20. Juli 1944 – Das Gewissen steht auf – Philipp Freiherr von Boeselager und der militärische Widerstand

20. Juli 1944 – Das Gewissen steht auf

Philipp Freiherr von Boeselager und der militärische Widerstand

Prof. Dr. Antonius John

Der 20. Juli 1944 wird für immer zu den denkwürdigsten Tagen der deutschen Geschichte zählen. Wenn er sich jetzt zum fünfzigsten Mal jährt, dann verbinden wir damit in unserem Lande die Erinnerung an das Aufbegehren und den Aufstand von aufrechten Offizieren gegen die verbrecherische Herrschaft Adolf Hitlers. Der Kreis Ahrweiler ist stolz, daß einer seiner Einwohner zu den Männern gehört, die damals den „Aufstand des Gewissens“ wagten. Es handelt sich um Philipp Freiherr von Boeselager auf Burg Kreuzberg/Ahr.

Wenn man von einer wirklich konzentriert-starken Gruppe des militärischen Widerstandes innerhalb der Wehrmacht sprechen kann, so gilt das für den Stab der Heeresgruppe Mitte an der Ostfront. Es war Henning von Tresckow, der Erste Generalstabsoffizier – zunächst Oberst, dann Generalmajor – der durch geschickte Personalpolitik die richtigen Leute an die richtige Stelle setzte. Tresckow stammte aus der preußischen Militärtradition und hatte noch als ganz junger Mann im 1. Garderegiment zu Fuß am Ersten Weltkrieg teilgenommen. Er genoß in der Armee und darüber hinaus höchstes Ansehen. Nach den Morden Hitlers im Juni 1934 im Zusammenhang mit dem sog. „Röhm-Putsch“ hatte er erkannt, welches Unglück Hitler und seine Partei für Deutschland waren. Zunehmend wuchs in ihm die Erkenntnis über das Verbrecherische dieses Systems. Als es keine andere Möglichkeit mehr gab, faßte er schließlich den Entschluß, Hitler durch ein Attentat auszuschalten.

Wir können uns heute kaum vorstellen, was es bedeutete, sich zu einer solchen Idee und dem Entscheid, sie auszuführen, durchzuringen. Tresckow und seine Mitkämpfer machten Gewissensqualen durch, als Christen und als Soldaten. Nachdem man aber zum Handeln bereit war, war die Diskussion über dieses Thema beendet. Jetzt ging es nur noch um das Handeln. Alle Beteiligten wußten, daß sie damit auch über ihr eigenes Leben entschieden hatten. Sie kannten die Gefahren, in die sie sich begeben hatten, sie waren bereit, ihr Leben einzusetzen.

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Philipp Freiherr von Boeselager

Zentralfigur Tresckow

Die Ausstrahlungskraft Tresckows, seine Tugenden, die sich in Gottesfurcht, Treue, Moral, Bescheidenheit. Pflichtbewußtsein und Achtung vor der Tradition äußerten, sowie sein klarer Verstand machten ihn nicht nurzum Mittelpunkt der Verschworenengemeinschaft, sie setzten auch die Maßstäbe für das Denken und Handeln seiner Freunde. Wer in den Kreis der Verschwörer trat, hatte in freier Entscheidung und Verantwortung allen Halbherzigkeiten abgeschworen und an die Stelle von Vorbehalten die Totalität einer Bereitschaft gesetzt, das Leben zu opfern, wenn es gefordert wurde. Wer ist heute überhaupt noch in der Lage, solche Konsequenzen zu verstehen?

Nachdem alle von 1938 – 1942 auf den Sturz oder die Beseitigung Hitlers abzielenden Versuche fehlgeschlagen waren, wurden seit 1943 von Tresckow neue Pläne ausgearbeitet. Auch diese brachten nicht den erwünschten Erfolg. Tresckow ließ aber von seiner Absicht nicht ab. Sie erhielt einen neuen Impuls, als er in der Person des Grafen Stauffenberg einen Offizier gefunden hatte, der ebenfalls persönlich zu einem Attentat bereit war und Zugang zu Hitler hatte.

