Die Leyendeckers in Paris – eine Künstlerfamilie aus Dernau

Heinz Schönewald

In den Jahren 1667 bis 1880 war der Pariser Salon alljährlich zugleich Mittelpunkt und Bühne des französischen Kunst- und Kulturbetriebs. Während ihrer sechswöchigen Dauer zog die Kunstausstellung weit über eine halbe Million Besucher an. 1865 und 1866 stellten gleich drei Künstler namens Leyendecker auf der am 1. Mai im Salon Champs-Élysées eröffneten Kunstausstellung ihre Werke vor. Alle drei hatten ihre Wurzeln im Ahrtal.

Johann Joseph Leyendecker war der Vater von Paul Joseph und der ältere Bruder von Mathias. Was die Schreibweise ihres Namens angeht, so variierte diese mitunter. Der ältere Bruder Johann Joseph trat meist als Leiendecker und Mathias dagegen als Leyendecker auf. Dies sowohl bei den Signaturen ihrer Gemälde, als auch bei deutschen und französischen Behörden. In französischen Akten wurden sie zudem auch mitunter als Leindecker geführt. Zur Familie zählte auch der bekannte Architekt Jean Baptiste Leyendecker, ein jüngerer Bruder von Paul Joseph.

Johann Joseph Leyendecker

Der 1810 geborene Sohn des Dernauer Winzers Johann Joseph Leyendecker sen. und Maria Gertrud (geb. Creuzberg) kam zu einer Zeit zur Welt, als Dernau noch zum Kaiserreich Frankreich gehörte. An harter Winzerarbeit zeigte er wenig Interesse. Stattdessen verspürte man schon in seinen Kindertagen eine kreative, künstlerische Ader. Als er 17 war, verstarb 1828 seine Mutter.

Etwa zu dieser Zeit hat er Dernau den Rücken gekehrt, um nach Paris aufzubrechen. Im Herbst 1832 nahm er sein Kunststudium an der École national supérieure des beaux-arts de Paris bei den Professoren Paul Delaroche (1797-1856) und Francois-Joseph Heim (1787-1865) auf. Bereits im Alter von 25 Jahren stellte er 1835 auf dem Salon erstmals aus. Bis 1839 schrieb er sich alljährlich im concours de places um die Sitzverteilung im Saal der Akademie ein. Sein Studium finanzierte er ab 1834 durch Auftragsarbeiten für den Louvre. Diverse Gemälde namhafter Künstler wurden von ihm hier kopiert und gingen anschließend an Museen oder öffentliche Gebäude in der französischen Provinz. Seine Wohnung wählte er im VI. Arrondissement in der Rue cassette 8. Nach seinem erfolgreichen Abschluss 1839 zählte man ihn stilistisch zu den Alten Meistern der école francais auf dem Spezialgebiet der Portrait-, Genre- und Historienmalerei. Einen weiteren Schwerpunkt legte er zeitlebens auf religiöse Motive, was ihm Aufträge aus Reihen der Kirche sicherte.

Das Mechernicher Bleibergwerk, Johann Joseph Leiendecker, 1854

Den Kontakt zum Ahrtal hat er nie abbrechen lassen. So lernte er hier Johanna Schönewald kennen. Mit der ältesten Tochter des Ahrweiler Bäckermeisters und Gastwirtes Peter Joseph Schönewald schloss der Pariser Maler am 18. November 1839 (um 14.00 Uhr kirchlich an St. Laurentius und zwei Stunden später standesamtlich vor dem Bürgermeister J. W. Clotten) die Ehe. Anschließend verbrachte er mit seiner Frau einige Wochen im Haus des Schwiegervaters in der Ahrhutstraße, dem späteren Restaurant „Eifelstube“. Aus dieser Zeit sind auch mehrere Portraits von ihm erhalten:

  • vom Weinhändler Peter Joseph Kreuzberg, Vater von Georg Kreuzberg
  • von Elise Kreuzberg, Ehefrau von Georg Kreuzberg, gemeinsam mit Tochter Emilie Hubertina
  • von Anna Maria Gudula Schönewald, einer Kusine seiner Ehefrau Johanna
  • vom Schreinermeister Johann Matthias Jarre, Ehemann von Anna Maria Gudula Schönewald.

