Das Schicksal der Benediktinerabtei

St. Maximin, ihrer Handschriften und Urkunden im Zeitalter Napoleons I.

Matthias Reuter

Zur Jubiläumsausstellung im Dom zu Trier, ein Beitrag zur 2000-Jahr-Feier der Stadt, hat das Bischöfliche Generalvikariat unter dem Titel »Schatzkunst Trier« einen Katalog herausgegeben, in dem Wissenschaftler bisher nicht allgemein bekannte neuere Forschungsergebnisse mitteilen (3. Band der Reihe »Treveris Sacra«, Herausgeber Prof. Dr. Ronig, Bistumskonservator/Trier – Spee-Verlag daselbst 1984). Hier interessiert der Artikel »Trierische Kirchenschätze im Säkularisationsjahrzehnt und danach« (S. 19-36) von Prof. Dr. H.W. Kühn insbesondere deshalb, weil er über das Schicksal der Handschriften und Urkunden der Abtei St. Maximin berichtet. Darunter befinden sich Urkunden, Lehnsregister und Weistümer der Grundherrschaft Barweiler mit ihren sechs Ortschaften aus den Jahren 1482 bis 1695, ferner die Reifferscheider Urkunde vom Jahre 975 über die Pfarreien Reifferscheid und Üxheim. Diese Dokumente habe ich in meiner Schrift „Beiträge zur Geschichte der Hocheifel« sowie in der Reifferscheider Festschrift behandelt.

Zur Christianisierung und Kolonisierung unserer engeren Heimat hat die Abtei St. Maximin einen wesentlichen Beitrag geleistet, vielleicht sogar die Fundamente gelegt. Die alten Mutterpfarreien Reifferscheid und Üxheim gehörten (in der Frühzeit mit Adenau, Kelberg und höchstwahrscheinlich auch Antweiler) zu ihrem Bereich; für das Jahr 845 sind Besitzungen in diesem Raum urkundlich belegt. Die kulturellen und wirtschaftlichen Ausstrahlungen dieser beiden reich begüterten Eigenkirchen der Abtei auf das weite Land können nicht hoch genug eingeschätzt werden.

Das Ende der Abtei St. Maximin

Den geschichtlichen Hintergrund der Vorgänge um die Archivalien St. Maximins bilden die beiden Koalitionskriege von 1792 – 1797 und 1799 – 1801 gegen die französischen Revolutionsarmeen. In den Friedensschlüssen von Campo Formio und Luneville wurden die linksrheinischen Gebiete des alten deutschen Reiches an Frankreich abgetreten. Damit war auch das Ende des Kurstaates (Erzstift) und der alten Erzdiözese Trier besiegelt. Im Jahre 1802 wurde aufgrund des zwischen Napoleon und Papst Pius VII. geschlossenen Konkordats (1801) das neue Bistum Trier gegründet. Die Klöster und geistlichen Stifte wurden aufgehoben, ihre Besitzungen enteignet und größtenteils versteigert.

Bereits mit Ausbruch des ersten Koalitionskrieges begannen die Erzstift-Verwaltung, die Klöster und das Trierer Domkapitel mit der Bergung ihrer Kunstschätze, Bibliotheken und Archive. Diese Flüchtungsaktionen zogen sich mehrere Jahre hin und verstärkten sich in dem Maße, in dem das Kriegsglück sich den französischen Armeen zuneigte. Viel klösterliches Gut wurde von geflohenen Klosterinsassen verkauft, um die Transportkosten und den Lebensunterhalt zu bestreiten. Die liturgischen Geräte und Abtsinsignien der Abtei St. Maximin blieben in Trier und wurden in einem Versteck untergebracht, das dann von einem Klostermitglied verraten wurde, als die Besatzungsmacht der Stadt eine hohe Kontribution auferlegte.

Das Schicksal der Handschriften und Urkunden

Ein großer Teil der Maximiner Handschriften wurde in Koblenz sichergestellt; Adam von Lassaulx nahm sie in seine Obhut, sie wurden später der Archivverwaltung übergeben.

