Heimersheim, Ehlingen und Green: Beim Wiederaufbau möchten die Einwohner mitreden

In den östlichen Stadtteilen von Bad Neuenahr-Ahrweiler will man sich bestmöglich auf ähnliche Ereignisse vorbereiten

Cornelia Schlagwein

Im Bereich der Stadt Bad Neuenahr-Ahrweiler ließ sich nach zwei Jahren außergewöhnlicher Trockenheit im Frühjahr 2021 endlich wieder ausreichender Niederschlag verzeichnen. Doch irgendwann war es dann des Guten zu viel und die Böden konnten die Regenmengen nicht mehr aufnehmen. Am Abend des 19. Juni 2021 kamen im kurzen Abstand drei Starkregenzellen über Heimersheim nieder, mit einem Volumen von ca. 10 % des gewöhnlichen Jahresniederschlags. Dadurch wurden etliche Straßen und Häuser im südlichen Bereich zwischen Wald und Mühlenteich überflutet. Leider war dies nur ein Vorgeschmack auf die Urgewalten, die Mitte Juli fast das gesamte Ahrtal zerstörten.

Sandsäcke gegen Jahrhundertflut

Für die Feuerwehr Heimersheim erfolgte an 14. Juli 2021 die 1. Alarmierung um 15:37 Uhr als „normaler“ Einsatz wegen eines abgerutschten Hangs in Lohrsdorf. Nachfolgend waren alle Fahrzeuge und alles Personal bei diversen Einsätzen unterwegs – ohne zu ahnen, welche Katastrophe sich bereits wenige Kilometer flußaufwärts abspielte. Heimersheim, Ehlingen und Green sind durch die Umgehungsstraße der B 266 von der Ahr getrennt und hatten keine direkte Gefahr durch ein Ahrhochwasser vermutet. Am Abend versuchten die Kameraden der Feuerwehr noch stundenlang, an der Ahrbrücke Richtung Heppingen das Regenwasser vom Wohngebiet „Idienbach“ zur Ahr hin abzupumpen. Mit Sandsäcken wurde die Maßnahme unterstützt – ohne zu ahnen, dass die tatsächliche Gefahr von der anderen Seite heranrollte.

Heimersheim und Green nach der Flut. Im Hintergrund die A 61 und Bad Neuenahr

Überschwemmung mit unvorstellbarem Ausmaß

Kurz vor Mitternacht kam dann das Hochwasser massiv die Ahr hinunter. Erst schleichend langsam floss das Wasser um die Heppinger Brücke, um dann innerhalb von drei bis vier Minuten mit geballter Kraft alles Land einzunehmen. Wie ein Tsunami fraß es sich durch die Unterführung nach Heimersheim und überschwemmte den halben Ort nördlich von Heppinger-, Johannis- und Ehlinger Straße. Green mit seinen zwei Straßen wurde zu 100% überschwemmt und in Ehlingen verweilte das Wasser am längsten, weil dort kein Ablauf zur Ahr vorhanden war. Der Scheitelpunkt der Flut war gegen drei Uhr nachts. In Heimersheim kamen in dieser Nacht fünf Menschen ums Leben, die entweder im Schlaf überrascht wurden oder noch versucht hatten, Habseligkeiten zu retten.

Zwischen dem Feuerwehrgebäude Heimersheim und der B 266: Aus dem Industriegebiet Heimersheim wurden fast 50.000 Kunststoff-Kisten mitgerissen.

Der Tag danach

Besonders im Bereich des Heimersheimer Bahnhofs türmten sich die Wassermassen auf. Dort bleiben im Engpass zwischen den Steilhängen der Landskrone und der aufgeschütteten Umgehungsstraße der B 266 nur etwa 30 Meter an Breite. Bei Ehlingen hingegen, wo das Tal sich Richtung Rheinmündung öffnet, hatte sich das Wasser am 15. Juli 2021 auf eine Breite von 1 Kilometer ausgedehnt.

Erst bei Sonnenaufgang ließ sich das Ausmaß der Katastrophe erahnen. Das Tal war erfüllt von dem ohrenbetäubenden Rauschen der Wassermassen, wie man es nur von einem großen Wasserfall kennt. Außerdem hing durch zerstörte Heizungen und Tanks ein penetranter Ölgeruch in der Luft. Eigentlich beschauliche Straßen in Wohngebieten waren zum reißenden Fluß mutiert. Das Gewerbegebiet Wiesenweg war nicht mehr erkennbar, sondern komplett überschwemmt und das neue Feuerwehrgebäude ragte einsam aus einem Überschwemmungssee heraus.

