Erlebnisse mit einer Kohlmeise

VON JULIUS EIGNER

Das kluge Weibchen, die Ahnin der vielen Kohlmeisen, die es sich in unserm Haus wohnlich eingerichtet haben, die uns auf die Hand kam, auf den Tisch und die Schreibmaschine, kannten wir schon als kleines Kind. Schon damals zeichnete es sich durch seine ungewöhnliche Klugheit aus. Sie hatte das Nest kaum eine Woche verlassen, da flog sie uns auf die Hand und fraß von dem Käse, den wir ihr hinhielten. Vom ersten Tag an hieß sie das ruppige Mädchen, denn nur so ließ sich ihr Verhalten beschreiben. Als sie sich zur Weihnachtszeit mit Breithals, dem ansehnlichen Sproß aus dem Haus des Großfürsten, verlobte, hieß sie die ruppige Braut, denn sie behandelte

ihren Verlobten, daß es ein Skandal war, und wir sagten dieser Ehe einen schlechten Verlauf voraus. Und als sie im März mit dem Nestbau begannen und sich vermählten, hieß sie kurz die Ruppige, denn ihre schlechten und hastigen Manieren hatte sie noch immer nicht abgelegt. In der Zeit des Nestbaus und der Brut und auch in den Jahren, die seitdem vergangen sind, erwies sie sich als so umsichtig, entschlossen und klug, daß wir sie jetzt voller Bewunderung nur noch die Kluge nennen.

Von diesen Erlebnissen sei hier berichtet: Die Kluge betrachtet unser Haus als das ihre. Sind alle Fenster geschlossen, dann klopft sie an und wartet, bis ihr geöffnet wird, und zwar sucht sie solange, bis sie das Zimmer gefunden hat, in dem sich einer von uns aufhält. Sie sitzt gern auf meiner Hand, solange darin etwas Eßbares ist. Da sie gern Zeitungen und Bücher zerfetzt und damit den Boden bestreut, macht sie sich manchmal zwar unbeliebt, aber ernstlich böse sind wir ihr noch nie geworden. Als sie sich entschloß, den Nistkasten vor meinem Schreibtischfenster zu beziehen, machten wir uns Sorge. Wir bezweifeln, daß sie ihn behalten könne, denn bisher hatte dort noch in jedem Jahr der Kleiber gebrütet. Eines Tages, als sie mit einem Ballen Moos im Schnabel anflog, war gerade der Kleiber dabei, den Nistkasten zu untersuchen. Kaum hatte sie ihn gesehen, da ließ sie das Moos fallen und stürzte sich zischend auf den viel stärkeren Gegner mit solcher Entschlossenheit, daß dieser zunächst einmal das Weite suchte. Mit ihrer blechernen Stimme zeterte sie laut und rief Hilfe herbei; aber ihr Ehemann war gerade nicht in der Nähe. Da der Kleiber nun wieder herbeigekommen war und unten am Fichtenstamm hing, und da die Kluge sich furchtbar erregte, jagte ich ihn schließlich weg.

Wenige Tage später, als das Nest im Rohbau fertig war und nun eine weiche, warme Polsterung erhalten sollte, kam die Kluge eines Morgens im Dämmerlicht in mein Zimmer. Sie flog flügelrauschend herein, aber datin hörte und sah ich, wie sie aus dem Perserteppich feine Wollhärchen hervorzog. Mit einem dicken, roten Schnurrbart flog sie davon, war aber sogleich wieder zurück und fuhr in ihrer Arbeit fort. Und sie war so in ihre Arbeit vertieft, daß sie den Mehlwurm nicht betrachtete, den ich ihr hinhielt. Ein andermal kam sie an meinen Schreibtisch, als ich dort arbeitete und ließ sich lange füttern. Plötzlich sah sie meinen Kamm neben der Schreibmaschine liegen, an dem beim Kämmen einige ausgegangene Haare hängengeblieben waren. Das erinnerte sie an ihr Nest. Sie zog säuberlich die Haare heraus und flog dann, diesmal mit einem silbernen Schnurrbart, davon.

Foto: J. Eigner

Als das Gelege beisammen war und die Kluge auf den Eiern saß, wäre es die Pflicht ihres Mannes gewesen, sie manchmal zu besuchen und ihr Futter zu bringen. Aber es war draußen kalt und er fand nicht viel. Da ihm das anfeuernde Beispiel seiner Frau fehlte, denn er war ein bißchen feige, wagte er es nicht, sein Futter bei uns zu holen. Sehr oft also kam die Kluge zu uns ins Zimmer herein und konnte es kaum erwarten, bis sie ihr Futter bekam. Während wir ihr die Mehlwürmer reichten, saß sie mit den Flügeln wibbelnd und leise rufend auf der Stuhllehne, genau in derselben Haltung, wie sie auch das Futter von ihrem Mann entgegennahm. Dieses Geschrei haben „wir wie folgt übersetzt: „Ich komme vom Nest, gebt mir schnell etwas zu essen, ich muß gleich wieder zurück.“ An kalten Tagen geschah es öfters, daß beide zur gleichen Zeit zu dem Talg im Futterhäuschen flogen. Dabei stellten wir eine eigenartige Zeremonie fest: auch wenn die Kluge vor ihrem Mann an der Futterstelle war, fraß sie nicht, wie sie es sonst immer tat. Sie saß flügelwibbemd am Fettnapf, während Brcithals einen großen Schnabel voll Fett nahm, dann zu ihr hintrippelte und es ihr mit einer zierlichen Bewegung in den geöffneten Schnabel stopfte.

