Wolfgang Becker Pater und Kaplan von Burgbrohl, Arnold Arntz Amtsbürgermeister des Amtes Burgbrohl, Hubert Wolter Bürgermeister der Gemeinde Burgbrohl, Matthias Lung Hauptlehrer der Kath. Volksschule Burgbrohl, Berthold Schoenen Superior des Burgklosters waren, wurde nach Ausführung der Erd- und Mauerarbeiten durch den Bauunternehmer Josef Rick von Burgbrohl diese Urkunde in den Sockel der wieder neu zu errichtenden, aus dem Jahre 1786 stammenden Josephs-Säule gelegt.«

Ein langgehegter Wunsch der Bürger ging in Erfüllung, und Bürger wie Gemeindeverwaltung ließen es sich angelegen sein, den Säulenplatz zu pflegen und ihm den Charakter einer beschaulichen Insel inmitten des hektischen Treibens unserer Tage zu verleihen. Achtzehn Jahre sollte diese Ruhe dauern. Erneut kam Sankt Joseph in Bedrängnis. Eine nicht besonders glückliche Trassenführung, insbesondere die Anhebung der Straße beim Neubau der Brücke über den Brohlbach (»Strangsbrücke») hatte das Bauwerk aus seiner beherrschenden Lage in eine ungünstige Position abgedrängt. Der ehemals zum Verweilen einladende Platz war wieder dahin. Doch die Gemeindeverwaltung und die Bürger gaben nicht auf. In »harten Kämpfen« mit der Straßenbauverwaltung, mit vielen Eingaben an das Kultusministerium, in persönlichen Gesprächen mit Regierungspräsident Heinz Korbach an Ort und Stelle wurde erreicht, daß die St. Josephs-Säule seit August 1976 wieder einen ihr gebührenden und hoffentlich auf Dauer ständigen Standort erhalten hat und der gesamte umliegende Bereich neu gestaltet wurde. Der Brohlbach wurde dort kanalisiert, sodaß ein ansehnlicher neuer »St. Joseph-Platz« entstand, der zugleich – ohne die Schönheit zu schmälern – zusätzlichen Parkraum im beengten Ort brachte.

Der Platz und die Bildsäule laden wieder ein zu ruhigem Verweilen, zur Beschaulichkeit und Besinnung. Alte und junge Menschen treffen sich heute dort, wie auch in den vergangenen zweihundert Jahren die St. Josephs-Säule Mittelpunkt dörflicher Geschehnisse war. Mögen kommende Generationen wahren und pflegen, was in langer Tradition gewahrt und gepflegt blieb allen zum Segen eingedenk der Dichterworte »was du ererbt von deinen Vätern, erwirb es, um es zu besitzen«. Dann wird St. Joseph auch in Zukunft Segen und Heil bringen allen, denen Tradition und Geschichte ihrer Heimat Verpflichtung sind.

Quellen:

Kunstdenkmäler des Kreises Mayen, l. Halbband- – Beilage der Rheinzeitung Heimat zwischen Hunsrück und Eitel Nr. 2, Februar 1973, Bericht v. Toni Jüngerich. – Rheinzeitung v. 15/16. 7. 1961 und 27. 8. 1976 mit den Verfasserzeichen -a- und -lu-.