Das grüne Kleid der Eifeldörfer – Vielfältige Natur auch vor der Haustür erhalten

Das grüne Kleid der Eifeldörfer

Vielfältige Natur auch vor der Haustür erhalten

Dr. Bruno P. Kremer

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Die landschaftliche Einbettung von Jammelshofen betont Naturnähe, die Durchgrünung des Dorfes
zeigt viele schützenswerte Elemente.

Kein Zweifel – unsere Dörfer und ländlichen Siedlungen haben in den letzten Jahrzehnten einen tiefgreifenden Wandel erfahren. Es begann mit Veränderungen der wirtschaftlichen und – begleitend dazu – auch der sozialen Rahmenbedingungen, die folgerichtig im äußeren Erscheinungsbild der ländlich-dörflichen Wohngemeinden ihren Niederschlag fanden. So sehr diese Entwicklungen die Lebensumstände insgesamt verbesserten, so folgenreich waren sie aber auch für das gesamte gewachsene Kulturgut. Manches alte Gebäude verschwand, weil es durch Aufgabe traditioneller Wirtschaftsformen im bäuerlichen oder handwerklichen Bereich plötzlich funktionslos wurde und soweit verfiel, bis sein Abriß schließlich unvermeidbar war. Die entstandenen Lücken im bestehenden Baugefüge füllte man mit neuen, oft genug aber völlig gesichtslos modernen Baukörpern mit dem fatalen Ergebnis, daß sich die Dörfer als gewachsene, von der Landschaft und ihrer Geschichte geprägte Raumeinheiten bis hin zum Identitätsverlust veränderten. Viel zu spät hat die kulturlandschaftliche Denkmalpflege auf diese besondere Herausforderung reagiert und sich der gezielten Erhaltung denkmalwerter dörflicher Bausubstanz angenommen. So blikken wir heute vielfach mit nostalgischer Wehmut auf alte Fotos aus der Landschaft des Ahrtals mit vielen liebenswerten Gebäudeensembles, die es vor Ort schon längst nicht mehr gibt, Statt dessen sehen viele Dörfer auch in alten Kernbereichen häufig schon fast so aus wie die anonymen Rand- und Neubausiedlungen der Städte. Das Atmosphärische eines Dorfes in alter, historisch gewachsener Siedlungsform umfaßt nun aber nicht nur bilderbuchreife Fachwerkhäuser oder andere Baudenkmäler mit besonderer Funktion (Mühlen, Brücken. Backhäuser). Zum spezifischen Bild der dörflichen Siedlung gehören unzweifelhaft auch die unterschiedlichen Qrünstrukturen -landschaftstypische Strukturelemente, die weit in den Siedlungsbereich vordringen, und ebenso auch flächige Grünbestandteile, die so nur in den Freiflächen des Dorfes selbst entstehen konnten. Diese natürlichen oder doch weitgehend naturnahen Elemente, die letztlich sogar das Unverwechselbare des ländlichen Lebensraumes ausmachen, in ihrer tatsächlichen Bedeutung aber vielfach verkannt werden, verdienen eine besonderen Schutz ebenso wie die in der öffentlichen Einschätzung wesentlich besser renommierte Denkmalsubstanz. Da die traditionellen Grünstrukturen als lebendiges Kulturgut aufzufassen sind, gehören sie gleichermaßen in den besonderen Aufgabenbereich von Denkmalpflege und Naturschutz. Bei den Bemühungen um deren Erhaltung, Pflege oder Neuentwicklung geht es sicher nicht nur darum, besonders dekorative Schmuckstücke des Wohnumfeldes im Dort zu bewahren. Eigentlich steht dabei sehr viel mehr auf dem Spiel, nämlich die Sicherung einer möglichst großen Vielfalt siedlungstypischer Lebensräume und letztlich das geordnete Funktionieren des Naturhaushaltes auch im Bereich der unmittelbaren menschlichen Umwelt. Ein intaktes Dorf ist eben nicht nur Arbeits- oder Wirtschaftseinheit, sondern immer auch Lebens- und Erlebnisraum. Die überschaubaren Abmessungen einer dörflichen Siedlung sind im Unterschied zur gesichtslosen (Groß-)Stadt ein besonderes Stück Lebensqualität, die man nicht leichtfertig aufgeben sollte. Lenken wir doch einmal den Blick auf die verschiedenartigen Elemente, aus denen sich das belebende, anreichernde, durchgliederte Dorfgrün zusammensetzen kann. Bei Dörfern, deren Neubaugebiete nicht einfach in die freie Landschaft hinauswuchern, findet sich an den Dorfrändern zwischen dem engeren Siedlungsraum und der freien Flur fast immer ein umkleidender Gehölzsaum aus Gebüschen, Strauchzeilen, einzelnen Wetterbäumen oder Baumgruppen. Viele Dörfer der Ahr- und Rheineifel erscheinen aus der Entfernung auch heute noch wie große, in die offene Landschaft gruppierte Gehölzinseln, vor allem dann, wenn die üblicherweise völlig unsensible Flurbereinigung die umliegenden Agrarnutzflächen weithin ausgeräumt hat. Beispiele für diese landschaftliche Gesamtsituation sind unter anderem viele Ortschaften innerhalb der Gemeinde Grafschaft. Zum typischen Aspekt gerade der rheinischen Dörfer in den unteren Mittelgebirgslagen gehören Gürtel alter Baum- beziehungsweise Streuobstwiesen, die hin und wieder durchsetzt sind mit Mähwiesen oder dorfnahen Viehweiden. Auch diese für die traditionelle Kulturlandschaft so wichtigen und ökologisch ungemein bedeutsamen Obstholzbestände finden sich in eindrucksvollen Beispielen an mehreren Stellen des Kreisgebietes, unter anderem an den sanfter geneigten Hängen des Brohl- oder des Vinxtbachtales. Die aussschließlich mit Hochstammsorten bestückten Baumwiesen schließen sich gewöhnlich dicht an die Gemüse- und Kräutergärten an, die fast immer unmittelbar an den bäuerlichen Wohn- und Wirtschaftsgebieten liegen oder auch die freien Parzellen zwischen den einzelnen Anwesen einnehmen.

