Die „Bachemer Eide“

VON ALOIS SCHRANDT

Man schrieb das Jahr 1362. Es waren unsichere Zeiten. Oft erhellte blutroter Schein den nächtlichen Himmel der Grafschaft Are; dann war wieder eine Scheune oder ein Gehöft geplündert und eingeäschert. Niemand wagte bei Dunkelheit die Umfriedung des Hofes zu verlassen. Erst vor kurzem wurde am hellen Tage eine Pilgergruppe auf der Aachener Kaiserstraße zwischen Överich und Fritzdorf von vermummten Reitern überfallen und geschätzt. Sie war unterwegs zu den heiligen Stätten in Aachen.

Seitdem Krafto, der gestrenge Domherr und Onkel des letzten regierenden Grafen von Neuenahr im Jahre 1359 gestorben war, schauten die Wadenheimer ängstlich und voll Mitleid zugleich hinauf zu ihrer stolzen ‚Burg, um deren Zukunft sie bangten. Katharina, die Erbin von Burg und Grafschaft, war gleich nach dem Tode des Vaters 1353 im zartesten Kindesalter durch Krafto mit dem Junggrafen Johann von Saffenburg verlobt worden. Nun hatte das junge Paar auf Schloß Montjoie prunkvoll Hochzeit gefeiert und auf Burg Neuenahr Wohnung genommen. Die machtvolle Persönlichkeit Kraftos hatte die erblüsternen Verwandten noch abschrecken können. Nun aber stritten sich Roesberger und Isenburger, Vettern und Onkel, mit den Saffenburgern schon seit drei Jahren um das Neuenahrer Erbe. „Wird das jugendliche Grafenpaar sich dort oben behaupten können? Wird einmal wieder Ruhe und Frieden in unsere Grafschaft einziehen? Wann werden die Schatzungen und Sonderabgaben einmal aufhören?“ So fragte man sich abends am Herdfeuer in den Dörfern der Grafschaft, während junge Burschen in Selbsthilfe an den Dorfausgängen Wache hielten. Fast allabendlich raunte man sich Schreckensnachrichten zu. Hier raubte man Pferde auf dem Felde, dort trieb man die Kühe von der Weide, in Mayschoß steckte man den Pfarrhof in Brand, vor Gelsdorf schätzte man Saffenburger Untertanen mit 45 Gulden. Ein hinterlistiger Überfall der jungen Roesberger auf den Grafen Johann den Alten von Saffenburg, bei dem sie diesen wie einen Buben wundschlugen, lag noch allen in den Gliedern.

In der Frühe des 8. Mai ertönte der langgezogene Ruf des Weinbergschützen. Die Eisheiligen hatten sich verfrüht, und dem Schützen bangte um die jungen Triebe im Weinberg. Die Burschen aus Hemmessen und Wadenheim eilten mit brennenden Strohfackeln herbei, um die vorbereiteten, mit Wacholder und Rasenstücken vermischten Reisighaufen vor den Weinbergslagen in Brand zu stecken. Schützende Rauchschwaden breiteten sich bald über das ganze Tal, so daß die ersten Sonnenstrahlen nicht durchdringen konnten. Kuno, der Knecht des Kassiushofes, hatte mit zwei Burschen den äußersten Reisighaufen an der Lantershofener Grenze angezündet. Deshalb waren sie die letzten, die nach Hause gingen. Ehe sie auf den Weg kamen, hörten sie lautes Hufegeklapper. Beabsichtigte man einen neuen Überfall? Wer sollte heute das Opfer werden? Die Reiter schienen ja sehr sicher und unbesorgt zu sein. Man hatte den Pferden nicht einmal dämpfende Lappen um die Hufe gebunden. Die Reiter unterhielten sich laut; Lachen und Scherzworte drangen an das Ohr der Lauscher. Kuno hatte sich an den Weg herangeschlichen und hinter Brombeerranken versteckt. Die Reiter kamen näher. Kuno erkannte im ersten den Grafen Johann den Alten von Roesberg in glänzender Rüstung, das Wappen von Neuenahr glänzte im Schilde, und ein Knappe ritt mit der Neuenahrer Standarte voran. Ihm folgten sein Bruder Gotthard Herr zu Hackenbroich, seine beiden Söhne Dietrich und Johann und zahlreiche Dienstmannen. Alle in prunkvoller Rüstung. Nein, hier konnte es sich nicht um eine Fehde handeln!

Bachem mit Neuenahrer Burg
Foto: Kreisbildstelle Ahrweiler

Kuno und seine beiden Begleiter packte die Neugier. Sie folgten der Gruppe in angemessener Entfernung bis zu der kleinen Erhebung an der Ahr gegenüber der Mündüng des Bachemer Baches. Hier wuchs ihr Erstaunen noch mehr. Auf Burg Neuenahr, von dessen Gipfel sich die Rauchschwaden soeben verzogen hatten, flatterte die Standarte der Grafen von Neuenahr, Helle Hornsignale klangen über das Tal, die Zugbrücke senkte sich langsam, und eine Reitergruppe verließ die Burg. Die beiden Burschen schauten fragend nach Kuno, der mit der Linken stumm nach Osten zeigte. Auch von dort näherte sich eine Gruppe Ritter, deren Feldzeichen die Lauscher noch nicht erkennen konnten. Es war Gerlach von Isenburg mit seinen Mannen. Alle drei Gruppen hatten sich gegenseitig erkannt und winkten sich zu.

