DICHTER DES 19. JAHRHUNDERTS IM AHRTAL

VON DR. WALTHER OTTENDORFF-SIMROCK

Ponsart: Blick auf die Burg Are
Aus dem Buch „Die Ahr-Ansichten des 19. Jahrhunderts Hans Peters Verlag, Honnef (Rhein)

Es war zu Beginn der dreißiger Jahre des vorigen Jahrhunderts, da verließ der wallonische Maler und Zeichner Jean Nicolas Ponsart seinen Wohnsitz Malmedy und durchwanderte auf der Suche nach neuen künstlerischen Motiven die damals noch wenig bekannte Eifel. Von dem Städtchen Blankenheim, wo die Ahr entspringt, verfolgte er den Lauf des munteren Eifelflüßchens. Ponsart schaute als erster mit dem Auge des Malers die Felsenromantik des Ahrtals und hielt mit Zeichenstift und Pinsel die von Schritt zu Schritt wechselnden Landschaftsbilder auf den Seiten seines Skizzenbuches fest. Im Jahre 1831 ließ er in Paris unter dem Titel „Souvenirs de l’Eyfel et des Bords de l’Ahr,, die erste Mappe mit Litographien, achtundzwanzig an der Zahl, erscheinen; 1838 und 1839 publizierte er weitere Blattsammlungen, die ausschließlich Ansichten des Ahrtals vereinigten. Inzwischen hatten aber auch deutsche Maler, vor allem der Düsseldorfer und Karlsruher Schule, sich das unbekannte Ahrtal nach einem Wort Karl Immermanns zur „Studierlkammer“ erwählt. Unter ihnen finden wir so bekannte Namen wie Johann Wilhelm Schirmer und Carl Friedrich Lessing, Caspar Scheuren und Carl Schlickum, Theodor Verhas und Carl Ludwig Frommel. Die von diesen Künstlern geschaffenen Ahrlandschaften — Aquarelle und Ölgemälde, Zeichnungen und Stahlstiche — gehören nicht selten zu ihren besten Arbeiten und bilden noch heute eine Zierde der großen deutschen Gemäldegalerien und Kupferstichkabinette.

Zu den bedeutenden Künstlern, die der Verlockung des damals noch weltverlorenen rheinischen Seitentals folgten, gesellten sich auch namhafte Männer der Feder: Dichter und Schriftsteller. Dies war kein Zufall. Wenn auch das Bild des Malers und das Wort des Dichters zwei selbständige, nicht aufeinander angewiesene Ausdrucksmittel des künstlerischen Gestaltungswillens sind, so verbanden sie sich bei der Betrachtung des Ahrtals, wie es sich vor hundert Jahren dem Auge bot, in glücklichster Weise. Denn die Quelle, aus der Maler und Dichter die Motive schöpften, war die gleiche: die Zeit der ausklingenden Romantik.

Als einer der ersten besuchte Karl Immermann, den seine Tätigkeit als Theaterleiter in Düsseldorf mit den dortigen Malern in vielfältige Verbindung gebracht hatte, in Gesellschaft Franz Kuglers, des bekannten Berliner Kunsthistorikers und Verfassers der von Adolph Menzel illustrierten „Geschichte Friedrichs des Großen“, das Ahrtal. Er sah es freilich schon nicht mehr mit den verträumten Augen der Romantiker. Seine Schilderung der Landschaft, die er 1833 in der Schrift „Ahr und Lahn“ gab, verrät den präzisen, ja fast nüchternen Beobachter. Das „Heimlich-Geschlossene“ des Tales zieht ihn an. Er freut sich an den „alten Mauern der Stadt Ahrweiler, mit Zinnen und Türmen geschmückt, von Wein umrankt“, und er nennt Ahrweiler „die artigste kleine altdeutsche Stadt“, die er je gesehen habe. „Hier ließe sich das Gedicht von Tristan schreiben.“ Dichterisch geballt ist die Schilderung der Eindrücke, die er vom Ahrtal empfängt:

„Wir gingen durch das Felsenportal in das enge Tal ein und konnten über Mayschoß bis zur Lochmühle fahren; von da gelangt man auf steilen Klippenpfaden zu der Ruine, welche das Ziel unserer Wanderung sein sollte. Graue, kraus ineinander -verschränkte Schieferwände, hin und wieder mit Kuppen von anderem Gestein bedeckt, sperren die Gegend zu. Am Fuß der Felsen liegen kleine Ortschaften verstreut, das Flüßchen windet sich an ihnen mäandrisch durch. Einsame Brücken liegen darüber. Über dem Ganzen zitterte das fahle Licht eines trüben, Ungewissen Tages. Wein bauen sie, wo Fels und Kies nur einen Quadratmeter hergeben will. Wir haben Wein getrunken, welcher dem stärksten Burgunder an; Feuer und Schwere nichts nachgab.

Aus der Tiefe, wo alles schweigsam ist, emporkletternd, gelangten wir auf die hohe Felsenkuppe, welche die Ruine Altenahr trägt. Die äußersten Zacken des Schiefergebirges laufen hier in eine Zunge aus, idie sich in den widersprechendsten Launen nach allen Seiten hin windet und streckt. Gegenüber liegt das graue Steingewirr der anderen Flußseite, und unten quält sich die Ahr, die man an sechs, sieben Orten glitzern sieht, durch die labyrinthische Gasse.“ •

In diesen Jahren wanderte auch Karl Simrock, der Wiedererwecker der deutschen Heldensage und Übersetzer des Nibelungenliedes, durch das Tal und schöpfte für seine poetische Sammlung der Rheinsagen (1837) aus dem Sagengut des Ahrgebietes. In seinem scharfäugig geschauten Werk „Das malerische und romantische Rheinland“, zuerst 1838 in Leipzig erschienen, widmete er dem „Ahrgau“ überdies eine liebevolleingehende Darstellung. Die von Simrock selbst dichterisch geformte Sage .von der „Wunderbrücke“ eröffnet die Reihe der Ahrtalsagen:

Wo sich zwei Berge winken, dazwischen rauscht die Ahr,
da sah’n die Väter blinken Landskron und Neuenahr
und einer Brücke Bogen erglühn im Sonnenstrahl,
von Schloß zu Schloß gezogen über das breite Tal.

Wer schuf die Wunderbrücke wie Regenbogen schön,
der Kunst zum Meisterstücke und einte diese Höh’n?
Der Vater sagt’s dem Sohne, drum spricht die Sage wahr:
Ein Herr war’s von Landskrone, ein Graf von Neuenahr.

Sie hatte treu verbunden der engsten Freundschaft Band,
daß man zu allen Stunden sie gern beisammen fand.
Und mußten sie dann scheiden, so war die Brücke nah,
sie brachte bald die Beiden einander wieder nah.

In Stücke brach die Brücke nach schwerer Zeiten Lauf,
da baute sich zum Glücke ein zärtlich Paar sie auf,
und Liebesboten gingen dahin, daher gar viel,
bis sie sich selbst umfingen in süßem Minnespiel.

Viel schöne Brücken schlagen sah ich in deutschem Land,
doch keinen Bogen wagen, der sich so weithin spannt.
Weil’s ewig unterbliebe, so mag man klar wohl schau’n,
daß Freundschaft und die Liebe die schönsten Brücken bau’n.

KARL SIMROCK
Foto: Dr. Ottendorff-Simrock

Es folgt Wolfgang Müllers „Schwert und Pflug“, eine feinsinnige Abwandlung des Sagenmotivs vom goldenen Pflug von Neuenahr. „Die drei Schüsse“, ebenfalls aus der Feder von Karl Simrock beziehen sich auf die Saffenburg, das Gedicht „Die Gefangenen zu Are“, nach Meister Gottfried Hagens Reimchronik von Simrock gestaltet, auf Altenahr, Bodendorf und Remagen. Wolfgang Müllers „Der Ritter von Altenahr“ — die Sage von dem alten Burgherrn, der den Tod in Freiheit einem Leben in schimpflicher Knechtschaft vorzieht — und Gottfried Kinkels „Schild von Nürburg“ beschließen den Kreis der Sagen aus dem Ahrgebiet, denen man noch die von „St. Lufthildis“ wegen der mannigfachen Beziehungen der Heiligen zu Land und Leuten an der Ahr hinzufügen darf:

Da gab ihr der Kaiser zum Klosterbau
den Berg mit Wäldern und Wiesen.
Da wohnte die hohe, die herrliche Frau,
vom Volke verehrt und gepriesen.
In Lüftelberg, das die Spindel errungen,
wird beute der Heiligen Lob noch gesungen.

K. Simrock

Emanuel Geibel verbringt im Sommer 1835 sein erstes Studiensemester in Bonn, und der majestätische Strom und die ehrwürdige Stadt regen den Jüngling zu Gedichten an, in denen sich das Erlebnis der rheinischen Landschaft widerspiegelt. Er „atmet traumversunken die stromgekühlte Luft“, und ihm ist „das Blut wie von Wein“. So zeichnet er poetisch den Zustand seiner Empfindungen. Mit einigen ebenfalls in Bonn studierenden Lübecker Schulkameraden und anderen Norddeutschen findet er sich zu einem ‚Kreis zusammen, der weinfrohe Geselligkeit pflegt und gemeinsame Wanderungen in die schöne Umgebung von Bonn unternimmt. Am 2. Juli 1835 berichtet Geibel seiner Mutter von einem zweitägigen Ausflug in das Ahrtal und zum Laacher See: „Das Ahrtal“, so schreibt der junge Dichter, „ist ein ziemlich enges Felsental, das sich nur stellenweise erweitert, und erinnert häufig an die schönsten Partien des Unterharzes. Nur hat es einen fast noch freundlicheren Charakter; überall kommen Dörfer zum Vorschein, an den steinigen steilen Felswänden zieht sich in üppiger Fülle der blühende Wein, und der Weg führt durch wogende Kornfelder. Die klare grüne Ahr windet sich in tausend Krümmungen durch die Bergschluchten, bis endlich von steiler Felsenkrone die zerfallene Ahrburg mit ihren Bögen und Türmen ins Tal herabwinkt. Unfern von derselben gelangten wir durch einen durch den Berg gehauenen unterirdischen Gang nach Altenahr, dem Ziele unserer Wanderung. Von hier aus bestiegen wir die Ruine, auf deren Höhe wir uns der prächtigsten Aussicht erfreuten. Man blickt nämlich von dort in fünf verschiedene kesselartige Felsentäler hinab, durch die in den wunderbarsten Verschlingungen die wilde Ahr sich drängt.“

Geibel hat diese Wanderung zeit seines Lebens nicht vergessen. Das Ahrtal, das er nie wiedergesehen hat, schenkte ihm ein einmaliges Erlebnis. Wenn er später in der Unterhaltung mit Freunden oder Besuchern auf den Rhein zu sprechen kam, dann vergaß er nie, die „wunderbaren Nebentäler“ zu erwähnen und empfahl angelegentlich, sie zu durchwandern, wie er es selbst einst getan.

Im September 1839 nahm Ferdinand Freiligrath, der schon weitberühmte Dichter des „Löwenrittes“ und anderer Verse, darin er farbige Bilder fremder Zonen malte, seinen Wohnsitz im rheinischen Unkel. Ihm, dem Westfalen, wurde nun der Rhein zum Erlebnis, und seine Schönheit zu preisen ward er nicht müde: „Selbst die rauhere Jahreszeit hat hier ihre Reize, und der Flerbst ist ganz entzückend“, schrieb er im Dezember 1839 seinem Freunde von der Heydt. „Ich habe eine wundervolle Weinlese mitgemacht (auf Simrocks Gut in Menzenberg), die A h r und das Siebengebirge fleißig durchwandert und muß jetzt, wo ich verschneit bin, eifrig nachholen, was ich zwischen Trauben und iKelterbütten zu wenig getan habe.“ — Mit Ida Melos, die als Kind noch unter den Augen Goethes in Weimar gespielt hat, wandert Freiligrath im Juni 1840 in die Stille des Ahrtals. Die Reben blühen, die Raine sind mit wilden Rosen übersät. Da schreibt der Dichter für die Geliebte das „Rosenlied von der Ahr“:

Die Linde trieb Knospen und Ranken der Wein;
wir schritten durch Busch und durch Schutt und Gestein,
ich pflückt‘ eine Rose, die schönste der Ahr,
du stecktest sie lächelnd ins bräunliche Haar.

