Er schimpft wie ein Winzer

Von altrömischen Winzerbräuchen

VON DR. WERNER LINDENBEIN

Es darf wohl als erwiesen gelten, daß die Römer den Weinbau an den Rhein und seine Nebenflüsse brachten. Kurt Broicher hat im Heimat Jahrbuch 1968 auf Seite 55 darüber berichtet. Und so dürfte es unterhaltend und belehrend sein, etwas über die altrömischen Winzer, unsere Lehrmeister, zu berichten. Es gab bei den Römern zwei verschiedene Arten von Weingärten. Einmal den eigentlichen Weingarten (vinea), in dem die Reben an der Erde rankten, oder, wie bei uns, durch Pfähle gestützt waren; zum anderen den Baumweingarten (arbustum), wo an Stützbäumen die Reben emporrankten. Ähnlich wie bei uns waren die einzelnen im Weingarten vorzunehmenden Arbeiten durch ein gefestigtes Brauchtum auf bestimmte Jahreszeiten festgelegt. So erzählt der römische Naturforscher Plinius im 9. Kapitel des 13. Buches seiner „Naturgeschichte“, daß das Beschneiden der Reben innerhalb der ersten 14 Tage nach der Frühling-Tag- und Nachtgleiche erledigt sein mußte. Um diese Zeit war nun in Oberitalien der erste Kuckucksruf zu hören, und es galt für eine große Schande, wenn der Kuckuck einen noch mit dem Schneiden beschäftigten Winzer antraf, der dadurch gleichsam zum säumigen Faulpelz gestempelt wurde. Dem wollte sich kein rechter Winzer aussetzen. „Wie man sich denken kann, gab dies im Frühling zu allerlei Bauernspäßen Anlaß. Bekanntermaßen pflanzte man in Italien die Reben gewöhnlich an Ulmenbäume. Ein vorübergehender Wanderer, der einen Landmann auf einem solchen Baume, halb im Laub versteckt, seine Reben beschneiden sah, machte, um jenen zu ärgern, scherzweise den Ruf des Kuckucks nach; der Winzer, der dies für eine Beleidigung nahm, schimpfte zurück, und so entstand öfters eine Art von grobwitzigem Zweikampf, wo gewöhnlich dem Winzer das Vergnügen blieb, sich für den Sieger zu halten, weil der Wanderer, der noch weiterzugehen hatte, des Handelns am ehesten überdrüssig wurde.“ (C. M. Wieland, 1786). Dieser im Schimpfen unbesiegte Winzer im Ulmenbaum, dem man „Kuckuck“ zugerufen hat, scheint im alten Rom geradezu sprichwörtlich gewesen zu sein. Der Dichter Horaz nämlich schildert in humorvoller Weise in der 7. Satire des l. Buches ein von zwei streitenden Parteien vor dem Richter ausgetragenes Rededuell und fährt fort:

Der Pränestiner, den nunmehr die Reihe trifft,
bezahlt die wohlgepfefferten Sarkasmen ihm
gleich wortreich und mit Zins, so wie ein grober Winzer
dem lustigen Wanderer, der mit lauter Stimme
ihm „Kuckuck“ zurief. Schimpf um Schimpf solange
aus seinem Ulmbaum in die Ohren spritzt,
bis jener weichen muß . . .
Soweit die etwas freie, aber treffliche Übersetzung Wielands.

Daß dem Winzer ein reichlicher Vorrat an Schimpfwörtern zur Verfügung gestanden habe, läßt sich dem kürzlich erschienenen Buche von Ilona Opelt „Die lateinischen Schimpfwörter und verwandte sprachliche Erscheinungen“ (Universitätsverlag Carl Winter, Heidelberg) entnehmen. Die Verfasserin bringt ein Schimpfwörterverzeichnis, das nicht weniger als etwa 1400 Nummern umfaßt. Darunter befindet sich auch „Kuckuck“ als Schimpfwort, doch ist zu vermuten, daß es kein allgemeines Schimpfwort der lateinischen Sprache war, sondern nur eben in Winzerkreisen als ein solches empfunden wurde. Es war mehr ein Neckwort, das nun erst das eigentliche Schimpfen auslöste. Denn will man genau wissen, was ein Schimpfwort eigentlich sei, so lasse man sich von Ilona Opelt also belehren: „Das Schimpfwort ist die nominale prädikativische Feindanrede oder Feindbezeichnung normbezogen-negativen Inhalts, die in beleidigender Absicht geschieht und in der sich zugleich die Erregung des Schimpfenden löst.“ Danach wäre also das „Kuckuck“ des lustigen Wanderers eben kein Schimpfwort, da ja ein wichtiges Merkmal, die Erregung, fehlt. Diese wird erst durch das Beleidigende beim Winzer hervorgerufen, der nun seinerseits erst mit dem eigentlichen Schimpfen beginnt. Auf das Neckwort (petulantia), also in unserem Falle „Kuckuck“, folgt erst das Schimpfwort (convicium), und niemand wird es dem Winzer verübeln, wenn er nun tüchtig vom Leder zieht.

Der Winzer von der Ahr hat sich in allen Dingen des Weinbaus als ein gelehriger Schüler des römischen Winzer erwiesen. Ob er aber auch so gut schimpfen kann? Nun, man müßte ihn mal necken!