Auswanderer nach Amerika aus dem Kreise Ahrweiler

VON HUGO OSTERMANN

Die erste große Auswanderungswelle ergriff im Jahre 1841/42 die Dörfer an der Oberahr und in dem Eifelgebiet. Der Not der Jahre 1817/18 folgte in den vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts eine uns heute unvorstellbare Armut vieler Menschen unserer Heimat. Schlechte Ernten zwangen die Bevölkerung zu einem Leben größter Entsagungen. Das Brot bestand aus einer Mischung von Kartoffeln und Hafermehl. Zwei Drittel der Bewohner aßen nur einmal im Jahr Fleisch, und zwar zur Kirmes. Die Geldnot erreichte einen solchen Grad, daß der Empfänger eines Briefes das ganze Dorf durchwandern mußte, um das Geld für das Porto zusammenzubetteln, das damals vom Briefempfänger zu zahlen war. So erwachte die Sehnsucht nach einer besseren Heimat. Häuser und Güter wurden um die Hälfte des Wertes verkauft. Brüder teilten sich, der eine ging in die Fremde voraus, der andere blieb auf dem Hof, damit beide auf alle Fälle gesichert seien. Ganze Dörfer wollten auswandern. So berichtet Gottfried Kinkel, daß 1842 das Dorf Hummel seine Dorfgemeinschaft auflösen, seine Wälder dem Herzog von Arenberg verkaufen und auswandern wollte, der Priester voran mit Kreuz und Fahne.

Die Liste der Auswanderer in den Jahren 1837—1844 wird manchen Leser aus den betreffenden Orten bekannte oder verwandte Namen finden lassen.

1837

Barweiler: Matthias Joseph Löhr,

1839

Wiesemscheid: Anton Reuter.

1840

Müsch: Nikolaus Pohl; Pomster: Johann Joseph Büchel; Wershofen: Hubert Radermacher; Wiesemscheid: Christoph Otto, Anton Otto, Johann Lehmann.

1841

Adenau: Arnold Horn, Joh. Josef Horn, Joh. Fuchs, Joh. Josef Lehmann, Franz Müller, Joh. Josef Knipp, Arno Bccker; Gilgenbach: Stephan Lehmann; Reifferscheid: Anton Claesgens; Rodder: Matthias Romes; Antweiler: Joh. Peter Pohl, Jakob Gillen; Barweiler: Matthias Müller, Paul Ternes, Peter Jos. Wirfs; Eichenbach: Wwe. Joh. Peter Schäfer; Hoffeld: Heinr. Kettel; Hummel: Vinzenz Conrads, Wilh. Schmilz; Müsch: Hubert Klein; Wershofen: Joh. Jos. Jacklen, Joh. Gilles, Joh. Peter Schulter; Wiesemscheid: Heinrich Bertram; Staffel: Matthias Simon.

1842

Adenau: Joh. Jos. Pauly, Theodor Dresen, Geschwister Löhr, Stefan Stumpf; Breidscheid: Philipp Glasen; Dümpelfeld: Christian Grimm; Herschbach: Johann Reuter, Johann Peter Müller; Insul: Stefan Meurer, Matthias Leuer, Stefan Hansen, Mat: thias Lücker, Matthias Koll; Kaltenborn: Joh. Jos. Schnitzler, Johann Theisen; Kottenborn: Joh. Jos. Dederichs; Leimbach: Joh. Jos. Wirz; Niederadenau: Peter Jos. Larscheid, Anton Maus, Anna Gudula Schmitten, Matthias Rothgeri; Quiddelbach: Christine Bertram; Reifferscheid: Johann Jos. Wirz, Franz Jos. Claesgens, Peter Jos. Koll, Anton Fuhrmann; Rodder: Peter Honerbach, Gerhard Honerbach, Johann Pet. Fischer, Joh. Jos. Ginster; Wimbach: Christian Esch, Engelbert Esch, Konrad Zimmer; Dorsel: Joh. Schneider, Hub. Müller; Hummel: Josef Breitzter, Anton Müller, Hubert Reck, Karl Georges, Geschwister Claesgens; Wershofen: Joh. Müller, Nikolaus Reuter; Laufenbacherhof: Josef Dederichs, Geschw. Jakob Gassen; Brück: Peter Jos. Hupperich; Denn: Matthias Schumacher, Matthias Gilgenbach, Matthias Müller; Henningen: Michel Weld, Joh. Schneider, Michel Krings, Theodor ; Bergrath, Thomas Radermacher, Michel Surges; Liers: Matth. Krupp, Wwe. Jakob Schwab; Lind: Egidius Radermacher, Theodor Kloster, Joh. Jos. Ley; Pützfeld: Peter Simon; Staffel: Christian Goeben; Weidenbach: Joh. Jos. Theißen.