Baumgärten, mitihrerausgeprägten Funktionsvielfalt als Nutz-, Zier-, Aroma-, Heilpflanzen-und Blumengarten ein äußerst interessantes Dokument bäuerlicher Kultur, waren bis vor wenigen Jahrzehnten ein völlig unverzichtbarer Bestandteil im Bild des Dorfes. Reste bemerkenswerter bäuerlicher Gärten des traditionellen Zuschnitts kann man beispielsweise in Buchholz südlich des Brohltals oder Teilbereichen des mittleren Ahrtals erleben. Vielfach blieben hier die Haus- und Hofeinfahrten noch völlig unversiegelt, so daß sich auf den offenen Stellen eine artenreiche, gewöhnlich auch sehr bunte Wildkrautflur mit vielen bemerkenswerten Arten entwickeln kann. Zum Anwesen gehört(e) außerdem ein besonders großwüchsiger Hausbaum oder sogar eine ganze Gruppe von Hofgehölzen. Größere Hausschutzhecken, wie sie die alte Kulturlandschaft der nordwestlichen Eifel aufweist, kamen im Gebiet des Kreises Ahrweiler indessen auch früher nicht vor.

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Bäuerliche Nutzgärten mit der traditionellen Funktionsvielfalt (ein Bildbeispiel aus dem Sahrtal bei Kirchsahr) sind 
siedlungsökologisch wichtige Teillebensräume.

Zur kompletten Ausstattung eines Dorfes gehört schließlich auch noch das sogenannte Dorfgemeinschaftsgrün – die Baumreihen entlang der Straßen und größeren Flurwege, die artenreichen Gebüsche im Saum der Wirtschaftswege zwischen den Wingerten. die Dorflinde (früher häufig auch Dorfulme) auf dem Zentralplatz, eventuell auch noch eine Dortwiese, ein gehölzumsäumter Feuerlöschteich, ein Wasserlauf mit gestutzten Kopfweiden oder ein Kirchhof mit altem Baumbestand. Schon allein diese Aufzählung klingt wie ein Bestandskatalog aus einer anderen Zeit oder eine Idylle, wie sie vielleicht nur eine romantisierende Zeichnung oder ein Gemälde wiedergeben können. Der genauere Blick in unsere rheinischen oder Eifeler Dörfer zeigt indessen, daß es Restanteile dieser Ausstattung ja durchaus noch gibt und daß es eine sehr vielfältige, abwechslungsreiche Durchgrünung des Wohn- und Wirtschaftsraumes Dort sozusagen als Standard tatsächlich einmal gegeben hat.

