Der Wein erfreut des Menschen Herz

Eine heiter-besinnliche Plauderei für Weinfreunde, oder solche die es werden wollen

Von Peter Herber

„Was wir hier als Weisheit keltern
Stammt ja nicht aus Folianten,
Sondern mehr aus den bekannten
Schlankhalsigen Glasbehältern,
Die schon uns’re Urgroßeltern
Kurz und treffend Flaschen nannten.“

(Aus: DIE WEINFIBEL)

Groß ist die Zahl der kleinen Alltagsfreuden, und nicht immer brauchen wir, ob arm ob reich, lange zu suchen, um sie zu entdecken. Es sind jene kleinen Freuden, die in ihrer Gesamtheit uns das geben, was wir allgemein nennen: Glück und Zufriedenheit. Hierbei nimmt der Wein durch seinen gepflegten Genug eine bevorzugte Rolle ein.

Ist es daher verwunderlich, wenn seit eh und jeh in aller Herren Länder begeisterte Männer immer wieder einstimmten in den Chor zu seinem Lobe! Ihm, der die Herzen öffnet, den Geist weitet, Freundschaftsbande schließt und in Wahrheit Freude spendet in geselliger Heiterkeit. „Im Weine“, sagt man, „liegt Wahrheit!“, oder, wie Goethe es sagt:

„Für Sorgen sorgt das Leben,
Und Sorgenbrecher sind die Reben!“

Schiller preist die Rebe:

„Wundervoll ist Bacchus‘ Gabe,
Balsam für’s zerriss’ne Herz.“

Rückert ruft begeistert aus:

„Köstlich, gebt mir zu trinken! Was in
den Sternen steht, kann man nicht ändern,
doch man vergißt es bei der Gläser Blinken!“

Und wenn die Perser und Griechen einst wichtige Fragen im Rausch berieten und dann, ernüchtert, getroffene Entscheidungen überprüften, meinte indessen, Sokrates:

„Mit dem Trinken, ihr Leute, bin ich
wohl einverstanden, denn der Wein erfrischt
in Wahrheit die Seelen.“

C. F. Mayer spricht:

„Herrlich ist’s, den Wein zu schlürfen,
liegend in der Götter Rat!“

Claudius schreibt:

„So trinkt ihn denn, und laßt uns allerwege
uns freuen und glücklich sein! Und wüßten wir,
wo jemand traurig läge, wir gäben ihm den Wein.“

Bodenstedt fügt hinzu:

„Lagt alle frommen Toren in Nüchternheit versinken,
kein Tropfen geht verloren von dem, was Weise trinken.“

Etwas boshafter meint Lessing:

„Sagt, ihr Rebenfeinde, werden eure Herzen nicht versteinert sein?“

Selbst Kon-fu-tse belehrt uns:

„Am Rausch ist nicht der Wein schuld,
sondern der Trinker.“

Hören wir auch eine Auslese aus dem Munde berühmter Weinliebhaber, dann erkennen wir, daß der ein Tor sein Leben lang sein muß, der den Wein nicht zu lieben und werten weiß. Darum: „Prosit!“ = Wohl bekomm’s! „Prost!“, d. h. daß es nützlich sei! – so etwa lautet die Übersetzung fremder Sprache. Oder man sagt so= gar scherzhaft: „Ein Pröstchen!“ = Zum Wohle! wünschen sich die Zecher in heiterer Runde. Doch zu welchem Wohle! Sicher zum Wohl der Gesundheit und Bekömmlichkeit. Der Wein ist auch eine Lebensmedizin. Das stellt schon Shakespeare im Othello fest, und mit ihm sind sich die Ärzte aller Zeiten bis zur Gegenwart einig: Wein erfreut nicht nur des Menschen Herz, Wein erhält uns gesund, verlängert das Leben. Mag es auch nicht jeder an sich selbst erproben, aber Erfahrung, Wissen= Schaft und Medizin bestätigen es uns.

Schon Hippokrates, Begründer der griechischen Medizin, der Vater der Heilkunde, sagte bereits 400 Jahre v. Chr.: „Der Wein ist ein Ding, in wunderbarer Weise für den Menschen geeignet – vorausgesetzt, daß er bei guter und schlechter Gesundheit sinnvoll und in rechtem Maße verwandt wird. Trinke Wein, und du wirst gesund!“ Er starb 83 Jahre alt.