Johann von Roesberg gab seinem Pferde die Sporen und sprengte durch die Ahr, gefolgt von seinen Begleitern. Hoch spritzte der Gischt des klaren Wassers. Drüben auf dem Hügel mit der Annakapelle herrschte emsige Geschäftigkeit. Ritterknechte liefen hin und her, stellten Bänke und Tische um einen provisorisch errichteten Altar mit dem Kreuze des Heilandes. Mit einem groben Hanfseil steckten sie ein weites Rund ab, dessen Rand sich mit neugierigen Bauern füllte. Gerade als die Sonne im Südosten über der zinnenreichen Burg Neuenahr stand und ihre Konturen purpurn umrahmte, trafen die Reiterhaufen vor der Bachemer Kapelle zusammen.

Es war kein frohes Grüßen hin und her, vielmehr ein stummes Abschätzen, ein verhaltenes Abwägen und ein kurzes Senken der Lanzen. Reitknechte nahmen die Rosse der Herren in Empfang. Da näherte sich von Ahrweiler her eine weitere Gruppe. Voran ritt der Abt von Prüm in vollem Ornat, begleitet von mehreren Geistlichen und einigen Herren von Ahrweiler. Der hohe Würdenträger wurde von allen anwesenden Herren mit Handkuß begrüßt und in das hergerichtete Rund geleitet. Da sprengte eine letzte Reiterschar herbei. Es war Johann der Alte von Saffenburg mit seinem Bruder Konrad, der das Ordenskleid der deutschen Ritter trug, denen mehrere Dienstmannen folgten. Johann der Alte nahm Platz neben dem Abt und seinem Sohne Johann, Graf von Neuenahr=Saffenburg.

Gemessen erhob sich der greise Abt, neigte sich vor dem Bilde des Gekreuzigten und grüßte mit den Worten: „Gelobt sei Jesus Christus,“ Er gab bekannt, daß die Herren sich geeinigt hätten, der langen, Land und Leute schädigenden Erbfehde zu entsagen und einen rechten Burgfrieden zu beschwören. Ein zustimmendes und befreiendes Raunen ging durch die Umstehenden, aber die Mienen der Herren blieben starr. Da ergreift der Abt ein vor ihm liegendes Pergament und liest langsam und feierlich:

„Gerlach Herr zu Isenburg, Johann Herr zu Saffenburg und Johann sein ältester Sohn zu Saffenburg und Nuenar einerseits und Johann Herr zu Roesberg, Cotthard von Nuenar Herr zu Hackenbroich und die Söhne Johanns, die Brüder Johann und Dietrich von Nuenar anderseits schließen einen Vergleich wegen aller Feindschaften, Kriege, Entzweiungen und Aufstände um die Herrschaft von Nuenar auf folgender Grundlage:

1. Dietrich von Nuenar soll Sophie, die Tochter Johanns Herr von Saffenburg, heiraten.

2. Er soll uneingeschränkt ein Drittel von Burg, Land und Herrschaft von Nuenare mit Land und Leuten, Gerichten und allen Rechten bis zum Tode Gerlachs haben. Nach dessen Tod soll Gerlachs Drittel von Burg und Land unter Dietrich und seinen Schwager Johann, ältester Sohn zu Saffenburg, gleichmäßig geteilt werden.

3. Nach der Eheschließung soll ihm Johann Herr von Saffenburg die 400 Mark, die Gerlach diesem bisher zu geben pflegte, zur Morgengabe geben bis zum Tode der Grafenwitioe Johanna von Nuenar*Elsloo. Darnach Bollen die 400 Mark gedrittelt werden.

4. Keiner darf eine Sonderschatzung vornehmen. Aber jeder von ihnen, den Gra

fen zu Nuenare, kann im Lande Nuenare Wohnung nehmen.

5. Die beiden Töchter Lise und Adelheit Gerlachs von Isenburg erhalten nach des Vaters Tod das Dorf Beugen und den Bentgerhof. Nach deren Tod aber fallen diese Besitzungen zu gleichen Teilen an Dietrich und seinen Schwager Johann.“

Nun schlagen die Herren und Ritter zum Zeichen des Einverständnisses die Schilde aneinander, und der Jubel der Umstehenden bricht laut auf. Langsam tritt der Abt vor, nimmt das Kreuz in seine Rechte und winkt den vertragschließenden Parteien zu. Gerlach Herr zu Isenburg, Johann Herr zu Saffenburg und Johann sein ältester Sohn Graf von Nuenar, Johann Herr zu Roesberg und seine Söhne Johann und Dietrich von Nuenar umstellen den Abt, legen die Linke auf das Kruzifix und erheben die Rechte zum Schwur. Feierliche Stille herrscht ringsum, während der Abt die Eidesformel vorspricht, die die Herren wiederholen. Stumm reichen sich alle die Hände, und auf dem zarten Gesicht des Junggrafen Johann von Neuenahr=Saffenburg liegt ein rosiger Schein; aber auf der Stirn des Johann von Roesberg dem Jungen zeigen sich finstere Falten, nur von wenigen erschrocken bemerkt. Dann siegeln alle das Pergament. — Nachwort: Aber Eid und Siegel hielten Johann IV. von Neuenahr=Roesberg nicht ab, die Burg Neuenahr zu besetzen, und von den Bewohnern Frondienste und Zehnten zu verlangen. Da die Untertanen aber der rechtmäßigen Erbin Katharina von Neuenahr und ihrem Gemahl Johann von Saffenburg die Treue hielten, artete der Neuenahrer Erbschaftsstreit in eine wüste Fehde aus, in deren Verlauf Johann von Neuenahr-Roesberg als Raubritter der Schrecken des Ahrtales wurde. Da zerstörten die Ahrweiler Schützen mit kurkölnischen Truppen 1372 das Raubritternest. Johann von Neuenahr=Roesberg mußte Urfehde schwören, nie mehr ins Ahrtal zurückzukehren und die Burg Neuenahr nie mehr aufzubauen.Content-Disposition: form-data; name=“hjb1960.26.htm“; filename=““ Content-Type: application/octet-stream