Heiteres und Besinnliches aus der Peckelsjaß

VON FRITZ THEISEN

In keinem Stadtplan ist sie verzeichnet, und kein Straßenschild trägt ihren Namen. Der Fremde würde vergebens suchen, sie irgendwo in Adenau zu finden. Und doch trägt sie ihren Namen schon lange, lange Jahre. Böse Zungen nennen sie wohl auch schon mal Rupfgasse, wegen der Federchen, die angeblich jedem Passanten gerupft werden sollen. Das scheint mir ein Unrecht, denn schlimmer als sonstwo gehts auch hier nicht zu. Freilich, die Gelegenheit dazu wäre hier wohl eher gegeben als in jedem anderen Teil der Hauptstraße, da sich wegen der Enge und des starken Verkehrs alle Fußgänger dicht an den Häusern vorbei bewegen. Und nun wissen wir auch, wo wir die Peckelsjaß zu suchen haben. Sie ist das Stück der Hauptstraße, das ungefähr beim Postamt beginnt und da endet, wo der Adenauer Bach sein unterirdisches Bett verläßt, rechts von der Straße abbiegt und hinter den Häusern herfließt. Dem Heringsmichel aus dem Virneburger Land ist das Ende der Peckelsjaß genau bekannt, denn er landete eines frühen Morgens mit seinem Lieferwagen und einer Ladung frischer Landeier prompt an dieser Stelle im Bach.

Seit fast einem halben Jahrhundert kenne ich sie nun schon. Und was hat sie In der Zeit nicht schon alles erlebt! Sie sah gute und böse Zeiten. Wie oft zogen über sie singende und betende Prozessionen l Und wie stolz ist sie gerade an Fronleichnam, wenn ihre Anwohner sich gegenseitig überbieten, sie durch Altäre und Schmuck würdig zu gestalten! Festzüge aller Art mit flotter Musik bewegten sich über ihr Pflaster. Nur der täglich wachsende Fahrzeugverkehr macht ihr Sorgen. Er geht allmählich über ihre Kräfte. Oft mußte sie es sich gefallen lassen, daß man sie aufriß, um in Schächten und Kanälen neue Leitungen zu verlegen. Während des Krieges hörte sie die Bomben, die in ihrer Nachbarschaft einschlugen und Unheil anrichteten. Tieftraurig mag sie wohl jedesmal gewesen sein, wenn man einen ihrer Anwohner zu Grabe trug. Und wie hat sich ihr Gesicht verändert. Alte Häuser wurden abgerissen und durch moderne Neubauten ersetzt. Die Geschäftshäuser, und deren gibt er fast ausschließlich in der Peckelsjaß, wurden umgebaut und neuzeitlich hergerichtet. Und wenn die Mexe Mamm heute wiederkäme, die gleich am Eingang zur Gasse vom Bahnhof aus wohnte, sie würde sich nicht mehr zurechtfinden. So sehr hat sich ihr Haus, in dem sie sechzehn Kindern das Leben schenkte, verändert. Ihr gegenüber wohnte in den zwanziger Jahren ein Mann, den ich wegen seines biederen und ehrlichen Charakters nie vergessen werde. Die Älteren unter den Lesern werden wissen, wen ich meine: Kaspersch Steff. Deutlich sehe ich ihn noch vor mir stehen. Er besaß einen kleinen Tabakwarenladen. Das Schaufenster war überflüssig. Auf einem kleinen Tisch standen einige Sorten Zigaretten, zwei oder drei Kistchen Zigarren, und auch der Pfeifenraucher konnte seinen Bedarf bei ihm decken. Hinter der Türe am Wandbrett hing der schwarze Gehrock, der bei feierlichen Anlässen getragen wurde, und dazu die Ballonmütze von der gleichen Farbe. Steff war Hoflieferant aller Raucher des Landratsamtes. Der Einkauf ging dann auch nicht so rein geschäftlich zu. Gewöhnlich wurde dabei ein kleines Schwätzchen gehalten. Jeder meinte es mit dem Steff gut. Sein prominentester Kunde war der Landrat selbst. Und hatte man sich zum Kauf irgend einer Zigarre entschlossen, dann konnte man damit rechnen, daß Steff erklärte: „Dat eß en jot Zijahr, die rooch och dr Landrat!“ Dann konnte man sie also getrost nach Hause tragen. Als 1923 der Landrat ausgewiesen wurde und Steff davon erfuhr, wußte er sich keinen ändern Rat, als zur Marienkapelle zu gehen und die Glocke zu läuten. Die damaligen Machthaber haben ihm das aber sehr übel genommen, und von der Zeit an durfte er auch die Mittagglocke nicht mehr läuten. Das hat ihn innerlich doch sehr gepackt. Eines Tages hatte er erfahren, daß ich Lehrer war. Ich mußte ihm nun genau erklären, wie es kam, daß ich statt In der Schule im Büro arbeitete. Und dann erzählte er mir folgendes: „Dam Schreurs singe Jung, da Heln, da eß och Lehrer. Da eß ewwer net mie en Adde.“ „Ja“, sagte ich, „den kenne ich; der ist in Amerika“, worauf Steff antwortete: „Amerika? Da eß noch vill weider wie en Amerika, da eß en Bra-zilie (Brasilien).“ Ich habe es ihm geglaubt.