Foto: J. Eigner

 Erst wenn diese Höflichkeit erfüllt war, fraß sie nun selbst weiter. Später allerdings, als es draußen mehr zu Fressen gab, sahen wir mit Freuden, daß Breithals seine Frau mit der gleichen Fürsorge umgab, wie es die andern Vogelmännchen taten. In dieser Zeit der Sorge für seine Frau überwand er schließlich auch seine Angst vor uns, kam ins Zimmer, holte dort Futter und brachte es seiner Frau. Einmal nahm er den Schnabel voll von Kuchenkrümeln, die er auf einem Teller fand, und brachte sie ihr. Dieser Kuchen war wohl genau das Richtige für sie, denn nun kam Breithals Tag für Tag und flog nur noch Kuchen an, während er bei seiner Körner- und Mehlwurmdiät blieb. Eines Tages war es dann soweit, die Kleinen schlüpften aus. Zum Glück gab es nun draußen viel Raupen, so daß sich die Eltern nicht gar zu sehr zu plagen hatten. Ununterbrochen flogen sie an und jedesmal hatten sie Räupchen im Schnabel. Manchmal kamen sie so dicht hintereinander, daß einer von ihnen draußen auf dem Ast vor dem Nest warten mußte. Manchmal warteten sie dort auch auf die Verdauung der lieben Kleinen: sie verschwanden plötzlich im Nistkasten und kamen mit dem weißen Kotballen heraus, den sie weit wegtrugen. Mehrfach überraschte ich Breithals dabei, daß er ohne Räupchen im Nistkasten verschwand und ohne Kotballen hervorkam, oder aber, daß er sehr interessiert von draußen hineinguckte. Da er zum erstenmal Vater war, konnten wir seine Aufregung über das Nest voller Kinder verstehen. Auch die Kluge war von Mutterstolz erfüllt.

Je mehr die Kleinen heranwuchsen, desto öfter kamen die Alten wieder zu uns ins Zimmer. Wenn ich vergaß, neue Kuchenkrümel auf die Stuhllehne zu legen, flogen sie sogleich auf eine erhöhte Stelle, von wo aus sie alles übersehen konnten, und jedesmal dauerte es nur Sekunden, bis ihre behenden Äuglein die Stelle entdeckt hatten, wo noch etwas Eßbares lag. Diese fast unglaubliche Behendigkeit der Meisen machte uns unendliches Vergnügen.

Einmal kam die Kluge mehrmals hintereinander allein ins Zimmer. Sie hatte das Glas mit den Mehlwürmern (das ich mit Absicht jedesmal woanders hinstellte) entdeckt, mehrmals je einen Mehlwurm herausgeholt und den Kindern gebracht. Auch als ich das Glas unter das Bett stellte, fand sie es sogleich und bediente sich dort weiter. Als ich mich zum Nachmittagsschlaf hinlegte, legte ich mein Notizbuch auf das Wurmglas, um so die Mehlwürmer für sie unerreichbar zu machen. Sie kam, kaum daß ich mich hingelegt hatte, entdeckte auch sogleich das Glas, nicht aber den Zugang. Die elterlichen Pflichten machten sie entschlossener als sie ohnehin schon war; sie gab sich nicht geschlagen. Sie merkte offenbar sehr bald, daß jedesmal, wenn sie abflog, nach jedem Abstoß sich das Buch verschob. Da flog sie eilends an und ab, und es dauerte nicht lange, da fiel das Buch mit einem Krach auf den Tisch und der Weg zu den Würmern war frei. Auch an den nächsten Tagen deckten wir das Glas noch zu, aber das Notizbuch hatte sie jedesmal schnell abgeworfen. Zur Belohnung für diese Tat nannte wir sie die Kluge und von dem Tag an genoß sie unsere besonders entgegenkommende Behandlung. Inzwischen waren die Kinder herangewachsen; wir konnten schon ihre Stimmen hören. In den Büschen und Bäumen ringsum begegneten wir öfters Brüten von Kohlmeisen und Blaumeisen, auch von Gartenrotschwanz und Bachstelze, aber die Kinder der Klugen waren noch nicht so weit. Als der Tag kam, den sie für den Ausflug bestimmt hatte, war es ein Vergnügen, ihre großen, schön gewachsenen Kinder kennenzulernen. Wir beobachteten die Kleinen beim Verlassen des Nestes und bei jedem, das davonflog, sank uns das Herz, denn wir wissen, daß die jungen Vögel, wenn sie erst einmal das Nest verlassen haben, nicht mehr dorthin zurückkehren.

Dann sahen wir die Kluge und ihre Kinder lange nicht. Wald und Obstgarten waren voller Raupen und der Tisch war reich gedeckt. Erst als es Zeit für die zweite Brut war, kehrte die Kluge zu uns zurück und auch ihre Kinder folgten ihr. Sechs von den sieben brachte sie mit zurück, und sie, wie auch die Mutter, flogen uns sogleich auf die Hand, als sie uns im Garten sahen.