Wieder zurück in Paris, kommt mit Mathias Joseph am 8. September 1840 das erste Kind der Familie zur Welt. Anschließend führte Leyendecker im Auftrag des Bürgerkönig Louis Philippe einige Auftragsarbeiten aus. Zu seinem Freundeskreis in Paris zählte der Bildhauer Jakob Schorb (1809-1858), für den Leyendecker 1838 ein Portrait mit persönlicher Widmung schuf. Auf dem Salon 1848 wurde der Maler mit der Goldmedaille 3. Klasse für seine Arbeiten ausgezeichnet.

1849 verließ er mit seiner Familie Frankreich und zog für 11 Jahre nach Bonn. Während dieser Schaffensperiode hat er unter anderem religiöse Motive für die katholischen Pfarrgemeinden Poppelsdorf, Dernau und Ahrweiler umgesetzt. Sein bekanntes Ölgemälde vom Bleibergwerk in Mechernich, das er 1854 im Auftrag der Gebrüder Kreuser anfertigte, war 2002 in der Sonderausstellung „Bilder der industriellen Welt vom 18. Jahrhundert bis in die Gegenwart“ im Berliner Martin-Gropius-Bau ausgestellt und ist heute im Rathaus von Mechernich zu sehen. Leyendecker wohnte in Bonn zunächst in der Stockenstraße und später in einer Wohnung Am Hof. Seine Jahre in der Universitätsstadt schloss er 1860 mit einem Portrait des Bonner Oberbürgermeister Leopold Kaufmann ab. Zurück in Paris, wurde die Ruecherche-midi 72 zum Wohnsitz und Atelier des Künstlers. Während des laufenden Salons verstarb er, am 5. Juni 1867, im Alter von 56 Jahren.

Mathias Leyendecker

Auch den 1821 geborenen und auf den Namen seines mütterlichen Großvaters Mathaeus getauften jüngeren Bruder von Johann Joseph Leyendecker lockte das Künsterleben. Im Alter von 16 Jahren verließ auch er Dernau und zog in der Pariser Wohnung seines Bruders ein und nannte sich fortan Mathias Leyendecker. Im Oktober 1837 erfolgte seine Einschreibung an der École nationale supérieure des beauxarts als Student. Bei den Professoren Michel Martin Drolling (1786-1851) und Franz-Xaver Winterhalter (1806-1873) schloss er sein akademisches Studium ab. Als Genre- und Portraitmaler machte er sich ab 1848 einen Namen. Wie bereits sein Bruder legte auch er einen Schwerpunkt auf religiöse Motive. Bekannt wurde er durch ausgezeichnete Kinderportraits sowie Stillleben von Blumen, Früchten und besonders von jagdlich erlegten Vögeln. Zur Finanzierung seines Studiums übernahm er ab Juli 1841 Arbeiten für den Louvre. In den Jahren 1843 bis 1849 war Mathias Leyendecker regelmäßig unter den Ausstellern des Salons vertreten.

Blumenstillleben mit Vase, Mathias Leyende- cker, um 1860

Nachdem sein Bruder Johann Joseph für 11 Jahre seinen Lebensmittelpunkt nach Bonn verlegte, übernahm Mathias die gemeinsame Wohnung in der rue cassette 8 alleine. In der folgenden Dekade ist er jedoch nicht durchgängig in Frankreich nachweisbar, lediglich 1854 findet sich im Adressbuch von Paris ein Eintrag. Möglicherweise hat er sich über längere Zeiträume in Deutschland oder in Österreich aufgehalten. Gesichert sind Aufenthalte in Wien für die Jahre 1865 und 1866. Am 2. März 1859 heiratete er in der Kathedrale Notre-Dame die Französin Virginie Hortense Adèle Didiez, die ihn zeitlebens unterstützt hat. Ebenso wie von seinem älteren Bruder, sind von ihm zahlreiche Portraits von Napoleon III. für öffentliche Gebäude in Frankreich bekannt.

Nachdem sein Bruder Johann Joseph aus Bonn zurück war, stellten die beiden Brüder ab 1861 auch wieder auf dem Salon aus, Mathias dabei letztmalig 1870. Im selben Jahr brachen für deutsche Künstler in Paris schwere Zeiten an. Nachdem Frankreich am 19. Juli 1870 Preußen den Krieg erklärt hatte, verschlechterten sich die Lebens- und Arbeitsbedingungen für den Maler drastisch. Von staatlicher Seite erhielt er keine Aufträge mehr. Auch private Kunden gingen auf Distanz. Die wirtschaftlich schwierige Situation belastete ihn gesundheitlich so stark, dass er in tiefe Depressionen verfiel. In Deutschland begab er sich in die psychiatrische Behandlung bei Dr. Leopold Besser, der in Pützchen bei Bonn im früheren Karmeliterkloster eine eigene Kuranstalt führte. Hier verstarb der Maler am 24. Mai 1871, nur wenige Tage vor seinem 50. Geburtstag. Begraben wurde er auf dem Alten Friedhof Bonn.

