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»Jiddijes kütt«

Johannes Fr. Luxem

Einzug mit Eselchen

Gleich dreimal müßten wir zum Beginn unserer Geschichte ins Schwärmen geraten, uns rückerinnern, Lob aussprechen. Einmal der guten alten Zeit ohne Lärm, Hetze, Autoschlangen, Waldsterben, Umweltgiften, Ozonloch und so fort, dann dem Antihelden dieser Geschichte, kleinem Mann mit Buckel, zerknitterten Gesichtszügen, wachen moorbraunen Augen und mit Satyrlächeln, dem Orgelspieler und Lumpensammler Ägidius, Jiddijes gerufen. Schließlich seinem treuen Weggefährten auf den staubigen Straßen der Ahreifel, treu, will sagen eigenwillig, bockig, verdreht, oft ganz so wie sein gnomenhafter Herr, schlitzohrig obendrein: sein Graufellchen, Begleiter, Helfer, Karrenzieher, sein ein und alles, das Eselchen. Es zog den Planwagen, mit dem Ägidius zweimal im Jahr durch die Eifeldörfer kam, wackliges Gefährt mit ausgeleierten Radnaben, grünliche Plane über fünf ovalen Eisenbändern, fest verschnürt, vorne ein schmaler Sitz, gerade passend für die schmächtige Gestalt des Leierkastenmannes.

Loben wir sie, die Zeit der Strohdachhäuschen, der Kargheit und Stille, in der man noch Geduld hatte, wo es einen Tag fast dauerte, von den Höhen der Vulkaneifel hinabzukommen an Ufer und Städte des großen Stromes. Man stelle sich vor: ein Automobil erregte noch Aufsehen; einmal überflog ein Luftschiff die karge Landschaft, bedrohliches Zeichen für Unbekanntes, Unheimliches, Unheil, wie der Pfarrer in langer Predigt lautstark folgerte.

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Immer, wenn die Kinder schrille Töne ungeschmierter Wagenachsen hörten, das Klingeln der Messingschelle vernahmen, rannten sie die steilen Gäßchen talwärts, ihn zu empfangen, den Neuigkeitenbringer, Lumpensammler, Händler, Leierkastenmann und durchs Dorf erscholl ihr Geschrei grell, aufgeregt: »Jiddijes kütt, Jiddijes ös do!«

Kistengeheimnisse

Die Kinder wußten, daß unter der Karrenplane Kostbarkeiten in Fülle lagen, in Kisten wohlverwahrt, Gaben, die Ägidius denen überreichte, die ihm Lumpen, Alteisen, Trödel heranschleppten, alles, was sie gesammelt hatten in Kellern, Schuppen, Speichern, gefunden nach ruhelosem Stöbern.

In einer Ecke des Wagens lagen die Kisten übereinandergetürmt, voller Geheimnisse, Schätze, die die Kinder unruhig, habgierig machten und sie jedesmal mit kaum bezähmbarer Neugierde erfüllten.

Sie umstanden den Karren, vergaßen das Grautier, wenn Ägidius gnomenhaft unter die Plane schlüpfte, für eine Weile nicht mehr zum Vorschein kam. Sie vernahmen Scharren, Gerumpel, sahen, wie die verschlissene Plane sich bewegte, erspähten endlich spinnenfingerige Hände, die drei Kisten zum Wagenende schoben.

Endlich öffnete der Schlaue langsam, auf Erhöhung von Erwartung und Spannung bedacht, den großen Kramkasten.

Alle kleinen Herrlichkeiten aus Kinderwunschträumen kamen ans Licht: Zelluloidpüppchen, Hampelmänner, Windrädchen, Kaleidoskope, Dilledöpp, kleine Sägen und Hämmer, Zinnsoldaten mit Flatterfähnchen, Blechauto, Holzschiffchen mit roten Segeln, Schleifen, Bänder und Gummibälle.

Für Schleckermäuler und Leckerfraße aber öffnete Ägidius die zweite Kiste, die Zuckersteinchenkiste mit Honigstangen in allen Farben, Kamellentütchen, Schokoladestangen, Lakritzröllchen, Pfefferminzkissen und klebrigen Fenchelbonbons.

Auf einem vergilbten Zettel, in bestechend genauer Kaiserschrift geschrieben, konnten die Kinder ablesen, welche der vielen Herrlichkeiten sie für bestimmte Mengen an Lumpen, Alteisen, Kupfer und Trödel bekommen konnten. «Das ist eine lebensnahe Rechnerei, gut so«, sagte der Dorflehrer augenzwinkernd und wiederholte am Tage darauf Maße und Gewichte im Unterricht.

