DER KOBOLD VON WALPORZHEIM

Es ist so um die Mitternacht,
Kann sein, ein bißchen später,
Da öffnet sich das Pförtchen sacht
Zu Walporzheim im Peter.
Zwei Bauern treten aus dem Haus
Und aus Sankt Petri Schutz heraus,
Die fürchten nicht den Kobold.Sie blickten erst zum Himmel auf
Nach all den schönen Sternen,
Als wollten sie der Sterne Lauf
Heut‘ nacht recht gründlich lernen.
Dann spricht der Veiten: Nun frisch zu,
Bald sind wir an der Bunten Kuh
Bei dem verfluchlen Kobold.So packt mich nur recht fest am Arm
Und laßt uns tüchtig schreien;
Ich hoff‘, er tut uns keinen Harm,
Denn seht, wir sind zu zweien.
Doch wie? O weh, Gevattersmann,
Ihr fangt mir schon zu wackeln an —
O du verfluchter Kobold.Potz Wetter, ich auch spür‘ ihn schon,
Mir flirt’s so vor der Nase;
Der Weg ist glatt, so recht zum Hohn,
Als war‘ er ganz von Glase.
Gevatter Klaus, geht nur gradaus,
Seht ihr, da steht des Müllers Haus. —
O du verfluchter Kobold!
Ei Veiten, ihr seid nicht gescheit,
Stoßt mich nicht in die Rippen!
Was drückt ihr denn nach rechts so weit?
Dort ragen ja nur Klippen!
Ich glaub‘, ich glaub‘ am End‘,
Er hat die Augen euch verblend’t,
Der ganz verfluchte Kobold.Gevatter Klaus, was wirret euch,
Was wollt ihr links im Dunkel?
Dort, seht doch, ist ja nur Gesträuch
Und drunter Stromgefunkel! Laßt los!
Ich folge meinem Kopf,
Mich oder euch hat er beim Schöpf,
Der ganz verfluchte Kobold.Sie ließen los, und auf sein Ziel
Ein jeder eilends rannte.
Der Veiten rechts, und stolpernd fiel
Er auf die Felsenkante.
Der Klaus ging links auf sein‘ Gefahr
Und — patsch, da lag er in der Ahr!
O du verfluchter Kobold!Dem einen strömten aus der Nas‘
Die hellen blut’gen Perlen;
Der and’re tief im Wasser saß
Und hielt sich an den Erlen.
So krabbelten sie beid‘ heran
Und fanden wieder ihre Bahn
Trotz dem verfluchten Kobold.
Und wunderbar — wie der ans Land,
Der auf den Weg gekommen,
Da war der Kobold durchgebrannt
Und ist nicht wiederkommen.
Sie schritten beide mit Gebrumm
Ganz nüchtern fort und sahn nicht um
Nach dem verfluchten Kobold.GOTTFRIED KINKEL