Priester, Pädagoge, Verfolgter: Dr. Peter Lackas in Ahrweiler

Manche ältere Ahrweiler Mitbürger erinnern sich noch daran, daß in der Vorkriegszeit auf der Kanzel der St. Laurentiuskirche hervorragende Prediger gestanden haben. Neben Prälat Dr. Küchler vom Calvarienberg und Dechant Dickopf ist hier vor allem Dr. Lackas zu nennen, dessen fundierte Ausführungen die Zuhörer durch die äußerst temperamentvolle Rhetorik fesselten. Vielen ehemaligen Schülern des Ahrweiler Gymnasiums steht noch das Bild eines aus innerster Überzeugung und tiefer Gläubigkeit unterrichtenden Erziehers vor Augen.Beruflicher Werdegang

Dr. Peter Lackas wurde am 28. November 1892 in Saarhölzbach geboren. Am 12. August 1916 erhielt er im Hohen Dom zu Trier die Priesterweihe. Es folgten bis 1929 Jahre der Seelsorge in Püttlingen/Saar und Schweich/Mosel. Anschließend studierte er an der Universität Bonn Religionslehre, Geschichte und Philosophie. Während dieser Zeit wohnte er im St. Anna-Kloster Remagen. Nach beiden Staatsexamen wurde er am 20. Mai 1933 als Studienassessor am Realgymnasium Ahrweiler angestellt und am 1. Oktober 1935 zum Studienrat ernannt. Nebenbei studierte er weiter an der Universität Würzburg, an der am 23. Dezember 1938 die philosophische Doktorwürde erlangte. Seine Dissertation aus dem Bereich der Frühscholastik erhielt die Gesamtnote „sehr gut“.

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Dr. Peter Lackas

Bereits vor dem Beginn des Zweiten Weltkrieges war Dr. Lackas den Handlangern des Nationalsozialismus ein Dom im Auge. Schon früh hatte er in Ahrweiler eine Gruppe des „Neudeutschland“ (ND) aufgebaut. Während im parallel ausgestalteten „Heliand“ katholische Oberschülerinnen zusammengefaßt waren, bestanden die Gruppen des ND aus überzeugten katholischen Gymnasiasten.

Im ND erfolgte eine froh aufbauende Jugendarbeit, bei der die religiös vertiefende Unterweisung mit Sport, Spiel und Wanderungen verbunden war. Die 1936 per Gesetz zur Staatsjugend deklarierte „Hitler-Jugend“ (HJ) übernahm weitgehend die schon vor der Nazi-Zeit von den Verbänden der bündischen Jugend entwickelten Formen jugendlicher Gemeinschaft. Allerdings ergab sich der gravierende Unterschied, daß in der HJ neben intensiver Schulung in der NS-ldeologie zunehmend vormilitärische Ausbildung betrieben wurde, was den Kriegsplänen entsprach.

Wenn wir betrachten, wie es Dr. Lackas seit 1940 ergangen ist, so bedarf es keiner näheren Darlegung, daß andere Priester und Verfolgte vielfach ein unsagbar schwereres Schicksal zu erleiden hatten, ganz zu schweigen von den Morden und Greueltaten in den Konzentrationsund Vernichtungslagern. Andererseits zeigt das nachfolgend beschriebene Geschehen, wie gefährlich ein aufrechter und kritischer Priester und Lehrer damals im Alltag lebte und wie schnell er der Gestapo (Geheimen Staatspolizei) ausgeliefert werden konnte. Dabei war es oft nur ein Glücksfall, wenn man ihn nicht in ein Konzentrationslager brachte.Verfängliche Fragen

Im Januar 1940 war in der 6. Klasse (Untersekunda) des Ahrweiler Gymnasiums Thema des Geschichtsunterrichts der preußisch-dänische Krieg. Dabei ging der Geschichtslehrer auch auf die verlustreiche Erstürmung der dänischen Düppelner Schanzen durch die Preußen am 18. April 1864 ein. Der militärische Erfolg der Preußen sei wesentlich dadurch zustandegekommen, daß der Pionier Klinke eine große Menge Sprengstoff am Leibe getragen habe, den er an der zu erobernden Festungsanlage unter bewußter Selbsttötung zündete. Durch die hierbei entstandene Bresche hätten die preußischen Soldaten in die Düppelner Befestigung eindringen können.

Nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges wurde in der deutschen Presse öfters davon berichtet, daß im befreundeten Japan der Einsatz von gesteuerten Einmanntorpedos geplant werde. Der „Pilot“ eines solchen Torpedos sollte unter Aufopferung seines Lebens feindliche Kriegsschiffe ansteuern und versenken.

Am Donnerstag, den 25. Januar 1940, hielt Dr. Lackas in der vorgenannten Untersekunda Religionsunterricht. Thema der Stunde war: „Die Kirche siegreich und unzerstörbar in der Geschichte“. Ein Schüler richtete an den Religionslehrer die Frage, wie das Verhalten des Pioniers Klinke bei der Erstürmung der Düppelner Schanzen kirchlich-moralisch zu bewerten sei. Die Frage wurde sodann auf den Einsatz der japanischen Torpedos erweitert. Dr. Lackas, der unvorbereitet mit dieser Problematik konfrontiert wurde, gab die Antwort, es handle sich um Selbstmord, der nach der katholischen Morallehre abzulehnen sei. Bei dieser Stellungnahme verblieb er, als der betreffende Schüler weiter fragte, ob das auch dann gelte, wenn ein solcher Torpedoeinsatz durch einen deutschen Soldaten erfolgte. Dr. Lackas antwortete, wenn es schon Selbstmord sei, dann gelte das auch für einen deutschen Soldaten.1)