Anakreon, der fröhliche Sänger des Wei= nes, ein Zeitgenosse des Hippokrates, vollendete seinen Erdenweg nach 85 Jahren. Kurz vor seinem Tode rief er seinen Freunden noch zu: „Zwar bin ich alt, doch trink‘ ich trotz einem Jüngling wacker.“

Und Plato, Schüler des Sokrates, gesteht, daß der Gedankenaustausch mit seinen klugen Freunden stets beflügelt wurde durch die Kraft des Weines, wenn die gefüllten Schalen kreisten von Mund zu Mund. Im Jahre 347 v. Chr., 8o Jahre alt, legte er seinen überaus fruchtbaren Schreibstift für immer aus der Hand.

Selbst in seinem 83. Jahre besingt Goethe noch den Wein, und Uhland meint mit 75 Jahren: „Wenn es euch wie mir ergeht, dann betet, daß der Wein gerät!“

Bismarck urteilt über den Wein: „Wer sich seiner Kraft recht bewußt werden will, muß erst eine halbe Flasche Wein im Leibe haben, besser eine ganze.“

Sein greiser, 91jähriger Kaiser Wilhelm I. erklärte: „Alles überlasse ich gern meinen Erben, nur meinen Weinkeller nicht.“

Es würde zu weit führen, all die großen, hochbetagten Weinfreunde weiter aufzuspüren.

Schauen wir uns aber doch einmal um in den heimeligen Weinstuben an Ahr, Rhein und Mosel oder in anderen Weingauen: Da sitzen sie, die älteren Semester, die stillen Zecher, hinter Pokal oder Flasche; plaudern, frischen Jugenderinnerungen auf, erzählen von ihrer Kommißzeit, debattieren über die kleine oder verlieren sich gar in die große Politik, vergessen nicht, oft nach dem Glas zu greifen, „nehmen den und wen aufs Ärmchen“ oder dreschen einen zünftigen Skat, um dann auch manchmal ein wenig schwankend den Weg nach Hause zu finden. Wer mag da noch zweifeln an der Wahrheit des schon geflügelten Wortes von dem 76jährigen Wilhelm Busch, wenn er sagt: „Rotwein ist für alte Knaben eine von den besten Gaben!“ Damit soll der Weiße nicht zurückgesetzt sein. Werfen wir nun einen kurzen Blick in seine Geschichte: Irgendwo in südlichen Ländern, da, wo an wilden Reben Jahr für Jahr die Trauben reiften, fanden die Menschen schon vor undenklich langen Zeiten, daß ihre Beeren köstlich schmeckten, daß aber ihr Saft, wenn er vergoren war, sie so sonderbar leicht und heiter stimmte. Zwar be weisen Bodenfunde, daß auch in nördlicheren Gebieten Europas wilde Reben bereits in vorgeschichtlicher Zeit wuchsen. Doch ist zweifellos die Weinkultur, der Weinbau, wohl in den vorderasiatischen und nordafrikanischen Gebieten wie Armenien, Georgien und Ägypten zuerst entwickelt worden (Noe). Von dort aus verbreitete sie sich nach Griechenland. Die Römer übernahmen den Weinbau und verfeinerten ihn. Unser Anbau geht zunächst auch auf griechische Kolonisten zurück. Das beweisen Grabbeigaben, besonders das Rebenmesser römischer Winzer aus der Pfalz. Diese zeigen ausschließlich nicht die römische, sondern die griechische Form. Besonders in Südfrankreich ist schon um 600 v. Chr. der Anbau des Weinstockes durch griechische Siedler nachgewiesen. Von dort her dehnte er sich nach Westen und Norden

aus und kam nach der Besetzung Galliens durch die Römer in unsere Heimat. Das geschah besonders unter den großen Kaisern des 2: Jahrhunderts n. Chr. Die herrschende Vermutung von der Ersteinführung des Weinbaues in germanische Gebiete durch Kaiser Probus (+ 282 n. Chr.) kann mit Bestimmtheit als Legende zurückgewiesen werden; dennoch hat er ihn besonders gefördert.