Das bunte Nebeneinander von Flächen, die der Mensch bewirtschaftet und stetig verändert, und von Ecken oder Winkeln, welche die Natur sich spontan zurückerobert, macht den eigentlichen Reizdertraditionellen Kulturlandschaftaus. Nur unter dem Einfluß des Menschen ist diese erstaunliche Vielfalt überhaupt erst zustandegekommen.

Von Natur aus wäre nahezu die gesamte Eifel auch im Umkreis des Ahrtals ein weithin geschlossenes Waldland, in dem die Buche das wichtigste waldbildende Gehölz ist. Diese Naturlandschaft, wie sie etwa bis zum Beginn der historischen Zeit bestand, war eigentlich ziemlich einförmig und sogar vergleichsweise arm an Pflanzen- und Tierarten. Mit der Auflichtung der zusammenhängenden Waldbestände über Rodungs- und Siedlungsinseln hat der Mensch diese zusammenhängende Pflanzendecke aufgebrochen und großenteils durch ganz neuartige Lebensräume ersetzt.

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An öffentlichen Gebäuden bieten sich vielerlei Möglichkeiten einer Begrünung bzw. 
Grüneinbindung nach siedlungsökologischen Aspekten: Vorbildliche Lösung in Remagen-Ödingen.

Die Naturlandschaft wandelte sich unversehens zur Kulturlandschaft. Unter ökologischen Gesichtspunkten ist ihr auffälligstes Kennzeichen die überaus abwechslungsreiche Durchgliederung mit Kleinbiotopen, die ihre Entstehung nur der Landwirtschaft und der Siedlung verdanken.

Seinen Höhepunkt fand der Prozeß der anreichernden landschaftlichen Durchgliederung zur Zeitder vorindustriellen, kleinbäuerlichen Landwirtschaft. Keine Kulturlandschaft ist nämlich so reichhaltig mit Saum- und Insellebensräumen durchsetzt wie eine auf kleinen Parzellen und unzusammenhängenden Stücken bewirtschaftete Acker-, Grünland- oder Rebflur. Mit ihren Rainen, Hecken, Gebüschen, Gehölzsäumen, Baumgruppen, Krautbeständen, Kleingewässern, Lesesteinhaufen, Trocken- und Stützmauern, Obstgärten, Gänseangern oder ähnlichen Bestandteilen bot sie enormen Abwechslungsreichtum auf engem Raum.

Auch mit den Lehm-, Holz- oder Werksteinbauten, mit Sand-, Kies- und Steinwegen, mit offenen Haus- und Hofplätzen erhöhte sich die in der rheinischen Naturlandschft ursprünglich nicht vorhandene Biotopvielfalt. Im Laufe nur weniger Jahrhunderte folgten dem Menschen zahlreiche Pflanzen- und Tierarten aus völlig anderen Klima- und Verbreitungsgebieten in diese neu geschaffenen Kleinlebensräume.

Im Ahrtal wirkt der besondere Klimacharakter noch zusätzlich anreichernd. Die steil aufragenden Schichtgesteine des Unterdevon, auf denen sich heute die weit über die Region hinaus bekannten Rebfluren ausdehnen, weichen in ihrem Kleinklima deutlich vom Witterungsverlauf in den Nachbarräumen ab.

Während sonst das Klima der rheinseitigen Eifel eher atlantische Züge trägt, zeichnet sich das Engtal der Ahr mit seinen besonderen Temperatur- und Niederschlagswerten durch eine gewisse Kontinentalität aus. Das spezielle Arteninventar der Kleinbiotope im Saum der Rebfluren ist für das gesamte nördliche Mittelgebirge absolut einzigartig: Hier erreichen zahlreiche Pflanzen- und Tierarten (darunter viele von der roten Liste der bedrohten Arten) die Nordgrenze ihrer Verbreitung in Europa. Die meisten besetzen, ebenso wie der regionaltypische Weinbau, sogar nur noch eine vorgeschobene Verbreitungsinsel.

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In der Kulturlandschaft sind die alten Streuobstwiesen ökologisch äußerst wertvolle und unbedingt schützenswerte Anreicherungselemente. Bildbeispiel aus dem Brohltal.

