Finke Nickela

VON ELISABETH  ROSENBAUM

Wer kannte ihn nicht an der Ahr, den alten Hauderer Nickela Fink mit seinem Ulanen-sträußchen, seinem etwas behäbigen Aussehen und dem goldenen Kindergemüt? Er wohnte mit seiner treuen, energischen Schwester Katrin und seinem Patenneffen in der Niederhut. Der Junge wurde zum Unterschied von ihm, dem „grüße Nickela“, der „kleine Nickela“ genannt auch dann noch, als er dem Ohm bei weitem überragte. Nickelas Zweispänner fuhr im Sommer zumeist nach Altenahr. Auf diesen Fahrten erklärte Nickela auch hin und wieder die Gegend, wobei er in freier Übersetzung Franzosen den Calvarienberg als „Calvarie“ vorstellte. Im Sommer war gute Zeit, wenn sich hin und wieder auch schon Omnibusse und Autos hervorwagten, was Nickela veranlaßte, den Untergang der Pferdewelt zu prophezeien. War im Winter der Hafer für seine beiden Pferde Alex und Felix knapp, so wurde er durch Mohren und doppelt gute Behandlung ersetzt. Letztere verstieg sich zuweilen sogar zu einem Kuß auf die schwarzen Pferdeköpfe. Was die Pferde vorzogen, Hafer oder Kuß, bleibe dahingestellt. Nickelas rührende Tierliebe ging sogar soweit, daß er es nicht fertigbrachte, eine Fliege zu töten. Mit den Worten: „Die Diersche wollen och levve!“ jagte er sie fort. Die Schnecken in seinem Garten sammelte er und trug sie auf den nahen Bahndamm. Ob er ihnen die Rückkehr untersagte, ist nicht bekannt geworden. Der Winter war, trotz Katrins Seufzer: „Wenn mie doch nur Jet mieh Geld hätten, wären mieh de glücklichste Mensche!“ für Nickela eine geruhsame Zeit. Katrin lieh Ende Herbst bei Bekannten eine alte Schulbibel, „dat da Ohm Jet ze lesse hat“. Abends saß Nickela dann auf dem alten Biedermeiersofa und widmete sich der Lektüre, wobei auch die Finger in Tätigkeit waren. Zeitlupentempo kann man ruhig als Raserei bezeichnen im Verhältnis zum Voranstreben von Nickelas Zeigefinger. Das war ja auch natürlich, da dies eine Buch die geistigen Bedürfnisse den Winter über befriedigen mußte. Wenn er an die Erzählung vom ägyptischen Josef kam, weinte der gute Mann bittere Tränen, „dat da arm Jong“ von seinen Brüdern in die Fremde verkauft wurde. — Kam der Frühling Ins Heimattal, so zog Nickela, seinen Winterschmerz vergessend, wieder öfter mit seinen Pferdchen los, Erlebnissen mancher Art entgegen. Als er einmal Holländer zu fahren hatte, die einen gutsituierten Eindruck auf ihn machten, verlangte er für eine Fahrt statt der üblichen 10 Mark 13 Mark. Anscheinend waren aber die Ausländer dem rheinischen Tonfall nicht gewachsen. Sie glaubten, Nickela habe 30 Mark verlangt und handelten herunter auf 20 Mark, worauf Nickela dann „blutenden Herzens“ einging. Hin und wieder war er auch zerstreut, dann legte sich Katrin resolut ins Zeug. Nickela fuhr einmal wieder eine Hochzeit. Bei derartigem feierlichen Anlaß machte er nicht nur die Pferde fein, mit Edelweiß-Sträußchen an den Ohren und einer weißseidenen Schleife an der Peitsche, er selbst kleidete sich festlich In schwarz. Leider hatte er aber bei dieser Prachtentfaltung statt des üblichen Cylinders die Alltagskappe auf den Kopf gesetzt. Da er schon unterwegs war, raste ihm Katrin mit dem hohen Kopfbehälter nach und brachte Ihn auf dem Marktplatz glücklich an ihren Nickela. Als sie dieses Erlebnis erzählte, sagte sie: „Schreiwe kann ä och net god, als ä neulich ens Jett onderschriewe mohd, hatt ä Nickaus Vieck geschriwwe!“ Der Lenz brachte für Nickela aber auch einen schweren Tag. Als guter Christ befolgte er natürlich gewissenhaft das Kirchengebet „Du sollst wenigstens einmal im Jahre Deine Sünden beichten“, wobei er das Hauptgewicht auf „einmal im Jahre“ legte. An diesem Tage ging er, zur Stärkung des Leibes, als Vorstufe und Auftakt zur Seelenstärkung, mit einem Limburger Käsebrot in die Wirtschaft seines Schulkameraden Josef T. Dort trank er zu dem Wonnebrot wie öfters sein Schnäpschen. Also gerüstet zur Exekution, ging er stöhnend hin und her, um schließlich, eingedenk der Wiedergutmachungspflicht, zu fragen: „Josef, wenn ich Dich im Laufe des Jahres mal um ein Schnäpschen besch. .. . habe, ist das dann erledigt, wenn ich Dir eine Mark bringe?“ (Nickela sprach hochdeutsch bei feierlichen Anlässen!). Herr T., dieser so gütige Mann, nickte freundlich und sagte: „Ja, Nickela, dann ist alles In Ordnung.“ Mit diesem Trost beschritt Nickela seinen Leidensweg. Nach ein paar Stunden kam er freudestrahlend zurück, um dem kleinen Töchterchen des Hauses immer wieder zu versichern: „Kind, ich bin ja so glücklich, sooo glücklich!“ So ging es alljährlich. Auf die in Aussicht gestellte Mark konnte Herr T. aber nicht warten, als der liebe Gott ihn rief, der sie ihm aber gewiß ersetzt haben wird, weil Nickela so vergeßlich war. —

Nun ruht er schon lange auf dem Friedhof am alten Ahrtor, der gute Nickela, nachdem er vorher noch den Heldentod des „kleinen Nickela“ betrauern mußte. Er schaut gewiß aus himmlischen Gefilden kopfschüttelnd auf das Gewimmel von Kraftfahrzeugen, die zum Untergang der geliebten Pferdewelt beitragen. Sogar in der guten, alten Niederhut geht esrecht munter zu, wo heute noch Nickelas trauliches Häuschen steht, dem man pietätvoll den Namen „Finkenhaus“ gab.