„Der Kaiser Probus ist ein Mann,
Der pflanzt am Rheine Reben an.
Was nur genug zu loben.
Dafür ward auch ein Name sein,
Der selber schon gemahnt an Wein,
Denn Probus kommt von Proben.“

(Aus: DAS MOSELLAND)

Selbst die vorwiegend nach dem Süden gerichtete Völkerwanderung konnte den Weinbau in den germanischen Kulturges bieten nicht zerstören. Nach der Christianisierung erfuhr er besonders durch die Kirche und die Klöster weiteste Förderung. Dafür geben uns noch heute gebräuchliche Namen für Weinbergslagen lebendige Kunde, wie etwa: Rüdesheimer Klosterberg, Graacher Dompropst, Reiter Kirchenstück, Walporzheimer Domberg, Marienthaler Jesuitengarten u. a. Besonders die Klöster trugen die Weinkultur bis Mittel- und Norddeutschland vor. Ja, um 1500 wurden sogar Weinstöcke an der Ostseeküste ges pflegt. Anläßlich eines Besuches der Marienburg in Westpreußen rief der Bayernherzog Rudolf (um 135o) begeistert aus, nachdem er den Willkommentrunk Thorner Weines gekostet hatte: „Langt noch einmal mir den Becher her! Der Trank ist rechtes Öl, davon einem die Schnauze klebt.“

Die langen Kriegswirren im 17. Jahrhundert brachten den Weinbau vielerorts zum Erliegen. Nur am Rhein mit seinen Nebentälern und anstoßenden Gebieten werden die Reben gepflegt. Rheinland – Wein-Land, denn „die Rebe ist ein Sonnenkind, sie liebt den Berg und nicht den Wind!“ Die nördlichste Anbaugrenze verläuft heute etwa: Paris – Lüttich – Bonn – Thüringen – Niederschlesien (Grüneberger Sekt). Doch wer brachte die Rebe an die Ahr und in die engere Heimat? Mit Bestimmtheit darf angenommen werden, daß römische Legionäre und Siedler Wein tranken, der in den Auen und an den Hängen des Ahrtales gereift war. Noch fehlen uns trotz des immer dichter werdenden Netzes nachweislicher römischer Siedlungen im mittleren und unteren Ahrgebiet die exakten Be weise dafür – eine Feststellung, die nicht zuletzt der selbstlosen Forschungsarbeit der Ahrweiler Freizeitarchäologen „Vinca“ zu verdanken ist. Allerdings kann bis heute auch kein Gegenbeweis erbracht werden. Tatsache ist, daß die Benediktiner-Abtei Prüm nach einem Güterverzeichnis aus dem Jahre 893, dem sog. Prümer Urbar, im Ahrgau Weingärten gepflegt hat mit folgendem Ertrag: Kreuzberg 1, Dernau 2, Pützfeld 3 und Ahrweiler 76 Fuder (Eifeljahrbuch 1961, Jakob Rausch: Der Grundbesitz der Abtei Prüm im Ahrgebiet). Zerfallene, mit Brombeer, Schlehen und anderem Geheck überwucherte Stützmauern der „Stühle“ in Kesseling, Hönningen, Brück und Kreuzberg könnten stumme Zeugen dafür sein.

Selbst in der Nordeifel, deren Berge und hügelige Hänge sich mählich in die Kölner Bucht verlieren, wurde die Weinrebe gepflegt. Orts- und Flurnamen wie: Kreuzweingarten nördlich von Münstereifel, die Wingertsheck in Krekel bei Sistig, die Wingertsley bei Monschau, der Wingertsberg bei Woffelsbach am Rursee sprechen für eine .mehr als tausendjährige Rebenkultur. Der echte „Windener Burgunder“ (Winden liegt einige Kilometer südlich von Düren) wurde gern von Kölner und Aachener Gastwirten als „feurig-roter“ Wein kredenzt (Eifeljahrbuch 1958, Wilh. Günther: Zur Geschichte des Weinbaues am Nordabfall der Eifel).