Erhaltungsfähig sind diese sensiblen Lebensräume allerdings nur dann, wenn das vielfältige Biotopmosaik der herkömmlichen Reblandschaft bewahrt wird. Die Rebflurbereinigung der letzten Jahre hat hier nicht nur die kleinteilige Verzahnung höchst unterschiedlicher Lebensräume weggeräumt, sondern die ehedem so erlebnisreiche Tallandschaft der Ahr zu einer verwechselbaren Industrielandschaft umgebaut.

Entsprechend stellt sich die Realität in den dörflich-ländlichen Siedlungen dar, wo mancherlei Wandel die Lebensraumvielfalt ebenfalls sichtlich eingeengt hat. Die Verwendung neuartiger Baumaterialien oder Bauformen verunziert nicht nur das Gesamterscheinungsbild des Wohn- und Erlebnisraumes, sondern geht weiterhin zu Lasten der Lebensraumfunktion. Fassaden, die mit Wellblech, Asbestzement oder Einheitsklinker verkleidet wurden scheiden für eine Belebung durch Fugenbewohner völlig aus.

Von Höfen und Plätzen mit flächendeckender Asphaltversiegelung wurden die Wildkräuter restlos verdrängt. Schwalben suchen in solcher Umgebung vergeblich nach Pfützen, aus denen sie das Baumaterial für ihre Nester entnehmen könnten. Die rundum verschlossenen Dachstühle auch der ländlichen Wirtschaftsgebäude lassen keinen Unterschlupf mehr für Fledermäuse oder Schleiereulen.

Auf Brachflächen oder an Wegsäumen, welche die chemische Sense bewuchsfrei hält, ist auch kein Raum mehr für bunte Schmetterlinge. Das dörfliche Grün beschränkt sich vielfach auf Kleinflächen mit geschorenem Zierrasen, ein paar Zwergkoniferen und allenfalls einem Waschbetonkübel mit Stiefmütterchen oder Geranien – eine Entwicklung, die in den Randgebieten der Städte begann und viele Dörfer so radikal erfaßt hat, daß auch hier keine Lebensraumvielfalt mehr vorhanden ist und damit eben auch besondere Erlebnisräume für den Menschen fehlen. Viele Dorfteile erwecken heute den Eindruck, als sei im Siedlungsraum kein Platz mehr für Natur oder Naturnähe, obwohl das Dorf ein Nutzraum inmitten einer Landschaft ist und landschaftliche Strukturelemente einfach zu seinem charakteristischen Erscheinungsbild gehören müssen.

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Schützenswerte Kleinlebensräume der Kulturlandschaft sind die Trockenmauern in den Rebfluren
des Ahrtals. Speziell das brachliegende Rebland bildet wichtige Rückzugsbiotope für zahlreiche bedrohte Arten.

Anreichernde, wiederbelebende Durchgrünung ist also unverzichtbar, wenn ansprechendes Aussehen und Erlebniswert eines Dorfes, kurz sein gesamter landschaftsspezifischer Charme, erhalten bleiben soll. Innerhalb des Aktionsrahmens „Ökologische Dorferneuerung“ bieten sich viele Möglichkeiten für kommunale und private Initiativen an, mit denen vielfältig dörfliche Grünstrukturen bewahrt, ergänzt oder neu angelegt werden. Zum Glück hat auch im Bewertungskatalog des Wettbewerbs „Unser Dorf soll schöner werden“ ein an ökologischen Kriterien orientierter Wandel stattgefunden, denn bis vor kurzem haben viele vermeintlich dorfverschönernde Maßnahmen paradoxerweise den Verlust an traditionellem Strukturgefüge eher gefördert. Es lohnt sich, der zunehmenden Verarmung unserer Siedlungslandschaft mit neuen Konzepten zu begegnen, denn Naturnähe gerade im ländlichen Wohnumfeld ist ein Stück Lebensqualität, zu dem das Blech- und Steinchaos einer Stadt niemals mehr zurückfinden kann.

Literatur:

B.P. Kremer. N. Caspers: Das Ahrtal. Rheinische Landschaften 23 Neuss 1982.
B.P. Kremer: Schützenswerte Lebenräume der Kulturlandschaft, Aufsatzserie in der Zeitschrift Rheinische Heimatpflege 1990-1992 Landschaftsverband Rheinland (Hrsg.): Kulturlandschaftspflege im Rheinland Beiträge zur Landesentwicklung Nr.46, Köln 1992 H.Markl: Natur als Kulturaufgabe. Stuttgart 1986. J. Reichholf: Siedlungsraum. Zur Ökologie von Dorf, Stadt und Straße München 1989.