Zu den mit Tresckow besonders eng Vertrauten gehörte der Kavallerieoffizier Philipp Freiherr von Boeselager. Er war ein hervorragender Soldat, am Ende des Krieges Major und Kommandeur eines Reiterregiments, erst 27 Jahre alt und mit dem Ritterkreuz ausgezeichnet.

Boeselager war durch sein familiäres Umfeld stark geprägt worden.

Aus diesen Gegebenheiten erwuchs sein Entschluß, das System des Nationalsozialismus zu bekämpfen. Der 1917auf Heimerzheim bei Bonn Geborene wurde in seiner Persönlichkeit vor allem durch folgendes bestimmt: die Herkunft aus rheinischem katholischem Adel, Erziehung bei den Jesuiten, militärische Ausbildung bei einem traditionsreichen Reiterregiment unter Friedensbedingungen und die Pflege von soldatischer Moral.

Freunde berichten, daß das Judenpogrom im November 1938 seine Gegnerschaft zum Nationalsozialismus in besonderer Weise verstärkt habe. Einige halten es sogar für denkbar, daß er, sein Bruder und andere Angehörige des Paderborner Reiterregiments sich nach dem Grundsatz der Notwehr aktiv zum Schutz der verfolgten Juden eingesetzt hätten, wenn man in jener Nacht nicht außerhalb der Garnison gewesen wäre. Wie dem auch gewesen sei, es ist eine Tatsache, daß nach jenem 9. November innerhalb der Truppe diskutiert wurde, ob hier nicht tatsächlich die Anwendung der Notwehrbestimmung angebracht gewesen wäre, die ja auch für den Fall der Abwehr der Gefahr von Leib und Leben Dritter gilt.

Ritterlichkeit

Um ein Bild von der Persönlichkeit des Philipp von Boeselager zu gewinnen, sei von einem Ereignis im Frankreichfeldzug von 1940 berichtet, in welchem Ritterlichkeit und Geradlinigkeit als typische Merkmale sichtbar wurden. Boeselager war damals Adjutant einer Aufklärungsabteilung. Kurz vor Ende des Feldzuges – die Abteilung sollte noch ein Dorf angreifen – hörte der Chef einer unterstellten Artillerieeinheit über Rundfunk von einem Waffenstillstandsangebot Marschall Petains. Der Artillerieoffizier teilte Boeselager die Neuigkeit mit, der sie sofort dem Ersten Generalstabsoffizier der Division Major Freiherr von Gersdorff weitergab. Dieser war zur Abteilung gekommen, um sich über den Kampfverlauf zu orientieren. Gersdorffer spielte später im Widerstand eine zentrale Rolle – entschloß sich sofort mit Boeselager als Parlamentär zu den Franzosen zu fahren. Ein Trompeter mit weißer Fahne vervollständigte die Gruppe. Am Rand des nächsten Ortes stießen die Deutschen auf einen französischen Posten, der nach dem Begehr der deutschen Offiziere fragte und sie zu seinem Bataillonsführer brachte. Dieser geleitete sie – nachdem ihnen die Augen verbunden waren, zu seinem Gefechtsstand. Es stellte sich heraus, daß der französische Offizier von einem Waffenstillstand noch nichts gehört hatte. Er habe den Auftrag den Ort bis 19 Uhr zu verteidigen, er werde diesen Befehl auch ausführen. Da es inzwischen schon gegen 17 Uhr geworden war, einigte man sich darauf, daß der Ort gegen 19.05 Uhr von den Deutschen besetzt würde. Nach einem Uhrzeitvergleich verabschiedeten sich die Offiziere, die Posten salutierten.

