Hermann Grieben (1822 – 1890)

Ein Kölner Redakteur und Dichter vor 120 Jahren im Ahrtal

Helmut Poppelreuter

Bereits im Jahre 1927 erschien im »Heimatkalender für den Kreis Ahrweiler« auszugsweise ein Gedicht »Zwei Tage an der Ahr«, das der Poet Hermann Grieben 1868 nach einer fröhlichen Wanderung durch das Ahrtal verfaßte. Es fand damals guten Anklang, denn sechs Auflagen wurden ihm zuteil. Im Lexikon der deutschen Dichter und Prosaisten von 1913 ist es als lyrisch-epischer Reisescherz bezeichnet. Wegen seiner kulturgeschichtlichen Bedeutung für das Ahrtal verdient es, in ungekürzter Form vorgestellt zu werden. Eine kurze Lebensskizze des Verfassers vorab:

Hermann Grieben wurde am 8. 2. 1822 zu Köslin in Pommern als Sohn des dortigen Gymnasial-Subrektors geboren. Er genoß nicht nur eine ausgezeichnete Erziehung im elterlichen Hause, sondern hatte auch den Vorzug, längere Jahre Schüler seines Vaters zu sein.

1841 – 1845 studierte er an der Universität Breslau Theologie, Philosophie, Geschichte und Literatur. Am Ende seiner Studienzeit promovierte er mit einer Schrift über Dantes Dichtung zum Doktor der Philosophie. Politik und Poesie, die das Leben hindurch seine Begleiter bleiben sollten, fanden sich schon vereint in den noch während seiner Universitätszeit entstandenen »Lieder eines Studenten«. Politik

und schriftstellerischer Gestattungsdrang bestimmten auch seine Berufswahl. Nachdem Grieben von 1846 bis 1848 als Hauslehrer zu Laskowitz in Westpreußen tätig war, folgten journalistische Lehrjahre in seiner Vaterstadt. Hieran schlössen sich längere Wanderjahre an. Er leitete seit 1850 die »Ostsee-Zeitung« in Stettin, seit 1852 die »Lübeckische Zeitung« in Lübeck, kehrte dann nach Stettin zurück, um 1853 die »Pommersche Zeitung« zu gründen.

Im Jahre 1859 wurde Hermann Grieben in die Redaktion der »Kölnischen Zeitung« berufen, welcher er drei Jahrzehnte lang seine eifrige Tätigkeit gewidmet hat. Er starb am 24. 9.1890 in Köln und wurde unter großer Anteilnahme seiner Freunde und Verehrer auf dem Friedhof Melaten beigesetzt.

Die politischen und literarischen Arbeiten Griebens sind zerstreut in dreißig Jahrgängen der »Kölnischen Zeitung« enthalten. Seine Gedichte sind in verschiedenen Sammlungen herausgegeben worden. Besonders durch seine »Rheinischen Wanderlieder und andere Dichtungen«, die der Verlag von Gebr. Henninger, Heilbronn, im Jahre 1884 bereits in dritter vermehrter Auflage herausbrachte, hat sich der Dichter einen »Sitz im Tempel der Musen« erworben. Diesem 352seitigen Gedichtband ist auch das folgende Gedicht entnommen.

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Zwei Tage an der Ahr.
1868.

Das ist ein lustig Wandern, ein Wandern so zu Zwei’n:
Der Eine hilft dem Ändern, da muß die Lust gedei’n.
Das ist ein lustig Reisen, beim St, Apollinar!
Wir wollen’s euch beweisen: Wir gehn ins Thai der Ahr,

Von Köln im ersten Zuge gen Süden schnell davon!
So kommen wir im Fluge zu dir. mein schönes Bonn.
Fort aber stürmt die Maschine und saust vorüber keck
An Godesbergs Ruine, an Mehlem und Rolandseck.

