VON DER LAGE UND VON DER ERBAUUNG DES

HAUSES LANDSKRON

VON DR. HANS FRICK

A. Allgemeines

Das Jahr 1956 scheint mir wie kein anderes geeignet zu sein, um aus dem reichhaltigen Stoffkreis um Berg, Burg und Herrschaft Landskron gerade diejenigen beiden Teilgebiete geschichtlich zu betrachten, die vor mehr als 350 Jahren ein ausreichend sachkundiger und schriftgewandter Kellner zu Landskron namens Tobias S t u f e 11 unter der altertümlichen Überschrift „Von Gelegenheit und Erbauung des Hauses Landskron“ einer umfangreichen historischen Untersuchung über Landskron als erstes Kapitel vorangestellt hat. Diese große, nicht weniger als 226 beschriebene Blätter enthaltende Arbeit verfaßte er 1598 unter dem Titel „Landskronische Chronik. Urkundliche Geschichte der Herrschaft Landskron und ihrer Besitzer.“ Sie wurde im 18. Jahrhundert von einem der späteren Inhaber der „reichsritterschaftlichen Herrschaft Landskron“ für so wertvoll angesehen, daß er von ihr eine Abschrift anfertigen ließ. Erfreulicherweise ist wenigstens diese Abschrift erhalten1). Wie schon der Untertitel andeutet, handelt es sich bei dieser Chronik im wesentlichen um die Wiedergabe des Inhalts vieler wichtiger Landskroner Urkunden, die Stifell in nicht weniger als 41 Kapiteln unter gut gewählten Überschriften zusammengestellt hat.

So verschieden die beiden Themen der Einleitung sind, so verschieden sind auch die Gründe für mich, sie nacheinander gerade im Heimatjahrbuch 1956 in geschichtlichem Rahmen zu behandeln. Was den ersten Punkt angeht, so konnte 1955 das immerhin kostspielige Projekt einer Sesselbahn von Heppingen zum Berggipfel, das nicht nur die Bauplaner und die Behörden, sondern auch ganz verschieden geartete Bevölkerungskreise stark beschäftigte, überhaupt nur wegen der unstreitig beherrschenden Lage des Berges mit seiner großartigen Aussicht auf das Unterahrgebiet und in die weitere Umgebung betrieben werden, während die spärlichen Ruinenreste des Hauses Landskron dazu wenig Anlaß geben konnten. Bekanntlich hat die Regierung zu Koblenz die beantragte Genehmigung zum Bau einer derartigen Bahn wegen der damit verbundenen Beeinträchtigung des Landschaftsbildes, also aus Gründen des Naturschutzes, verweigert. Die Antragsteller mögen bei ihrem Plan daran gedacht haben, daß es auf dem Gipfel, seit im letzten Kriege das Wirtschaftsgebäude abbrannte, recht still geworden ist, und dies, obwohl die dicht am Fuße des Berges vorbeiziehende Hauptverkehrsstraße des Unterahrgebietes weit mehr belebt ist als früher. Sie mögen sich daran erinnert oder davon gehört haben, daß die Landskron in der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts, besonders nachdem 1910 auf dem früheren Burggelände jenes Gebäude errichtet wurde das alsdann der im Jahre 1954 verstorbene Gastwirt Heinrich Josef Mohren aus Heimcrsheim viele Jahre hindurch bewirtschaftete, welches für Ahrtalreisende und insbesondere auch für Kurgäste aus dem nahen Bad Neuenahr ein beliebtes Ausflugsziel war, zumal man es mit Hilfe von Eseln auf steilen, aber gepflegten Wegen mühelos erreichen konnte. Es ist kaum zu erwarten, daß mit der Ablehnung der Sesselbahn die Bestrebungen aufgehört haben, die besondere Lage der „Landeskrone“ wirtschaftlich auszunutzen. Vielleicht werden eines Tages diejenigen Stimmen lauter, die — bei gleichzeitigem Bau einer von Norden an die eigentliche Bergkuppe heranführenden, guten Fahrstraße — auf der Kuppe selbst an alter Stelle eine der Landschaft angepaßte, aufnahmefähige Erfrischungsstätte errichtet sehen möchten. Jedenfalls wird das von Stifell angeschnittene Thema von der Lage der Landskron stets gegenwartsnahe bleiben, gleichgültig, ob man vom Tale aus die unterhalb des Gipfels sich lieblich anschmiegende „Fünfjungfernkapelle“ beobachtet, die schon im Jahre 1212 Burgkapelle war, oder ob man von dem höchsten Felsen aus, auf dem einmal die Oberburg stand, den weiten Rundblick genießt.

Ganz anders geartet ist die Begründung für die Behandlung des zweiten Stifellschen Themas „Von der Erbauung des Hauses Landskron“. Nur wenige dürften wissen, daß das Jahr 1956 in der Geschichte der alten Reichsburg ein Jubiläumsjahr ist. Ja, nicht nur gegen Stifell selbst, sondern auch gegen bekannte ältere Autoren soll die Feststellung verteidigt werden, daß genau vor 750 Jahren, im Spätsommer und Herbst 1206, der römische König deutscher Nation Philipp von Schwaben, der jüngste Sohn des ‚Kaisers Friedrich Barbarossa, um den jahrelangen Kampf mit seinem Gegenkönig Otto, dem zweiten Sohn Heinrichs des Löwen und nachmaligen Kaiser Otto IV., siegreich zu beendigen, auf dem Berge „Gimmich“ ein „castrum“, eine Festung, ‚bauen ließ, die er „Landiscrone“ nannte.

Doch zuvor einiges über den Verfasser der Chronik und seinen Auftraggeber: Sein verantwortungsvolles Amt als Kellner und Rentmeister hatte Stifell drei Jahre vorher von Dam Quad, Herrn zu Landskron, Tomberg und Ehrenberg, erhalten. Dieser besaß im Unterahrgebiet als Landesherr nicht nur die im Jahre 1397 gebildete, sogenannte Tomberger Hälfte von Haus und Herrschaft Landskron, sondern außerdem seit 1560 wegen seiner ersten Frau Elisabeth, die eine Tochter Friedrichs von Eltz, Herrn zu Pirmont, Ehrenberg, Dreiborn und Eandskron, und der Margarete von Plettenberg war, ein Drittel der sogenannten Einenberger Hälfte, also insgesamt zwei Drittel des alten Landskroner Erbes, das der besonders erfolgreiche Gerhard IV., der letzte aus dem Geschlecht der Burggrafen von Sinzig, um Neujahr 1371 hinterließ. Da Gerhards beide Söhne, Gerhard V. und Johann, lange vor dem Vater starben, war dieses Erbe über eine Enkelin und zwei Töchter an die Geschlechter Tomberg, Einenberg und Schönberg im Oisling (belg. Eifel) gekommen. Als aber die eine Tochter, Bonizetta von Schönberg, Sohn und Gatten verlor, gab sie, das Testament des Vaters sinngemäß befolgend, noch zu ihren Lebzeiten das Schönberger Drittel an die beiden anderen Familien ab, die sich nunmehr darin teilten (1397).