1843

Dankerath: Nikolaus Schmilz; Wiesemscheid: Nikolaus Berens.

1844

Herschbach: Peter Rotarius; Denn: Barthel Hoffmann, Joh. Schmitz. Die Auswanderung aus dem Gebiet des früheren Kreises Ahrweiler (also vor der Auflösung des Kreises Adenau) setzte in der Hauptsache erst später ein. Es war in den siebziger Jahren. Nach der Reichsgründung von 1871 nahm zunächst die fortschreitende Industrialisierung viele Arbeitskräfte auf. Aber kurze Zeit danach setzte eine wirtschaftliche Krise ein, und die Industrie mußte Arbeitskräfte entlassen. Die Landwirtschaft und der Weinbau litten unter der scharfen Konkurrenz der französischen Weine und den Agrarprodukten der Nachbarländer und von Übersee. Die Schutzzölle kamen erst später. Daher begann in diesen Jahren eine neue Welle der Auswanderung, insbesondere im östlichen Teil unseres Kreises. Es folgen nun die Namen dieser Auswanderer. Sie dürften besonderes Interesse finden, da von den zuletzt Genannten noch heute einige in der Neuen Welt am Leben sind.

1870

Birresdorf: Joh. Arenz mit 7 Kindern; Blasweiler: Josef Bell; Schelborn: Jakob Müller; Schalkenbach: Matthias Grones; Gimmigen: Wendel Hub. Slang, Peter Josef Becker mit 5 Kindern, Kasper Faßbender, Heinrich Assemacher, Wwe. Kath. Kretz; Heimersheim: Michel Lewi mit 5 Kindern; Kreuzberg: Theodor Gaßen; Remagen: Franz Josef Weinand; Dernau: Bernhard Wolf mit 8 Kindern.

1871

Beller: Josef Krämer.

1872

Waldorf: Matth. Kappen, Jos. Weber; Niederzissen: Joh. Weidenbach, Georg Halbsommer; Oberdürenbach: Joh. Schneider; Oberbreisig: Peter Reuschenbach, Matthias Debrezer; Remagen: Franz Jäger.

1873

Sinzig: Gertrud Engels, Peter Seibcrt; Remagen: Anton Leyendecker, Carl Reiner, Nierendorf; Gelsdorf: Peter Bongard.

1875

Brohl: Peter Kraut.

1876

Gönnersdorf: Lambert Mark; Franken: Joh. Haas; Remagen: Josef Pira.

1879

Waldorf: Anna Maria Nachtsheim; Brohl: Heinrich Netz.

1880

Kreuzberg: Christ. Gaßen, Wwe. Gertrud Gaßen, Maria Gaßen, Josef Witten, Joh. Kreucher; Dernau: Josef Wirz, Michel Vikarius Schumacher; Rech: Josef Hostert; Niederzissen: Martin Schmitt mit 6 Kindem; Altenahr: Jakob Kaspary; Ahrweiler: Michel Werner mit 5 Kindern.

1881

Altenburg: Hubert Becker; Rech: Michel Marner, Aloys Müller, Margarethe Stodden; Mayschoß: Johann Schäfer mit 5 Kindern; Brohl: Peter Ockenfels; Niederzissen: Peter Doll, Servaz Doll; Wilh. Waßerburger, Joh. Friedgen, Matth. Doll; Calenborn: Jakob Kaufmann; Kreuzberg: Peter Schüller, 6l Jahre alt.

1882

Ahrweiler: Alex Kaufmann, 17 Jahre alt; Niederzissen: Ant. Jos. Esten, Matth. Esten, Herrn. Jeub, Peter Degen mit 5 Kindern, Brohl: Georg Norm.

1883

Brohl: Anna Dewin, Georg Nonn; Niederdürenbach: Peter Schlich.

1884

Niederzissen: Peter Ulmen mit 6 Kindern, Peter Frisch; Königsfeld: Peter Schlich; Niederdürenbach: Josef Breuer, Johann Breuer, Johann Breuer; Sinzig: Peter Scharrenbroich; Brohl: Johann Dewin.

1885

Ahrweiler: Adolf Jos. Commanns.

1886

Oberzissen: Jakob Knott; Niederzissen: Peter Josef Esten; Dedenbach: Michael Oehl; Remagen: Georg Christian Horek; Oberwinter: Katharina Meyer, Anton Meyer.