Seine Witwe schenkte dem Musée du Luxembourg, das nur wenige Gehminuten von ihrer Wohnung in Paris entfernt lag, das Gemälde Cailles et alouettes, das 1971 von der Alten Nationalgalerie Berlin erworben wurde.

Paul Joseph Leyendecker

Der am 7. Dezember 1842 in Paris geborene zweite Sohn von Johann Joseph Leyendecker und Johanna Schönewald wurde auf die drei Namen Paul Almador Rose getauft. Im Atelier seines Vaters groß geworden, zog es auch ihn zur Malerei und er wurde ein Schüler seines Vaters. Seine akademischen Lehrmeister waren später Jean-Léon Gérome (1824-1904) und Èmile Signol (1804-1892). Ab 1865 entstanden zahlreiche Figurenbildnisse, Ansichten, Landschaften, orientalische Motive und Portraits. Als Maler und Zeichner nannte er sich Paul Joseph Leyendecker. Unbestritten war er der Begabteste der Familie. Noch zu Lebzeiten wurde er 1882 im Künstlerlexikon Bellier & Auvray aufgeführt, gleichfalls in dem 1895 von Friedrich v. Boetticher herausgegebenen Standardwerk „Malerwerke des 19. Jahrhunderts“.

Die Musketiere, Paul Joseph Leyendecker, um 1875

Le Chesnay, Paul Joseph Leyendecker, 1890

Als Reminiszenz an die Heimat seiner Vorfahren entstanden die Werke „Das Ahrtal“ (1870) und „Beethoven beim Komponieren in der Umgebung Bonns“ (1888).

Der Maler nutzte bis 1880 die Wohnung seines Vaters, bis er in die Impasse du maine 56 umzog. Seine Werke wurden noch zu seinen Lebzeiten unter anderem in Wien ausgestellt.

In seinen letzten Lebensjahren wohnte Paul Joseph Leyendecker in der Rue mansart in Versailles, wo er 1909 auch verstarb. Der künstlerische Nachlass wurde von seiner Ehefrau Lucie Bierson verwaltet.

Jean Baptiste Leyendecker

Jean Baptiste Leyendecker, der 1846 geborene jüngere Bruder von Paul Joseph, studierte ebenfalls an der École national supérieure des beaux-arts de Paris. Im Gegensatz zu Vater, Bruder und Onkel zog es ihn jedoch zur Architektur. Nach seinem Studium übernahm er zahlreiche interessante Aufträge in Deutschland, Frankreich, Österreich und Ungarn. So 1871-1876 die Bauleitung am Schloss Pleß in Oberschlesien, 1876 den Neubau des Stadtpalais von Albert de Rothschild in Wien, 1883 das Jagdschloss Tatranská Javorina von Christian Kraft zu Hohenlohe-Öhringen und 1900 das Chateau de Bellevue in Le Chesnay bei Versailles. In den Jahren 1878 bis 1889 lebte er mit seiner Ehefrau Claire Victorine Geffrier, den gemeinsamen Kindern sowie seiner verwitweten Mutter Johanna Schönewald in Wien. Seinen Lebensabend verbrachte er in Versailles, wo er 1913 starb.

Quellen:

  • Bellier & Auvray, Dictionnaire General Des Artistes de L‘Ecole Francaise, Continue (1882)
  • Bénézit. Dictionnaire critique et documentaire des peintres … (3. Auflage, 1976)
  • Bertram, Matthias, „Ech sinn dann ens fott, Geschichten von Dernauer Bürgern“, 2011
  • Nerlich, France (u. a.), „Pariser Lehrjahre – Ein Lexikon zur Ausbildung deutscher Maler in der französischen Hauptstadt“, Band 1, 1793-1843, Berlin, 2013
  • Ruland, Josef, „Die Leyendeckers aus Dernau. Eine Malerfamilie aus dem Ahrtal“, in: Rheinische Heimatpflege, 37. Jg., H. 3, Köln, 2000
  • Thieme/Becker/Vollmer, Allgmeines Lexikon der bildenden Künstler von der Antike bis zur Gegenwart, Ausg. 1999, Leipzig