Hundertfach gelebtes Leben

Erinnerung an Heinrich Lersch
zu seinem 25. Todestag

VON Dr. JOSEF KEUTZBERG

Heinrich Zerkaulen, Bonner Apothekerssohn, seiner Zeit ein übermütiger Student, vor einigen Jahren in Dresden als gepriesener Schriftsteller gestorben, hatte als blutjunger Musensohn eine heitere Wanderfahrt den Rhein hinauf und herunter gemacht. Sein Erstlingswerk „Hans Heiners Fahrt ins Leben“ macht uns bekannt mit Heinrich Schrei — kein anderer als Heinrich Lersch, der dem Studenten Hans Heiner (Zerkaulen) auf dem Rheinschiff begegnet. Diese Begegnung des intellektuellen mit dem Arbeiter ist für die Zeit von., 1910 überwältigend, aber ebenso humorvoll und beispielhaft versöhnend dar= gestellt. Ich habe das schmale Büchlein damals in einer Zeitschrift rezensiert, und das war meine erste geistige Tuchfühlung mit Hein Lersch.

Dr. Carl Sonnenschein, der spätere Großstadtapostel von Berlin, sammelte um diese Zeit als Leiter des Sekretariats sozialer Studentenarbeit in Mönchen=Gladbach eine Schule junger Männer um sich, die heute zum Teil führend im politischen Leben und sozialen Geschehen tätig sind. Auch Hein Lersch gehörte in diesen Kreis, und Sonnenschein hat ihn besonders geliebt und gefördert. Er veröffentlichte seine Gedichte, und eines Tages standen wir auf demselben Blatt. Nur ist das Gedicht von Lersch berühmt und unsterblich geworden:

„Laß mich geh’n, Mutter, laß mich geh’n!
All das Weinen kann uns nichts mehr
nützen,
denn wir geh’n, das Vaterland zu schützen.
Laß mich geh’n, Mutter, laß mich geh’n.
Deinen letzten Gruß will ich vom Mund
dir küssen: Deutschland muß leben, und wenn wir
sterben müssen!“

Hein Lersch hat mir zu diesem — leider oft falsch zitierten und mißverstandenen — Lied einmal gesagt: ,,Auf unzähligen Ehrenmälern steht eingemeißelt der Vers: ,Deutschland muß leben, und wenn wir sterben müssen. Der Name des Dichters steht nicht dabei, und das ist mein größter Stolz: Weil der Spruch so aus der Seele gesprochen ist, daß er zum allgemeinen Volksgut geworden ist, wie ein Volkslied, von dem keiner den Dichter kennt.“ Im Jahre 1932 kam Hein Lersch mit seiner Familie in den Kreis Ahrweiler und schlug in Bodendorf an der Ahr nach einem unsteten Wanderleben seinen endgültigen und letzten Wohnsitz auf. Obwohl er damals ein berühmter Dichter war, wußten seine neuen Dorfgenossen mit diesem „Nichtstuer“ fürs erste wenig anzufangen. Um so schöner war unsere Freundschaft.

Wegen eines chronischen Brustleidens hatte Lersch zuvor einige Jahre in bescheidenen Verhältnissen in Italien, vornehmlich auf der Insel Capri, zugebracht, um seine geschwächte Gesundheit wieder herzustellen und seine tiefe Niedergeschlagenheit über den Zusammenbruch seines Vaterlandes zu überwinden. Den Aufenthalt in Italien empfand er selbst als eine Art von Emigration, allein er hatte auch ein tiefes Bewußtsein von seiner Mission als Dichter und Seher des Arbeiterschicksals: „Ich stehe hier auf den Schultern meiner Arbeitskameraden, damit ich weiter sehen kann als sie und ich ihnen sagen kann, was ich sehe.“ Er war „Der Arbeiterdichter“, aber auch ihr sozialer Bannerträger. Wir hörten aus seinem Munde: „Es ist nicht genug, daß man die Lohntüte des Arbeiters etwas schwerer macht. Es ist endlich Zeit, daß man ihm die großen geistgen Schätze der Nation aufschließt.“ Immer wieder suchte er im Gespräch nach einem geistig-seelischen Ausgleich für die abstumpfende und geisttötende Arbeit an der Maschine. Er lehrte zwar, die Maschine von der positiven Seite zu sehen, ihre starke Musik und ihren geistigen Hintergrund zu erfassen. Allerdings in den Jahren des Zusammenbruchs hat er auch ihre zerstörende und alles fressende Dämonie dichterisch verkündet.

