Alte Meilensteine sprechen zu uns

ALTE MEILENSTEINE sprechen zu uns

VON HERMANN BAUER

Ammianus Marcellinus, ein römischer Schriftsteller, erwähnte in seinen geschichtlichen Studien erstmalig das Städtchen Rigomagus. Er schilderte den Kriegszug, den Kaiser Julian im Jahre 365 gegen die aufsässigen und anstürmenden Germanen unternahm, und zeichnete das Entsetzen des Soldatenkaisers, als dieser von allen Symbolen der römischen Macht an den Ufern des Rheines kein anderes mehr vorfand, als das Kastell am Zusammenfluß von Mosel und Rhein und das an der Mündung der Ahr. Drusus, der von seinem Stiefvater, dem Kaiser Augustus, zur Sicherung der römischen Grenze an den Rhein geschickt worden war, hat im Jahre 12 v. Chr. zwischen Mainz und Köln etwa 50 römische Festungen anlegen lassen. Keine von ihnen widerstand außer den genannten zwei. In Köln selbst fand Julian als stummen Zeugen einstiger Größe und Macht nur einen Turm. Remagen mußte also wegen seiner günstigen strategischen Lage außerordentlich stark befestigt gewesen sein, denn der zeitgenössische Historiker berichtet hier von keinerlei Kriegsschäden.

Caesar oder Drusus?

Caesar hat in seinen Kriegsberichten, die er im „Gallischen Krieg“ in allen Einzelheiten für seine Zeitgenossen und unsere Tertianer niederschrieb, von keinem Lager berichtet, das er in der „Goldenen Meile“ aufgeschlagen hätte.

Römischer Meilenstein

Damit ist natürlich nicht gesagt, daß er oder einer seiner Unterfeldherrn es nicht doch getan haben. So ist ein belgischer Chronist der Meinung, daß er während seines 2. Rheinfeldzuges in Remagen ein befestigtes Lager angelegt habe. Dies widerspricht ja auch nicht den Erkenntnissen, daß Drusus den Rhein und damit auch Remagen befestigen ließ. Er brauchte dann hier nur vorhandene Anlagen weiter ausbauen und verstärken zu lassen.

Foto: Wolfgang Krupp 
Kurpfälzischer Meilenstein

Auch vom Namen her kann man über die Entstehung von Remagen keine bestimmte Aussage machen. Die häufig vorkommende Endung „magus“, wie sie auch in dem Namen Remagen anklingt und wie sie sich in vielen Namen der römischen Provinz auf germanischem Boden wiederfindet, besagt nach Annahme der Forscher lediglich, daß es sich hier um eine Neugründung handelt. Offen bleibt dabei, ob zuerst eine Siedlung vorhanden war, die später befestigt wurde, oder ob sich im Schütze einer Festung liier die Menschen ansiedelten.

Meilensteine, Votivaltäre, Grabsteine

Der Rhein führte damals sein Wasser zwischen Remagen und Rolandseck bis an den Fuß der Gebirge. Von einer eigentlichen Heerstraße konnte nicht gesprochen werden, vielmehr führte nur ein kleiner Pfad am Gestade des Stromes entlang. Zwar erweiterten die Römer den Pfad, und zweigten eine Straße vorn Unkelstein über Bandorf ab, wie es einige römische Funde aus diesem Räume beweisen, bauten aber auch den Uferweg aus, über dessen Breite die Grabsteine, Meilensteine und Votivaltäre, die zur Huldigung für die einheimischen Gottheiten errichtet wurden, aussagten. Heiligenhäuschen und Straßenkreuze, wie sie auch heute an den Wegen zu finden sind, knüpfen an den römischen Brauch an, die Toten zu beiden Seiten der Straßen zu begraben und daselbst die Gottheiten zum Schutz der Lebenden zu ehren. Die Ausgrabungen von Prof. Braun aus Bonn geben weitere Anhaltspunkte über die Frühgeschichte dieses Raumes. Er fand einen Grabstein, der dem Jupiter Dolichenus geweiht war, mit einer wohlerhaltenen Inschrift. Dolichene, eine Stadt in Kleinasien, war die Garnisonstadt jener Kohorte, die in Remagen stationiert war. Die meisten Funde kamen zutage, als der Kurfürst Karl Theodor von der Pfalz in seiner Eigenschaft als Herzog von Jülich 1768 die Uferstraße wiederherstellte und erweiterte. An der Stelle, wo er die Meilensteine des römischen Straßenbaues fand, errichtete er am Eingang zur Calmuth eine Gedenksäule. Sie steht noch heute da, verwittert, mit allen Zeichen des Zerfalls behaftet, notdürftig geschützt von einem brüchigen Eisengitter und ragt, auf einem quadratischen Sockel ruhend, etwa 5 Meter in die Höhe. Wenn nicht Reklamebeflissene und Fremden-Werber sie manchmal als dekorativen Hintergrund benutzten, würde dieser Obelisk auf der an und für sich schon sehr engen Rheinstraße nur noch den Unwillen der eiligen Zeitgenossen erregen. Die lateinisch verstümmelte Inschrift hat folgenden Wortlaut:

„VIAM SUB M AURELIO ET L VERO IMP NNO CHR CLXII MU TAM OA ROLU THEODORU ELECTOR PAL UX BAV IUL CL M REFEC1T ET AMPLIAVI AN MDCCLXVTIICUR ANTEIO LUD COMETE DE GOLDSTF.TN PORO PR INCIPE“ 

„Den unter den Kaisern Marcus Aurelius und Lucius Verus im Jahre Christi 162 angelegten Weg hat Karl Theodor, Kurfürst von der Pfalz, Herzog von Bayern, Jülich, Cleve und Berg wiederhergestellt und erweitert im Jahre 1768. Sein Statthalter, Graf Johann Ludwig von Goldstein, ließ für seinen Fürsten diesen Gedenkstein errichten.“ Und Herr von Goldstein wußte, wem er die Reverenz erwies und noch mehr, er kannte die Schwächen seines Souveräns. Neben den vielen Titeln, wie sie schon der Gedenkstein aufzählt, trug er noch den des Römischen Reiches Erztruchseß. Als er den Stein errichten ließ, leuchtete für seinen Herrn noch die Sonne des absoluten Königtums, und dieser sah sich nicht nur im Schatten dieser Sonne. Lehrten es doch schon damals die Prinzenerzieher am Hofe zu Jülich, daß Konstantin bei Sinzig die Entscheidung über das Heidentum errungen habe und daß Namedy als Nomen Dei den Ort der Erscheinung des Kreuzes verewige. Und alle diese geschichtlich so bedeutsamen Stätten lagen im Jülicher Besitz und verklärten den Inhaber der Krone. Doch noch während seiner Regierungszeit leuchteten andere Feuerzeichen auf, die Karl Theodor vergeblich, zu löschen versuchte. Daher gab er 1790 eine Verordnung heraus, um seine Untertanen vor der schädlichen Pressefreiheit zu schützen.

Besonders erboste ihn der „Europäische Generalanzeiger“, der in Lüttich erschien. Dieses „gefährliche Werk“ verschonte nicht einmal die „höchsten Reichsstände“. Daher wies er die Pfarrer an, von den Kanzeln sein strenges Gebot zu verkünden und die Sünder, die solche Schriften verbreiteten, mit 100 Rthl. Strafe zu bedrohen. Doch auch er hat in das Räderwerk der Geschichte nicht eingreifen können, sein Gedenkstein verwitterte ebenso wie seine Ideen, aber ewig neu bleibt die Mahnung, die von dem Gedenkstein ausgeht, und die man hören muß, auch wenn man mit noch so viel Lärm an ihm vorbeirast: Nichts ist beständiger als der Wandel.

Wie der römische Meilenstein uns an das römische Weltreich, das „Imperium Romanum“ erinnere, so zeichnet der nachstehende Beitrag „Sempronius“ ein Bild des römischen Geistes, der das Weltreich schuf und es 700Jahre zusammenhielt.