Wasserrettung mit Schlauchbooten

Mit Rettungsbooten wurden Menschen aus Häusern gerettet. Überall waren Autos und anderes Treibgut aufgetürmt. Vom Industriegebiet aus war eine riesige Menge an leeren Mehrweglaschen mitgerissen und im Tal verteilt worden. Die fast 50.000 Kunststoff-Kisten mit Inhalt fanden sich anschließend überall und viele sind wohl in der Nordsee gelandet. Keiner wusste so recht, was zu tun ist. Also fing man zunächst damit an, die Gebäude auszuräumen und den zerstörten Hausrat auf den Gehwegen zu lagern. Man begann dort, wo das Wasser schon abgelaufen war und zog dann von Haus zu Haus, Straße um Straße. Es dauerte auch mehrere Tage, bis alle überschwemmten Bereiche wieder zugänglich waren. In Ehlingen war das letzte Wasser erst nach fünf Tagen versickert.

Aufräumarbeiten und Versorgung

Zum Glück war an den Tagen nach der Katastrophe heißes Sommerwetter, was die Arbeiten unterstützte, aber die Versorgung schwierig machte. Es gab weder Strom noch fließendes Wasser und auch telefonieren war kaum möglich. Allerdings kamen über die A 61 ziemlich schnell spontane Hilfstransporte von Privatleuten und Firmen, die sich nach der Veröffentlichung der Katastrophe einfach auf den Weg gemacht hatten. Auf dem Marktplatz hatten sich einige nicht betroffene Bewohner positioniert und versuchten Hilfeersuchen und Angebote zu koordinieren. Wasser, Lebensmittel und Hygieneartikel wurden an der Kirche für alle frei zugängig abgeladen. Helfer kamen mit Speisen, Arbeitsmaterial und guten Kontakten für weitere Unterstützungen.

Keine Distanz, kein Corona

Der kleine Ortsteil Green gehört eigentlich zum gegenüberliegenden Lohrsdorf, wurde aber aufgrund der direkten Nähe zu Heimersheim in alle Hilfsaktionen mit eingebunden. In all dem Elend war keiner alleine und viele haben in dieser Zeit den Glauben an Menschlichkeit und Solidarität wiedergefunden. Beim Schlamm schaufeln und in den Eimerketten standen Jung und Alt aus allen Gesellschaftsschichten nebeneinander. In dieser Zeit und noch lange danach war nicht nur in Heimersheim Corona kein Thema. Die Seuche, die die ganze Welt bereits das zweite Jahr in Atem hielt, fand einfach nicht statt.

Hilfe ohne Ende für Heimersheim, Ehlingen und Green

Das Aufräumen und Entkernen der überschwemmten Gebäude dauerte Wochen und Monate und bis zum Winter kamen täglich viele freiwillige Helfer. Wenn man Unterstützung brauchte, konnte man sich an den Helfer-Shuttle oder die örtliche Privatinitiative „Arbeitskreis Fluthilfe“ wenden. Schnell hatten sich auch einige Frauen zusammen getan, die die Ausgabe von Hilfsgütern und Kleidung koordinierten. Zum Jahresende 2021 wurde das ehemalige Altersheim zur Schaltzentrale der örtlichen Koordination von Hilfsangeboten. Dort wurden auch ein Waschsalon eingerichtet und ein Duschcontainer aufgestellt. Die vielen Sachspenden änderten sich im Laufe der Zeit und so konnte man in der ehemaligen Mühle Offergeld eine kostenfreie Baustoffausgabe für nicht versicherte Betroffene anbieten.

Der Marktplatz von Heimersheim diente als wichtiges Zwischenlager für Hilfsgütertransporte.

Schadensbilanz

In Heimersheim, Ehlingen und Green wurden ca. 450 Gebäude überschwemmt, davon sehr viele ohne Elementarversicherung. Die tatsächlichen Schäden ließen sich oft erst nach Monaten definieren und über die Zeit wurden noch etliche Häuser abgerissen. Auch ein Jahr nach der Flut wohnten viele Betroffene noch nicht wieder in ihren Wohnungen (Stand Mitte August 2022). Manche haben sich im Obergeschoss eingerichtet und müssen die Sanierung von Keller und Erdgeschoss aussitzen. Andere sind ganz weggezogen oder konnten zunächst in der Tiny-Siedlung am Sportplatz unterkommen. Auch der Kindergarten St. Mauritius hat seinen Container-Standort für die nächsten Jahre dort. Das alte Gebäude war nicht zu retten und ein Neubau wird erst in einigen Jahren vollzogen.

Wiederaufbau, Bürger wollen mitbestimmen

Beim Wiederaufbau von Infrastruktur, öffentlichen Gebäuden und Plätzen wollen die Einwohner von Heimersheim, Ehlingen und Green jetzt ein Wörtchen mitreden. In Arbeitsgruppen werden Konzepte erarbeitet, die ortsbezogen und zukunftsorientiert sind. Das Risiko an der Ahr zu wohnen war über 100 Jahre lang kalkulierbar, aber nach den Erfahrungen des Juli 2021 will man sich in den östlichen Stadtteilen von Bad Neuenahr-Ahrweiler bestmöglich auf ähnliche Ereignisse vorbereiten.