Wie es bei uns Sommer wurde

Auszüge aus einem Eifeltagebuch

VON JULIUS EIGNER

Seit gestern war es warm, seit heute früh auch sonnig; jetzt zur Mittagszeit ist es wunderschön sommerlich. Als ich gegen Mittag am Kuhstall vorüberging, sah ich noch die vier Jungen des grauen Fliegenschnäppers im Nest; als ich fünf Minuten später abermals vorbeikam, war das Nest leer. Ich suchte in der Umgebung nach den „Kindern“ und fand auch zwei. Eines war im Gras versteckt, fest wäre ich darauf getreten. Es erhob sich dicht vor mir und flog mit dem schönen Flug des Fliegenschnäppers davon. Die Nacht lag noch über dem Hang, als ich in der Frühe das Häuschen verließ. Unter den Bäumen war es noch kühl, herrlich kühl, denn in den letzten Tagen zuvor hatte die Sonne mächtig gebrannt. Ich lauschte den Vogelrufen, die nur zögernd unter dem sich aufhellenden Himmel erklangen. Zwei Waldkäuze riefen sich zu; sie waren nicht weit von mir entfernt. Aber unter den Baumwipfeln war es noch dunkel, ich konnte nichts erkennen. Ein Wiesel eilte in eleganten Sprüngen über den Weg. Als ich später, tief geduckt quer durch den Wald ging, langsam und jedes Geräusch vermeidend, sah ich in der Ferne eine Rotte Sauen. Sie wühlten im Boden und merkten mich nicht. Ein mächtiger Keiler stand in der Mitte, aber ich sah ihn nur als grauen Schemen. Die Frischlinge konnte ich nur hören, ein sehr hohes Quieken. Da ich die Kleinen sehen wollte, mußte ich unvorsichtig geworden sein. Plötzlich verschwanden alle prustend, und ich war wieder allein im Wald. Aber es war ein verzauberter Morgen, und es dauerte nicht lange, da sah ich in einem lichten Eichen- und Ahornstück mehrere Hirsche im Bast. Einige ruhten, andere ästen. Das ganze war wie ein Stück Paradies, denn jetzt, wo die Hirsche sehr scheu sind, sieht man sie kaum noch.

Als ich gegen Abend aus der Gärtnerei kam, folgte ich dem Ticksen der Amseln und entdeckte in den Eichen am Teich einen alten Waldkauz, dann auch eines seiner heller gefärbten Kinder. Beide saßen in den Wipfeln und schauten mit angestrengten Kopf Verdrehungen zu mir herab, flogen aber nicht weg. Ein Neun-toter saß auf einer schaukelnden Brombeerranke und spähte nach Beute. In der Eiche, auf einem Ast, der bis dicht an mein Fenster reicht, bauen Buchfinken ein Nest.

Nach einigem kalten Wetter endlich wieder ein sonniger Tag. Schon vor sechs war ich draußen, die Luft war duftig und voller Vogelgesang. Mit Ausnahme der zweiten Brüten, die mir aus den Nistkästen entgegenrufen, sind alle Jungvögel flügge und bevölkern Baum und Busch. Ich begegnete Amseln und Drosseln, Zaunkönigen und Mönchsgrasmücken, Kleibern, einem Wiesenpieper und drei Spechten. Aus den Eichen rief der Pirol. Die Kinder des Gartenrotschwanz plärrten von den höchsten Spitzen des Gebüschs und schauten neugierig zu mir herab. Sie sind anmutig, fast kokett.

Eifelwald
Foto: Kreisbildstelle

Vor Tagesanbruch wieder im Wald. Au der Wiese verscheuchte ich einen Sprung Rehe. Ich hörte, wie sie durch das Unterholz davonpreschten. Ich verschanzte mich in der Nähe der Fuchsburg und sah den fünf Kindern bei ihren morgendlichen Spielen zu. Der Fähe fehlte ein Vorderlauf; es war wohl dieselbe, die im Winter im Hühnerstall eingebrochen war. Auf dem Heimweg durchquerte ich eine Wildnis aus Ginster, Brennessel und Brombeeren, die in den ersten warmen Sonnenstrahlen dampfte. Am Nachmittag brachten Schulkinder ein Amselkind, das wir nun aufziehen. Ich war wieder den größten Teil der Nacht draußen gewesen. Als ich am Morgen über den Kahlschlag heimkehrte, der nun in der Blüte der Fingerhüte wie ein rotvioletter Teppich wirkte, rief mich jemand an. Ich kannte ihn gar nicht, hatte aber von ihm gehört und wußte, daß er ein kleines Wildgatter hatte. Er sagte, man habe ihm neulich zwei Rehkitze gebracht, deren Mutter in der Schlinge eines Wilderers erdrosselt worden war. Ob ich sie sehen wollte? Die Kitze waren sehr scheu. Sie hatten sich tief in einem Rhododendrondickicht versteckt, und erst als Gretchen kam, die Tochter, die die Pflege der Kleinen übernommen hatte, und ihnen die Milchflasche zeigte, kamen sie herbei und tranken eifrig. Was für ein Glück, daß es immer wieder solche Menschen gibt, die sich der Tierkinder annehmen!

