Aus der Geschichte des Klosters Nonnenwerth am Rhein

VON M. EVODIA 

Die Entdeckung von drei unbekannten Bildern

Als im Jahre 1958 der große Saal des ehemaligen Benediktinerinnenklosters auf der Rheininsel Nonnenwerth renoviert wurde, entdeckte man drei alte Gemälde in den Kartuschen zwischen Decke und Südwand des Saales. Es ist anzunehmen, daß diese drei Fresken zwischen 1780 und 1792 ent standen sind. Der Maler ist unbekannt. Um 1900 wurden sie übermalt. Die linke Eckkartusche zeigt den hl. Benedikt, den Vater des abendländischen Mönchtums. Er trägt den Abtstab mit der nach außen gebogenen Krücke, das Symbol seiner Autorität über den ganzen Benediktinerorden. In der linken Hand hält er einen Kelch, aus dem eine Schlange empor schnellt; ein Vogel „fliegt mit einem Brot im Schnabel auf ihn zu, um ihm Nahrung zu bringen.

St. Benedikt gegenüber, in der rechten Ecke, sieht man in zarten Umrissen die hl. Scholastika, seine Schwester. Auch sie führt einen Stab, der aber, anders als bei ihrem Bruder, eine nach innen gerundete Krücke trägt. Als Äbtissin war sie Herrin nur ihres Klosters. Dieses Fresko ist nicht vollendet. Nicht ausgemalt waren auch die Kartuschen über den drei anderen Seitenwänden. Fehlte den Benediktinerinnen das Geld, den Künstler zu bezahlen? Oder wurden sie vor Fertigstellung des Saales von der Insel vertrieben? Kloster und Kirche waren am 31, Januar 1775 abgebrannt. Der Schaden war unermeßlich. Das Geld für einen Neubau fehlte; denn die Kassen waren leer, weil man schon zwischen 1730 und 1753 kostspielige Ausbesserungen und Neubauten hatte ausführen müssen. Nun verpfändeten die Schwestern ihren gesamten Besitz, ihre Güter und Renten im „Drachenfelser Ländchen“, in Oberwinter und an der Ahr zur Aufnähme von Darlehen. 80000 Reichstaler soll der jetzige Klosterbau gekostet haben, der von dem kurtrierischen Architekten Lauxen aus Koblenz entworfen und geleitet wurde. Außerdem Schwesternbau und der Kirche mußten Wohnungen für den Geistlichen, für die Knechte, Angestellten und Mägde: geschaffen werden. Ställe und Scheunen Wurden errichtet. Zur Anschaffung der Orgel steuerten befreundete Abteien bei: Mönchengladbach, Groß=St. Martin und St. Pantaleon in Köln, Altenberg, Heisterbach und Brauweiler. 1775 konnte die Kirche eingeweiht werden. Aber erst 1781 durfte man an die Anschaffung von vier Glocken denken. Ihre Paten, der Erzbischof von Köln, der Minister von Belderbusch, Baron Anton von Belderbusch und Pastor Müller von Sinzig schenkten nach ihrem Vermögen. Doch 1792 war die Schuldenlast so drückend geworden, daß die damalige Äbtissin, Juliane Efferz, das Erzbischöfliche Generalvikariat um die Genehmigung bat, das Doppelhaus vor Lyskirchen in Köln zu verkaufen. Seit 1625 hatte es den Schwestern als Zuflucht gedient, wenn sie wegen Kriegswirren von der Insel flüchten mußten. Nach der Schlacht bei Fleurus im ersten Koalitionskrieg, als die Österreicher vor den siegreichen Reyolutionsheeren zurückweichen müßten, besetzten die Franzosen das linke Rheinufer.

3 Fotos: Kreisbildstelle

Durch das Konsulardekret Napoleons vom 8. 6. 1802 wurden alle Klöster im linksrheinischen Gebiet aufgehoben und ihres Eigentums beraubt. In dem Kloster auf der Insel Nonnenwerth durften die Benediktinerinnen jedoch kraft eines besonderen Gnadenerweises Napoleons verbleiben und „aussterben“. Sie verdankten dieses Privileg der Fürsprache der Kaiserin Josephine1).

Man versteht, daß unter solchen Verhältnissen die Ausmalung des Saales nicht vollendet werden konnte.

Das dritte freigelegte Fresko befindet sich zwischen Benedikt und Scholastika über dem Kamin. Dargestellt ist Maria als Schützerin des Inselklosters, der Insula Beatae Mariae Virginis, wie sie bereits in der Stiftungsurkunde von 1126 genannt wird. Maria hält die linke Hand schützend über das Kloster, mit der rechten wehrt sie ein Schwert ab, das auf das Haus gezückt ist.