1887

Niederzissen: Peter Frisch; Ahrweiler: Nikolaus Gies; Remagen: Joh. Peter Wickel; Wwe. Elisabeth Biermann; Niederdürenbach: Peter Breuer, Anna Breuer, Christi* ne Breuer, Casper Breuer.

1888

Ahrweiler: Joh. Hubert Gies; Brohl: Joh. Josef Wihl, Joh. Josef Masberg, Ant. Koll, Katharina Masberg; Freisheim: Joh. Wilhelm Wilbert mit 4 Kindern; Remagen; Ludwig Josef Klein; Niederbrcisig: Wilh. Schubach; Oberheckenbach: Winand Simons; Altenburg: Matthias Reuter.

1890

Mayschoß: Franz Dommerque.

1891

Niederzissen: Matthias Schäfer, Wilhelm Malberg; Rech: Alois Stodden mit 4 Kindem; Dernau: Leon. Bars.

1892

Oberzissen: Josef Gimmig; Remagen: Karl Josef Schneider mit 6 Kindern.

1893

Rech: Joh. Alois Blaskart; Niederzissen: Peter Groß; Heimersheim: Hubert Schäfer; Mayschoß: Bernhard Jostcn mit 6 Kindern; Dedenbach: Matthias Weidenbach.

1894

Unkelbach: Matthias Bock; Dernau: Josef Hubert Jansweid; Oberbreisig: Joh. Dühr; Oberwinter: Joh. Peter Mayer.

In dem Zeitpunkt, in welchem die Auswanderung aus unserem Kreis einsetzte, fand das Vordringen nach dem Westen der Vereinigten Staaten eine Unterbrechung; die Stoßrichtung schwenkte nach Norden um. An Stelle von St. Louis am Missisippi traten Detroit und Chicago als Aufnahme= und Verteilungsbecken des Einwandererstroms. Daher zogen unsere Auswanderer in das Gebiet der großen Seen nach Michigan, Illinois und Wisconsin. Lassen wir den Auswanderer Johann Fuchs aus Langenfeld sprechen, der am 18Febr. 1841 in einem Brief an seine Kinder u. a. schreibt: „Liebe Kinder! Wenn Ihr zu uns kommen wollt, welches unser herzlicher Wunsch ist, dann bringt am besten mit: 2 Döppen (Kochtöpfe), 2 Schüsseln, Löffel, 2-3 Dutzend Messer und Gabeln. Hier bekommt Ihr dafür das Dreifache bezahlt. Äxte und Hacken laßt in Deutschland, die sind hier billiger. Mit Kleidern beladet Euch nicht zuviel, aber mit Schuhen und Stiefeln versorgt Euch auf etliche Jahre, denn der Macherlohn ist hier sehr teuer. Wenn Ihr kommen wollt, so sorget, daß Eure Gesellschaft ehrlich ist. Lasset Euch mit keinem Schiffsakkord ein bis Le Havre. Wenn Ihr nach Havre kommt, so kommen Euch die deutschen Makler vor der Stadt entgegen. Jeder von ihnen sagt, er habe das beste Logis. Aber glaubt nicht. Seht zuerst selbst es Euch an. Alle 18 Tage geht ein amerikanisches Postschiff ab, und das ist das sicherste. Wenn Ihr kommt — wir befehlen das nicht — wir wünschen es aber, zu Eurem j und Eurer Kinder Vorteil. Ihr werdet von uns gut aufgenommen. Wir werden bis Juni hier an dem Kanalbau bleiben. Ihr ( könnt in diesem Sommer noch so viel verdienen, daß Ihr im Winter davon leben könnt. Eure Männer können auf die Kanalarbeit gehen und die Frauen nehmen jede vier Kostgänger. Diese bezahlen jeden Tag 10 Silbergroschen. Dieses würde die Ausgaben für Eure ganze Familie decken. Was von den Männern verdient wird und was die Frauen mit Nähen und Stricken verdienen, das könnt Ihr zurücklegen.