Dam Quad war ein vielseitig interessierter Mann, der, bevor er 1559 in jungen Jahren die Herrschaft antrat, auf Veranlassung seiner Mutter Katharina von der Leyen und seines Stiefvaters Johann von Metternich, Herrn zu Vettelhoven und Amtmanns zu Saffenberg, in Düsseldorf und dann in Wittenberg eine gute Ausbildung erhalten hatte. Sein Stiefbruder Lothar von Metternich ließ später als Erzbischof zu Trier (1599—1623) zum Gedächtnis seiner Eltern in der Pfarrkirche zu Heimersheim den bekannten Kreuztragungsaltar mit entsprechender Inschrift2) errichten. Dam unterhielt auf Burg Landskron eine große Bibliothek mit einigen hundert Bänden, unter denen sich auch zahlreiche Schriften des Alchimisten Paracelsus befanden. Von diesen beeinflußt, versuchte er sogar zeitweise (1577—1579), mit Hilfe eines sog. Reverberierofens aus verschiedenen Mineralien, die er in der Nähe der Burg und weit in die Eifel hinein bis nach Prüm hin suchen ließ, in Köln Gold machen zu lassen. Denn dorthin hatte er von 1577 bis zu seinem Tode 1602 — seiner zweiten Ehefrau Katharina von Scheuren zuliebe, die als Duisburgerin städtisch gesinnt war — seinen ständigen Wohnsitz verlegt, und zwar in ein Haus am Rinkenpfuhl, reiste aber häufig, wie dies aus dem umfangreichen Briefwechsel der Eheleute hervorgeht, für Tage oder Wochen entweder zu Schiff oder mit der Post und stückweise auch zu Pferd nach Landskron.

Ober die Herkunft und den Bildungsgang Stifells liegen keine Angaben vor. Doch hatte sicher jener Briefschreiber recht, der 1604 an den „wohlgelehrten Tobias Stifell“ schrieb, als dieser in Trier eine quadische Nachlaßsache zu regeln hatte, bei der auch Erzbischof Lothar beteiligt war. Im Juli 1606 war dieser verdienstvolle Kellner bereits tot, so daß seine Witwe den Sohn und Erben Dams, Hans Friedrich Quad, um Ablösung von ihrem Posten als Verwalterin des Landskroner Hauswesens bat.

Die Chronik enthält keine Bemerkung darüber, ob die Anregung zu dieser besonderen Arbeit von Dam oder von Stifell ausgegangen ist. Jedenfalls war dieser Kellner nicht nur ein gewissenhafter Rechner und eifriger, mit allen für sein Amt erforderlichen juristischen Kenntnissen ausgestatteter Verteidiger der Rechte seines Auftraggebers, sondern er besaß auch die seltene Fähigkeit, eine derartige Chronik zu schreiben, in der viele im Laufe der Zeiten in Vergessenheit geratene Tatbestände wieder aufgedeckt und manche darauf fußende Rechtsverhältnisse urkundlich klargestellt wurden. Wohl keiner seiner Vorgänger oder Nachfolger im Amt hätte neben seinen sonstigen Dienstobliegenheiten eine derartig umfangreiche und verständige Darstellung zuwege gebracht. War er doch im allgemeinen imstande, die älteren, in lateinischer oder spätmittelhochdeutscher Sprache abgefaßten Urkunden, wenn sie keine besonderen Schwierigkeiten enthielten, richtig zu lesen sowie ihren Inhalt zu verstehen und klar wiederzugeben. Dabei kannte er nicht nur die zur Tomberger Hälfte von Landskron gehörenden alten Pergamente und Papiere des Burgarchivs sehr genau, sondern als Verwalter eines Drittels der Einenberger Hälfte in hinreichendem Maße auch die Einenberger Urkunden, soweit sie dort aufbewahrt wurden.

Es gab ja auf Landskron außer dem tombergisch-quadischen Kellner auch noch einen einenbergischen Kellner, der namens mehrerer, ebenfalls auswärts wohnenden Erben zwei Drittel des Einenberger Teils, d. h. das restliche Drittel von Burg und Herrschaft Landskron, zu betreuen hatte. Auch hatte sich Stifell in die ihm zur Verfügung stehende Literatur über Idie mittelalterlichen Thronkämpfe innerhalb des Königtums sowie über den Machtstreit zwischen dem Königtum einerseits und den Päpsten und den Landesfürsten andererseits soweit gut eingelesen, daß er ein eigenes Bild davon hatte, wie dies zahlreiche Einstreuungen und verbindende Texte in den einzelnen Kapiteln dartun. Diese Zusätze interessieren nur soweit, als sie sich auf den zweiten Abschnitt des Eingangskapitels, die Frage nach der Erbauung der Burg, beziehen. Die ganzen inneren Zusammenhänge sind doch heute auf Grund der neueren wissenschaftlichen Forschung weit besser bekannt3). Abgesehen von jenen Einstreuungen ist die Stifellsche Chronik auch jetzt von besonderer Bedeutung, weil sie — je nach dem von ihm damit verbundenen Zweck — den Inhalt zahlreicher Urkunden, die heute nicht mehr vorhanden sind, mehr oder weniger vollständig mitteilt. Der Wert dieser Inhaltsangaben wird nur in einen wenigen Fällen dadurch eingeschränkt, daß der spätere Abschreiber die charkteristische Handschrift Stifells gelegentlich nicht richtig lesen konnte.

Stifell fertigte übrigens im Jahre 1600 eine noch im Original vorhandene, äußerst wertvolle Urkundenaufstellung an4), in der er nicht weniger als 438 Urkunden mit einer kurzen Inhaltsangabe verzeichnete, die man sich allerdings manchmal ausführlicher wünschte, weil die betreffenden Stücke verschollen sind. Demnach ist auch dieses „Findbuch“ von Stifell eine Fundgrube für die Heimatgeschichte des Unterahr-gebiets. Ihm verdanken wir beispielsweise die Angaben über drei wichtige Verträge, die Otto, der erste Graf von Neuenahr, über den sonst wenig bekannt ist, abgeschlossen hat5).

Die in beiden Urkundensammlungen gemachten Mitteilungen über den Inhalt verlorener Urkunden sind verarbeitet in dem zum Druck vorgesehenen Heimatbuch: Frick, Quellen zur Geschichte der Reichsherrschaft Landskron u. des Unterahrgebietes.