Was ist nun Wein? Eine scheinbar simple Frage! Die Antwort gibt uns der § 1 des Weingesetzes: „Wein ist das durch alkoholische Gärung aus dem Saft der frischen Weintraube hergestellte Getränk.“ Klipp und klar, nüchtern und trocken! A propos: Getränk! „Jesöffs“ nennt es oft der derbe Volksmund; und dann mit Recht. Denn, so belehrt auf dem köstlichen Bild von Bernhard Giffels „der alte, fromme Weinhändler“, dessen Lebensuhr schon elf zeigt, seine drei Söhne in seinem letzten Vermächtnis: „Mer kann och uß Druwe Wing mache!“ Erstaunt und froh, in die Hände klatschend, hören die Söhne den Rat. Einer von ihnen hat dabei die dicke Geldtasche umgebunden! Nicht ohne eine bestimmte Absicht wird auf einem Teilbild der Chorfenster von St. Laurentius in Ahrweiler die Verwandlungsszene auf der Hochzeit zu Kana dargestellt. Nur Christus konnte aus Wasser Wein machen! Eine anschaulich-ernste Mahnung für alle, die es angeht! Viele Faktoren greifen ineinander, um das zu formen, was wir guten Wein nennen. „Klima, Boden und Rebensorte prägen ihren Charakter. Reife und Süße, Frucht, Frische und Duft vereinigen sich zur schönsten Harmonie, und zwar gleichgültig, ob wir einen leichten oder schweren, einen gehaltvollen oder eleganten, einen lieblichen oder wuchtigen, einen Tisch- oder Spitzenwein trinken.“ (Graudenz). Das Klima der deutschen Weinbaugebiete ist gemäßigt. Ausreichende Feuchtigkeit mit genügender Sonnenbestrahlung geben unseren Weinen eine milde Säure und fruchtige Süße. Die Rebe braucht zu ihrem günstigen Gedeihen jährlich etwa 1300 Stunden Sonnenschein. Die Beschaffenheit der Böden, ob Schiefer oder Löß, Basalt oder Sandstein, bestimmen Duft, Aroma und Wirkstoffe. Dabei spielen Höhe und Bodenneigung eine bedeutende Rolle. Sanfte Hügel, sonnengünstig gelegen, bis etwa 400 m hoch und Hänge mit 15-3o Grad Gefälle bringen oft, trotz gleicher Traubensorte, verschiedene Weine. Der fachkundige Weinkenner, der„ Weinbeißer“, spricht dann von der „Lage“, obschon darunter im übertragenen Sinne auch ein Flurname gemeint sein kann. Ein heiteres Schmunzeln überfliegt oft das Gesicht des Lesers einer Weinkarte, denn es spricht meist eine gemütvolle Weinseligkeit aus all den „blühenden“ Namen von Weinbergslagen zu uns, wie Forster Ungeheuer, Wehlener Sonnenuhr, Dernauer Goldkauler, Bopparder Hamm Mistloch, Ellerer Engelspinkel, Brauneberger Juffer, Cröver Nackt …… Trarbachet Liebeskummer; selbst Liebfrauenmilch und Herrgottstränen sind in Flaschen gefüllt. Und ein humorvoller Ahrweiler Bürger kredenzte zu seiner und seiner Gäste Freude einen „Alter Sack,  Klabuster-Beeren-Auslese“.

Im Zusammenklang von Klima und Boden nehmen nun noch die Traubensorten maß= geblichen Anteil am Charakter des Weines. Fast ihrer einhundert kennt der deutsche Weinbau; darunter solche mit grünen, roten und blauen Beeren. Neben unseren heimischen Sorten wie Burgunder, Portugieser, Riesling, Müller-Thurgauer, Ortslieber und Malinger werden gezüchtet: Kleinberger oder Elbling, Roter Veltiner, Muskateller, Sylvaner, Schwarzriesling, Gutedel u. a. Die Rebensorten sind es auch nicht zuletzt, die den Weinen in unvergleichlicher Vielfalt eine ganz bestimmte Note verleihen. Der Wein kann sein: duftig, blumig, würzig, mild, mollig, glatt, zart, lieblich, herzhaft, fröhlich und süffig; aber auch rassig, kräftig, nachhaltig, schwer, hart, flach oder gar tot; selbst erdig, was dem Nichtkenner oft Anlaß gibt zu zaghaften Erkundigungen beim Wirt. Mögen diese durchweg verlockend klingenden Attribute, die sehr an edle weibliche Tugenden erinnern oder männliche Züge verraten, Geschmacksbezeichnungen sein, so sucht der stille Zecher bei seinem Genuß auch noch andere Merkmale des Weines, wobei er sich aller seiner Sinne bedient. Ein prüfender Blick der Augen bestätigt die Klarheit und Durchsichtigkeit. Rasch erkennt er, ob der Wein „fertig“ ist. Behutsam umschließt nun die Hand das Glas. Sie fühlt, ob bei der Temperatur oder beim „Kaltstellen“ keine groben Fehler begangen wurden. Das ist beim Rotwein unbedingt erforderlich; seine Wärme soll keinesfalls kühler als + 15 Grad sein. Rasches, kurzfristiges Erwärmen verflacht den besten Rotwein oder tötet ihn sogar. Aber auch weiße Spitzenweine sind sehr empfindlich bei zu starker Unterkühlung; sie soll + 10 Grad nicht unterschreiten. Dann kann sonst selbst die feinste Kennernase nicht die „Blume“ prüfen, jene feinen Duftausstrahlungen, die man auch die Seele des Weines nennen könnte. Den Körper aber erfassen die Nerven der Lippen, Zunge und Gaumen. Er bildet die Zusammenfassung aller gebundenen Geschmacksstoffe. Flacher Wein ist körperlos. Der Begriff „Bukett“ ist eigentlich überflüssig. Er kann mit der „Blume“ gleichgesetzt werden. „Firner“, d. h. alter, ausgelagerter Wein, hat keine „Blume“ mehr. Aber auch unser Ohr kommt beim Trinken nicht zu kurz, so sonderbar es wohl klingt. Hören wir nicht das bedächtige Gluck-Gluck-Gluck beim Eingießen in die Gläser, und wen stimmt ihr zartes Kling-Klang nicht heiter in froher Runde!