Der zarte Klang der hier wiedergegebenen Verse — nur diese wenigen haben sich uns erhalten — läßt aufhorchen und den Verlust der übrigen Strophen des Gedichtes bedauern.

Auch Ernst Moritz Arndt haben die „Wanderungen aus und um Godesberg“ — so lautet der Titel seines 1844 erschienenen Buches — ins Ahrtal geführt. Von der Quelle des Flüßchens im Eifelstädtchen Blankenheim wandert er bis ins Mündungsgebiet bei Sinzig. Er lobt die freundlichen Menschen und bekennt seine Liebe zum köstlichen Wein, der an den Bergflanken reift. Aber mehr als all das dünkt dem altgewordenen Poeten die Geschichte, aus der der ritterliche Geist dieses rheinischen Tales so hörbar spricht. Von Heppingen aus besteigt er die Landskron, „diese alte Burg mit ihren Trümmern, die auf der höchsten Kuppe der Niederahr trauert“: „Wo sind alle die Geschlechter geblieben, welche dort oben gethront und in das fröhliche Licht Ides Tages und Lebens geschaut haben! Kaum winkt hin und wieder ein alter, bemooster und mit Gesträuch und Dornen bewachsener Turm, ein zerbröckeltes, mit Efeu umranktes Gemäuer, ein Zeichen ihres verschollenen Gedächtnisses, und Sagen und Märchen klingen durch ihre Namen hin.“ In Trümmer gesunken sind auch die Burgen der Grafen von Are, Neuenahr und Saffenburg und aridere stolze Rittersitze, die einstmals blühende Geschlechter erbaut haben.

ERNST MORITZ ARNDT 1813

Dem rheinischen Poeten Wolfgang Müller von Königswinter — so nannte sich der Dichter nach seinem Geburtsort — erwuchs die Liebe zur Ahr-landschaft aus dem Jugenderleben so manchen fröhlichen Feriensommers in Bodendorf. Die Familie besaß in dem freundlichen Dörfchen im unteren Ahrtal ein Haus mit einem kleinen Weingut urid hielt sich im Herbst bei der Traubenlese häufig hier auf. Wally Müller, die Schwester des Dichters, gedenkt in ihren Lebenserinnerungen liebevoll dieser Bodendorfer Herbstwochen; mit ihnen steigt auch die Zeit der ausklingenden Romantik herauf, und so mancher bedeutende Name wird lebendig: „Wolfgang pflegte seine Düsseldorfer Freunde mitzubringen: Pose, Achenbach, Rethel, Burgmüller, Robert Reinick, Freiligrath und andere“, schreibt sie. „Ich selbst durfte immer eine Freundin einladen, und da gab es dann heitere Tage voll Vergnügen und Scherzen, deren das muntere Künstlervölkchen stets neue ersann. Gar mancher lustige Streich fröhlichen Jugendübermutes wurde hier ausgeführt, dessen die Bodendorfer noch lange gedachten.“

Der tiefe Eindruck, den das Ahrtal auf das für Landschaftsschönheit empfängliche Gemüt des Poeten ausgeübt hat, spiegelt sich in Wolfgang Müllers Dichtung. So werden in dem Erlebnis der von Mondlicht umflossenen Felsenwelt bei Altenahr mit ihrer tiefen Naturstille auch Gestalten der Sagen- und Märchenwelt wach:

Die stolzen Berge strecken
dunkel die Häupter empor,
und Felsenzacken recken
wie Arme draus hervor.
Am Berge düstert und träumet
der Wald so wunderbar,
im Tale flüstert und schäumet
rauschend die wilde Ahr.
Und alles schaut mich so dunkel
gespenstisch unheimlich an,
plötzlich mit lichtem Gefunkel
betritt der Mond die Bahn.
Die Wellen zittern und beben,
er küßt sie mit goldenem Kuß;
da seh‘ ich tanzen und schweben
badende Elfen im Fluß.