Der Abteibibliothekar Thomas Sanderad Müller brachte drei Fässer voll Urkunden nach mehrjähriger Bergung über Würzburg, Aschaffenburg und Bayreuth Ende 1797 nach Mainz; sie wurden in einer Privatwohnung untergebracht. Im Jahre 1800 erhielt der dortige französische Generalkommissar für die vier rheinischen Departements zufällig hiervon Kenntnis und ließ sofort ein Faß mit den ältesten Sammmelbänden und Urkunden in das Departementarchiv bringen. 61 Stücke daraus sowie einige Handschriften aus den beiden anderen Fässern schickte er nach Paris, wo sie heute noch in der Nationalbibliothek lagern (darunter 5 Urkunden über Üxheim). Im Jahre 1801 konnte der letzte Abt von St. Maximin Benedikt Kirchner die beiden restlichen Fässer nach Sauerschwaben-heim (Raum Mainz) schaffen, wo er nach Aufhebung der Abtei die Pfarrstelle erhielt. Dieser Ort war 1796 von den Franzosen niedergebrannt worden. Kirchner veräußerte den Inhalt der Fässer an Sammler und überließ den Erlös der notleidenden Bevölkerung.

Kirchner übergab 1802 weitere sieben Fässer mit Urkunden dem Mainzer Departementarchiv. Darunter befand sich die Sammlung von Abschriften aus dem Goldenen Buch und späterer Schriftstücke, die Abt Henn Ende des 17. Jahrhunderts hatte anfertigen lassen. Aus dieser Sammlung stammen die in meinen »Beiträgen zur Geschichte der Hocheifel« S. 60-71 angeführten Dokumente. Die Sammlung Henn, sowie die restlichen Urkunden des im Departementarchiv deponierten dritten Fasses wurden auf dem Transport nach Trier unterschlagen. An dieser Aktion war u.a. der Mainzer Archivar und Stadtbibliothekar F.G. Bodmann beteiligt. Es wird vermutet, daß er die 66 Maximiner Urkunden dem Frankfurter Sammler J.K. von Fichard verkaufte, die dieser später der Heidelberger Universität vermachte. Unter diesen Stücken befand sich die dort noch ruhende Urkunde von 975 über den Prekarievertrag der Abtei mit dem Archidiakon Wicfrid, sie war Grundlage meines Beitrages zur Reifferscheider Festschrift.

Die älteste Urkundensammlung der Abtei (Koblenzer Diplomatar) befand sich im Nachlaß des seiner Gelübde frühzeitig entbundenen Franziskaners Findlinger, der sich ebenfalls als Sammler betätigt hatte. Angelegt wurde diese wertvolle Sammlung von Urkunden mehrerer vorhergehender Jahrhunderte Anfang des 13. Jh.; sie lagert jetzt im Landeshauptarchiv Koblenz. Die auf dem vorerwähnten Transport entwendeten Archivalien kamen im Laufe der Zeit, zumeist geschenkweise, an die öffentlichen Archive und Bibliotheken, u.a. die Sammlung Henn an die Stadtbibliothek Trier.

Das Goldene Buch

Zu den kostbarsten Schätzen St. Maximins gehörte das Goldene Buch (Liberaureus), so genannt wegen seines in Gold, Silber und Elfenbein angefertigten Einbandes. Abt Bartholemeus ließ den Sammelband Anfang des 13. Jahrhunderts anfertigen, ein Goldschmied schuf den Einband. Die in ihm zusammengefaßten Besitzverzeichnisse, Lehnsregister und Urkunden bezeugten den überaus großen Reichtum der Abtei an Höfen, Ländereien und Eigenkirchen. Sie gilt als das wahrscheinlich älteste Kloster auf deutschem Boden, die Gründung verliert sich im Dunkel des frühen Mittelalters. Der Prachteinband veranschaulichte ihre glanzvolle Stiftergeschichte und nicht zuletzt das Selbstverständnis der Mönche, das sich auf eine sehr alte und mit Stolz bewahrte Tradition stützte.