So spendet die Natur selbst die ersten Vorbedingungen für das Gedeihen eines ihrer köstlichsten Geschenke. Doch alles gelänge ihr nicht ohne den Fleiß und die sorgende Mühe des Winzers. Kein anderes Kulturgewächs bedarf soviel Hege und mühevolle Wartung wie die Rebe: düngen, graben, schneiden, binden, köpfen und ausbrechen, spritzen und immer wieder Spritzen; nicht zuletzt die Lese! Nur siebzehnmal führt der Weg um jeden Weinstock! Wie lieblos im Gedenken dessen handelt doch der Weinsünder, der ohne Maß den Wein trinkt!

Letzte Vollendung ist aber in die Hand des Kellermeisters gegeben. Er hütet die Geheimnisse der Weinbereitung, kennt alle die notwendigen Arbeiten auf dem langen Weg zur „Reife“, muß mitunter verbessernd eingreifen, hütet sein kostbares Gut vor mancherlei Krankheiten in der Kühle des Kellers, bis sich eines Tages der fertige Wein in Flasche und Pokal dem Ze eher präsentiert.

„Aus der Traube in die Tonne, Aus der Tonne in das Faß, Aus dem Fasse dann, o Wonne! In die Flasche, in das Glas. Aus dem Glase in die Kehle, In den Magen, in den Schlund, Und als Blut dann in die Seele, Und als Wort hierauf zum Mund!“ Form und Farbe sind bei der Flasche keineswegs gleichgültig. Allgemein haben sich dabei gewisse Normen eingebürgert. Weiß wein wird vorwiegend in die langhalsigen Schlegel abgefüllt; Mosel und Ahrwein in hellgrüne; Saar-, Ruwer- und Pfalzwein in blaugrüne; Rheinweine in hellbraune Flaschen. Selten kommt besserer Rotwein in Schlegelflaschen; sollte uns jedoch ein roter Spitzenwein in einer Schlegelflasche begegnen, so handelt es sich wahrscheinlich um das Erzeugnis einer Domäne. Rotwein lagert vorwiegend in dunkelbraunen, bauchigen Burgunderflaschen. Abweichungen im Gebrauch der Formen und Farben kommen vor. Nur die Frankenweine machen eine Ausnahme: für sie werden grundsätzlich die sog. Bocksbeutelflaschen benutzt. Auch ausländische Weine werden uns vorwiegend in zylindrischen Flaschen mit kurzem Hals angeboten.

