Eine Mühle im Bild der Jahrhunderte

VON DIETHARD BAHLES

Die Müllerei ist eines der ältesten Gewerbe schlechthin, dessen Anfänge in die Zeit der Ägypter und Phönizier zurückgehen und dessen wesentliches Merkmal eine bestimmte Maschinenausstattung war und ist. Man hat damals schon maschinelle Einrichtungen gehabt, wie aus vielen Ausgrabungen ersichtlich wird, in der Form von kleinen Handmühlen aus Stein zum Zerkleinern des Getreides. Über die Griechen und Körner wurde dieses Verfahren den Germanen bekannt, und frühzeitig wurden Roggen und Weizen die klassischen Rohstoffe für das tägliche Brot. Und immer war die Müllerei mit dem Schicksal des Landmannes, mit der Gesundheit und dem Wohlergehen des Volkes verbunden durch das Medium des Brotes, das nicht nur ein Grundnahrungsmittel, sondern einfach „Das“ Symbol der lebenserhaltenden Kraft, ja der segensreichen Kraft war, die wir von unserem Schöpfer an erster Stelle an materiellen Gütern zu erflehen haben, ,, . . . unser täglich Brot gib uns heute“. Ungezählte Männer erinnern sich noch jenes Gefühls, als in den Kriegsgefangenenlagern nach Tagen des Hungers die ersten Fahrzeuge mit Brot eintrafen. Wer kümmerte sich damals darum, ob das Brot altgebacken, wohlschmeckend oder unansehnlich war. Die Männer litten Hunger und dankten für das Brot, das sie lange entbehrt hatten. Heute, in der Zeit des Überflusses, haben zahlreiche Menschen nicht mehr die richtige Einstellung zu dein Nahrungsmittel, von dem der Schriftsteller Johann Swift im Märchen von der Tonne schrieb: „Brot ist der Stab des Lebens!“

Aber zurück zur Müllerei, die in den letzten Jahrzehnten eine Entwicklung erlangt hat, wie selten in einem anderen Wirtschaftszweig. Daher finden wir auch heute nur noch selten die schönen alten Wassermühlen an den Flüssen und Bächen; die klappernden Mahlgänge und die romantischen, nie ruhenden Wasserräder. O ja, romantisch waren diese Mühlen schon, wie aus unzähligen Sagen, Geschichten und Liedern hervorgeht. Zwei solcher Wasserräder hatte auch meines Vaters Mühle, welche die alte Mehl- und Ölmühle in Green betrieben. Es waren „unterschlächtige“ Räder, welche heute noch in Betrieb sind. Eines davon ist dem Einheimischen und Wanderer wohlbekannt. Es läuft heute oberhalb von Ahrweiler als Andenken an die alte Arenberger (Schicks) Mühle, die dort einmal gestanden hat. Als Mühlenbautechniker hat es mein Großvater Nikolaus Bahles entworfen, und Herr Johann Kessel aus Heimersheim hat es gebaut. Beide Räder mußten zu Anfang des Krieges, im Zeichen der Mechanisierung, einer doppelten Turbinenanlage weichen. Auch die alten Mahlsteine wurden zürn Teil durch Walzenstühle ersetzt und sind heute noch als Tische und Hausstufen sehr begehrt. Wie oft mag der Müller sie mit Hammer und Pille neu geschärft haben, damit die Vermahlung ordnungsgemäß vonstatten gehen konnte. Auch heute ist ein Backschrot von diesen Steinen der Begehrteste und am besten zum Backen geeignet. Der Grund hierfür ist wohl der, daß ein gebrochenes Getreidekorn bei der Steinvermahlung bessere Backeigenschaften hat, als ein zerquetschtes bei der Stahlwalzenvermahlung. Auch zur Ölherstellung wurden Steine benutzt, welche immer rund über das Mahlgut laufen, im Paarlauf oder einzeln. Das ist auch heute noch in der Greener Ölmühle zu sehen und früher, bei meinem Urgroßvater, kam Öl überhaupt nicht mit Eisenteilen in Verbindung, nur mit Holz bzw. Steingut als Krüge, die sogenannten Bartmannskrüge, die in der modernen Wohnung als Blumenvasen vorzufinden sind. Doch zu den Mühlen selber! Die erste urkundliche Bestätigung finden wir aus dem Jahre 1478, als die Gebrüder Quad, Herren zu Tomburg und Landskron, ihr Erbe teilen und Gerhard von Quad Green mit Höfen und Mühlen zugesprochen bekommt.

