frommes BRAUCHTUM im amte antweiler

Von Peter Weber

DIE BROTSEGNUNG

Vor vielen Jahren war es, als furchtbare Unwetter großen Schaden in der Nordeifel anrichteten. Wie durch ein Wunder und offensichtlich durch den besonderen Schutz Gottes blieb die Gemeinde Aremberg davon verschont. Und während rings umher in den Dörfern nachher große Not herrschte, konnten die Aremberger die Armen unterstützen. Doch die Vorfahren taten noch ein übriges, und das ist bis heute erhalten und wird, wenn auch in abgeänderter Form, immer noch gepflegt.

Alljährlich am Dreifaltigkeitssonntag ging eine Prozession zur Schutzengelkapelle. Dort wurde durch den Priester das bereitgestellte Brot gesegnet und an die Armen verteilt. — Die Kapelle zu Ehren der Schutzengel wurde unter Pfarrer Laurentius Sprüncker, der von 1663 bis 1720 in Aremberg das Amt versah, im Jahre 1669 erbaut. Sie ist noch heute erhalten und befindet sich ungefähr zehn Minuten vom Dorfe entfernt. Die Benediktion nahm am 1. September 1670 der Pfarrer Balthasar Thiel aus Antweiler vor. Von Pfarrer Sprüncker wurde auch die Schutzengelbruderschaft in der Pfarrei kanonisch errichtet. In diese wurden nicht nur die Bewohner von Aremberg, die herzogliche Familie und ihre Beamten, sondern auch Geistliche und Laien von nah und fern aufgenommen. Im Jahre 1720 verlieh Papst Klemens XI. der Bruderschaft reiche Ablässe; der Ablaßbrief wird heute noch im Pfarrarchiv aufbewahrt.

Im Laufe der Zeit wurde die Schutzengelkapelle besonders von Mitgliedern der Bruderschaft eifrig besucht, besonders am Feste der Erscheinung des hl. Michael und am Schutzcngelfest. Die Verehrung der hl. Schutzengel stieg so sehr, daß die Dorfbewohner jeden Sonntagmittag in Prozession betend zur Kapelle zogen. Ein Andachtsbüchlein wurde im Jahre 1720 von Pfarrer Johann Weyland mit Genehmigung des Erzbischofs von Köln, zu dessen Bezirk damals Aremberg mit dem Eifeldekanat gehörte, verfaßt.

Die Prozession am Dreifaltigkeitssonntag hat sich bis heute erhalten. Viele Menschen, einfache und schlichte Eifeler aus den umliegenden Dörfern, nehmen daran teil und tragen das geweihte Brot in ihre Familien und Gemeinden, damit es ihnen und allen zum Segen gereiche. —

Auf einer weithin sichtbaren Anhöhe der Gemarkung Wershofen, im Distrikt Kottenborn, steht die sog. Kottenborner Kapelle. Von weitem sieht sie der Eifelbauer, der die karge Scholle bebaut, oder auch der Wandersmann, der das Eifelland durchwandert, wie sie, eingerahmt von zwei Fichten, die Landschaft überragt. So wie jetzt ist es aber erst seit ein paar Jahrzehnten. Vorher stand hier nur ein schlichtes Holzkreuz. Dasselbe befindet sich heute an der Südseite. Auch das Kreuz erlebte schon, bevor Speetz Lambert die Kapelle erbaute, jährlich einen großen Tag. So wie damals ist es auch heute noch. In großer Prozession pilgern singend und betend die Einwohner von Wershofen und Ohrenhard am Himmelfahrstag zur Kottenborner Kapelle, die dann besonders festlich geschmückt ist. Zahlreiche Kerzen flackern im Frühsommerwind. Andacht und Opfergang erinnern an die Geschichte des alten Brauches, die eng mit der Entwicklung der Gemeinde verknüpft ist. Diese Prozession verdankt ihre Entstehung den Rittern der Burg Schellenberg.

Die Burg Schellenberg, an der rechten Seite der Mündung des Dreisbaches auf einem romantischen Felsen gelegen, gehörte in damaliger Zeit zur Pfarrei Wershofen. Die Herren der Burg besaßen hier viele Ländereien, von denen sie den Zehnten erhielten. Da aber die Bewohner arm waren und die Burgherren ein mildtätiges Herz hatten, luden sie alljährlich am Himmelfahrstag die Einwohner von Wershofen ein und bewirteten sie. Es wird auch berichtet, daß eine Dame von Schellenberg, als eine neue Glocke auf dem Kirchhof in Wershofen gegossen wurde, ungerufen herzugekommen sei und eine Schürze voll Kronentaler in den Gußbrei hineingeworfen habe. Im Laufe der Zeit verzichteten zwei Ritter der Burg auf den Zehnten. Sie verpflichteten aber die Gemeinde, am Himmelfahrstag jeden Jahres Brot an ihre Armen auszuteilen. Seit jener Zeit gingen die Einwohner von „Wershofen nicht mehr nach dem Schellenberg, sondern zu einem Kreuz (Hagelkreuz), das auf der Anhöhe ,,Kottenborn“ aufgerichtet war. Dort verteilten die Sendschöffen das Brot an die Armen. Später hat man dann das Brot in der Kirche ausgeteilt, und schließlich unterblieb die Austeilung ganz. An Stelle des Kreuzes wurde eine Kapelle erbaut, zu der, ungeachtet der Zeitumstände, die Bevölkerung am Himmelfahrstage pilgert.