B. Die Lage des Hauses bzw. der Ruine Landskron

Die auf dreijähriger Erfahrung beruhende, 1598 niedergeschriebene Stifellsche Darstellung von der Lage der Burg ist wohl die älteste Landschaftsbeschreibung, die es vom Unterahrgebiet gibt. Überrascht entdecken wir in dem beruflich zu nüchterner Betrachtung gezwungenen Rentmeister einen begeisterten Naturfreund, der von seinem Amtssitz aus immer wieder den Blick ins Tal und ringsumher zu den Nachbarbergen schweifen ließ, zugleich aber auch einen klaren Denker, der die Gaben des Landes an die Menschen im Gesichtskreis der Burg wohl einzuschätzen wußte. So gibt seine ‚Schilderung zugleich ein Kulturbild jener Zeit. Auch der gute Kenner der älteren Literatur über das Ahrtal wird überrascht sein, daß man bereits vor über 350 Jahren den Begriff der „Goldenen Meile“ kannte, aber eigentlich nicht in dem Sinne, wie er bei Gottfried Kinkel“) (S. 185) erscheint, nämlich als die „Sinzig . . . umgebende schöne Ebne, gebildet durch die von Breysig bis Remagen vom Rheinlauf im weitem Halbkreis zurücktretenden Berge“, sondern als „stromb und thall zwischen Lynß unnd Arweiler“. Durch Stifell ist auch der in einer Kinkelschen Anmerkung als Verfasser eines „bekannten Buches über Köln“ erwähnte Gelenis7) zeitlich überholt und sachlich verdeutlicht, da Gelenius feststellte, daß Sinzig „ad aureum miliare“ liege. Auch zu dem bereits 1588 erschienenen Buch des Wormser Arztes Theodorus Tabernaemontanus, der über drei heilsame, wärmende Sauerbrunnen an der Ahr, nämlich je einen nahe der Stadt Ahrweiler, unweit des Schlosses Landskron unten am Schloßberg und bei Sinzig berichtet8), liefert Stifell insofern eine Ergänzung, als er noch weitere saure Trinkborne im Ahrtal erwähnt, insbesondere aber auch durch die Bemerkung daß vor einigen Jahren am Fuß der Landskron durch die Ahr ein Sauerbrunnen freigelegt worden sei, bei dem römische Münzen gefunden wurden, die man hochgestellten Personen geschenkt habe.

Burg Landskron – erbaut 1206, zerstört 1682

Römische Funde hingegen im eigentlichen Burgbereich wie sie HJ Möhren nach 1906 bei der Freilegung der Ruine Landskron machte, waren Stirell wohl nicht bekannt, da er solche zur Begründung seiner Vermutung über die Baugeschichte ganz bestimmt erwähnt haben würde. Doch lassen wir nunmehr unseren Erzähler Tobias Stifell selbst zu Wort kommen, und zwar zum besseren Verständnis in hochdeutscher, von den Ungenauigkeiten des Abschreibers gereinigten Form:

Das Haus Landskron ist seit undenklichen Jahren und über aller Menschen Gedenken ein freietgentümlich kaiserliches Haus gewesen, anfänglich durch des heil Römischen Reiches Burggrafen, danach durch Vasallen oder Lehnsträger bewohnt und verwaltet (admimstiret). Es liegt zwischen der Stadt Lmz am Rhein und der Stadt Ahrweiler, zwei kurfürstlich-kölnischen Städten, auf einem fast hohen Felsen und Berge, der schon an sich selbst sehr stark und fest ist. Es hat auf einer Seite ein schönes herrliches, fruchtbares Tal mit Land und Wiesen, so edel und gut wie nirgends an einem Ort des ganzen Rheinstroms, so daß nicht allein allerhand köstliche Frucht und Getreide des Erdreichs, sondern auch das schönste, lieblichste Obst und Baumgewächs und auch das allersüßeste und fetteste Heugewächs dann wächst. Davon die Einwohner m diesem Tal in verschiedenen Städten, Flecken und Dörfern wie Sinzig Bodendorf, Green, Lohrsdorf, Heimersheim, Heppmgen, Wadenheim, Beul und Hemmesheim (- Hemmessen) für sich selbst gute Nahrung haben und noch Überflüssiges verkaufen und in die Städte 7.u Markt bringen, und ist sonderlich Butter, Käse und Obst desselbigen Tales so gut, daß dergleichen an vielen Orten Deutschlands wohl nicht zu bekommen ist. Mitten durch das Tal „fleußt“ ein schön fließendes Wasser, die „Arre“ oder „Ähre“ genannt, davon die Wiesen befruchtet, „belettet“ (— mit Hochwasserschlamm überzogen) und gewässert werden, so auch allerhand gute Fische in sich „zeugt“ und zur Nahrung gibt. So hat es gegenüber der Stadt Linz, da es in den Rhein seinen Einguß hat, einen feinen (Fisch-) Auf stieg. Daher es in Herbst- und Winterzeiten, wenn der Lachs zum Laichen in frisches Wasser steigt, seine Lachse gibt und derselben darin nicht wenig gefangen werden. Die Inhaber und Herren des Hauses und seiner zugehörigen Orte und Herrlichkeiten haben auch im gemeldeten Wasser wegen des Hauses, dann aber auch wegen ihrer freien Häuser zu Sinzig, Ahrweiler und Altenahr Gerechtigkeit darin zu fischen.

Auf angezogenem Wasser der Ahr sind auch verschiedene Mahlmühlen, davon dem gemeinen Mann viel Gutes entsteht. Auch die Herren zu Landskron haben mit ihren anderen Miterben derzeit drei Mühlen, wie zu seiner Zeit und an seinem Ort gemeldet werden soll, nämlich oberhalb der Stadt Ahrweiler eine und unter dem Haus und diesem stracks gegenüber nach Heimersheim zu zwei. Daher wegen solcher schönen, fruchtbaren „Gelegenheit“ fLage) derselbige Strom und Tal nicht unbillig den Namen der „Güldenen Meile“ erlangt hat.

Es sind auch etliche saure Trinkborne wie zu Bodendorf, Ehlingen, Heppingen und an mehr Orten daselbst im Tal. Und in Sonderheit stracks unter der Burg Landskron an der Ahr hat vor wenig Jahren das Wasser und Flut am Berge eine herrliche Quelle von Sauerwasser „entdeckt und eröffnet“, darin unter anderem ein Hafen mit Geld gefunden, so verschiedener alter römischer Kaiser „Merke“ ( — Merkzeichen) und „Überschrift“ gehabt. Daher dieselbigen als sonderliche Stücke und Antiquitäten hin und wieder fürstlichen, gräflichen und sonstigen Personen hohen Standes und Ansehens verehrt wurden. Es ist aber jetzo der Strom des Wassers, die Ahr genannt, dem Berg so nahe gekommen, daß die angeregte saure Quelle nunmehr wiederum „vertrocknet“ ist.