Liebe Kinder! Was ist das für ein Unterschied hier und in Deutschland. Reichlich Verdienst, gute und wohlfeile Lebensmittel. Man sieht weder jung noch alt zu Fuß reisen, alle zu Pferd oder Wagen. Ja, sie lassen sich sonntags in die Kirche fahren und wenn es auch kaum des Ein= und Aussteigens wert ist. Alle Handwerker sind hier gut. Maurer, Steinhauer, Zimmerleute, Schmiede und Schlosser sind die ersten. Wer nur arbeiten will und kann, hat keine Not, und wer den Sommer hindurch arbeitet, kann so viel ersparen, daß er mit einer Familie von 4—5 Personen den ganzen Winter hindurch davon leben kann.“ Ein anderer, der sich als Farmer niederließ, schreibt von seinem Anfang drüben: „Ich habe ein Landgut gekauft von zweihundert Morgen. Das Land liegt in guter Lage. Das Gras ist so hoch, daß es mir bis über den Kopf geht. Auch haben wir zwei Ochsen, Kühe und Geräte gekauft. Wenn wir ein wenig eingerichtet sind, so können wir 100 Stück Rindvieh halten.“ Andere gingen anfangs bei Farmern in Arbeit und zogen mit ihren Ersparnissen nach einigen Jahren weiter nach Westen, kauften dort billigeres Land und siedelten sich an. — Die Deutschen strebten danach, sich in Gruppen anzusiedeln. Sie suchten das Ideal einer gleichartigen Gemeinschaft zu verwirklichen auf der Grundlage gegenseitiger Hilfe. In gemeinsamer Arbeit suchten sie ihre Heimstätten der Wildnis abzugewinnen. Das Band, welches diese Gemeinden zusammenhielt, war betont religiös. In ihren Pfarrschulen wurde insbesondere die deutsche Sprache gepflegt und das Deutschtum erhalten. Gewiß haben auch Turn-, Gesang= und landsmannschaftliche Vereine an der Erhaltung des Auslandsdeutschtums großen Anteil. Anders verlief die Entwicklung im Süden der Staaten. Wo die Deutschen unter anderen Volksangehörigen wohnten, war oft die erste Generation imstande, von der deutschen Sprache abzukommen. Die rheinischen Katholiken ließen sich vorwiegend in der Nähe von Missionsstationen nieder und gaben ihren Siedlungen Namen von Heiligen. In Wisconsin sind mit wenigen Ausnahmen alle Orte, welche nach Heiligen benannt sind, auf Siedlungen deutscher Katholiken zurückzuführen. Ausschlaggebend für die Wahl des Siedlungsortes war die Wasserversorgung und die Heranschaffung von Bauholz, das im günstigen Falle bei der Rodung gefällt wurde. So war der Wald das Gebiet, welches sich dem armen Manne wies, wenn er seine Landwirtschaft gründen wollte, während die Prärie nur dem Vorteil bot, der Geld besaß. In den späteren Jahren drang die Besiedlung weiter nach Westen vor. Jedoch geschlossene Ansiedlungen fanden hier nicht statt.

Wenn wir in den Briefen der Auswanderer von den guten Verdienstmöglichkeiten und dem Reichtum des Bodens lesen, so finden wir auch Berichte von den Mühen, Enttäuschungen und Rückschlägen, die sie zu tragen hatten. Daß sie trotzdem mit deutschem Fleiß und mit Ausdauer ihren Weg gingen, zeigt, daß es nicht die Schlechtesten waren, die den schweren Gang antraten. Sie jagten auch nicht ausschließlich wirtschaftlichen Interessen nach, sondern hatten für ihr Volkstum auch etwas übrig. Wenn ihnen im öffentlichen und politischen Leben der Union der ihrer Zahl entsprechende Einfluß versagt blieb, so lag das an den tiefen Gegensätzen unter ihnen selbst. Diese sind aber als Erbschaft der alten Heimat anzusehen. Daß sie ihr Deutschtum auch bis in die letzte Generation nicht verloren haben, bezeugt ihr Bemühen im ersten Weltkrieg, den Eintritt Amerikas in den Krieg mit allen Mitteln zu verhindern. Noch mehr aber wurde dies deutlich nach 1945. Die Deutschamerikaner haben in den Hungerjahren des deutschen Volkes ihre Brüder und Schwestern in dem zerschlagenen Deutschland mit Lebensmitteln in hochherzigster Weise versorgt.

Und heute 1960! Was würde der Johann Fuchs, der vor 120 Jahren den oben wiedergegebenen Brief schrieb, wohl sagen, wenn er in seine Heimat zurückkommen könnte, in der jeder Arbeit und Verdienst findet, wo die meisten mit Autobussen und viele mit eigenem PKW zur Arbeitsstätte fahren? „Ja“, so würde er sicher sagen, „das ist noch viel besser, als es zu meiner Zeit in Amerika war. Ihr habt es nicht mehr nötig, nach Amerika auszuwandern.“

Freuen wir uns, daß es heute so ist im eigenen Vaterland. Aber vergessen wir nicht, daß wir eine Verpflichtung haben den Auswanderern gegenüber. An uns liegt es, das Band mit der alten Heimat fester zu fügen, damit die Söhne und Töchter der einst ausgewanderten die Heimat ihrer Väter kennen und lieben lernen und sie einmal besuchen.

Sie müssen uns allen herzlich willkommen sein.