Gersdorff fuhr sofort zum Divisionsstab zurück, und gab Boeselager den Befehl, für die Einhaltung der Verabredung zu sorgen. Die Ausführung dieses Befehls war aber mit Komplikationen verbunden. Es tauchte nämlich in Boesela-gers Bereich der Kommandeur eines zur Division gehörenden Infanterieregiments auf und erkundigte sich nach der Feindlage. Boeselager meldete ihm den Stand der Dinge und gab Auskunft über seinen Auftrag. Dem Kommandeur paßte offenbar die Sache nicht. In seinem Regiment wurde damals kolportiert, daß er noch vor Ende des Feldzuges „Lorbeer und Ruhm“ erwerben wollte, weshalb er wohl vorhatte, hier und jetzt das Dorf im Sturm zu nehmen. Jedenfalls ignorierte er die Einwände Boeselagers und wollte gleich zur Tat schreiten. In Verzweiflung und Zorn reagierte Boeselager, zog seine Pistole und richtete sie auf die Brust des Oberst. Dabei wiederholte er noch mal den ihm von Gersdorff gegebenen Auftrag und daß jener und er selbst dem französischen Offizier ihr Ehrenwort gegeben hätten, erst 19.05 Uhr vorzurücken. Der Oberst begriff wohl, daß Boeselager es ernst meinte und dieser notfalls schießen würde. Wutschnaubend fuhr er zu seinem Regiment zurück.

Dieses Ereignis ist ein guter Anlaß, sich heute daran zu erinnern, daß es auch im Zweiten Weltkrieg noch Ritterlichkeit und Ehrgefühl gegeben hat. Philipp von Boeselager gehörte zur Schar derer, die diese Tugenden noch ganz hoch ansiedelten. Sie trugen dazu bei, daß im Kriege nicht alle Menschlichkeit verkam.

Als er nach schwerer Verwundung als Ordonnanzoffizier bei dem Oberbefehlshaber der Heeresgruppe Mitte Generalfeldmarschall von Kluge von den Massentötungen und Verbrechen dersogenannten Einsatzkommandos hörte, gab es für Philipp von Boeselager keine Alternative: sein Leben galt der Verteidigung des Vaterlandes, aber ebenso dem Kampf gegen das verbrecherische System Hitlers. Mit dieser Einstellung gelangte er in den Verschwörerkreis von Tresckow, wo er sofort wichtige Aufgaben übernahm: denn als Ordonnanzoffizier bei Feldmarschall von Kluge hatte Philipp von Boeselager viele Möglichkeiten, im Sinne von Tresckow Offiziere anzusprechen, von denen er der Meinung war, daß sie sich dem Widerstand zur Verfügung stellen würden oder sollten. Hierzu gehörte auch sein älterer Bruder Georg, der als Reiterführer in der Armee einen hervorragenden Ruf genuß und schon im Feldzug gegen Frankreich 1940 das Ritterkreuz erworben hatte (er erhielt 1942 das Eichenlaub zum Ritterkreuz und posthum noch die Schwerter: er gehörte damit zu den höchst dekorierten Soldaten der Wehrmacht). Georg von Boeselager hatte nach schweren Einsätzen im Feldzug gegen Rußland einen Lehrauftrag an der Waffenschule für Schnelle Truppen in Krampnitz übernommen und war sodann zur Deutschen Heeresmission in Rumänien als Ausbilder der jungen Kavallerieoffiziere versetzt worden.

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Oberstleutnant Georg Freiherr von Boeselager, Kommandeur der 3. Kavalleriebrigade

Als Georg während dieser Zeit Urlaub erhielt, wollte er seine alte Schwadron besuchen. Um nicht zuviele Urlaubstage zu verlieren, verschaffte ihm sein Bruder Philipp von Boeselager mit Genehmigung des Feldmarschalls von Kluge die Möglichkeit, mit einer Kuriermaschine nach Smolensk, unweit des Hauptquartiers der Heeresgruppe Mitte zu fliegen.

Diese Initiative Philipp von Boeselagers sollte zu einem wichtigen Ereignis der Geschichte des militärischen Widerstandes werden. Sie führte nämlich einen der fähigsten und bekanntesten Kavalleriekommandeure zum „organisierten Widerstand“. Darauf hatte Philipp von Boeselager von Anfang an gesetzt. Feldmarschall von Kluge erlaubte sogar, daß Georg von Boeselager in der Unterkunft des Feldmarschalls Quartier beziehen konnte.

