Das Kartoffelfeuer

VON DR. JOSEF RULAND

Hanni hatte mich mitgenommen, und Hanni war der Sohn des Erbhofbauern. Es war der letzte Tag der Kartoffelernte; Hanni aber nannte das anders: „Wir maache die letzte Krombiere aus.“ Die Kartoffelfelder lagen am Hange eines Berges, der ehemals ein Vulkan gewesen sein mochte, denn der Gipfel war rund und in der Mitte vertieft, als sei er eine ungeheure Schüssel. Auch wurde an der anderen Seite, da, wo das kleine, graue Dorf lag, Lava gebrochen. Der Boden aber war steinig und weich, tief sank mein Fuß in das leichte Gerolle ein. „Hier wachsen de besten“, belehrte mich Hanni und fügte dann schmunzelnd hinzu, „wer unsere Gescheitigkeit nach den Krombieren beurteilen will, der muß hierherkommen!“ Sonst sprach Hanni nicht viel, er war ruhig und verschlossen wie alle Menschen des seltsamen Landes. Gemessen waren seine Bewegungen, und wenn er irgendein Gefühl äußerte, so war es, als raune ein Baum oder Strauch, ein Quell oder ein Stein uralte, schwer verständliche Worte. Das Land und die Menschen waren ihm eins, und er selbst dachte sich nicht anders als ein Stück der Landschaft, die wurde und verging, die ihre Blüte und ihre Ernte hatte. Er kannte die Spur jedes Wildes, wußte, wo die Füchse wohnen und die Sperber ihre Nester haben. Er brauchte nur den Finger in die Höhe zu heben, um zu wissen, woher der Wind wehe, und aus dem Flug der Wolken konnte er nasses oder trockenes Wetter prophezeien.