In seinem großen Versepos, der „Rheinfahrt“, schreitet der Dichter auch dem Wanderweg der Ahr nach. Vom Laacher See führt ihn der einsame Weg über „steinigte Lavafelder“ zu jener Stelle, wo die wilde Ahr entspringt. Er huldigt ihr mit Worten, die ihre arme Eifelherkunft preisen: „Sie ist in einem niedern Stall geboren“, und er den’kt fromm (dabei an das arme Kind zu .Bethlehem. Doch bald erlebt er die „Frische, die Munterkeit, den Mut, die Klarheit“ der Ahr und er folgt ihr „durch manchen Wiesengrund“:

Ihr Plaudern schallt uns lieblich in die Ohren,
dann brauset sie und raset in den Schlund
und bricht durch des Gebirges schroffe Dämme,
und seltsam fügen rings sich in der Rund wirr,
hochgetürmt, die schroffen Schieferkämme.

Der Freund des Ahrtals Wolfgang Müller verfolgte die Entdeckung der Bad Neuenahrer Heilquellen und die Entwicklung des jungen Bades mit lebhafter Anteilnahme. Den Tag der Quellenweihe, den 28. Juli 1858, verherrlichte er durch ein Festgedicht:

Gewässer, sprudelnd, edel, rein!
Das ist der Brunnen mit dem Hort,
der aus des Berges Grundgestein
entrinnet diesem schönen Ort.

Der Forschergeist hat sie entdeckt,
der wunderbar die Menschheit schmückt,
er hat ins Leben sie geweckt,
daß sie die Menschheit weit beglückt.

Als Arzt hat Wolfgang Müller von Königswinter die Heilkraft der Thermen von Bad Neuenahr hoch geschätzt; er weilte selbst Jahr für Jahr hier zur Kur. Die Badestadt, in der er am 26. Juni 1873 die Augen für immer schloß, hat, den Dichter zu ehren, eine ihrer Straßen nach ihm benannt.

Die gleiche Liebe zum Ahrtal erfüllte auch Gottfried Kinkel aus Bonn. Der Dichter und Demokrat von 1848, dem die Ahrlandschaft nach seinem eigenen Zeugnis von früher Jugend an wie eine Heimat vertraut war, sollte zu ihrem bedeutendsten Künder werden. In seinem 1846 erschienenen Buch „Die Ahr — Landschaft, Geschichte und Volksleben“ hat er eine tiefschürfende Darstellung gegeben, die heute noch Gültigkeit besitzt. Dieses Werk führt zum Quell der Geschichte der historisch verwurzelten Landschaft herab, eines Landes, von dem er sagt, daß „kein Gewitter sich über dem westlichen Deutschland entladen, das nicht wenigstens mit einem Blitze die Felsgeschiebe des Ahrtals beleuchtet hätte“. Als Kunsthistoriker wurde Kinkel besonders durch die mittelalterlichen Kirchenbauten an der Ahr gefesselt; er hat sie eingehend in seinem Buch beschrieben, wie er auch den Äußerungen des Volkstums in Sprache und Sitte, Sage und Brauchtum mit feinem Gespür nachgegangen ist. Bei aller Rückbesinnung auf die große Vergangenheit übersah Kinkel, dessen soziales Gewissen allzeit wach war, aber keineswegs, daß die Bewohner des Ahrtals wie der Eifel überhaupt sich in einer recht bedrängten wirtschaftlichen Lage befanden. Die kleinbäuerlichen Besitzverhältnisse und die bescheidenen Erwerbsquellen — Weinbau und Fischfang in der Ahr — reichten nicht aus, die kinderreichen Familien zu ernähren. So stellte mit der Eifel gerade das Ahrtal im vorigen Jahrhundert einen beträchtlichen Anteil an dem Zuge derer, die Haus und Hof verließen und versuchten, sich jenseits des Ozeans, ein neues, besseres Leben aufzubauen. In den Versen „Die Auswanderer des Ahrtals“ fühlen wir das Herz des Dichters warm für diese zum Verlassen ihrer Heimat gezwungenen Menschen schlagen:

GOTTFRIED KINKEL 1848

So wollt ihr fort? O seht im Abendbrande
die ernsten Felsenstirnen mild erglühn!
Schaut diesen weiten Blick in lichte Lande
vom Fels herab aus dunklem Rebengrün!
Lockt euch nicht mehr des Herbstes würz’ger Segen,
der purpurn in die Tonnen niederrinnt?
Nicht mehr das Lied, das rings auf schroffen Stegen
um Burgentrümmer seinen Teppich spinnt?

Das Ahrtal hat auch in dem persönlichen Leben Kinkels eine nicht geringe Rolle gespielt. Der junge Dozent für evangelische Theologie an der Universität Bonn war mit der Zeit in einen immer tieferen Gegensatz zu der orthodoxen Auffassung der Fakultät geraten. Er entrollte in seinen kirchengeschichtlichen Vorlesungen seinen zahlreichen, dem hervorragenden Redner hingerissen lauschenden Zuhörern umfassende Zeit- und Kulturbilder. Wenn er hierbei die Einwirkung der Religion auf das Leben: auf Staat und Gesellschaft, Kunst und Volkssitte, Dichtung und Aberglauben, in den Mittelpunkt seiner Ausführungen stellte, dann erschienen im ästhetische und politische Betrachtungen oft wichtiger als das herkömmliche dogmatische Interesse des Fachs. Diese wissenschaftliche Einstellung und seine betont soziale Haltung stempelten Kinkel in den Augen der an der Universität herrschenden konservativen Richtung zum Revolutionär, und die Fakultät verstand es, die Betrauung des jungen Dozenten mit einer Professur bei dem reaktionären Ministerium in Berlin zu hintertreiben.

Zum endgültigen Bruch Kinkels mit diesen Kreisen führte aber seine Verbindung mit Johanna Mockel, der geschiedenen Frau des Kölner Buchhändlers Mathieux. Als Komponistin, Dichterin und Begründerin des Bonner Poetenbundes „Maikäfer“ ist sie, die spätere Gefährtin seines sturmumtobten Lebens, in die Literaturgeschichte eingegangen. Kinkel beschreibt in der von R. Sander herausgegebenen Selbstbiographie — sie umfaßt die Jahre 1838 bis 1848 — sein Ringen um geistig-weltanschauliche Werte wie auch um sein persönliches Lebensglück in jener gärenden Zeit des politischen Vormärz. Er schildert aber auch, wie sein kämpferisches Herz Ruhe fand auf weiten Wanderungen in das geliebte Ahrtal. Das Gedicht „Auf der Hohen Acht“ hält das Erlebnis einer solchen Wanderung (im Februar 1841) fest. Die Ahrbergwelt mit ihrer Felsenwildnis — dieses „Land des Kampfs von grauer Ewigkeit“ — wird dem Dichter zum Abbild seines eigenen zerklüfteten Innern und schenkt dem an seinem Schicksal fast Verzweifelnden neuen Lebensmut:

Ein Land des Kampfs von grauer Ewigkeit!
Ist’s nicht, als ob der Felsen kahle Firnen
am Schöpfungstag gekämpft in grimmem Streit,
wer höher hebt die blitzzerspällten Stirnen —
bis dann den tiefen Erdschoß donnertönig
Basalt gesprengt, der wilde Feuerkönig,
und über all des Urgesteines Wust
die Kuppe hob, darauf du staunend ruhst?

