Hier irrt Goethe

VON LEO STAUSBERG

„Es irrt der Mensch, solang er strebt!“ — Dieses oft zitierte Goethe=Wort aus dem „Faust“ auf die großen Denker und Forscher der Vergangenheit, nicht zuletzt auf Goethe selbst, zu beziehen und an ihnen zu beweisen, ist für uns Menschen einer in die Geheimnisse der Natur so tief eingedrungenen Gegenwart wahrlich ein Leichtes. Goethe wäre zudem der letzte, der sich von diesem Wahrspruch ausgeschlossen wissen möchte, wenn wir ihn, wie unten gezeigt, auf einem immerhin erstaunlichen Irrtum ertappen.

Wasser und Feuer gestalteten das Landschaftsbild unserer Heimat um das Brohltal und weiter im Umkreise. Den Ablagerungen altzeitlicher Meere folgte die Auffaltung des Meeresbodens zu einem Gebirge, später dessen Zertalung und Abtragung durch Urströme. Der auf diese Weise sehr weit fortgeschrittenen Einebnung dieses sogenannten Rheinischen Schiefergebirges setzte in den jüngeren Phasen der Erdgeschichte, im Tertiär und Diluvium, ja noch bis vor etwa 10 ooo Jahren, eine rege vulkanische Tätigkeit neue Profile auf. Hohe vulkanische Kuppen, tiefe Explosionstrichter, zum Teil heute mit Wasser gefüllt, Schlackenkegel, Tuff= und Traßmassen, warme und kalte Mineralquellen sind die Zeugen dieser gewaltigen Vorgänge, die von größter Bedeutung für unsere engere Heimat geworden sind. Die pflanzentragende Oberschicht der Erde wurde in ihrer Zusammensetzung verändert. Neue Bodenschätze traten zutage. Das Landschaftsbild gewann ungemein malerische Reize. Diese herrliche Natur verlockte die streitbaren

Herren des Landes, ihre wehrhaften Burgen auf die ragenden Kuppen zu bauen und an den Quellen ihre Bäder zu errichten; in den Tälern siedelten die Bauern, an den stillen Maaren die Mönche. Noch heutzutage zieht diese einzigartige Landschaft zahllose Wanderer und Reisende an, sie bewundernd aufzusuchen. In ihren Anblick versunken, ist man versucht, Goethes „Faust“ noch einmal zu zitieren; in der klassischen Walpurgisnacht des II. Teiles läßt der Dichter den Elementargeist S e i s m o s , die Personifizierung des vulkanischen Geschehens also, prahlen:

„Das hab ich ganz allein vermittelt,
man wird mir’s endlich zugesteh’n,
und hätt‘ ich nicht gerüttelt und geschüttelt,
wie wäre diese Welt 
so schön? —
Wie ständen eure Berge droben
in prächtig=reinem Ätherblau,
hätt‘ ich sie nicht hervorgeschoben
zu malerisch=entzückter Schau!“

Da wir wissen, daß Goethe den Laacher See mit dem Freiherrn vom Stein besuchte (am 28. Juli 1815), könnten wir uns vorstellen, daß ihm die Inspiration zu der herrlichen Charakteristik einer vulkanischen Landschaft hier geworden wäre. Dem aber steht sein eigenes Urteil über die Laacher Landschaft entgegen. Wenige Tage nach jener Laacher Visite traf er in Wiesbaden mit dem Kölner Buchhändler Sulpice Boisseree, dem damaligen Besitzer des Apollinarisberges, zusammen. Dabei berührte Goethe auch seine Eindrücke und Gedanken über die Laacher Landschaft und gestand, daß er gerade die Gesteine des Gebietes, vor allem die Lava von Niedermendig und die Bimssteine, aber auch das „Loch“ des Laacher Sees, als M.eeresbildungen ansehe. Er sagte: „. . . so muß es mir mit Gewalt abgenötigt werden, wenn ich etwas für vulkanisch halten soll; ich kann nicht aus meinem Neptunismus (= Lehre, nach der die Erdrinde ihre Gestalt durch das Wasser erhalten habe) heraus, das ist mir am auffallendsten am Laacher See und zu Mennig . . . Das ist mir alles so allmählich erschienen, das Loch mit seinen gelinden Hügeln und Buchenhainen, und warum sollte denn das Wasser nicht auch löcherige Steine machen können wie die Bimssteine und die Mennniger Steine? Daß das Gewässer, ehe es sich gesetzt, zuletzt noch einmal große Bewegung gemacht wie im ersten Anfang, warum das nicht? Es möchte dem Vulkanismus schwer fallen, die Mennigersteine als Lava durchzuführen und vollständig zu erklären, wie sie geflossen und dahin gekommen. Ja, wenn von Vulkanen die Rede wie bei Nemi in Italien, da bin ich genötigt, überzeugt und überwältigt, da glaube ich, und wenn ich einmal einen Vulkan anerkenne und verteidige, dann will es auch was heißen; so in Böhmen, da habe ich bewiesen, wie ich mich eines Vulkans annehmen kann; aber hier (am Laacher See) hat Hamilton (engl. Geologe) mehr gesehen, als zu sehen war, und dem hat dann der elende Deluc (französischer Geologe), der gar nichts davon versteht, nachgeschwatzt …“ — Nun, dazu kann man nur sagen: „Hier irrt Goethe!“ Und es ist eine erheiternde Ironie des Schicksals, daß Goethes Porträtrelief zur Erinnerung an jenen Besuch heute — ausgerechnet aus Weiberner Tuff gebildet — zusammen mit dem seines Begleiters, des Freiherrn vom Stein, an der Wand des Hotels am Laacher See zu sehen ist.