Von unten dem Wasser an ist der Berg, obwohl hoch und felsig, doch zu Wingerten (um-)gebrochen und (als) ein schöner, fruchtbarer Wingertsberg von den alten Herren zu Landskron vor langen Zeiten für Pacht und (Traubenan-)Teil ausgelehnt worden, wie hier später folgen wird, und sonderlich ist derselbige Wingertsberg zehntfrei vermöge und nach Inhalt kaiserlicher und königlicher Privilegien.

Nächst dem Haus liegt ein fein „Gebück“ (= dichtes Schutzgestrüpp) und „Hain“ (= Gehölz), darin Hasen, Kaninchen und Füchse sich aufhalten, auch zur Sommerzeit ein schöner, lieblicher Vogelgesang erschallt.

Vor der (nördlich gelegenen) „Auffahrt des Hauses auf dem Berge“ gibt es eine „fruchtbare, ebene Gelegenheit“ von gutem, fruchtbaren Ackerland, da jetzo 4 Höfe (der große und der kleine Burghof, der Köhlerhof und der Sandkauler Hof) und 2 Schäfereien dem Hause Landskron zuständig sind und sonst viele gemeine Hausleute aus den Dörfern Lohrsdorf, Heppingen, Gimmingen und Kirchdaun eine „große Frucht“ ziehen. Und erstreckt sich dieselbige Gelegenheit bis in die Hoheit der Stadt Remagen, allein so, daß eine gute Anzahl Büsche, dem Haus Landskron und sonst etlichen Untertanen zustehend, noch dazwischen liegt.

Es gibt auch nächst den Dörfern Heppingen und Gimmingen abermals einen großen „Hain“ und dann eine schöne, lustige, fruchtbare Au von „Fruchtland und Wiesenwachs“ nächst den Dörfern (Ober- und Nieder-Nierendorf und der Grafschaft Neuenahr, dadurch ein klein Bächlein „fleußt“, so zwar wenig Fische, aber dennoch Krebse gibt und auch etliche Mühlen „auf sich hat“, insbesondere aber zu Gimmingen eine und nächst Nierendorf „im Risch“ eine (die heutige Rischmühle), so beide den Herren zu Landskron und ihren Miterben zugehörig.

Zwischen solchen schönen, lustigen Tälern und oben auf gedachter, fruchtbaren Ebene auf einem erhobenen, harten Felsen als dem Haupt steht und liegt das Haus, gleich wie eine schöne, herrliche „Krön“ dem Land aufgesetzt, in seinen festen, starken Mauern und Pforten, auch Türmen, und hat ringsum seine Umgänge auf den Mauern, also daß man auf allen Orten, auch allen Gemächern des Hauses, eine hohe, freie und liebliche, lustige „Spekulation“ und Aussicht hat, nicht allein in die Täler und Ebene vorgenannt, sondern (auch) auf den Rhein und in die Grafschaft Neuenahr und das Land von Jülich, so schön und lustig, „als es immer möchte gemalt werden“.

Man sieht auch sonst auf allen Seiten viel alte Schlösser und Häuser, so zum Teil noch „in esse“ („= in brauchbarem Zustand), zum Teil aber vor etlichen Jahren verfallen und geschleift, wie auf jener Seite des Rheins Dattenberg, Rennenberg, Drachenfels, Löwenberg, desgleichen (diesseits des Rheins) Olbrück und das in anno 1371 unter kölnischem Bischof Friedrich, Graf zu (zu ergänzende Lücke: Saarwerden), geschleifte und zerstörte gräfliche Haus Neuenahr und sonst viel schöne lustige Flecken und Dörfer. Und ist in summa der lustigen „Perspektive“ halben dieses Haus mit wenig anderen zu vergleichen, ist auch sonst nicht allein für ein „propugnaculum“ (— Bollwerk) von ganz Landskron, Jülich und dem Erzstift Köln wider und gegen Feinde, sondern auch wohl für einen Schlüssel und „Zwang“ derselben zu halten. Denn wie davon dem ganzen Lande guter Schutz und Verteidigung widerfahren kann, also ist auch daraus (im Fall feindlicher Besetzung) aller Schade und „Zwang“ leicht zu gewärtigen.

Darum (hat das Haus) nicht unbillig auch den Namen „Landscroen“ von den alten römischen Kaisern bekommen und als „Insignien“ ein herrliche Krone.

Als Stifell diesen inhaltreichen Lobpreis schrieb, konnte er wirklich nicht ahnen, daß kaum drei Generationen später nur noch die Vögel im zerstörten Mauerwerk der ehemaligen Reichsfestung wohnen konnten. Ein Gebietsaustausch, bei dem die Dingstühle Adendorf, Eckendorf und Vilipp aus der im jülichschen Besitz befindlichen Grafschaft Neuenahr ausschieden, brachte 1659 zwei Drittel des Einenberger Teils von Schloß Landskron, d. h. also nicht mehr als ein Drittel des Ganzen, an den Herzog von Jülich, der unter Mißachtung der wirklichen Besitzverhältnisse die gesamte Burganlage als Festung und Garnison einrichtete. Eine Feuersbrunst im September 1677 machte ihren Kampfwert derart gering, daß sie der junge Pfalzgraf Johann Wilhelm, der in Düsseldorf so bekannte Jan Weilern, als Herzog von Jülich im Jaunar 1682 unter großem Menschenaufgebot sprengen und schleifen ließ9). Damit wurde das Haus Landskron zu einer Ruine, der man wohl 150 Jahre hindurch keine Beachtung mehr schenkte. Dies änderte sich jedoch in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts, d. h. in der Romantikerzeit, in der man auf Fahrten und Wanderungen durch das Ahrtal aus vollem Herzen „Landschaft, Geschichte und Volksleben“ — so lautete ja der Untertitel des schon erwähnten Kirikelschen Werkes — auf sich einwirken ließ. „Nur spärliche Mauertrümmer, hin und wider auf der freistehenden Kuppe und auf dem Abhang zerstreut, ein Thorgewölbe nach Süden und die Grundmauern einer Warte“ fand einige Jahre früher der Vorläufer Kinkels, Ernst Weyden10)vor (S. 78). Seine romantische Beschreibung, der er einen reichlich unwirklichen Stahlstich (kein Dorf, Haus oder Weg, keine Kirche oder Brücke sichtbar) beifügt11), beginnt er folgendermaßen (S. 74): „Herrlich ist die Fernsicht, erhaben schön das reiche Naturgemälde, das sich rings, soweit der Blick nur immer reicht, entfaltet.“ Etwas weniger allgemein als Weyden, aber dennoch nicht minder begeistert, schildert Kinkel acht Jahre später den Blick vom Gipfel der Landskron. Da sein Werk nunmehr 110 Jahre alt wird (1846), gibt es in seinem Landschaftsbild noch keinen Apollinarisbrunnen und auch kein, wenn auch noch so junges, Bad Neuenahr, die beide heute vom Lands-kroner Rundblick nicht zu trennen sind. Daher soll jetzt auch Kinkel, mit dem wir uns auch im zweiten Teil des Aufsatzes noch beschäftigen werden, mit seiner längst der Vergangenheit angehörenden, interessanten Beschreibung zu Worte kommen (S. 213):