Die alte Greener Mühle

 Man kann also mit Recht sagen, daß die Mühle über 500 Jahre alt ist, da sie 1410 durch ein Hochwasser der Ahr zerstört wurde. Sie stand immer unter der Herrschaft der Burg Landskron, da Green dazu gehörte, und die Landeshoheit hatten bis nach Green die Kurkölner Herren, während Heimersheim schon unter Jülicher Verwaltung stand. Der Mühlteich wird von der Ahr abgeleitet und zieht sich am Rande einer Ahrniederung, fast drei Kilometer, vom Heimersheimer bis zum Bodendorfer Wehr hin. Man kann annehmen, daß der Mühlgraben schon sehr viel früher angelegt wurde, als die Mühle alt ist, und auf einer Karte des unteren Ahrtals aus dem Jahre 1571 (Staatsarchiv Koblenz) ist er in seiner ganzen Lange eingezeichnet

und auch in der Beschreibung mehrmals aufgeführt. Vier Mühlen wurden damals damit betrieben, drei in Heimersheim und eine in Green, zuzüglich der Ölmühle. In Heimersheim befindet sich heute noch eine, und die beiden anderen haben am sogenannten „krummen Deich“ in Richtung Heppingen sowie in Richtung Green in der Nähe des Hauses Merten gestanden. Eigenartigerweise obliegt es der Greencr Mühle, das Teilstück am „krummen Deich“, auf Heimersheimer Gemarkung, zu unterhalten. Vermutlich sind bei einer Zerstörung dieser Mühle durch Hochwasser die Rechte und Pflichten derer, der Greener Mühle zugefallen oder käuflich erworben worden.

Die Mühlen waren in damaliger Zeit für die Landesherren von größter Bedeutung, da sie für die Versorgung unentbehrlich waren. Erst 1683 finden wir die Greener Mühle nach dem Hochwasser von 1590 wieder vor, als der damalige Eigentümer der Herrschaft Landskron dem Besitzer gestattete, die Mehlmühle neu zu erbauen. Wörtlich ist folgendes in der Urkunde niedergeschrieben:

„Nachdem Johannes Schreiber, jetziger Scholtheiß zu Green, die auf meines Stroms Gerechtigkeit daselbst gelegenen Ohligs-Mühl käuflich an sich gebracht und derselbe dort eine Mahlmühle neuerrichten wollte, mich derohalben nach Erstattung der Gebühr um Erlaubnis gebeten, haben wir dem Bittsteller folgendes gestattet: Daß er, Vorgenannter, sein erbliches Besitztum Ohligs-Mühl und auf dem dortselbst habenden Erbgrund eine Mahlmühle anzubauen und meine Wassergerechtigkeit von nun bis zu ewigen Tagen für sich und seine Nachkommen ordnungsgemäß genießen möge, hingegen er mir als den Landesherren zu Green jedes Jahr am Martinifest, und zwar in diesem laufenden Jahre zum ersten Male, 4 Malter gutes Mannskorn nach Landesmaß nach eidesstattlicher Anerkennung geben muß. Und gleich so soll auch meiner Bodendorfer Bannmühle dadurch keinen Abzug oder Hinderniß jetzt noch jemals widerfahren. Zur wahren Urkunde habe ich diese mit meiner Handschrift und Petschaft bekräftigt und die nötige Nachricht mitgeteilt. So geschehen zu Cölln den 3. Mai 1683, B. Fritz Freiherr von Brempt.“ Diese Urkunde wurde am 11. Juni 1739 noch einmal bestätigt und ist mit dem Siegel versehen. („Malter“ ist die Bezeichnung für ein altes Landesmaß bzw. Gewicht und hat 6,955 hl. Bei Getreide hat l hl, je nach Feuchtigkeit, 72—78 1.) Außer der Urkunde von 1683 ist uns noch ein Wasserrechtsbrief vom 17. Juni 1740 erhalten, in welcher der Schultheiß und Müller zu Green, Adam Bales, seine Rechte und Pflichten neu regelte bzw. geltend machte. Der Name steht jedoch in keiner Beziehung zu dem Unsrigen, zumindest nicht nachweislich. Aus dem ganzen vorigen Jahrhundert liegen mir nach neuerlicher Auffindung mehrere Urkunden vor, welche in der Minderheit aus der Müllerei oder aus Landkäufen stammen. Sie weisen alle einen interessanten Inhalt auf; jedoch sind sie teilweise so seitenreich, daß allein sie einen ganzen Bericht ergäben. Die früheste Urkunde war anscheinend eine Bestandsaufnahme, da ein paar Monate früher das Hochwasser sehr viele Orte an der Unterahr zerstört hatte. In den Jahren 1410 bis 1804 wurde die Mühle allein achtmal teils bzw. ganz zerstört. Die Mühle und der Ort wurden aber immer wieder aufgebaut, so auch nach dem fürchterlichen Hochwasser von 1804. In den darauffolgenden Jahren hat dann mein Urahne Johannes Kleefuß aus Pranken die Mühle übernommen. Diesem ist auch der Bau der kleinen Kapelle in Green zuzuschreiben, in welcher er die markantesten Überreste der alten, vom Hochwasser zerstörten Kapelle, einbauen ließ. Aus diesem Grunde lag dieser schlichte Bau am Eingang von Green immer in der Obhut der Familie, und es ist auch heute noch selbstverständlich, in dieser Tradition fortzufahren. Er war Stellmacher von Beruf, und ein guter Müller mußte diese handwerklichen Fähigkeiten wohl beherrschen. Die Maschinen waren zum größten Teil aus Holz, ja sogar die Räder und Zahnräder. Als mein Urgroßvater Hubert Kleefuß, geboren 1837, die Mühle in den Jahren des Krieges 1870—71 übernahm, fand er die Mühle mit Zwei Mahlgängen, zwei Ölpressen sowie einem „Kollergang“ (zwei Olsteine) vor. Vielen älteren Leuten ist er noch als gütiger und weiser Mann wohl im Gedächtnis erhalten geblieben, mit einem vollen Backenbart, der ihm sein eigenes Aussehen gab. Er verstarb 1911, und mein Großvater Nikolaus Bahles aus Henningen a. Rh. zeichnete mir vor Jahren die damalige Einrichtung der Mühle auf, so wie sie 1890 bestanden hat. Es befanden sich im Mühlengebäude zwei Schlafkammern für die Müllergesellen, eine Werkstatt, zwei Mahlräume sowie eine Küche. Es war auch damals noch eine ausgedehnte Landwirtschaft vorhanden. Als mein Großvater im Jahre 1903 die Wormser Müllerschule als Mühlenbautechniker verließ, baute er in den darauffolgenden Jahren in Liverpol eine Mühle, kam in seinen Wanderjahren durch ganz Europa und übernahm nach dem Tode meines Urgroßvaters die Mühle. Er baute sie weiter aus und machte sie durch seine Erkenntnisse und sein Können zu einer für damalige Zeiten sehr gut ausgestatteten und modernen Mühle.