Eine schlimme Zeit war für ihn in der Inflation. Die Zahlen stiegen ihm über den Kopf. Davon hatte er, wie die meisten Menschen damals, keine Vorstellung. Und ich glaube, daß mancher Lausjunge unter den Rauchern das ausgenutzt hat. Er drückte ihm irgend einen Schein in die Hand und freute sich, billig an Rauchwaren gekommen zu sein, öfters sah ich ihn mit einem Kistchen zerrissener Scheine, die er am Abend mit Hilfe einer Tasse voll Mehlkleister wieder in Ordnung bringen wollte. Zu der Zeit, als man für eine Zigarre ungefähr 500 Milliarden und für eine Zigarette entsprechend zahlen mußte, meinet Steff eines Tages besorgt: „Wenn dat esu weiterjeht, kütt en Zijahr noch an dausend on en Zlgarett an fönnefhonnerd Mark.“

Inzwischen hat ihn der Herr zu sich genommen. Ich glaube, er hat einen gnädigen Richter gefunden, wie er es verdient hat. Wenn von der Peckelsjaß aus vergangenen Tagen die Rede Ist, darf auch ein anderer Name nicht vergessen werden. Hasen Antun. Er war lange Zeit der einzige Möbelkaufmann weit und breit. Und wenn in Adenau und der ganzen Umgebung ein Nachtschränkchen oder ein Bett oder Kleiderschrank gebraucht wurde, das wurde todsicher bei Hasen Antun gekauft. Im Geschäft ließ er sich freilich nicht viel sehen. Das besorgte seine Frau Marie. Er hatte als ehrbarer Schreinermeister in der Werkstatt zu tun, wo ihm Winand als Fachmann im Polstern fleißig half. Antun konnte es sich leisten, daß er etwas früher in Pension ging, aber die blaue Schürze unter dem braunen Rock trug er auch im Ruhestand täglich. Sie war dann allerdings am Samstag noch so rein wie am Montag. Lange Jahre war er mein Nachbar, und ich habe mich oft und gerne mit ihm unterhalten. So standen wir auch am Morgen des 13. November 1923 zusammen. Am Tage vorher waren die Separatisten in Adenau eingerückt, die dann im Laufe der Nacht etwas unsanft geweckt wurden. Ein Teil hatte sich im Landratsamte und die andere Hälfte im Halben Mond einquartiert. Die Schießerei von beiden Seiten zog sich bis in den halben Vormittag hin. Leider fand dabei auch einer unserer Adenauer Mitbürger seinen Tod — durch die Kugel eines Separatisten. Antun stand seelenruhig vor seinem Hause und sah sich die Sache an. Während wir uns unterhielten, ging über uns ein Fenster auf, und die Frau Hees rief ganz aufgeregt: „Antun, küß dau us der Schesserei, dat eß doch vill ze jefährlich“, worauf Antun die Blicke himmelwärts richtete und ganz unvermittelt fragte: „Marie, haß de de Krompere ad jebraode?“ Er aß nämlich morgens gerne ein Pfännchen Bratkartoffeln, die vom Abend vorher übriggeblieben waren.

In der Peckelsjaß haben schließlich auch meine Eltern ihre letzten Lebensjahre verbracht. Sie fühlten sich wohl und haben neben den schweren Zeiten des zweiten Weltkrieges manchen schönen Tag hier verlebt. Mit ihren Nachbarn lebten sie in schönstem Frieden und bester Harmonie. Das zeigte sich besonders, als sie im Jahre 1941 ihre Goldene Hochzeit feiern konnten, und beim 90. Geburtstag meines Vaters. Bei der Gelegenheit hielt er noch eine kleine Ansprache an seine lieben Nachbarn und Mitbürger. Soweit ich mich entsinnen kann, war das die erste öffentliche Rede seines Lebens. Noch Manches wäre zu berichten von der Peckelsjaß und ihren Einwohnern, von denen, die schon von uns gegangen sind, aber auch von der jetzigen Zeit. Für diesmal soll es genug sein. Möge der Herrgott auch in Zukunft seine schützende Hand halten über die Peckelsjaß, ihre Häuser und ihre Menschen!