LEBENDE LILIE

Wenn im Herbst die Ernte geborgen ist, Keller und Scheune sich füllten und der Eifelwald ein farbenprächtiges Bild bietet, dann kommen von nah und fern große und kleine Prozessionen nach Barweiler, dem Wallfahrtsort in der Nähe der Nürburg, um die Madonna mit der Lilie, die „Eifelmadonna“, zu verehren.

Ursprünglich gehörte Barweiler als Filiale zur Pfarrei Üxheim in der Herrschaft Kerpen. Im Jahre 1506 kam es an die Grafen von Manderscheid. Da die neuen Herren aber die Religion ihrer Väter aufgaben und von den Untertanen dasselbe verlangten, trennte sich Barweiler von dem Pfarrverband mit Üxheim und wurde eine eigenständige Pfarrei. Wahrscheinlich wurde in der damaligen Zeit auch das Bildnis der Muttergottes vom Üxheim nach Barweiler gebracht und in der Pfarrkirche aufgestellt. Doch dann — im Jahre 1726 war es — geschah etwas ganz Außergewöhnliches: Die Mädchen der Gemeinde hatten eines Tages im Sommer, wie immer, die Pfarrkirche mit Blumen geschmückt, die Altäre und auch das Muttergottesbild aus der ehemaligen Pfarrkirche in Üxheim. Bei dieser Gelegenheit hatte man in die rechte Hand der Statue eine lebende Lilie gegeben, die man dort beließ, bis sie verwelkt, ja verdorrt war. Dann geschah das Wunderbare. Im September begann plötzlich die bereits verdorrte Lilie wieder zu grünen und zu blühen, und man zählte 15 kleine Knospen. Ein solches Lilienwunder wiederholte sich im darauffolgenden Jahr noch einmal.

Diese wunderbare Begebenheit berichtete Pastor Michael Kaas an die geistliche und weltliche Behörde. Und da zu damaliger Zeit Barweiler zur Diözese Köln gehörte, beauftragte der Generalvikar, Weihbischof de Reux, den Abt des Klosters Steinfeld, Michael Kuell, mit der Überprüfung des Berichtes von dem Lilienwunder. Derselbe war darauf hin zweimal in Barweiler und konnte sich von der großen Vere’hrung des „Gnadenbildes U. L. Frau mit der Lilie“ durch die Gläubigen aus der näheren und weiteren Umgebung bis Köln und Aachen überzeugen.

Nach der Publikation des Lilienwunders setzte eine fast stürmische Verehrung der Madonna mit der Lilie ein. Immer neue Prozessionen kamen singend und betend zur Eifelmadonna. Damit betrug und Täuschung vermieden wurden, umgab man das Muttergottesbild mit einem gläsernen Schrein. Neben vielen handschriftlichen Berichten und ‚urschriftlichen Wunderberichten aus der Zeit nach 1727 befindet sich im Pfarrarchiv zu Barweiler die Abschrift eines Bescheinigungsbriefes, welcher lautet:

Copia Reversus Dni Satrapae ex Adenaw

Anno 1726: den 28. Octobris habe ich Undt Unterschriebener mitt Untengemeldten Herrn auß eigenem Ahntrieb, nachdem mir von vielfältigen Gottesförchtigen Leuthen in Erfahrniß Kommen, in gesellschaft deren ich mich nach Barweiler begeben. Undt über die in Händen eines höltzernen Mutter Gottes bildts stehende blühende undt Grühnende weiße Lilie zu ehren der Allergebene-deisten Mutter Gottes. Unß höchlichst zu Erfreuen. Alßo Attestiren undt bezügen Wir hiemitt auj Ahnsuchen deß wohl Ehrwürdigen H. Pastoris von Barweiler, daß Wir bey unßer Ahnwesenheit zu Barweiler die gemeldte Lilie in dieser Zeit blühend und grühnend wie zu gehöriger Zeitt im Sommer gesehen, daß oben Eine große Lilie sich Erzeiget, alßwelche alle Tag ausgehen wolle, nebst deren Einige kleine und blühende Lilien den stock herunter. Mitt Erhoffen und gäntz-lichen Wünschen, daß die Vorgesetzte geystliche Obrigkeit zu Ehren der Allergebenedeytesten Mutter Gottes hierinn Ordiniren werden, alßo bescheinige ich hiemitt Ein solches gesehen zu haben, mitt eigener Handt Unterschrift.

Adenaw, den 7n januariy 1727.

Undterschrieben
Frans Anthon Marle
Statthalter Ambts Nürburg

Und noch heute, mach 230 Jahren, pilgern vom Feste Maria Geburt an die Menschen unserer Tage zur hilfreichen und gütigen Jungfrau mit der Lilie nach Barweiler. Und wer mit offenen Augen und aufgeschlossenem Herzen die Wallfahrer sah, der verspürte etwas von jener tiefen Gläubigkeit, die sich — trotz allem — bis heute erhalten hat.Content-Disposition: form-data; name=“hjb1956.14.htm“; filename=““ Content-Type: application/octet-stream