Die neue Greener Mühle

In den schlechten Jahren der Kriegs- und Nachkriegszeit beider Weltkriege hatte er einen beachtlichen Anteil an der Versorgung des Kreises Ahrweiler mit den wichtigsten Grundnahrungsmitteln und ist dafür mit seiner ganzen Kraft eingetreten, denn, so sagte man mir: „Wenn man in Not war, ging man zum ,alten Bahles“‚, da bekam man immer noch etwas, auch oft ohne Geld! In Anbetracht seiner Verdienste um Gemeinde und Bevölkerung hat die Gemeinde Lohrsdorf 1965 eine Straße nach ihm benannt: die „Nikolaus-Bahles-Straße“ in Green. Man erzählt von ihm eine kleine Anekdote, welche seine gutmütige Art erkennen läßt und wie folgt lautet: „Eine ältere Frau aus Green schüttelte seine Apfelbäume und sammelte die Früchte auf. Er kam zufällig vorbei und machte sie darauf aufmerksam, sie möchte doch wenigstens vorher fragen, da die Äpfel sein Eigentum seien. Die Frau gab ihm daraufhin zur Antwort: „Ja Nikela, os Herrjöttsche hätt net alles füe eine waaße jelosse, dea hätt dat füe all waaßc jelosse“! Darauf konnte er ihr das Schütteln gar nicht mehr verbieten und ging weiter.