Dieses Mal hatte mich Hanni nicht mitgenommen, um mir etwas zu zeigen oder zu erklären. Den ganzen Nachmittag arbeitete ich neben ihm im Felde, raffte Kartoffeln auf und füllte sie in die Säcke. Es war gut, daß ich den Hanni neben mir hatte und nicht den Bauern selber oder eine der Frauen. Denn Hanni arbeitete bedächtig, so ein bißchen mit Liebe, wenn man bei der Kartoffelernte von Liebe sprechen kann. Er machte kleine Pausen, damit sich der Rücken wieder strecken könne und geschmeidig blieb, und wenn er eine besonders schön gewachsene Kartoffel fand, wies er sie mir. Sie ruhte dann eine Zeitlang in seiner rissigen braunen Hand wie eine köstliche Frucht in einer hölzernen Schale. Zuweilen hielt er mir auch einen seltsam geformten oder gefärbten Stein hin. „Das ist ein Stein ganz aus dem Innern der Erde, vielleicht ein Stück von dem Herzen des Landes. Das kleine Flimmern rührt von den Edelsteinen her, die darin eingeschlossen sind“, meinte er einmal geheimnisvoll und tat, als ob er einen Schatz gehoben hätte. Auch während der Kaffeepause wich ich nicht von Hannis Seite. Stillschweigend schob er mir ein großes Stück selbstgebackenen Brotes hin und wußte es zu erreichen, daß ich meine Pfeife mit Tabak aus seinem Beutel stopfte. „Es ist Eifeler“, sagte er kurz, „er wächst um Wittlich herum, ist hart und streng wie alles in der Eifel!“ Ich konnte mich nicht lange dem Genuß des Harten und Strengen hingeben, der Bauer winkte, und vorwärts ging es wieder, furcheein, furcheaus. „Bald ist Schluß“, meinte Hanni tröstend, „unten im Tal kriecht schon der Nebel.“ Ja, wahrhaftig, unten im Tale kroch der Nebel, und auf unserer Höhe machte sich die Ankunft des Abends dadurch bemerkbar, daß ein kühler Wind zu wehen begann, durch den ein Krähenschwarm johlend und schreiend seinem Schlafwipfel zustrebte. Die fernen Bergzüge verblaßten, irgendwo auf einer Straße hinter Feldern und Wäldern blitzte das Licht eines Autos auf. Der Himmel war von schiefrigem Ganz, und die Wolken, die fast unmerklich vorwärtsrückten, färbten sich mit einem zarten Blau, das bald wieder wie von unsichtbarer Hand weggewischt wurde, um einem Hauch von Rosa und lichtem Rot Platz zu machen. Von dem Hofe, hinter einem Wall von buntem Laube her, tönte mit einemmal eine Glocke. Wie ein dünner Ruf klang ihr silberner Ton zu uns herauf. Hanni reckte seine schlanke Gestalt, schüttelte den blonden Schöpf und lachte übers ganze Gesicht. „Das gilt uns; wir nennen das zittrige Glöckchen die Großmutter. Warum, wissen wir nicht. Es soll von der Kapelle übriggeblieben sein, als die Schweden den Hof verbrannten. Das Schwedenkreuz drüben erinnert daran. Nach der Unruhe in der Erde kam die Unruhe über der Erde. Nun ist Stille und Einsamkeit hier oben, jahraus und jahrein. Das ist gut so, Mensch und Land gedeihen besser. Als der große Krieg war, kollerten die Bimssteine aus dem Hang und rollten ins Feld. Aber die glühen nicht mehr, die sind leicht und töten auch niemand. „Kommen Sie, es ist Feierabend, wir wollen das Kartoffelfeuer machen.“ Das Kartoffelfeuer machen! Ein Klang aus fernen Jugendtagen wurde in mir wach. Wir ließen den Bauer und die Frauen die letzten aufräumenden Arbeiten tun. Die vollen Säcke blieben die Nacht über draußen und sollten am anderen Morgen abgeholt werden. Hanni trug eine Menge Kartoffelstroh zusammen, hier fegte er mit dem Karst und dort mit dem Rechen. Er war emsiger als den ganzen Nachmittag hindurch. Der große, bedächtige Hanni wurde zu einem kleinen, frohen Kinde. Dicker Qualm stieg auf und wehte wie eine unruhige Fahne hierhin und dorthin. Er beizte die Augen, daß sie überliefen und voller Tränen standen. Hanni schürte und legte Hände voll Kartoffeln in die aufschwellende Glut. Sie zischte leise, und bald spürten wir aus dem Qualin und Dampf heraus den kräftigen, gesunden Geruch der bratenden Krombiere. Hanni rief mir zu: „Wir wollen warten, bis sie gar sind“, und dann setzte er sich zwischen verblühten Thymian und braunes Heidekraut an den Rain. Für mich legte er seinen Rock hin, damit ich mich daraufsetze. Über das Feuer und das Feld hinweg, hinweg über den Hof mit der silberstimmigen „Großmutter“ sahen wir weit in das Land. Mut ein paar Stunden waren dahingegangen, und doch, wie war alles so verwandelt, so anders als am Mittag! Es schien, als habe der Hauch des Kartoffelfeuers einen dünnen Schleier zwischen uns und der Feme gezogen; gedämpft waren die herbstlich bunten Farben, und das noch helle Gras der Talwiesen schimmerte in einem Leuchten, das Ähnlichkeit mit dein von stehendem Wasser hatte. Noch waren die Berge um den Laacher See, waren Veitskopf, Hochsimmer und Gämehals deutlich und in ihren ganzen Umrissen zu erkennen. Was sich aber jenseits des Rheines erhob, all die basaltenen Kuppen des Wiedtales und die in der Nähe von Linz, war wie ein Meer, dessen Wellen langsam verebben und sich schließlich ganz zur Ruhe legen. In irgendeinem Berghaus wurde ein Licht entzündet, das wie ein Stern einsam und still in dem dunkelnden Himmel stand. Es mochte die Landskron sein, die uns den ersten Gruß der Nacht sandte. Alles Leben schwieg, eine große Feierruhe war über das Gelände gekommen, und nichts war hörbar als das Fallen von Tropfen im braunen Geäst der Eichensträucher: der Nebel hatte den Rand des Tales erreicht. Da plötzlich ein gellender Schrei, der ein schauerliches Echo weckte. „Erschrecken Sie nicht“, flüsterte Hanni neben mir, „das ist eine Eule von der Olbrück.“ Und dann wies er mit dem Kopfe hinter sich, wo wie ein gespenstisches und verwunschenes Schloß ein paar Fensterbogen, die sich an einen dunkeln Turm lehnten, auf einem schwarzen Hügel standen. Das Ganze erinnerte an ein Totenmonument auf einem Riesengrabe. Es war ein phantastisches Bild, phantastisch und doch so unheimlich, daß es einen schaudern machte. Hanni hielt mir den Tabakbeutel hin : „Nehmen Sie, das läßt Sie die Burg nicht mehr sehen — und ein bißchen wärmen tut es auch. Als die Raubritter noch da wohnten, war es schlimmer. Da war auch noch kein Kartoffelfeld hier. Die Ritter hatten ihren Pferden die Hufeisen verkehrt aufgenagelt, und so konnte sie niemand fangen. Nur ein Hirt, der hier herum die Schafe hütete, wußte davon. Der murmelte einmal vor sich hin: ,Sind sie drin, dann sind sie draußen; sind sie draußen, dann sind sie drin.‘ Das war so verkindscht nicht, und so kam das Geheimnis heraus. Die Raubritter sah man nicht wieder, und der Lochmüller an der Brohl baute seine abgebrannte Mühle wieder auf. Aber auch der Hirt war verschwunden. In den Schlehenhecken um die Burg hingen noch lang die Flocken von seiner Herde. Sie waren gebleicht und so greis wie Menschenhaare. „Hanni hatte es stoßweise erzählt. ,,Aber nun haben wir Frieden hier. Hören Sie nur, wie die Rehe wechseln!“ Dann sprang er auf: „Kommen Sie, alleweil werden sie gar sein.“ Der Rauch hatte sich verzogen, da; Feuer war in sich zusammengesunken. Wie glühende Augen leuchteten hier und da aus der Erde die verglimmenden Reste. Auch Hanni fühlte es, denn wie beschwörend streckte er beide Hände aus und sagte, und es klang wieder in seiner stillen und bedächtigen Weise: „Nichts tuen und nicht bange machen, denn nun bin ich der Herr hier!“

Mit freundlicher Genehmigung des ARE-VERLAGES der Sammlung „Land der Maare“ entnommen.