Remagen, Stadt am Rheine! Hier hält das Dampfgespann.
Wir machen uns auf die Beine und wandern frisch bergan.
Victoriaberg! da schauen wir uns noch einmal um
Stromüber nach dem blauen Septemmontorium,

September ist im Lande und prächtig steht der Wein:
nach solchem Sonnenbrande muß reiche Lese sein
Bei solchem Herbst ist Reisen, ist Wandern ein Plaisir.
Nicht auf der Bahn von Eisen, zu Fuß marschiren wir,

Landskron. auf deiner Kuppe hier machen wir wieder Halt
Und bilden eine Gruppe, als wären wir auch Basalt.
Als ständen wir versteinert, wie schön ringsrum die Welt.
So perspectivisch verkleinert, sich uns vor Augen stellt,

Dort Bodendorf, in Weiden da drüben Heimersheim:
Ein Bleichart wächst m beiden so mild wie Honigseim,
Und drunten aus der Tiefe Heppingen blickt empor.
Als ob’s uns zärtlich riefe: ihm leih n wir unser Ohr,

Hier ist durch Felsgesteine ein schmaler Pfad gehau’n:
Man muß doch auch die kleine Wallfahrtskapelle schau’n.
Dann aber gitt’s zu bremsen mit Kräft’gem Wanderstab:
Wir klettern wie die Gemsen in’s tiefe Thai hinab.

Wie schmeckt nach solchem Spaße mit Wein der Säuerling!
Dann auf der großen Straße marschiren wir frisch und flink,
Apollinansbronnen. auch du hab unsern Dank!
Wir sind dir wohlgesonnen für deinen Labetrank.

Doch nun durch Feld und Wiesen abschwenkt das Wanderpaar:
Man hat uns sehr gepriesen das Bad von Neuenahr.
Gebäude sehn wir ragen, die Schlösser der Wasserfee:
Fürwahr, daß muß man sagen: das ist ein Ems in spe.

Drum emse dich, du neuer aufblüh’nder Badeort,
Daß deine Saat, die theuer erkaufte, nicht verdorrt‘
Heilsam soll allen Kranken dein Sprudelwasser sein:
Wir aber, nein. wir danken, wir geh’n doch lieber zu Wein.

Da liegt ja zum Exempet schon Bachern, so benannt.
Weil da voreinst ein Tempel des seligen Bacchus stand:
Und dort mit „Stern“ und »Kronen“ Ahrweiler blinkt und winkt:
0 kommt. Commilitonen, zu mir und eßt und trinkt‘

Wir thäten in biedrer Weise wohl beiden die Ehre gern.
Doch heute geht die Reise direct zum heil’gen Herrn.
In Walporzheim, der brave St. Peter ist unser Mann,
Da halten wir Conclave, da kneipen wir uns an.

Da füllt mit Walporzheimer Auslese sich das Glas,
Da leert sich mancher Eimer und manches Fuderfaß.
Gesegnet sei dein Name, St. Peter, und dein Wein!
Er soll auf deiner Dahme Crescenz getrunken sein.

Grad‘ aus dem Wirthshaus kommen wir nun heraus, — o weh!
Wir sind ein wenig benommen: Wie krumm ist die Chaussee!
Wie läuft sie so schief ins wilde Ahrthal hinein‘ 0 hu!
Welch schreckhaft Felsgebilde! Das ist „die bunte Kuh’«

Am Bergeshang zur Linken wild rauscht die Ahr vorbei,
Zur Rechten aber winken die Dom- und Klosterlei.
Schon wandeln wir getroster, der Rausch ist halb verbüßt.
Marienthal, du Kloster-Ruine, sei gegrüßt!

In Dernau wird beim Wirthe zum „Bahnhof“ eingekehrt
Und für zwei arme Verirrte ein Schoppen Roth begehrt.
Dann geht es lustig weiter, bei Rech auf steinerner Brück
Begrüßt uns Probenreiter der wackre Nepomuk.

An einem kleinen Häuschen des Dorfes winkt ein Strauß.
Ein richtiges Bacchussträußchen. so wie’s hier Landesgebrauch,
Da trinken wir im Stübchen ein Pröbchen Recher Wein,
Am Tisch das kleine Bübchen schaut ganz verwundert drein.