Wir haben im Kriege insgesamt einen Teppich von 62 Bomben mitbekommen, jedoch die Mühle war verschont geblieben, so daß eine Weiterversorgung gewährleistet war. Unser Wohnhaus war aber ganz zerstört, und man begann 1947 wieder mit einem Wiederaufbau aus den noch übriggebliebenen Materialien. In den Besatzungsjahren, als die Brüder meines Vaters noch in Gefangenschaft waren, hat er dann die Mehlversorgung und seine Schwester die Ölversorgung ganz übernommen, und somit konnte, in Tag und Nachtarbeit, die Bevölkerung zufriedengestellt werden, und ich möchte in diesem Zusammenhange die Leute nicht vergessen, welche zu dieser Verwirklichung wesentlich mit beigetragen haben. Wenn ich aus diesen hier einmal fünf herausgreifen möchte, so sind dieses Josef Merten und Johannes Schäfer aus Heimersheim sowie Alois Hilger aus Westum, Johann Manhillen und Heinrich Nechterschen aus Green, deren Leben mit der Greener Mühle eng verbunden ist. Letzterer ist auch heute in den Orten Ehlingen, Löhndorf und Westum noch wohlbekannt bei den älteren Leuten, da er jahraus, jahrein, in Wind und Wetter, mit Pferd und Mühlenkarre, dorthin fuhr, um Getreide abzuholen und Gemahlenes zurückzubringen. Vor den Orten bekam dann das Pferd eine kleine, runde Glocke an das Halfter gebunden, welche die Leute auf die Mühlenkarre aufmerksam machte. So ging es fast bis in die dreißiger Jahre, da die meisten Leute in den alten Ortsbacköfen ihr Brot selber buken. In den Kriegs- und Nachkriegsjahren aber hat mein Vater, um der katastrophalen Ernährungslage im Heimatgebiet nach Kräften zu steuern, da die Versorgung zusammenbrach, am Tage gefahren und nachts gemahlen. Oft die ganze Woche hindurch wurden Krankenhäuser und Bäckereien, Lazarette und Gefangenenlager mit Mehl und Öl versorgt.

Als im Jahre 1949 mein Vater Hubert Bahles die Mehlmühle unter den schwierigsten wirtschaftlichen Verhältnissen übernahm, galt es zunächst die Schäden des Krieges heilen und in den darauffolgenden Jahren die maschinelle Einrichtung zu reparieren, zu verbessern und zu modernisieren. Auch im hohen Alter hat ihm mein Großvater dabei noch mit seinem ganzen Wissen zur Seite gestanden, bis er 1958 verstarb. Heute jedoch finden wir eine modern eingerichtete Mühle vor, welche in ihrer Erzeugung qualitätsmäßig den heutigen Anforderungen voll und ganz entspricht. Sie wird bewirtschaftet von meinem Vater, dessen Bruder, einem Müllergesellen, welcher schon über 20 Jahre der Müllerei und unserem Betriebe die Treue gehalten hat, sowie meinem Bruder, der die Familientradition einmal weiterführen soll. Die Ölmühle ist heute auch noch in der Form der 50er Jahre erhalten. Die allgemeine wirtschaftliche Lage in der Ölmüllerei machte jedoch eine Umstellung auf Talgverarbeitung erforderlich. Nach dem Tode meines Onkels wird die Mühle von der Schwester meines Vaters und deren Sohn bewirtschaftet. Aus den Greener Mühlenbetrieben gingen außerdem noch ein Landwirtschaftsbetrieb sowie ein Handelsgeschäft hervor; letzteres ist im Besitz meines Onkels Josef Bahles in Bad Neuenahr. Es ist wohl allgemein bekannt, daß die deutsche ebenso wie die ganze europäische Müllerei an einem Übel leidet, das leider eine typische Erscheinung unserer Zeit ist, in der sich Dirigismus und Liberalismus in der Wirtschaftspolitik abwechselten und einen alten Gewerbezweig beeinflußten, die Überkapazität.

Es sind in den letzten Jahren fast 7000, das heißt fast die Hälfte aller Mühlen in der Bundesrepublik stillgelegt worden, um dieser Lage Herr zu werden.

Eine Erhaltung ist eigentlich nur noch als Familienbetrieb in der kleinen Form möglich, und dieses nur unter den größten wirtschaftlichen Schwierigkeiten. Es liegt hierbei nicht, wie manchmal angenommen, an einer niedrigen Qualitätsproduktion. Das Müllereigewerbe steht seit Jahrzehnten in einer latenten, seit mehreren Jahren in einer akuten Krise. Der ungeheure Aufschwung der Gründerjahre, der durch die technische Revolution ausgelöst worden ist, hat große Kapazitäten in der Müllerei schon in den ursprünglichen Standorten entstehen lassen. Zu Überkapazitäten ist es aber insbesondere durch die Getreidezölle Bismarcks und deren Auswirkungen auf die Standorte der Mühlen gekommen. Neben bestehenden Mühlen wurden weitere Großmühlen im Binnenlande errichtet, nachdem diese auf die Getreideeinfuhr hemmend und auf die inländische Getreideproduktion fördernd wirkten. Der goldene Boden dieses alten Handwerks ist also nicht mehr vorhanden, und es gehört heute schon sehr viel Liebe und Traditionsbewußtsein dazu, einen solchen Betrieb zu erhalten, was im Grunde genommen leider gar nicht mehr zeitentsprechend ist.