„Die Aussicht von dieser ganz freien Bergwarte spottet jeder Schilderung: sie beherrscht Rhein und Ahr gleichzeitig. Nach Westen erschließt sie das fruchtbare untere Ahrtal, rechts von köstlichen Weinlagen eingefaßt, die sich fortziehen bis wo ferne die Berge von Wallportzheim das Thal sperren; links von einem mehr bewaldeten Höhenzug abgeschlossen, der mit der Basaltkuppe des Neuenahr herübergrüßt. Mitten inne aber in erweitertem, mit grünen Saaten bedeckten Thalgrunde die lustige Ahr, hie und dort im Gebüsch versteckt, meist aber aus bald breiterem, bald ganz schmalem Bette in bunter Windung zu uns herauf blitzend. In diesem Thal reiches Leben; drüben, eine Stunde entfernt, das alte Ahrweiler mit den grauen Thoren und Thürmen; näher bei uns eine Reihe lieblicher Dörfer in Obsthainen, unter denen sich am anderen Flußufer Heimersheim durch das zierliche, fast wie ein schmuckes Modell gebildete Kirchlein auszeichnet; dicht unter uns Heppingen mit des Brunnens geschäftiger Regsamkeit, und am jähen Abhänge die arbeitenden Winzer. Rückwärts aber über die niedrigem Waldhöhen hinblickend überschauen wir das Rheinthal, unten vom Siebengebirge, gradaus von den Basaltkegeln bei Linz, südlich von den Bergen der vulkanischen Eiffel abgeschlossen; Sinzigs drei dunkle Kirchenthürme heben sich in diesem Thale hervor, freundlicher die Dörfer des rechten Ufers und Linz mit seiner hellen, an den düstern Schieferfels gelehnten Kirche; ihm gegenüber, auf unserer Rheinseite, die Gebüsche, welche die Ahrmündung verdecken.“

C. Von der Erbauung des Hauses Landskron

Unwillkürlich drängt sich jedem irgendeine historische Frage auf, der inmitten der spärlichen Burgruine den von den beiden Autoren so liebevoll beschriebenen Rundblick etwas nachdenklich genießt. Bei dem Romantiker Kinkel, der, gestützt auf eine ältere kölnische Chronik, schon an anderer Stelle (S. 22) zu dem Schluß kam, .die Landskron sei zwischen 1204 und 1206 erbaut, lautete die an seine Naturschilderung unmittelbar anknüpfende Frage: „Ob denn wol auch von dieser Höhe die Blume des Ostens, die schöne milde Königin Irene hinabgeschaut hat, als ihr Gemahl Filipp von Hohenstau-fen drunten zu Simzig residirte und auf dieser Kuppe das Schloß bauen ließ? … sie „die hochgeborene Königin, die Taube sonder Gallen“, wie Walther von der Vogelweide sie preisend nennt…“ Auch Stifell kennt Irene, die Tochter des Kaisers von Konstantinopel, als Gattin Philipps (Bl. 11). Wenn der Volksmund sie schon damals mit der Landskron in Verbindung gebracht hätte, würde er dies unbedingt mitgeteilt haben. Es war also Kinkel, der mit seiner Frage nach Irene, die die Deutschen auch Maria nannten, die Heimatdichtung angeregt hat, sie mit der Burg in lebendige und wesentliche Beziehung zu bringen.

Die von Stifell an seine Landschafts- und Kulturbeschreibung unmittelbar angeschlossene Frage ist die nach der „ersten Ankunft und Erbauung“ des Hauses Landskron. Da er, wie noch zu zeigen ist, dieselbe kölnische Chronik kannte wie Kinkel, außerdem aber noch eine in gleicher Richtung liegende „gemeine Landsage unter den Hausleuten“, also den Volksmund, hätte er genau wie jener folgern können, daß

König Philipp in seinem Kampf um das Rheinland die Festung Landskron erbaut habe. Aber dieser Schluß befriedigte ihn nicht, da ihm die Quelle — allerdings ganz mit Recht — nicht sicher genug war. Er glaubte von vornherein, daß die Burg älter sei. Da schon 1598 keinerlei Aufzeichnungen über den Baubeginn im Burgarchiv vorhanden waren, las er, wie gleichfalls noch näher auszuführen ist, aus einer ihm vorliegenden frühen Urkunde von 1214, diesmal allerdings irrig, heraus, daß die Erbauung spätestens zu Zeiten Kaiser Ottos II., also mehr als zweihundert Jähre früher, erfolgt sei. Damit stehen also Stifell und Kinkel wegen der Zeit und der Umstände des Burgbaues einander gegenüber.

Zur Klärung der tatsächlichen Verhältnisse bedarf es jetzt einer Untersuchung über die Art und Zuverlässigkeit ,der Quellen, die über die näheren Umstände der Erbauung der Burg Auskunft geben. Zunächst: es gilt immer noch die Feststellung Stifells, daß es keine einzige Urkunde gibt, die zu dieser Frage unmittelbar Stellung nimmt. Was nun die anderen handschriftlichen Quellen, in unserem Fall die mittelalterlichen Chroniken aus verschiedenen Jährhunderten, angeht, so hatten Stifell und Kinkel das Pech, sich wegen der genaueren Umstände nur auf die unzuverlässigste von allen berufen zu können, nämlich auf die von einem unbekannten Verfasser herrührende „Cronica van der billiger stat van Coellen“, die erstmalig 1499 zu Köln bei Johann Koelhoff gedruckt wurde und daher auch „Koelhoffsche Chronik“ genannt wird. Diese Chronik, die übrigens auch schon von Weyden (S. 80) herangezogen ist, wurde 1876 — nach kritischer Bearbeitung und bei beträchtlicher Kürzung vielen Ballastes — durch H. Cardauns12) neu herausgegeben. Cardauns weist im einzelnen nach, aus welchen drei früheren Chroniken jener Verfasser sein Geschichtsbild zusammengestellt hat, und sagt davon u. a. in seiner Kritik (S. 238 ff.), er „verbindet unmittelbar Dinge, die Jahrzehnte auseinanderliegen“.