Inzwischen kam gezogen ein dicker Wolkentroß:
Ihm zahlen in Bausch und Bogen bei Maischoß wir den Schoß,
Hier, wo aus Weingehegen aufragt der Saffenfels,
Kommt ein Gewitterregen uns gründlich auf den Pelz.

Frisch fürbaß! Zehn Minuten nur währt das Ungemach.
Dann kommen wir zum guten Lochmühlen-Hallerbach.
Das ist uns wohl gerathen. Gott grüße dich, Hotel!
Nun gieb uns Hasenbraten und eine Lachsforell!

Hier ist ein lustig Leben, hier giebt es spat und früh
Von Hallerbacher Reben gar guten propre cru:
Hier stehn in stiller Runde die Felsen, Grat an Grat.
Und tief im kühlen Grunde da geht ein Mühlenrad.

Hier steht der Weingott Wache hoch oben an der Lei,
Ein fröhliches „Evoe Bacche!“ ist hier das Feldgeschrei,
Und drinnen am Pianino erklingt das Lied vom Wein:
Viva la casa di vino! soll unsre Losung sein.

Der Mond ist voll und heiter, am Himmel hält er Wacht:
Doch wandern wir nicht weiter, wir bleiben hier zur Nacht
Und singen, daß dem Weine sein volles Recht geschieht,
Noch manches große und kleine fidele Burschenlied. —

Lochmühle, guten Morgen‘ Dir schwingen wir den Hut:
Du hast uns wohl geborgen, dein Nachtquartier war gut.
Nun ziehn wir Philosophen, ein lustges Wanderpaar.
An Laach und Reimerzhofen vorbei, gen Altenahr.

Wohl möchten wir gern zur Rechten hinauf an’s „weiße Kreuz:“
Doch ach, wenn wir auch möchten — der Weingensdarm verbeut’s.
Wir müßen’s schon begreifen: Geschlossen bleibt der Hag,
Derweil die Trauben reifen, bis auf den Lesetag.

Auch jener ungeheuer schreckhafte Fetsengrat.
Gekrönt mit Burggemauer, versperrt uns dort den Pfad.
Zerklüftet ragt in Schiefer steilauf die Klippenwand.
Doch unten ist ein tiefer Tunnel hindurchgespannt.

Wir wandern fast beklommen durch diesen Felsenschlag.
Doch wohlbehalten Kommen wir wieder an den Tag.
Da liegt, von Steinkolossen— ganz schweizerisch fürwahr! —
Gar heimlich ringsumschlossen, das Städtchen Altenahr.

Hier hielten Arndt und Kinkel und Kaufmann gern Appell.
Hier winkt aus schönstem Winkel uns Winckelers Hotel.
Hier hält Caspan-Loosen-Ahrblümchen Gastgebot:
Bei beiden steht mit Rosen geschmückt die Table d hole.

Ob Winckeler. ob Caspan uns nimmt in bessre Hut?
So fragst du7 Larifari! es ist bei beiden gut.
Man thut uns weder hüben noch drüben was zu Leid :
Um Keinen zu betrüben, bekneipen wir sie beid .

Gestärkt durch Trank und Speise, gehts nun im Dauerlauf
Nach rechter Turnerweise zur alten Burg hinauf.
Hier zwischen den Thaigeschieben Versteckens spielt die Ahr
Und stellt sich so in sieben, ja sieben Spiegein dar.

Hier wird von alten Rittern uns Wunders viel gesagt:
Wie einer ohne Zittern den Sprung ins Thai gewagt,
Und wie ein reisender Maler gemacht dieselbe Geschicht:
Wer’s glaubt, bezahlt ’nen Thaler, im „Bädeker“ steht es nicht.

Die Feder, halbverrostet, schreibt uns ins Fremdenbuch:
Zehn Silbergroschen kostet uns dieser Burgbesuch.
Hier steht es angeschrieben: „Drei Groschen pro Person!
Dem Schließer nach Belieben!“ Den Hummel kennt man schon.

In’s obre Thal gewendet, marschiren wir nun gemach:
Die »Teufelskanzelo sendet uns finstre Blicke nach:
Doch leuchtet desto klarer Schloß Kreuzberg uns da vorn:
So ziehn wir Ahrwailfahrer in Frieden auf das Horn.