Nun ging alles sehr schnell voran, obwohl man die Sache selbst nicht allzu direkt in den Vordergrund stellte. Man hätte sie gefährden können, weshalb auch Umwege eingeschlagen wurden. So trug bei einem Abendessen der junge Reiterführer vor, die Reiterschwadronen aus den Divisionen herauszuziehen, da sie dort nicht zweckentsprechend eingesetzt würden. Es gelang ihm, Feldmarschall Kluge von der traurigen Lage früher einmal stolzer Schwadronen zu überzeugen. Seine ehemals eigene Schwadron bot hierzu reichlich Anschauungsmaterial.

Georg von Boeselager schlug vor, aus diesen Schwadronen, die über ausgezeichnete Offiziere verfügten, ein Reiter-Regiment aufzustellen. Dieses Reiter-Regiment sollte durch voll geländegängige, motorisierte, schwere Waffen verstärkt als Einsatzreserve der Heeresgruppe zur Verfügung stehen. Kluge war von der Aufstellung eines solchen Verbandes sehr angetan und sagte am nächsten Morgen zu Georg: „Bitte gehen Sie zu Tresckow und regeln Sie mit ihm alle Einzelheiten“. Bei dieser Arbeit lernten Tresckow und Georg von Boeselager sich kennen und schätzen. Beide lehnten den Nationalsozialismus aus religiösen und moralischen Gründen zutiefst ab. Tresckow hatte nun für seine Attentatspläne einen Kommandeur gefunden, auf den er sich verlassen konnte. Georg von Boeselager schuf eine Truppe, die direkt der Heeresgruppe und damit Tresckow unterstand. Tresckow und die beiden Boeselager-Brüder waren fest davon überzeugt, auf diese Weise für den Sturz Hitlers eine zuverlässige Einsatztruppe zur Verfügung zu haben. Generalfeldmarschall von Kluge wird die Zusammenhänge wohl geahnt haben, er vermied es aber, sich in dieser Sache zu exponieren.

Der Reiterverband Boeselager

Am 14. Januar 1943 erging der Befehl zur Aufstellung des Verbandes, zunächst in einer Stärke von etwa 1.200 Mann. Kern der Truppe war die Reiterschwadron der Aufklärungsabteilung der 6. Infanteriedivision. Im Februar kamen noch 350 Kosaken dazu. Man erhielt auch schwere Waffen in Form von 10,5 cm Leicht-Geschützen, schweren Granatwerfern und schweren MGs. Im März 1943 erfolgte der Ausbau zum Kavallerieregiment Mitte. Das Regiment hatte schließlich 6.200 Mann und war so stark wie eine sowjetische Kavalleriedivision. Zur Bewaffnung waren inzwischen auch schwere Pak, Nebelwerfer und Panzerspähwagen hinzugekommen.

Während des Jahres 1943 wurde das Regiment an Brennpunkten der Heeresgruppe eingesetzt und hatte schwere Kämpfe zu bestehen. Zum Reiterverband traten im Laufe des Jahres eine Pionier-Gruppe, ein weiterer Pak- und ein Flakzug. Außerdem wurde eine Panzerkompanie angegliedert. Das Boeselagerregiment erhielt als eines der ersten das neue Sturmgewehr. Die Feuerkraft zweier solcher Gewehre entsprach der eines Maschinengewehrs. Philipp von Boeselager, damals Rittmeister, übernahm eine Abteilung (entsprechend einem Bataillon) des Regiments. Es ist hier nicht der Ort, die Einsätze des Regiments in den Jahren 1943/44 zu beschreiben. Es stand überall seinen Mann. Benachbarte und andere Einheiten und Verbände blickten mit Neid und Respekt auf die Reiter Boeselagers, mit Neid wegen der unkonventionellen Organisation, mit Respekt wegen der hervorragenden Leistungen. Es war immer eine Ehre für eine nicht zum Regiment gehörende Einheit, ihm auf Zeit zugeteilt oder unterstellt zu werden.

Die Truppe Boeselager hatte allerdings noch nicht die endgültige Form gefunden. Das Regiment wurde nämlich aufgestockt zu einer Brigade, zur 3. Kavalleriebrigade. Die Soldaten nannten sie kurz und bündig Brigade Boeselager. Aus zwei anderen Reiterregimentern, nämlich dem Kavallerieregiment Nord und dem Kavallerieregiment Süd, wurde die 4. Kavalleriebrigade gebildet. Diese beiden Brigaden und die 1. Ungarische Kavalleriedivision wurden zum Kavalleriekorps Harteneck zusammengestellt. Die Reitertruppe schien eine neue Zukunft zu haben.