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Wissen und Erwartung um den köstlichen, spannenden Augenblick des Abgebens und Eintauschens, Ritual des Abwiegens und die zögernde Zuteilung hatte die Kinder monatelang zu eifrigen, lästigen Sammlern gemacht. Und endlich, endlich begann das Geschäft, spielte sich ein reger Tauschhandel ab, der Zufriedenheit, Unlust, Glückszustände und jähe Enttäuschungen auf beiden Seiten der Waage hervorrief. Ägidius bediente sie mit flinken Fingern, beobachtet von wachen Kinderaugen, denen kein Dekagramm zuviel oder zu wenig entging. Vergessen Schulaufgaben, Stallarbeit, Holzräumen, Gartenspaten, Hütepflichten — sie alle waren hineingenommen in eine wunderliche, aufregende andere Welt, deren Beherrscher Ägidius mit seinem Esel war. Die dritte Kiste enthielt eine Kostbarkeit, die der Alte vorsichtig aus brüchiger Guttaperchahaut wickelte und auf einen kleinen Dreibock stellte:

die Drehorgel, Wunderkasten mit Kurbel und blinkenden Messingflöten. Sorgfältig legte er stachelige Melodienwalzen ein, deren feine Stifte beim Drehen die Ventile vieler Pfeifen öffneten und sie zum Klingen brachten.

Mit geübter Hand drehte er die Kurbel und durch das kleine Dorf drangen die Melodien bis in den letzten Winkel. Alte, junge Mädchen und Kinder summten verhalten mit; bei der »Wacht am Rhein« aber stimmten die Burschen lautstark ein. Ja, so war das, wie bei einer kleinen Kirmes: wenn Ägidius kam, wurde das ganze Dorf munter.

0, trockne doch die Träne nicht…

„Es sind zwei Originale, dieser Ägidius und sein Esel“, pflegte der Dorfpfarrer zu sagen, „froh sollten wir darüber sein in einer Zeit, in der man für Sonderlinge nichts mehr übrig hat“. Dabei dachte der Pfarrer an einen Heiligen, den er verehrte, an Franziskus, an sein Mitleid mit den mediterranen Vettern des Ägidiusesels, dachte weiter, belesener Kunstkenner, in die Einsamkeit geflohen, an Francis Jammes, der da schrieb: »Ochs und Esel stehen an unseres Herrn Jesu Krippe und der Dampf ihres Atems vermischt sich mit dem Rauch der Myrrhen aus dem Weihbecken der heiligen Drei Könige«.

Ja, der literarisch so ambitionierte Geistliche kannte viele Geschichten, Legenden, Gedichte, in deren Mittelpunkt der Esel stand und in seinen Predigten gedachte er des bethlehemiti-schen Fluchtesels, der auf seinem Rücken Mutter und Kind durch Ödnisse, Felsschluchten und Wüste trug, an die Palmeselin, auf der unser Herr durch die Massen der Palmblattwinker in Jerusalem einzog. Er betrachtete die Bilder des Kapitells in Moissac, wo der Esel teilnimmt an der Verkündigung der Engel an die Hirten auf Bethlehems Fluren, dachte an ein Elfenbein-Basrelief der Kathedra des Bischofs Maximian zu Ravenna, an eine Mosaikdarstellung in San Marco zu Venedig und an eine Mosaikenreihe in der Chorakirche zu Konstantinopel, Kunstwerke, in denen jeweils das Eselchen abgebildet war.

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Wer wagte es im Dörfchen noch vom dummen Esel zu reden, wenn aus des Pfarrers Mund solches Lob der Kreatur in franziskanischer Meinung erfolgte!

Nicht zu reden von der klugen Eselin Bileams. Wenn der Gönner des kleinen Lumpensammlers diese Geschichte erzählte, geriet er in Balanceakte seiner Predigtkunst; dreimal tritt der Engel des Herren Bileam in den Weg, ihn zu warnen, dreimal bleibt jener blind — aber die Eselin ist es, die ihn bemerkt und sie errettet den heidnischen Wahrsager. —

Ist es bei alledem verwunderlich, daß Ägidius‘ erster Weg, wenn er das abgelegene Dorf erreicht hatte, ihn und sein Grautier schnurstracks hinführte zum Pfarrhaus?