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Dr. Peter Lackas mit seiner ND-Gruppe („Neudeutchland“) in Ahrweiler, um 1931

Die Folgen

Zwei Tage später, am 27. Januar 1940, erschien Gestapo im Gymnasium. Es wurden ca. 10 Schüler der Untersekunda zu dem vorerwähnten Ablauf der Unterrichtsstunde einzeln im Zimmer des Schuldirektors vernommen. Am selben Tag noch wurde Dr. Lackas in seiner Wohnung in der Ahrweiler Elligstraße von der Gestapo aufgesucht und sodann zum Verhör nach Koblenz gebracht. Im Büro der Gestapo erfolgte eine eingehende Vernehmung. Anschließend schloß man ihn in eine Zelle des Gestapogebäudes ein. Am 1. Februar 1940 kam er in das Koblenzer Gefängnis zum Zwecke der „Schutzhaft“. Dort vernahm ihn ein Beamter seiner obersten Schulbehörde, die ein förmliches Disziplinarverfahren gegen ihn eröffnete.

Nach fast sieben Wochen wurde er nach eindringlicher Warnung am 20. März 1940 aus der Schutzhaft entlassen. Im Disziplinarverfahren kam es zu einer vorübergehenden Sperrung der halben Gehaltsbezüge. Am 16. Dezember 1940 konnte Dr. Lackas jedoch vollständig seinen Unterricht am Gymnasium Ahrweiler wieder aufnehmen.

Umso erstaunlicher ist es, daß die Gestapo erneut gegen ihn vorging. Hierzu heißt es in einem Originalschreiben des Dr. Lackas wie folgt:„An das Hochwürdigste Bischöfliche Generalvikariat!Leider muß ich die Mitteilung machen, daß ich am Samstag, den 8. März 1941 von der Geh. Staatspolizei ausgewiesen worden bin. Nachdem ich seit Mitte Dezember wieder meinen früheren Unterricht übernehmen durfte, war mir diese Ausweisung vollkommen überraschend und unbegreiflich. Ich fragte die Geh. Staatspolizei in Koblenz, ob irgend ein neues Vergehen als Grund der Ausweisung bestehe, es wurde mir geantwortet, die Ausweisung erfolge infolge der vorjährigen Ereignisse.“

Die Ausweisung erstreckte sich auf das Rheinland, auf Westfalen, Saarland, Elsaß-Lothringen, Luxemburg, Hessen-Nassau und Hessen. Bis Sonntag, den 9. März 1941, 12.00 Uhr mußte er die Landesteile verlassen haben.

Diese ungesetzliche Entscheidung kam nach allem Anschein dadurch zustande, daß von Seiten des neuen Ahrweiler Kreisleiters – eventuell auf Drängen anderer – der alte Vorgang wieder aufgegriffen und der Reichsstelle der Gestapo in Berlin unterbreitet wurde. Diese Zentralstelle ordnete ohne formelles Verfahren die Ausweisung an und beauftragte die Gestapo Koblenz mit der Durchführung.

Nur mit dem Nötigsten versehen reiste Dr. Lackas noch am 8. März 1941 nach Würzburg. Dort fand er vorläufige Aufnahme bei Bekannten aus der früheren Studienzeit. Die sofortigen mutigen Bemühungen des Trierer Generalvikariats durch Domkapitular Metzroth bei der Gestapo vermochten die angeordnete Ausweisung nicht mehr rückgängig zu machen.

Schließlich gelangte Dr. Lackas nach Elsterwerda in Sachsen und konnte dort zeitweise in einer Schule unterrichten. Aberauch hierwurde er wieder von der Gestapo verhaftet. Er wurde gezwungen, harte Arbeiten im Straßenbau zu verrichten. Schließlich erhielt er die Möglichkeit, in Magdeburg im Bereich der dortigen Probsteikirche seelsorgerisch tätig zu werden.

Nach Kriegsende begab er sich – in langen Fußmärschen – völlig erschöpft in seine Heimat nach Saarhölzbach. Er wurde rehabilitiert und mit besonderer Freude im alten Ahrweiler Lehrerkollegium aufgenommen, das – mit einer einzigen Ausnahme – keinen überzeugten Nationalsozialisten aufzuweisen hatte. Hier unterrichtete er als Oberstudienrat bis zu seiner am 31. Mai 1953 erfolgten Pensionierung. Nach langer Krankheit verstarb er im 46. Jahr seines Priestertums am 28. Juni 1962 in Bad Bodendorf. Unter großer Anteilnahme der Bevölkerung und seiner ehemaligen Schüler wurde er in Anwesenheit des Trierer Bischofs Dr. Matthias Wehr auf dem Ahrtorfriedhof zu Ahrweiler beerdigt.

Quellen:

Personalakte Dr. Lackas im Landeshauptarchiv Koblenz. Personalakte Dr. Lackas im Bistumsarchiv Trier, Erinnerungen von Schülern der Untersekunda 1940 des Gymnasiums Ahrweiler,
Erinnerungen des Rektors Alois Schneider vom Calvarienberg Ahrweiler,
Erinnerungen des Verfassers, früherer Schüler des Gymnasiums Ahrweiler.Anmerkungen:

  1. Ähnliche Fragen wurden an den Religionslehrer Alois Schneider auf dem Calvarienberg von einer Schülerin gestellt, zum Glück ohne Verfolgungsfolgen,
  2. Siehe Entlassungsurkunde in „Kreis Ahrweiler“ unter dem Hakenkreuz, S. 201.