Armee im Kleinformat

Die 3. Kavalleriebrigade, deren Aufstellung Georg von Boeselager durchführte und deren Kommando er nach zwei Interimskommandeuren übernahm (man tat sich zunächst sehr schwer, einen 29jährigen Offizier mit der Führung eines Verbandes zu beauftragen, der praktisch Divisionsstärke hatte), bestand aus zwei Reiterregimentern, von denen das eine von dem 27jährigen Philipp von Boeselager aufgestellt wurde, zwei Artillerieabteilungen, einer Sturmgeschützabteilung, einer schweren Abteilung mit Schützenpanzern, einer Panzerkompanie und einer Flak-Kompanie. Außerdem gehörten dazu eine Kosakenabteilung, eine Pionierkompanie, eine Nachrichtenabteilung, eine Feldersatzabteilung und eine Versorgungstruppe. Die Brigade war auf einen Soll-Bestand von rund 13.000 Mann ausgelegt, der Ist-Bestand erreichte eine Größe von über 10.000 Mann. Hier haben wir wohl einen der interessantesten Verbände der gesamten Wehrmacht vor uns, in seiner Struktur einmalig, es war das Werk Georg von Boeselagers, bei dessen Erstellung ihm sein Bruder Philipp mit allen Kräften beigestanden hatte. Der Verband war eine komplette Armee im Kleinformat. Es gab natürlich Schwierigkeiten bei der Aufstellung: Mängel in der Ausbildung der zugeführten Kontingente, zu geringer Pferdebestand und ausgebliebene Materialausstattung. Boeselager überwand diese Widrigkeiten. Als die Heeresgruppe Mitte im Sommer 1944 zusammenbrach – die 4., 9. und 3. Panzerarmee mit 25 Divisionen zerschlagen wurden – waren es vor allem die Soldaten der Boeselager-Brigade, die immer wieder den Vormarsch des Feindes stoppten und mancher Infanteriedivision das Lösen vom Feinde ermöglicht haben. In jenen schweren Wochen bekam die Brigade an der Ostfront einen legendären Ruf. Allein sie in der Nähe zu wissen, hat bei anderen Einheiten oft Verzagtheit behoben. Die Brigade war zu einer Elitetruppe in schwersten Abwehrkämpfen geworden. Und doch hatte ihre Aufstellung und ihre Organisation noch ein weiteres Ziel: Sie sollte die Kerntruppe zum Aufstand gegen die Herrschaft der Nazi-Dikta-turwerden. Boeselagerwartete mit seinem Bruder und den engsten Vertrauten auf den Einsatzbefehl von General von Tresckow, der mit der Zentrale der Verschwörer im Oberkommando des Heeres in Berlin ständig in Verbindung stand.

Nun war die Aufstellung der Brigade die eine Seite der Vorbereitungen zur Beseitigung des Nazi-Systems, parallel dazu liefen Überlegungen zum Attentat auf Hitler. Die Planung eines Attentats warf tiefe ethische Probleme auf. Und nicht jeder, der bereit war, Hitler zu stürzen, konnte sich ohne Skrupel mit der Lehre von der Zulässigkeit des Tyrannenmords abfinden. Für den Soldaten kam hinzu, daß er einen Treueid auf seinen Obersten Befehlshaber geschworen hatte. So zogen es die Brüder Boeselager zunächst vor, ihre Truppe zur Ergreifung Hitlers einzusetzen, um ihn wegen Verletzung seiner Treuepflicht gegenüber Volk und Armee vor Gericht zu stellen.

Pistolenattentat

Erst nach Analyse aller Risiken kam man zu dem Schluß, daß ein Pistolenattentat der richtige Weg sei. Tresckow hatte herausgefunden, daß Hitler eine Schutzweste und in der Mütze Stahleinlagen trug. Daraus ergab sich, daß ein solches Attentat nur auf aller kürzeste Distanz durchgeführt werden konnte. Tresckow fragte bei Georg von Boeselager an, ob er bereit sei, den Auftrag zu übernehmen. Dieser sagte zu, wies aber auf die vielen Risiken hin und empfahl, mehrere zuverlässige Offiziere zu einer gemeinsamen Pistolenaktion zu bewegen, darunter auch Philipp von Boeselager. Damitkönn-te die Wahrscheinlichkeit des gezielten Schusses erhöht werden.