Von der von Kinkel benutzten, teilweise auch wörtlich von ihm mitgeteilten Stelle der KoelhofFschen Chronik, die auch bei Stifell in etwas abgeänderter Form auftritt, soll hier in hochdeutscher Übertragung derjenige Teil wiedergegeben werden, der unter folgender Überschrift steht:

Wie das Bistum Köln durch König Philipp jämmerlich verdorben ward,
und wie er das Schloß Landskron auf der Ahr erbaute, Bischof Bruno
gefangen nahm und die Stadt Neuß eroberte.

König Philipp sammelte ein großes, mächtiges Volk, und die Herren, die mit ihm nach Speyer gekommen waren, erschienen, um ihm zu dienen. Und er zog den Rhein hinab in das kölnische Bistum, um sich an Bischof Bruno zu rächen, und kam hinab bis gegen Sinzig. Dort schlug er eine Zeitlang sein Lager auf. Und um das Stift Köln zu bezwingen, erbaute er — mit Hilfe von oberhalb Köln wohnenden Stiftsuntertanen, die er vorher bezwungen hatte — das schöne Schloß an der Ahr, Lantzkrone genannt. Zu dieser Zeit war eine große Teuerung. Also lief viel Volk zu nur um die Kost, und das genannte Schloß wurde billig gebaut. Und von dem Schloß aus trieb er im Stift große Gewalt. Er zog weiter bis gegen Bonn, und dort rüstete er sich, um die Stadt Köln zu bezwingen. Und er zog dorthin und belagerte Köln. Und als er sah, daß er es nicht überwältigen konnte, zog er von dannen, und zwar vor Neuß, und gewann die Stadt und gab sie dem (Gegen-)Bischof Adolf zur Entschädigung dafür, daß er um seinetwillen abgesetzt worden war. Und er zog von dort in das Bistum und wollte es noch mehr verderben, als er es schon getan hatte. Er gewann viele Festen und tat großen Schaden im Lande.

Die beiden nächsten Abschnitte führen bei Koelhoff die Überschriften: 1) Von einem Streit zwischen Philipp von Schwaben und König Otto von Sachsen bei Köln. 2) Wie König Philipp sich ‚die Stadt Köln gefügig machte. Wir finden hier also bestätigt, daß diese Chronik drei ineinandergreifende Zeitumstände auseinanderreißt. Insbesondere aber ist hervorzuheben, daß sie — und entsprechend auch Kinkel — das von Süden heranrückende starke Heer Philipps bereits in Sinzig für längere Zeit Halt machen läßt, damit zuerst ein Stützpunkt ausgebaut werde. Erst danach soll Neuß und Köln angegriffen worden sein. Diese Verzögerung des Angriffs frischer Truppen dürfte kaum der damaligen Kriegführung entsprochen haben. Daß sich der Feldzug hauptsächlich gegen Otto richtete, tritt hier überhaupt nicht in Erscheinung. Obwohl keine Jahreszahlen genannt werden, könnte nach Koelhoff der Bau der Burg Landskron nur im Jahre 1205 stattgefunden haben.

Es gibt verschiedene und obendrein ältere Chroniken, die über den Streit der beiden Könige mehr oder weniger genau berichten. Keine einzige von ihnen übergeht die Erbauung der Burg. Das ist gewiß ein Zeichen für die Bedeutung, die man das ganze Mittelalter hindurch dieser Festung beilegte, die als hervorragender Block diejenige Stelle des Mittelrheingebietes beherrschte, an der die Ausdehnungsbestrebungen der immer größer werdenden Länder Kurköln, Jülich und Kurtrier sich begegneten. Sie konnte diese abschirmende und dem Reich dienliche Stellung aber auch nur dadurch aufrecht erhalten, daß die von dort aus durch treue und kluge Politik der kaiserlichen Burggrafen von Sinzig entwickelte „Reichsherrschaft Landskron“ im Laufe der Jahrhunderte stets ein unmittelbares Reichslehn geblieben ist und niemals durch einen der vielen Kaiser und Könige verpfändet wurde. Dabei setzt keine einzige dieser Chroniken die Erbauung der Burg vor den Zusammenstoß mit Otto IV.

Glücklicherweise sind seit Kinkel zwei wertvolle Beiträge zur Baugeschichte unserer Burg veröffentlicht worden, die den Vorzug haben, von Zeitgenossen geschrieben zu sein. iEs handelt sich um zwei verschieden gefaßte, um 1220 entstandene und die Zeit von 1200 an behandelnde Fortsetzungen der sog. „Kölner Königschronik“, von denen die im nachfolgenden Bericht an zweiter Stelle wiedergegebene dem Mönch Gottfried aus dem Kölner Pantaleonkloster zugeschrieben wird13). Diese Fortsetzung kannte bereits Christian von Stramberg bei der Niederschrift seines „Rheinischen Antiquarius“14). Speziell für das Jahr 1206 hingegen ist die von mir an erster Stelle — bei gekürzter Übertragung der für uns weniger wichtigen Umstände — mitgeteilte Fortsetzung15) ausführlicher, so daß sogar innerhalb des Baujahres 1206 eine zeitliche Festlegung möglich ist.

Erste Fassung

1206 . . . Am 27. Juli (in virgilia s. Pantaleonis) zogen (Gegen-)König Otto (von Braunschweig), Erzbischof Bruno von ‚Köln und Herzog Walraf von Limburg dem König Philipp (von Schwaben) in der Nähe der Wassenburg (Kr. Heinsberg) zum Kampf entgegen, verschoben aber dann den Angriff auf den folgenden Tag. Durch einen plötzlichen Überfall der Gegenseite entstand jedoch im Lager Ottos eine derartige Verwirrung, daß dieser sich nur noch nach Köln retten konnte. Bruno wurde in der Burg gefangen genommen und dem König Philipp ausgeliefert. Dieser kehrte an einen Ort zwischen Bonn und Köln zurück und lagerte dort längere Zeit. Die dort geführten Friedensverhandlungen zwischen den Kölnern, Otto und ihm führten zu keinem Ende. Er rückte daher weiter vor, bezog im Gebiet von Remagen und Sinzig mit seinem Heer ein Lager, besetzte überraschend einen Berg namens Gimmich jenseits des Ahrflusses und erbaute darauf eine möglichst starke Burg (castrum) und gab dem festen Platz den Namen Landiscrone. Während des ganzen Sommers fanden auf dem

östlichen Rheinufer heftige und wechselvolle Kämpfe zwischen Graf Adolf (von Berg) und den Kölnern statt. Um das Martinsfest (11. Nov.) kam König Philipp nach Koblenz, wo er — unter Mitwirkung des Herzogs Heinrich von Lothringen — die Kölner in Gnaden wieder annahm. Zu gleicher Zeit überscrrritt König Otto . . . den Rhein und zog sich … in sein eigenes Land Braunschweig zurück.