0 Horn, du hehre Krone des Felsenlabyrinth’s,
Du stehst auf deinem Throne, wie ein gebor’ner Prinz.
Und blickst mit gnäd’gen Grüßen auf all der Kuppen Schaar,
Demutnig zu deinen Fußen hinwindet sich die Ahr.

Wir stehn auf deinem Altane — es Kostet kein Entree:
Dort ragen die Eifel-Vulkane. die Kegel am Laacher See:
Dort Landskron und die Kette des Siebengebirges am Rhein:
Das aber scheint, ich wette, der Kölner Dom zu sein.

Das ist ein selig Schauen ins weite Land hinein:
Da liegen die Felder und Auen im hellsten Sonnenschein:
Da klimmen die Weingehege der Schluchten von Wand zu Wand,
Gott segne dich allerwege, du schönes rheinisches Land! —

Genug‘ Nun sei’s geschieden. Ade, du schönes Hörn!
Wir wandern jetzt darnieden abseits durch Busch und Dorn,
Nach einer halben Stunde mühsei gen Kletterns seh’n
Wir wieder dich im Grunde, Lochmuhle. vor uns steh n.

Gott Bacchus ruft: „Willkommen! So seid ihr wieder da.
„Es freut mich, daß euch frommen Wallfahrern kein Leids geschah.“
Der Nachbar auch am Wehre im Poppelreuterhof
Erweist uns gern die Ehre mit einem guten Stoff.

Hier sehn wir Geognosten Grauwacke mit Basalt:
Grauwacker steht auf Posten, der „Kuklei“ Tnurmgestalt,
Die wird im Sturm erklettert. Nimm dich in Acht. Gesell!
Sonst kommst du noch zerschmettert zum Bacchus ins Hotel.

Dort ist das Mahl bereitet, wir hauen tapfer ein:
Die kraft’ge Kost begleitet Lochmühlenleier Wein.
Dann steigen wir angeheitert hoch über die Saffenburg
Und ohne daß einer scheitert, gelangen wir glücklich durch.

Von Rech aus gehn wir immer die rauschende Ahr entlang.
Für müde Gebirgserklimmer ein recht anmuthger Gang.
Nur noch ein Kilometer‘ Nun wird zu guter Letzt
Uns noch vom heil gen Peter ein Schöppchen vorgesetzt,

Der Abend glüht am frommen Calvarienberg so schön.
Herüber kommt geschwommen der Glocken sanft Getön.
Nun will der Tag sich wenden: Ahrweiler. nimm uns auf!
In deinem Schoß beenden wir unsern Wanderlauf.

Du stellst uns frei zu wählen »Drei Kronen« oder den „Stern“:
Wir müssen die Stunden zählen, sonst blieben wir gar zu gern.
Wir sind nicht mehr die Flinksten, das Geld geht auch auf den Rest,
Doch in der Woche nach Pfingsten dann kommen wir wieder — zum Fest.

Wenn duftig blüht der Flieder und lustig fährt der Mai,
Dann kommen ins Thal wir wieder, dann sind wir mit dabe
Und singen als Wanderpoeten: Vivat im Traubensaft
Mit Pauken und Trompeten die Schützenbruderschaft!

Heut führt ein leicher Wagen durchs mondbeschienene Thal
Uns hurtig nach Remagen zum Bahnhofs-Wartesaal.
Da kommt auch schon von Süden gebraust der letzte Zug
Und führt die wandermüden Wallfahrer heim. — Genug!

* * *

Doch die ihr liebt das Wandern und nicht verschmäht den Wein.
Euch soll vor allen Ändern dies Lied gewidmet sein.
Euch grüßt der Attentäter, der lustig dies Gereim
Gemacht beim heiigen Peter im Garten zu Walporzheim.

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Karte des Ahrlaufs um 1880.

Quellen:
— Allgem, Deutsche Biographie, 49. Band. 1904.
— Stadt-Anzeiger der Kölnischen Zeitung vom 27. 9. 1890.