Aber nicht nur allein, viel öfter noch ist Kinkel zusammen mit den Bonner „Mai-käfer“-Freunden, den Gefährten jenes frohen Poetenbundes, an die Ahr gewandert. Der „Maikäferbund“ hatte seine Bleibe im Ahrweiler Ratskeller (Deutscher Hof). Auch in den Revolutionsjahren 1848/49 hielt Kinkel mit seinen demokratischen Freunden, u. a. mit Karl Schurz, hier im Ratskeller geheime politische Zusammenkünfte unld Beratungen. Durch ihn erlebte Jakob Burckhardt, der später berühmte Schweizer Kunst- und Kulturhistoriker, die Schönheit der Ahrlandschaft, und dieses Erlebnis bezeichnete er noch nach vielen Jahren als „einen der Kulminationspunkte“ seines Lebens. Dem „Aregau“ und seinem Freunde Kinkel insbesondere widmete Burckhardt eine Abhandlung über den mutmaßlichen Gründer des Kölner Doms, über Conrad von Hochstaden, den berühmtesten Sohn des uralten Geschlechtes derer von Are-Hochstaden. Diese 1843 in Bonn erschienene Schrift ist seine erste historische Veröffentlichung überhaupt. — Aber die Ahr macht den jungen Gelehrten auch zum Dichter, der eine romantisch bei Wein und Lied durchwachte Nacht in dem Felsengeklüft bei Altenahr besingt:

Werft die Fackeln hier zusammen, wo die duftigen Sträucher blühn!
So vergehn die Jugendtage, wie die Flammen hier verglühn. —
Doch die Jugend, sie ist unser und sie bleibt uns frisch und neu,
unser sind die heiligen Sterne: Vaterland und Lieb‘ und Treu‘. 

In diesem Kreise weinfroher Romantiker begegnen wir auch dem Bonner Alexander Kaufmann. Er hat in seinen zum Lobe des Rheinlandes gesungenen anspruchslosen, frischen Liedern auch des Ahrtals gedacht, z. B. in dem Gedicht „St. Peter in Walporzheim“. Sein Bruder Leopold, der spätere Bonner Oberbürgermeister, schildert in den „Jugenderinnerungen an Ahrweiler“ anschaulich eine Weinlese, die er im Hause des gastfreundlichen Oheims, Vikar Fechemer, in der „Herberge der Künstler“, erlebte, ebenso auch das Ahrweiler Schützenfest. Und der Malerpoet Roben Reinick — sein Lied „Des Sonntags in der Morgenstund'“ wird noch immer gern gesungen — preist den köstlichen Wein, der an den sonnigen Bergflanken des Ahrtals wächst und die Mädchen, die ihn dem durstigen Wanderer kredenzen:

In dem Wirtshaus gutes Leben,
würz’ger Wein von einunddreißig,
Mädchen in demselben Jahrgang,
aber freundlich, gut und fleißig. —

Der Chor der unsere Ahrheimat im vorigen Jahrhundert preisenden Dichterstimmen klingt vieltönig; nur die wesentlichen konnten hier genannt werden. In dem Büchlein „Die Ahr — Ansichten des 19. Jahrhunderts“ (Dr. Hans Peters Verlag, Honnef/Rh.) hat der Verfasser dieses Aufsatzes die Geschichte der literarischen Entdeckung des Ahrtals gegeben. Neben die schriftlichen Zeugnisse treten dort auch die bildlichen: rund fünfzig Wiedergaben von Litographien, Aquarellen und Zeichnungen, in denen die Schönheit des Ahrtals, wie sie sich vor hundert Jahren den Augen der Künstler darbot, meisterhaft eingefangen ist. Mit den Stimmen der Maler und Dichter jener vergangenen Zeit klingt eine Melodie auf, die dem Ohr der Menschen unserer unrastigen Gegenwart kaum noch vernehmbar ist. Wer aber um die Werte der Stille weiß, wer sich noch den Sinn bewahrt hat für verhaltene Schönheit, für Kultur und Geschichte einer Landschaft —, für ihn sind auch die längst verhallten Stimmen der Dichter des Ahrtals immer noch lebendig.