Wenn wir uns zu den Mahlzeiten im Garten niedersetzen, kommen die Meisen herbei und probieren alles, was auf dem Tisch steht. Sie picken am liebsten am Fleisch, aber auch an Wurst, Käse und Obst. Wenn Milch auf dem Tisch steht, kommt regelmäßig ein Junges, springt auf das Glas und trinkt sehr manierlich von der ungewohnten Milch. Als ich gegen Abend in die Eiche schaute, kam ein Eichelhäher dicht an mein Schreibtischfenster. Er hüpfte über den bemoosten Ast, hackte viermal, schluckte viermal und flog davon. Ich konnte mir nicht erklären, was es auf dem Ast zu fressen gäbe. Auf einmal erinnerte ich mich an das Buchfinkennest: Mit vier Schnabelhieben hatte der Eichelhäher die vier Buchfinkenkinder gefressen.

Während ich in meinem Zimmer schrieb, hörte ich von den Fichten am Rand der Eselswiese ein erbärmliches Schreien, das nicht aufhören wollte. Ich eilte hin und fand in dem Gestrüpp aus Brennesseln, Hollunder und Brombeeren zahllose Vögel: Haubenmeisen, Blaumeisen, Amseln, Rotkehlchen. Sie flogen bei meinem Nahen kaum weg, sie waren wohl ähnlich neugierig wie ich. Unter den Brombeeren entdeckte ich ein sterbendes Kaninchen, es hatte eine tiefe Wunde am Hals und verblutete. Das Wiesel, das es überfallen hatte, war bei meinem Kommen verschwunden. Den ganzen Nachmittag verbrachten wir im sonnigen Garten und freuten uns an den vielen jungen Meisen, die uns auf die Hände flogen.

Ich schaute dem Eichhörnchen zu, das in der Fichte, unter der alten Eiche, sein Kobel ausbesserte. Es biß kleine Eichenäste ab, schleppte sie nach oben und verstärkte mit ihnen das Nest. Das junge Rotkehlchen, das allmählich das Perlkleid seiner Jugend verliert, holte aus einem Astloch einen Tausendfüßler, versetzte ihm mehrere Schnalbelhiebe und ließ ihn dann halbtot liegen; er schmeckte ihm wohl nicht.

Nach mehreren schwülen Tagen hatten wir ein heftiges Gewitter in der Nacht, und nun scheint die Sonne wieder. Ich ging, um die Sonnenpfeile, die durch das Laubdach auf den Waldboden fallen, zu fotografieren. Seit Tagen hören wir das Schreien der Bussarde, manchmal sehen wir sie auch, vier große Vögel, also die Eltern und zwei Kinder. Sie ziehen in wunderbarer Majestät ihre Kreise im blauen Himmel, und dabei rufen sie sich gegenseitig zu. Auch Ringeltauben haben sich in unserer Nähe niederge-lassen. Von früh bis spät erschallen aus dem Wald ihre schönen, dunklen Rufe.

Nun rufen auch die Waldkäuze wieder, Als ich in der Nacht noch einmal über die Wiese ging, sah ich in dem silbrigen Mondlicht einen Waldkauz dicht über mich dahinfliegen. Dann rief er, und aus der Ferne antwortete ihm einer.

Ein Sperber stieß zwischen die Meisen und Rotkehlchen und Kleiber hernieder, die auf dem Tisch und zwischen den Stühlen fraßen, während wir in der Haustür standen. Er stieß hernieder wie ein Blitz, und als er ebenso schnell verschwunden war, kündeten nur einige wenige Federn vom Ende eines Kleibers. Die Meisen waren unter den Sonnenblumen verschwunden, das Rotkehlchen saß unter dem Tisch. Kein Vogel bewegte sich, alles war still. Als ich dem Rotkehlchen unter dem Tisch einen Mehlwurm hinwarf, kam es nicht hervor. Es war deutlich, daß sie alle von der Angst überwältigt waren. Es dauerte sehr lange, bis sie sich wieder langsam hervorwagten.

Wieder ein goldener Tag; aber unter der Wärme spürt man schon die Herbstkühle. Am Nachmittag ging ich in den Wald und suchte ein

Gericht Pilze. Ein Fuchs lief fast vor meinen Füßen vorbei, und da sah ich auch schon den sonnigen Platz, wo ich ihn beim Schläfchen gestört hatte. Von einem Kahlschlag flog ein Bussard auf, Wespen summten, manchmal ein dünner Vogelruf, sonst war tiefe Stille. Die ersten fahlen Farben des Herbstes tauchen schon auf.