Gelegenheit bot sich, als für den 13. März 1943 ein Besuch Hitlers bei der Heeresgruppe Mitte angesagt wurde. Die Offiziere, darunter Philipp von Boeselager spielten das Vorhaben in allen Einzelheiten durch, Feldmarschall von Kluge war informiert. Das Attentat sollte beim Mittagessen im Casino der Heeresgruppe erfolgen. Der Reichsführer SS Himmler, der Hitler begleiten würde, sollte mit Hitler getötet werden.

Alles war vorbereitet, die Offiziere erwarteten den Tag in der Entschlossenheit, jetzt alles auf eine Kappe zu setzen, um Deutschland von seinem verbrecherischen Diktator zu befreien. Denn inzwischen hatten die Beteiligten reichlich Informationen über die Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten im rückwärtigen Frontgebiet. Das für den 13. März 1943 geplante Attentat kam im letzten Augenblick nicht zustande. Generalfeldmarschall von Kluge hatte es untersagt. Der Grund war wohl der, daß Himmler abgesagt hatte und Kluge einen Krieg im Kriege zwischen der Wehrmacht und der SS befürchtete. Hitler kam noch einmal davon. Georg und Philipp von Boeselager waren zutiefst enttäuscht, als Hitler nach dem „Frontbesuch“ ungeschoren abfliegen konnte.

Die Absage dieses Attentats konnte den Willen der Verschwörer zur Beseitigung Hitlers nicht lahmen. Im Gegenteil, sie erfuhren von immer mehr Verbrechen, die Hitler und seine Schergen anrichteten. Zudem hatte Philipp von Boe-selager in seiner Eigenschaft als Ordonnanzoffizier beim Oberbefehlshaber der Heeresgruppe Mitte und in anderen Funktionen wiederholt Gelegenheit, die Führungsspitze des Nazisystems, einschließlich Hitler, persönlich kennenzulernen. Was er hier an Eindrücken und in Gesprächen erfuhr, konnte ihn nur in seiner Widerstandshaltung bestärken. Neben Hitler und Himmler hat vor allem Bormann bei ihm tiefsten Abscheu erregt. Dieser Abscheu erwächst bei Boeselager nicht zuletzt aus seiner christlichen Grundhaltung und seinem religiösen Bekenntnis. So wird von einem Vorgang berichtet, der allerdings Ende 1944 datiert, also nach dem 20. Juli, zu einem Zeitpunkt also, wo man hätte erwarten können, daß sich die Verschwörer nach dem fehlgeschlagenen Attentat bedeckt hielten. Boeselager war damals zum Oberkommando des Heeres versetzt und wurde Zeuge eines Gesprächs, in welchem der Leiter des Personalamtes, der berüchtigte General Burgsdorf, das große Wort führte. Burgsdorf tönte in der Runde, daß nach den Juden, die Katholiken „vorgenommen“ und zunächst die katholischen Offiziere aus der Wehrmacht entfernt würden. Boeselager reagierte beiläufig, daß man dann gleich mit ihm beginnen könne. Der General wurde ganz verlegen und beschwichtigte, daß das so apodiktisch nicht gemeint sei. Bewährte Soldaten, vor allem Ritterkreuzträger, wären natürlich ausgenommen. Philipp von Boeselager verließ den Raum kommentarlos.