Zweite Fassung

1206 . . .'“ Beide Könige führten bei Köln Verhandlungen, über deren Verlauf wenig bekannt geworden ist. Jedenfalls zog König Philipp zurück, besetzte einen Berg namens Gimmich bei Remagen und erbaute darauf zum Nachteil des ganzen (kölnischen) Landes eine Burg (castrum). Die Kölner aber unterwarfen sich in ‚Erkenntnis der Tatsachen und auf den Rat und unter Mitwirkung des Herzogs von Brabant und der übrigen Edlen des Landes zu Boppard dem König.

Aus diesen beiden zeitgenössischen Darstellungen geht einwandfrei hervor, daß der Bau der Burg und Festung Landskron im Jahre 1206, genauer im Spätsommer dieses Jahres, mindestens soweit gefördert wurde, daß man von einer geschlossenen, starken Anlage sprechen konnte. Nur ihrer großen Bedeutung innerhalb der Reichsgeschichte ist es zu verdanken, daß ihre Bauzeit bekannt ist, sonst ein sehr seltener Fall bei Burgbauten. Da seither nunmehr bald 750 Jahre vergangen sein werden, kann das Jahrbuch 1956 an diesem noch selteneren Ereignis nicht vorbeigehen.

Wir müssen aber noch nachweisen, inwiefern sich Stifell, der gute Urkundenkenner, in dieser Frage geirrt hat. Erst jetzt sind wir recht darauf vorbereitet, uns mit seinen Gedankengängen vertraut zu machen, die vieles Interessante bringen. Da ist zunächst bemerkenswert, was der so gern zum Beweis herangezogene Volksmund 1598 zum Bau der Burg Landskron zu sagen hatte: „Es solle ein Erzbischof zu Köln vor langen Zeiten gegen einen römischen Kaiser oder König sich aufgelehnt haben. Daher sei durch denselbigen Kaiser das Erzstift Köln durchzogen, bekrieget und die Stadt Andernach samt dem kölnischen Oberstift dazu gezwungen worden, dem Kaiser solches Haus zu bauen, um sich darin gegen seinen Feind, den Erzbischof, aufzuhalten und auch daraus das Stift zu bezwingen. Es sei dazumal auch eine große Teuerung gewesen, so stark, daß das Volk, um die Kost zu erlangen, sich häufig zur Aufführung (des Baus) gedrängt ‚habe.“ Überrascht stellen wir fest, daß diese „gemeine Landsage unter den Hausleuten“ sich weitgehend mit dem oben mitgeteilten Abschnitt der Koelhoffschen Chronik deckt: Die Namen von König und Erzbischof sind ausgelassen, hingegen die „oberhalb Köln wohnenden Stiftsuntertanen“ durch „Stadt Andernach samt dem kölnischen Oberstift“ verdeutlicht. Stifell holt die Auslassungen teilweise nach durch den erläuternden Satz: „Die kölnischen Chroniken melden auch und stimmen darin fast überein, daß Kaiser Philipp in seinem kölnischen Krieg des Jahres (fehlt, ohne Lücke) nach Christi Geburt dieses Schloß solle erbaut haben.“ Anschließend bringt Stifell aus der Staufergeschichte eine mehrseitige Darstellung, die bei dem Venediger Friedensschluß Barbarossas mit Papst Alexander III. (1177) beginnt und mit der Flucht Ottos IV. — unter Mitteilung des Jahres 1206 — endet. Wie ein von Stifell übernommener Namenirrtum (Pfalzgraf Bertolf statt des Pfalzgr.Otto als Mörder Philipps v. Schwaben bezeichnet) zeigt, benutzte er wohl bei seiner Darstellung die um 1400 in Köln geschriebene, aus mindestens fünf anderen Quellen zusammengetragene „Chronica imperatorum“16). Er schließt seine lange Betrachtung mit der Bemerkung, keiner von allen Historikern bringe über den „Anfang und die Erbauung“ von Landskron so viel wie die kölnische Chronik. Auf dem Hause Landskron finde sich darüber kein Bericht. Deshalb sei sowohl der Aussage des gemeinen Landmannes wie der Erzählung der kölnischen Chronik nicht zu trauen. Es sei zwar unzweifelhaft, daß Philipp als unmittelbarer Herr von Landskron einen Reichsburggrafen Gerhard von Sinzig eingesetzt habe, von dem die jetzigen Herren von Landskron abstammten, und daß er das Haus mit dem erforderlichen Kriegsvolk besetzt habe. Vielleicht habe er es auch mehr befestigen und etwas stärker bauen oder auch erweitern lassen. Daß aber damals der Bau „ex fundamento und von Grund aus“ begonnen wurde, sei nicht glaubhaft. Vermutlich sei das Haus viel älter, vielleicht zur Zeit des Julius Cäsar oder eines anderen alten Römers erbaut. Er, Stifell, komme zu dieser Vermutung, weil bei der Sauerquelle unter dem Haus nur Münzen von heidnischen römischen Kaisern gefunden worden seien.

Der Hinweis Stifells auf die Möglichkeit eines römischen Ursprungs der Burg läßt uns aufhorchen, da die im Abschnitt B erwähnten Möhrenschen Funde darauf schließen lassen, daß die Römer hier zeitweise einen Wachtturm unterhalten haben, der möglicherweise aus Holz war. Römisches Grundmauerwerk ist jedenfalls noch niemals festgestellt worden. Die am Fuß des Berges gemachten Römerfunde sprechen keineswegs, wie der Kellner dies annimmt, für eine römische Anlage auf dem Gipfel, zumal auch 1852 bei den Ausschachtungsarbeiten am Apollinarisbrunnen Münzen des 3. nachchristlichen Jahrhunderts in 4 m Tiefe gefunden wurden.