Allerdings hatte dieses Begrüßungsritual noch andere, verborgene Gründe. Nicht nur, daß der Esel Ennoch eigenhändig vom Pfarrer sein Futter bekam; im engen Vorzimmer des Pfarrhauses durfte sich Ägidius setzen, sein Örgelchen auspacken und dem Hausherren, Mutter Schwester und einer gelähmten Nichte eine Sondervorstellung bieten, die in ihrer Art ein einmaliges Hauskonzert blieb. Ägidius aber sang zu den Melodien der Küchen- und Bänkellieder und verzückt lauschte der Literat bei den Versen:

»O, trockne doch die Träne nicht,
die dir im Auge flimmert,
der Perle gleich, die rein und licht
im Rosenkelche schimmert . . . «
oder in schwankendem Diskant:

»Doch bald mußt‘ sich das Schicksal wenden,
Vernichtet ward die Räuberbrut!
Der Räuberhauptmann auch mußt enden,

Es floß dahin sein Lebensblut.
Gefangen bald in Kerkers Nacht,
Julie ward aufs Schafott gebracht…“

Während der Leierkastenmann die Kurbel seiner Orgel drehte, während er seine Bänkellie-der vortrug wurde sein Auge angezogen wie von magischen Kräften von der geriffelten Eichentür eines hohen Eckschränkchens, vielmehr von dem, was sich hinter der Tür verbarg:
eine Flasche „Klaren“.

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Wasserhelle, durchsichtige, eklige Flüssigkeit für die Nüchternen, Elixier aber für unseren buckligen Barden. Drei Hochstöckige, alte Eifler Schnapsgläschen, gönnte ihm großmütig der Gastgeber, danach waren Konzert und Audienz beendet. —

Ja, nicht von ungefähr hatte sich die Nase des Orgeldrehers im Laufe der Jahre gerötet und so, wie sein Besuch im Dorf beim Pfarrer begann, so endete er im Wirtsstübchen beim Pähle Steff, der indessen von Literatur und franziskanischer Zuwendung zu allen Geschöpfen weniger zu halten pflegte. —

An der Wegkehre

Das Ritual des Abschieds vollzog sich stets in gleicher Weise, so, wie Gewohnheiten, Sitten und Bräuche in den Dörfern der Ahreifel sich über Jahrhunderte hinweg zu Kirmes, Fastnacht, Heiligentagen und Kirchenfesten unverändert erhielten.

Bis zur übernächsten Wegkehre hinter dem Dorf gab die Schar der Kinder Ägidius mit Eselchen und Planwagen das Geleit zum Abschied. Die Stelle ließ hinter einer Vogelbeerhecke den Blick frei hinab in die Täler bis hin zu den blauen Höhenzügen jenseits des Flüßchens, zu Hügelketten und Vulkankegeln, hinter denen die großen Städte lagen, die Ebene, lehmerdig, fruchtbar, weit. —

Das Geleite vollzog sich seltsamerweise stumm. In zwei Gruppen liefen die Kinder neben dem Gefährt einher. Die Mutigen versuchten für einen Augenblick noch einmal Ennoch’s Eselfell zu berühren; das solle Glück bringen, behauptete Bächeis Ann, die, wie alle wußten, in den Äquinoktialnächten mit Geistern redete. An der Wegkehre hielt Ägidius den Esel an, drehte die Bremse des Wagens fest, gab Ennoch Futter und packte umständlich seine Drehorgel aus abgewetztem Guttaperchasack. Ohne Vorrede, ohne Erklärungen begann er, die abgegriffene Kurbel zu drehen und die wohlvertrauten Melodien klangen hinab ins enge Tal über die gelben Teppiche der Rapsfelder hin zum Waldrand, bis der Wind sie verwehte. Leise summten die Kinder mit. Im Kreis umstanden sie den Musikanten, ernsthaft, hingegeben, dankbar.

Sie blieben unbeweglich stehen wie ein Grüppchen Verlorener und schauten dem Gefährt mit Eselchen und dem wunderlichen Fuhrmann lange nach, wie sie talab karrten, immer wieder den Blicken entzogen bis hin zur langen, staubigen Wegegeraden.

Kleiner wurden Ägidius, Eselchen und Wagen, endlich pünktchenwinzig in ockerfarbenen Staubwolken, bis sie in den Grünwogen der Eifelwälder verschwanden. Über dem Tal kreiste unaufhörlich ein Habichtpaar, getragen vom warmen Aufwind der Felder, kaum hörbar ihr Schrei, spitz, klagend. Und die Stille, die große Stille der Wälder breitete sich über Straße und Dorf. Jene Stille aus Weltverlorenheit und Einsamkeit, in der Worte noch ihre Bedeutung hatten, Stille, aus der die Zeit geboren wurde, die Mensch und Tier damals noch füreinander besaßen. —

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