Neue Vorbereitungen

Zurück zum chronologischen Ablauf. Nach dem Scheitern des Attentatsversuchs vom 13. März wurde neu überlegt, wie man Hitler beseitigen könne. Generalmajor Stieff, Cheforganisator im Generalstab des Heeres, fragte als Mitverschworener bei Tresckow an, ob er ihm bei der Beschaffung einer Bombe behilflich sein könnte. Bei der Brigade Boeselager, die auch als Versuchstruppenteil galt, wurde u. a. englischer Sprengstoff erprobt. Philipp von Boeselager machte sich mit einem Koffer, in welchem Sprengstoff und Zünder verpackt waren, auf zum Hauptquartier des OKH nach Mauerwald in Ostpreußen. Es war damals ungewöhnlich, daß Truppenkommandeure ihre Koffer schleppten. Deshalb boten sich während der Reise immer wieder Soldaten an, die Last zu übernehmen. Philipp von Boeselager hatte Mühe, immer die richtige Ausrede zu finden, weshalb ersieh nicht von dem Gepäckstücktrennen wolle. Der Koffer wurde beim damaligen Ordonnanzoffizier des Generals von Koestring (der Kommandierender General der fremdländischen Hilfstruppen war) und Oberleutnant von Herwarth (später Botschafter und Staatssekretär in Bonn) übergeben. Die Hälfte des Sprengstoffs fand beim Attentat am 20. Juli Verwendung, der Rest wurde im Mauerwald vergraben, wo er wohl heute noch liegt.

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Kavallerieoffizier Philipp Freiherr von Boeselager, am Ende des Krieges Major und Kommandeur des Reiterregiments 41.

Nach dem Zusammenbruch der Heeresgruppe Mitte im Sommer 1944 spitzte sich die Lage immer mehr zu. Die Brigade Boeselager stand ununterbrochen im Einsatz, tauchte in den Flanken und im Rücken des Gegners auf. Sie trug wesentlich dazu bei, daß die sowjetischen Divisionen nicht schon in diesen Wochen und Monaten ungehindert bis ins Reichsgebiet einmarschierten. Die Frontlücke bei der Herresgruppe Mitte betrug immerhin rund 400 km. In dieser Situation war es für die Verschwörer äußerst wichtig zu wissen, wie sich Generalfeldmarschall von Kluge, der inzwischen Oberbefehlshaber an der Invasionsfront in Frankreich geworden war, bei der Durchführung des Attentats verhalten würde. Zur Klärung dieser Frage schickte Tresckow Georg von Boeselager zum Feldmarschall. Kluge wich einer eindeutigen Stellungnahme aus, Boeselager kehrte enttäuscht zur Front zurück.

Das Drama läuft ab

Jetzt aber kamen die Dinge trotzdem ins Rollen. Tresckow beauftragte Georg von Boeselager, aus seiner Brigade und einigen anderen Einheiten einen größeren Einsatzverband zu bilden, der nach einem gelungenen Attentat die Kontrolle in Berlin übernehmen sollte. Die Durchführung der Bereitstellung dieses Verbandes stand unter dem Befehl von Philipp von Boeselager, der aus dem von ihm aufgestellten Regiment 1.200 Mann herauszog und sie gen Westen in Marsch setzte, um jenen Punkt zu erreichen von wo sie durch Transportflugzeuge nach Berlin eingeflogen werden sollten. Der Tag des Umsturzes war also gekommen, es war der 20. Juli 1944. Der Ritt unter der Führung von Philipp von Boeselager erfolgte in einem Höllentempo, alte Grundregeln der Kavallerie wurden nicht beachtet, etwa jene, daß man auf Kopfsteinpflaster nicht traben darf, aber so geschah es, als z. B. Brest-Litowsk passiert wurde.

Am Nachmittag erhielt Philipp von Boeselager von seinem Bruder die Eilmeldung, daß der Weiterritt abzubrechen sei, und daß nun die Order gelte, so rasch wie möglich wieder nach Osten zurückzureiten. Auf der schriftlichen Mitteilung stand allerdings nur der Satz: „Alles in die alten Löcher“. Philipp von Boeselager war sich sofort des Inhalts bewußt. Es schien etwas schief gelaufen zu sein. Und wenig später bekam er die Nachricht, daß das Attentat nicht gelungen war.