Kann man also — schon im Hinblick auf die beiden einwandfreien zeitgenössischen Meldungen — keineswegs die vielleicht auf der Landskron vorhanden gewesenen römischen ‚Schutzbauten als Kernstück einer vorgefundenen, von Philipp nur stärker befestigten und vergrößerten Burganlage betrachten, so sprechen bereits die gleichen Belege gegen die irrige Auffassung Stifells, daß Landskron schon eine Ottonenburg gewesen sei. Nach seiner Behauptung hatten sich schon viele frühere Kaiser — als ersten nennt er Otto II. (973 bis 983), als letzteren Friedrich Barbarossa (1152 bis 1190) — des Hauses als Reichsfestung bedient. Zu dieser Annahme glaubte er guten Grund zu haben. Sie wurde ihm nahegelegt durch seine irrige Auslegung einer Urkunde vom 18. September 121417), die 1598 noch als Original im Burgarchiv lag. Es lohnt sich, dieses Dokument als Ganzes kennen zu lernen, weil es blitzartig die Verhältnisse beleuchtet, die acht Jahre nach der Erbauung der Festung dort und im Reich herrschten3). Was war inzwischen geschehen? Otto IV., nach dem Tode seines Gegners Philipp (1208) im Jahre 1209 zum Kaiser gekrönt, hatte inzwischen fast alles Ansehen unter den Großen des Reiches eingebüßt, besonders aber, nachdem er im Juli 1214 gegen den König von Frankreich eine große Schlacht verlor und sich darauf in sein .Stammland Braunschweig zurückzog. Sein staufischer Gegner im Königtum, Friedrich II., erstmalig 1212 in Mainz zum römischen König gekrönt, hatte im August 1214 ein starkes Heer über Mosel und Maas geführt und befand sich gemäß jener Urkunde am 18. September in einem Lager, das er unter der Burg Landskron aufgeschlagen hatte. Deren Befehlshaber Gerhard (hier: Gerichwin) von Sinzig versuchte er zur Übergabe der Burg, d. h. zum Abfall von Otto, zu bewegen. Friedrich machte folgende glänzende Versprechungen: 1. Nach der Obergabe will er Gerhard, der seinem Oheim König Philipp so unverbrüchlich die Treue gehalten habe, stets ehren und mit Ehren und Belohnungen erhöhen. 2. Er will ihm die Bewachung des Pallas (= kaiserliche Pfalz) anvertrauen und ihm entsprechend dem Rat seines Hofkanzlers und seines Reichstruchsesses soviel an Reichsgütern anweisen, daß Gerhard die Burg zugleich mit ihrem Pallas ‚zur Ehre von König und Reich behüten kann. 3. Die dort schon von Philipp als Burgleute (castellani) eingesetzten Eltern und Freunde Gerhards können unter der gleichen Ehre und In gleicher Art (in ihren Burghäusern) wohnen bleiben wie bisher. 4. Alle jene Güter in Westum, die der einst „Kaiser“ genannte Herr Otto (dominus Otto quondam dictus Imperator) dem Gerhard für den Bau (pro aedificatione) der Burg verpfändete, soll dieser bis zur Einlösung des Pfandes ungestört behalten. 5. Zugleich soll Gerhard das Amt Sinzig mit allen Rechten und (Rechnungs-)Büchern in Verwaltung ‚haben.

Gerhard aber zog die Weifenfahne Ottos noch nicht ein, obwohl sie nördlich der Mosel sonst nur noch auf den Mauern von Aachen und Kaiserswerth wehte. Die Burg öffnete sich für Friedrich erst im August des folgenden Jahres 1215, nachdem er kurz vorher, im Juli, durch einen päpstlichen Legaten auch in Aachen zum römischen König gekrönt worden war.

Die irrige Auslegung der lateinisch abgefaßten Urkunde durch Stifell entstand bei dem Wort „quondam“. Er verstand die von Friedrich gebrauchte abfällige Wendung über seinen Gegner Otto dahin, daß ein verstorbener Kaiser Otto — das heißt aber: einer der drei Kaiser dieses Namens aus dem Sachsengeschlecht — Baugeld für die Burg aufgenommen habe, während tatsächlich nur daraus geschlossen werden kann, daß Otto IV. entweder die Burg weiter ausbauen ließ oder aber die Bauschulden Philipps bei Gerhard übernommen hat.

Jedenfalls besteht nach dieser Klärung nicht mehr der geringste Anlaß, das Baujahr 1206 anzuzweifeln.

Zum Schluß des Eingangskapitels teilt Stifell noch eine, auch damals nur von wenigen geglaubte Sage mit, das Haus Landskron sei durch Helena, die Mutter (Kaiser) Konstantins (306—337), erbaut worden. Vor wenigen Jahren habe ein „Bürger“ zu Königsfeld namens Hugo an einem fremden Ort einen alten Zettel bekommen, den einige bei ihm gesehen haben wollten, der aber jetzt angeblich verloren sei.

Hier spielt offenbar die von Gelenius vertretene, aber schon von Kinkel (S. 186) abgelehnte Legende mit, daß die hl. Helena als ständige Begleiterin ihres Sohnes die Sinziger Kirche gegründet !habe.

  1. Staatsarchiv Koblenz: Abt. Landskron Nr. 2657.
  2. Vgl. Die Kunstdenkmäler des Kreises Ahrweiler, S. 294 sowie Abbild. 267 (1938).
  3. Vgl. dazu Jakob Rausch: Die Landskrone, ein deutscher Schicksalsberg (Heimatjahrbuch 1954 für den Kreis Ahrweiler, S. 103).
  4. Staatsarchiv Koblenz: Abt. Landskron Nr. 2650.
  5. H. Frick: Quellen zur Geschichte von Bad Neuenahr etc. Nr. 362—364 (1933).
  6. G. Kinkel: Die Ahr. Landschaft, Geschichte und Volksleben. 1846.
  7. Aegid. Gelenius: De admiranda sacra et civili magnitudine Coloniae. 1646.
  8. Näheres über die seinerzeit angegebene Wirkung und Zusammensetzung bei H. Frick: Aus der Geschichte von Bad Neuenahr (Festschrift zum 75jährigen Bestehen des Bades Neuenahr, den deutschen Ärzten gewidmet. S. 124. 1933).
  9. Genaues bei H. Frick: Die Burg Landskron als jülichsche Festung und Garnison (Jahrbuch des Kreises Ahrweiler 1941, S. 85 ff.).
  10. E. Weyden: Das Ahrtal. Ein Führer von der Mündung der Ahr bis zu ihren Quellen. 1839.
  11. Neu veröffentlicht bei H. Peters/W. Ottendorf-Simrock: Die Ahr. Ansichten des 19. Jahrhunderts. Bild 5: Blick auf Landskron und Neuenahr (1953). — Vgl. dort im Gegensatz dazu das höchst anschauliche Bild 6: Schlickum: Heppingen mit der Landskron.
  12. H. Cardauns: Koelhoffsche Chronik (Sammlung: Die Chroniken der deutschen Städte vom 14. bis ins 16. Jahrhundert. Band XIV. 1876).
  13. Monumenta Germaniae, Scriptores XVII, S. 821 ff. (1861).
  14. Abt. III, Band 9, S. 412 (1862).
  15. Monumenta Germaniae, Scriptores XXIV, S. 12 ff. (1879).
  16. H. Cardauns: Eine deutsche Kölner Kaiserchronik (Historisches Jahrbuch 1881).
  17. Mittelrheinisches Urkundenbuch III Nr. 19 (1874).