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Elfenbeintafel

Mit dem Untergang der Abtei vollzog sich auch das Schicksal des Goldenen Buches. Der bereits erwähnte Abt Kirchner verkaufte den kostbaren Deckel, um mit dem Erlös seine Pfarrangehörigen zu unterstützen. Als der Verkauf des inzwischen zerstückelten Deckels entdeckt wurde, verbrannte er die Handschrift, entweder – so wird vermutet – aus Ärger über die Entdeckung oder aus Zorn über die Aufhebung der Abtei.

Zum Glück hatte der westfälische Kanoniker und Historiker Hermann Nünning um das Jahr 1731 ein Aquarell vom Deckel angefertigt, das vor einigen Jahren in einem Privatarchiv in Bösenseil bei Münster entdeckt wurde. Das Aquarell war in der Trierer Ausstellung zu sehen (Katalog-Nr. 77).

Der Buchdeckel bestand aus zwölf, teils mit Steinen reich besetzten Platten und einer in Goldfiligran gefaßten Elfenbeintafel im Zentrum. Dieses Relief, eine Darstellung der Himmelfahrt Christi, gelangte später in das Berliner Neue Museum und ist dort im Herbst 1945 bei einem Brand zerstört worden. Im Aquarell ist das Relief nicht eingezeichnet.

Die Schmuckplatten in den vier Ecken zeigten Brustbilder der hl. Helena (links oben) sowie der drei ersten Trierer Bischöfe (nach Prof. Kühn) auf schwarzer Schmelzmasse, einer schon im Altertum als Verzierung dienenden Mischung aus Silber, Kupfer, Blei, Schwefel und Borax, Niello genannt. Im Gegensatz zu Kühn deutet R. Noiden im Kurtrierer Jahrbuch 1983 S. 145 ff die Brustbilder der beiden oberen Eckplatten als Abbildungen Marias und des Erlösers. Diese Deutung verdient jedenfalls bezüglich der hl. Helena den Vorzug, weil diese bereits an anderer Stelle (mit Inschrift) dargestellt war.

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Das Aquarell

Auf den sechs Figurenplatten waren die (teils legendären) Stifter der Abtei als halbplastisch getriebene Gestalten dargestellt: links oben neben der Elfenbeintafel Bischof Arnulf von Metz (um 600, zeitweise zusammen mit Pippin dem Älteren Regent des Ostfrankenreiches); links unten der deutsche König Heinrich l. (876-936); rechts oben der Frankenkönig Dagobert l. (638); rechts unten der Frankenkönig Pippin der Jüngere (+768). Im oberen Mittelfeld waren der römische Kaiser Konstantin (288-337) und seine Mutter, die hl. Helena, unter einem Brustbild des Evangelisten Johannes, des ursprünglichen Schutzpatrons der Abtei abgebildet; im unteren Mittelfeld Karl der Große und seine (legendäre) Schwester Ada unter dem Brustbild des Trierer Bischofs Maximin (4.Jh.). Im Aquarell blieb der Platz mit der letztgenannten Gruppe ebenfalls leer; ihre Abbildung ist aber als Kupferstich auf dem Titelblatt einer Schrift überliefert, die Nikolaus Zylesius um 1636 zur Verteidigung der Reichsfreiheit der Abtei verfaßte.

Die bisher vorliegenden Berichte bestätigen, daß wertvolle Archivalien der Abtei vernichtet oder verschollen sind, wesentliche Bestände aber doch den ihrem historischen Wert angemessenen Platz in Instituten von internationalem Rang gefunden haben. Die Maximiner Abteigebäude wurden nach dem Einmarsch der Franzosen verwüstet, später in ein Lazarett der Besatzungsmacht umgewandelt und in der Preußenzeit als Kaserne benutzt.

Anmerkungen

Die Abbildungen wurden dem Katalog Schatzkunst Trier, S. 138/139 entnommen. Wertere Literatur: R. Noiden. Ein neuer Fund zum verlorenen Prachteinband des Überaureus der Abtei St. Maximin vor Trier, in: Kurtrierisches Jahrbuch 1983, S. 145-150.

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