Die Pfarrkirche zu Oberbreisig

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Von Leo Stausberg

Das durch seine vielen schmucken Fachwerkhäuser ausgezeichnete Oberbreisig besitzt „eine der originellsten spätromanischen rheinischen Dorfkirchen“ (P. Schug). Inmitten des Ortes erhebt sich auf einem Hügel wie eine Veste der malerische Bau, umzingelt von einer hohen Bruchsteinmauer, überragt von einem viergeschossigen, wuchtigen Turm von rechteckigem Querschnitt, der in einem Satteldach endigt. Die in dem Bau zu erkennenden Stilelemente der Spätromantik und Frühgotik weisen seine Entstehung in die Mitte des 15. Jahrhunderts ein. Das Gotteshaus überstand nicht nur seine 700 Jahre, sondern auch einige kostspielige, aber notwendige Instandsetzungsarbeiten im 20. Jahr= hundert, ohne daß sein ursprünglicher Charakter verlorenging und im wesentlichen Schaden erlitt. So ziert es — neben der Sinziger und der Heimersheimer Kirche, die aus der gleichen Epoche stammen — als ein überaus kostbares Baudenkmal aus dem Ausgang der Stauferzeit unsere Heimat. Die heutige Kirche hatte eine Vorgängerin, die erstmalig im Jahre 1041 beurkundet ist. Am 9. April des genannten Jahres verlieh der Trierer Erzbischof Poppo von Babenberg (1016—1047) einer hochadeligen Witwe Gerberga das Patronat und damit die Einkünfte der Kirche zu „Brisiaco“ auf Lebenszeit, weil sie dem Erzstift ihr Gut in Henningen geschenkt hatte mit der Maßgabe, daß nach ihrem Tode jenes Patronat an das Chorherrnstift Sankt Florin in Koblenz fallen solle. Das genannte Stift war eine Gründung der Gemahlin Heinrichs des Voglers, der frommen Königin Mathilde. Am 14. April 1264 übertrug der Stiftspropst von St. Florin, Heinrich von Bo= landen, diese Patronatsrechte dem Kapitel seines Stifts. Dagegen protestierte das fürstliche Damenstift zu Essen, dem die Grundherrlichkeit des „Ländchens“ Breisig seit alters, wahrscheinlich schon seit 898, zustand. Der Streit wurde erst am 26. Juli 1311 durch Vermittlung des Kölner Erzbischofs Heinrich von Virneburg, der für Oberbreisig zuständig war, geschlichtet. Seitdem übten beide Stifte abwechselnd das Kollatorrecht über die Pfarrkirche in Oberbreisig aus, d. h. sie bestellten den Pfarrer und teilten sich in die beträchtlichen Einkünfte aus Äckern, Weinbergen und Waldungen.

Das in seinem Äußeren schon wegen seiner Lage und seiner eigenwilligen baulichen Gliederung so anziehende Gotteshaus bietet auch in seinem Innern manches Sehenswerte. Die unsymmetrische Raumgestaltung mit einer linken Seitenempore und zwei rechtsseitigen Apsiden, die kräftigen Gewölbegurte mit figürlichen Schlußsteinen, ornamentierte Kapitale, ein frühromanischer Taufstein aus Basaltlava, vor allem aber freigelegte romanische Schmückmalereien und früh= bis spätgotische Wandfresken und Gemälde vermögen den Kenner zu entzücken. Die Malereien verdanken ihre Erhaltung dem Umstand, daß die Kirche von 1557 bis 1587 dem Gottesdienst der bilderfeindlichen reformierten Kirchengemeinde diente. Die damals erfolgte Ubertünchung wurde 1904 erkannt und 1914 entfernt.

Zur Ausstattung der Kirche geören etliche ansprechende gotische Plastiken, wertvolles Altargerät und eine Glocke aus dem Jahre 1488 mit der Inschrift: MARIA HEISSEN ICH, IN CODES IR LUDEN ICH, ALLE BOISSE WEDER VERDRIEFEN ICH, JOHANN VAN ANDERNACH GOES MICH ANNO MCCCCLXXXVIII.“ Pfarrpatron ist St. Viktor. Andere Heiligendarstellungen, namentlich in den erwähnten Malereien, lassen vermuten, daß die Kirche ursprünglich einen oder mehrere andere Patrone hatte (F. Schug). Wir finden Bilder der drei Taborjünger Petrus, Jakobus und Johannes, der hl. Michael und Georg, des hl. Christophorus, der Gottesmutter, der drei hl. Jungfrauen Barbara, Katharina und Dorothea. Diese drei Märtyrinnen finden sich auf einem leider stark zersetzten Altarwandgemälde mit Renaissance=Charakter in der Ostwand des nördlichen Seitenschiffes unter der Empore. Sie legen den Schluß nahe, daß sie die Tradition eines vorchristlichen, keltischen Dreimütterheiligtums fortsetzen, das einst auf dem Kitchenhügel bestanden haben mag. Auch die Dreizahl der erwähnten Apostel könnte dazu passen. Der Matronenkult war zur Römerzeit im Eifelgebiet stark verbreitet (vgl. meinen Aufsatz hierüber im Jahrbuch 1960!). Daß Oberbreisig im Ur= Sprung eine keltische Siedlung ist, sagt uns der Ortsname „Brisiacum“ selbst. Es steckt darin der keltische Personenname „Brisius“ und bedeutet, wie bei allen „=acum“=Orten, den Besitz, also „dem Brisius gehörig“. Man stelle dazu: Sentiacum = Sinzig, Antunnacum = Andernach, Tolbiacum = Zülpich u. a. — Das heutige Bad Niederbreisig an der Mündung des Frankenbachs war als spätere Gründung, am Rhein und an der römischen Heerstraße gelegen, bis 1.786 kirchlich ein Filialort der Pfarre Oberbreisig.