1) Siehe Jahrbuch 1958, Seite 40 ff.: „Kaiser und Könige auf „Nonnenwerth“.

Die Benediktinerinnen wollten in diesem Bild eine wunderbare Errettung aus Kriegsgefahr der Nachwelt überliefern. Im Jahre 1543 war der damalige Erzbischof und Kurfürst von Köln, Hermann von Wied, zum Protestantismus übergetreten. Er wollte das Erzbistum in ein weltliches Kurfürstentum umwandeln und seine Untertanen der neuen Lehre zuführen. In Mehlem wurde der katholische Pfarrer gewaltsam aus der Kirche gedrängt, während ein aus seinem Orden ausgetretener Mönch die Kanzel bestieg, um das neue Evangelium zu predigen. Die Rolandswerther Benediktinerinnen widerstanden dem Druck, den der Erzbischof auf sie ausübte. Als aber die religiösen Wirren zu kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen den protestantisch gewordenen Fürsten und dem Kaiser führten, geriet das Inselkloster in große Gefahr.

Kaiser Karl V. zog 1543 mit einem Heere von 40 000 Mann den Rhein hinab und lagerte vor Bonn, einer Residenz des Kurfürsten von Köln. Die Truppen beider Parteien verwüsteten Weinberge und Felder, „daß man sich beim Anblick der Tränen kaum enthalten konnte“. Starke Heeresabteilungen standen in der Ebene links und rechts des Rheins bis gegen Unkel hin. Diese wilden Landsknechte beabsichtigten, in einer dunkeln Nacht das Kloster zu überfallen.

„Miraculose Erlösung und Erhaltung
dieses Klosters und aller Jungfrauen
desselben“

Schwester Ursula Bleckmann berichtet in der Chronik: „Man riet der Äbtissin, mit den ihr Anbefohlenen an einen sicheren Ort zu flüchten. Doch wegen des großen Vertrauens, das die gottesfürchtige Jungfrau zu Gott und seiner lieben Mutter hatte, konnte sie sich nicht zur Flucht entschließen. In einer Nacht nun landete das Kriegsvolk der Umgegend an der Insel, um das Kloster auszuplündern. Großer Schrecken bemächtigte sich der Schwestern. Als die ehrw. Frau und alle ihre Anbefohlenen nicht wußten, wohin und woher sie sich wenden sollten, nahmen sie einmütig ihre Zuflucht zum Chor. Allda warf sich die ehrw. Frau vor den Altar, vor dem Muttergottes=Bild, mit ganzem Leib auf die Erde, schrie mit lauter Stimme zu Gott und seiner lieben Mutter und bat, sie möchten doch nicht dem Feind zum Raub werden, sondern es möge ihnen nach ihrem Glauben und Vertrauen geschehen. Als die gottselige ehrw. Frau samt allen Jungfern und Schwestern eine Weile mit großer Andacht in solchem Bitten und Weinen verblieben, ist es in der Nacht so ungewöhnlich hell und licht geworden, daß die Jungfern noch mehr erschrocken waren und fürchteten, das Kriegsvolk möge Feuer angezündet haben, um das Kloster zu verbrennen. Es sind darum etliche vom Chor gegangen, um zu sehen, ob etwa Feuer an einigen Orten angezündet worden war, haben aber kein Feuer gefunden, wohl aber beobachtet, als ob sich die Luft über unserer Wiese etwas geöffnet hat, daraus ein großes Licht gekommen, welches mit großen Strahlen sich über das ganze Werth hat ausgebreitet, also daß auch das Kriegsvolk sich daran erschreckt und sich gesagt: „Unsers Bleibens ist länger nit hier! Es ist hoch Zeit, daß wir uns fern von diesem Ort machen.“ Sie sind also stracks mit großem Schrecken von dem Werth abgefahren, ohne Menschen oder Tiere zu verletzen oder ein Gut zu rauben. Was für eine Freude diese unversehene und hastige Erlösung verursacht bei der ehrw. Frau und allen Untertanen, ist wohl zu denken. Sie haben nicht den geringsten Zweifel gehabt, daß die hochgelobte Mutter Gottes selbst gegenwärtig gewesen und die Feinde ihres Gotteshauses abgetrieben hat. Vor großer Freud haben sie nit gewußt, was sie der heiligsten Jungfrau Maria zu Ehren und Dankbarkeit vergelten sollten für diese Wohltat. Sie versprachen deshalb für sich und alle Nachkommen, alle Abende vor den Muttergottesfesten zu fasten gleich dem Karfreitag. Das war ihnen allen sehr herzlich lieb und angenehm, und sie dachten, daß es nit viel wäre.“