Die Aufmachung der Weinflasche mit Etikette und Halsschleife verrät uns die wichtigsten Eigenschaften ihres Inhaltes; das Flaschenschild muß sich zum Teil an Bestimmungen des Weingesetzes halten: das Weinbaugebiet, den Jahrgang,. den Herkunftsort, die Lage und die Traubensorte, fünf Dinge also müssen auf dem Etikett vermerkt sein. Lesen wir aber noch zusätzlich: „Natur“, „Wachstum“, „Gewächs“, „Kredenz“, so dürfen wir sicher sein, daß es sich um einen naturreinen, unverbesserten Wein handelt. „Originalabfüllung“ ist ein Beweis für einen im Keller des Erzeugers ausgebauten Naturwein. Für Bezeichnungen ganz kostbarer Spitzenweine gibt das Weingesetz überaus strenge Richtlinien. Als „Spätlese“ darf nur ein ungezuckerter Wein von solchen Trauben bezeichnet werden, die erst nach der allgemeinen Lese in vollreifem Zustand geerntet worden sind. Auslese heißt jener Wein, der aus Trauben nach vorheriger Aussonderung unrein fer, fauler oder beschädigter Beeren genwonnen wird. Bei der „Beerenauslese“ wer= den nur die überreifen und sog. edelfaulen Beeren guter Lagen peinlich aussortiert und gekeltert. „Trockenbeerauslese“ sind Weine von sorgfältigst erlesenen edelfaulen und rosinenartig eingeschrumpften Beeren. Wer jedoch „Hochgewächs“ oder gar .Spitzengewächs“ vorgesetzt bekommt, mag sicher sein, daß es sich um das feinste handelt, was Wein heißt. Nach dem Genuß aber wird ein recht tiefer Griff in die Brieftasche erforderlich sein, denn Preise von 50 bis 150 DM pro Flasche sind für diese Auslese keine Seltenheiten. Nebenbei sei bemerkt, daß eine badische Rotweinsorte aus dem nördlichen Schwarzwald, der „Affentaler“, auf Schlegelflaschen gezogen wird, die ein fein profilierter brauner Affe herzlich umschlingt. Außer einer Halsschleife ist bei diesem Wein kein anderes Etikett erforderlich.

Auch gezuckerter Wein darf mit „Korkbrand“ oder Korkaufdruck versehen sein. Steht diese Angabe ausdrücklich auf der Weinkarte oder dem Etikett, so darf dann der Wein nicht verbessert sein.

Auch Form und Farbe des Glases spielen beim Trinken für den Kennet keine unwesentliche Rolle. In der Vielzahl heutiger Formen behauptet sich noch immer der „Römer“ mit kräftig gedrungenem Fuß, bauchig gewölbtem Oberteil, der sich nach oben verjüngt. Aus ihm strömt die gen sammelte Duftfülle, die „Blume“, der Nase zu. Gläser mit braunem oder grünem Fuß sollten nur für Weißwein bestimmt sein, und nach der „Weinfibel“ gilt es als ein Geschmacksverbrechen, Rotwein in einem andern als völlig farblosen Glase zu reichen. Der Oberteil des Glases soll unbedingt farblos und durchsichtig sein. Mancher Wirt ist peinlichst bedacht, seinem Gast diese oder jene Weinsorte im entsprechenden Glase zu reichen.

Doch wann greifen wir zum Glase?

„Man kann, wenn wir es überlegen,
Wein trinken fünf Ursachen wegen:
Erstens: um eines Festtages willen,
Zweitens: um den Durst zu stillen,
Drittens: künftigen abzuwehren,
Viertens: Dem guten Wein zu Ehren,
Fünftens: jeder Ursach willen!“

Dazu sei ein Wort des Herrn Dr. Neumann vom Ministerium für Weinbau in Mainz angeführt: Es gibt viele Wege, den Wein oder die Weine kennen und lieben zu lernen. Stets jedoch sollte die Bekanntschaft mit dem Wein – gleich, ob sie erst kurz oder schon zu einer alten dauerhaften Freundschaft geworden ist – verbünden sein mit dem Bewußtsein, daß die Freude am Wein dem am ehesten geschenkt wird, der mit Geist und Gefühl den Wein als edelstes  Erzeugnis unserer Mutter Erde, zu ergründen sucht.

 „Auch deine Sterne strahlen im Wein,
denn Sternen-, Monden- und Sonnenschein,
sie senden des Himmels Süße und Kraft
tief in des Weinstocks gold’nen Saft,
werden zu Wein in des Kellers Hut,
werden zur Freude im Rebenblut . . ,
strömen des Schicksals Kraft in dich ein!
Drum trinke täglich deinen Wein!“

(Alter Kalenderspruch)