Hein Lersch war nicht nur Dichter, wenn er Feder und Papier vor sich hatte. Er kaute nicht an Reim, Rhythmus und Federhalter. Wie ein Zyklop schleuderte er seine Geistesblöcke umher. Seine Sprache, auch im Gedicht, war oft grausam, barbarisch.

aber von ungeheurer Kraft und archaischer Gewalt, denn seine Kunstformen waren neu und jung. Dabei hatte er die überaus sensitiven Organe des echten Dichters und Deuters. Wenn er seine täglichen Erlebnisse, etwa einen Verkehrsunfall, erzählte, so traten die unsichtbaren Hintergründe, die „Fabel“, die verborgenen Zusammenhänge, so fühlbar zutage, daß das Banalste Bedeutung, das Alltäglichste Gewicht und Farbe bekam — sie wurden zur Dichtung, Verdichtung, zum Kunstwerk.

Heinrich Lersch war klein von Wuchs, schmalbrüstig, sein Atem ging oft geräuschvoll und schwer; sein scharfgeschnittenes, vom Leben gehämmertes Gesicht, das streng und gütig sein Innerstes widerspiegelte, war bleich, manchmal krankhaft grau. Aber es war ganz und gar vergeistigt. Dieser kleine kränkliche Körper beherbergte in sich einen Vulkan. Wenn er in fröhlichen oder auch ernsten Stunden „loslegte“, in Debatten, Lesungen, beim Umtrunk bis zum Hahnenschrei, so schienen oft die Wände zu bersten unter dem Überdruck seiner seelischen Spannungen, seines Temperamentes, seiner elementaren Urkraft. Er erzählte gut und bildhaft, aber alles Rhetorische lag tief unter ihm. Er haßte das Unechte, das Spießbürgerliche, das Konventionelle bis auf den Grund seiner Seele. Er konnte ganze Gesellschaftsklassen überspringen und man konnte ihm nie böse sein, denn er war eben „der Hein Lersch“, nur mit sich selber vergleichbar. Die Echtheit seiner Haltung besiegelte er auf seinem Sterbebett. Ich besuchte ihn zum letzten Male am Tage vor seinem Tode. Sein altes Kriegsleiden, sein quälendes Asthma, war in eine schwere Lungenentzündung übergegangen, und in dem kleinen Eckzimmer im Krankenhaus in Remagen rang er Tag und Nacht bei weit offenen Fenstern nach Luft. „Doktor, werde ich es noch einmal schaffen? Diese verdammte Lungenentzündung! Ich bin doch mit allem im Leben fertig geworden, ich muß auch damit fertig werden.,, Er bäumte sich hoch, er kämpfte wie ein waidwundes Tier gegen den Tod. Es dauerte noch Stunden, ehe er ruhig wurde und versöhnt und ergeben seinen edlen Geist aufgab. Sein Sterbliches wurde in seiner Heimatstadt Mönchen=Gladbach beerdigt, nachdem man ihn noch einmal in seine alte, geliebte Kesselschmiede getragen hatte.

Dürfen wir, dürfen die Arbeiter, darf Deutschland den großen Dichter und Rufer, der die Arbeit geadelt, sein Vaterland wie keiner geliebt, das Gute und Schöne gepriesen, das Hassenswerte mit feuriger Zunge verdammt hat — dürfen wir ihn vergessen? Soll ihm, der als „Mensch im Eisen“ zu uns „mit brüderlicher Stimme“ gesprochen hat, sein eigenes Wort nicht gelten?: „Mein Herz, du irrst dich nicht: Es hat ein jeder Toter des Bruders Angesiebt.“Content-Disposition: form-data; name=“hjb1961.14.htm“; filename=““ Content-Type: application/octet-stream