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In der Burgkapelle Kreuzberg hält eine Gedenktafel die Erinnerung an Georg Freiherr von Boeselager wach

Das Ende

Die Rache Hitlers wurde schrecklich. Der äußere Höhepunkt warder Prozeß des Nazi-Richters Freisler gegen führende Widerständler vor dem Volksgerichtshof. Der Führer der Widerstandsgruppe der Heeresgruppe Mitte, Generalmajor Tresckow wählte nach dem Scheitern des 20. Juli den Freitod. Er tat es aus seiner Verantwortung für das Leben seiner Freunde. Denn er war nicht sicher, daß die schrecklichen und raffinierten Foltermethoden der Nazi-Häscher nicht auch ihm Namen von Mitverschwörern entlocken konnten. In der Nacht vor seinem Tode vermittelte er einem besonders eng Vertrauten, nämlich Fabian von Schlabrendorff, diese Sätze gewissermaßen als Vermächtnis: „Wenn einst Gott Abraham verheißen hat, er werde Sodom nicht verderben, wenn auch nur zehn Gerechte darin seien, so hoffe ich, daß Gottauch Deutschland um unseretwillen nicht verderben wird. Niemand von uns kann über seinen Tod Klage führen. Wer in unseren Kreis getreten ist, hat damit das Nessushemd angezogen. Der sittliche Wert eines Menschen beginnt erst dort, wo er bereit ist, für seine Überzeugung sein Leben hinzugeben…“

Sein Freitod bewirkte, daß viele seiner Freunde überleben konnten. Dazu gehörte auch Philipp Freiherr von Boeselager. Sein Bruder Georg, der legendäre Reiterführer fiel an der Spitze seiner Brigade Ende August 1944. Die Brigade selbst stand weiter im Einsatz bis zum bitteren Ende.

Philipp von Boeselager überstand den Krieg, allerdings um den Preis schwerer Verwundungen.

Bewährung danach

Nach seiner Rückkehr studierte er Volkswirtschaft, britische „Education“-0ffiziere nannten den aufrechten Widerständler „Ritterkreuzschwein“ und verfügten den Abbruch des Studiums. Mutige deutsche Professoren unterliefen dieses Verbot, sodaß er sein Studium abschließen konnte.

Von diesem Zeitpunkt ab verband sich das Leben von Philipp von Boeselager mit dem Kreis Ahrweiler, als er das Waldgut mit der Burg Kreuzberg an der Ahr übernahm. Er nahm sich der wirtschaftlichen und politischen Interessen der Waldbesitzer an, war Mitgründer des Kreiswaldbauvereins Ahrweiler, trat in den Vorstand des Waldbesitzerverbandes Rheinland-Pfalz ein, und war in vielen Gremien der Forstwirtschaft aller Sparten auf Landes- und Bundesebene und im internationalen Rahmen tätig. Schließlich stand er lange an der Spitze der Arbeitsgemeinschaft deutscher Waldbesitzer-verbände und hat in dieser Eigenschaft die deutsche Waldwirtschafts- und Forstpolitik wesentlich mitgeprägt. Dafür erhielt er u. a. das Große Bundesverdienstkreuz. Heute ist er Ehren-Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft der Deutschen Waldbesitzerverbände. Er hätte mit Wiedererlangung der Wehrhoheit in der Bundesrepublik höchste militärische Ämter erreichen können. Er hat darauf verzichtet, weil er nun in anderen Bereichen seine Lebensaufgabe sah.

Die Bundesregierung holte ihn aber in den 50er Jahren in den sog. Personalgutachterausschuß, der über die Einstellung der hohen Offiziere in die Bundeswehr sein Urteil abzugeben hatte. Die Ausführung soldatischer Pflichten hat bei ihm schließlich ihr Pendant in der karitativen Bewährung des Malteserordens gefunden. Viele ehrenamtliche Tätigkeiten zeugen von seinem Verantwortungsbewußtsein für Staat und Gesellschaft. Die Bürger und Einwohner des Kreises Ahrweiler wissen den Menschen Philipp Freiherr von Boeselager zu schätzen wegen seiner Tatkraft, seiner aufrechten Haltung und seiner Integrität. Sie tun das besonders im Hinblick auf den „Aufstand des Gewissens“ am 20. Juli vor fünfzig Jahren.

(Der Verfasser – im Kriege Artillerie- und Panzeroffizier – war im Sommer 1944 vorübergehend zur Brigade Boeselager kommandiert.)