Wacholder

VON ALOYS SCHRANDT

Foto: Kreisbildstelle
Wacholder am Wibbelsberg

Welcher Eifelfreund, welcher Eifelwanderer kennt und liebt nicht den Wacholder, der noch an manchen Stellen unserer Heimat – trotz menschlicher Unvernunft – seinen Standort behauptet hat! Dreißig Jahre vor der Naturschutzverordnung vom 18. März 1936 hatte sich die Ortsgruppe Bonn des Eifelvereins auf Initiative des Naturfreundes Richard Wolff, Eifel-Wolff genannt, dieses botanisch interessanten, in seinem Bestand sehr gefährdeten Strauches angenommen und seiner Ausrottung in der Ahreifel Einhalt geboten. Im Jahre 1912 konnte die Ortsgruppe Bonn des Eifelvereins das Wacholder-Schutzgebiet Kölmich, einen Kilometer vom Steinerberg entfernt, ihr Eigen nennen. Im folgenden Jahr gelang es ihr, dank einer hochherzigen Spende von 3 000 Mark das unendlich großartigere und ausgedehntere Wacholdergebiet am Wibbelsberg bei Staffel zu erwerben.

Heute, rund 50 Jahre später, sind die Natur- und Eifelfreunde erneut aufgerufen, den Wacholderstrauch, diesmal in seinem flächenmäßigen Bestand in den Schutzgebieten, zu erhalten. Die Begleitpflanzen des Wacholders, Fichte, Kiefer, Birke und Strauchgehölz, bedrohen den Wacholderbestand, dessen Lebensraum sie zuwuchern. Im Jahre 1972 hat die Ortsgruppe Bonn im Eifelverein mit der Arbeit begonnen. Als erstes wurde, finanziert aus Eigenmitteln und Beihilfen, ein Weg durch das Gebiet gezogen, der einmal das Gebiet besser erschließt, zum anderen für die Fortführung der Durchforstungsarbeiten dringend notwendig ist. Die Arbeiten werden fortgeführt. Doch bedarf es noch großer Anstrengungen, den Wacholder im 30 Hektar großen Wacholderschutzgebiet am Wibbelsberg, dem flächenmäßig größten Standort in der Eifel, wenn nicht sogar Deutschlands, zu erhalten.

„Wacholder, was heißt das ?“, habe ich mich schon als Volksschüler gefragt. Heute weiß ich’s. Wir haben es mit der 22. Klasse des Linneschen Systems zu tun, mit einer Dioecia: männliche und weibliche Blüten sind fein säuberlich getrennt und befinden sich an verschiedenen Sträuchern. Zwei Jahre braucht die Frucht zur Reife, was hemmend auf die Fortpflanzung und Erhaltung der Bestände einwirkt. Die Blütezeit ist im April und Mai. Im ersten Jahre bleiben die sechs bis acht Millimeter dicken Beeren grün und lederartig. Erst im zweiten Jahr reifen sie, werden schwarz und blau bereift. Sie werden im zweiten Herbst geerntet. Der gemeine Wacholder (Juniperus communis L.) unserer Eifelheimat, im norddeutschen Raum auch Machandelbaum genannt und besungen, gehört zu den Koniferen. Er hat gerade, pfriemlich abstehende und spitze, stechende Nadeln von etwa 15 Millimeter Länge. Die Nadeln sind quirlförmig zu dreien um den schwankenden Zweig angeordnet. Die weiblichen Blütenkätzchen stehen kurzstielig und einzeln in den Blattwinkeln.

Das Verbreitungsgebiet des Wacholders sind alle kargen und trockenen Böden Europas. In der Bundesrepublik finden wir ihn von der Ebene bis zu den Alpen, außer am Nordseestrand. Er bevorzugt Kiefernwälder, Heiden, Weiden, Triften und Abhänge. Ich habe festgestellt, daß er an Nordhängen besser gedeiht als auf sonnenausgesetzten Kuppen. Hier herrscht Zwergwuchs vor, dort reckt er sich bis zu zehn Metern Höhe. Es war dem Wacholder schlecht ergangen durch Tradition und Unwissenheit, vielleicht auch wegen der Armut der Gegend. Jeden Samstag lag ein frischer Wacholderstrauch vor der Eingangstür aller Häuser meines Heimatortes als Fuß- bzw. Schuhabstrich. Im Spätherbst kamen Wagenladungen davon ins Dorf. Sie wanderten in den offenen Kamin und dienten der Räucherung wohlschmeckenden Bauernschinkens und zur ätherischen Durchdringung des Hauses an Sonn- und Feiertagen. An Fronleichnam dienten die schlanken Sträucher als Schmuck der Altäre. Wir Jungen haben einzelne Zweige, nachdem sie ihren Zweck der Ausschmückung des Weges des Allerheiligsten erfüllt hatten, am Nachmittag wegen ihrer Geschmeidigkeit als Waffe gegeneinander oder als Weihwasserwedel – wir waren doch alle Meßdiener – gegen die gleichaltrigen Mädchen benutzt. Kein feines, doch harmloses Spiel!

In der Heilbehandlung hat der Wacholder immer einen bevorzugten Platz eingenommen. Der Nachbar meines Elternhauses hat mit Wacholdersud seine Nierensteine mit Erfolg bekämpft. Die anerkannten Heilwirkungen hatten einen großen Bedarf an Wacholderbeeren geweckt. Überall waren Aufkäufer. Der letztbekannte in unserer Gegend, ein Herr Albers, wohnte in Adenau. Bis zur Erklärung des Kölmich und Wibbelsberges zu Wacholderschutzgebieten wurden auch im Kesselinger Tal Wacholderbeeren zu gewerblichen Zwecken gesammelt. Zuletzt sammelten nur noch ein Sammler in Kesseling und einer in Staffel. Sie lieferten ihre Ernte nach Adenau.

Die Tochter des letzten Kesselinger Sammlers Josef Anton Heinen erzählte mir die Methode der Ernte: Ihr Vater, den sie oft begleiten durfte, zog nach dem ersten trockenen Herbstfrost mit dickem Knüppel, einem Sack und einem „Woan“ – eine weidengeflochtene, mit zwei Griffen versehene, längliche Mulde, die zum Reinigen des Getreides diente – in die Wacholderbestände. Der „Woan“ wurde schräg unter die Staude gestellt, der Strauch darüber gebogen, geschüttelt und mit dem Knüppel bearbeitet. Die reifen, schwarzblauen Beeren und auch viele Nadeln fielen in den „Woan“. Der wurde gerüttelt und hochgewippt, und sämtlicher Unrat sammelte sich am vorderen Rand. Mit einer Hühnerfeder wurde er entfernt, die Beeren aber in den Sack entleert. Zu Hause wurde die Ernte durch die Foche (Getreidereiniger) von Staub und letzten Nadeln befreit. Per Gelegenheit oder sobald es sich lohnte, brachte der Vater das Sammelergebnis nach Adenau. Ein harter und nicht allzu ertragreicher Lebensunterhalt!

Zu Beginn der Neuzeit stieg der Bedarf an Wacholderbeeren sprunghaft: Ein Bauer aus Steinhagen, nahe bei Bielefeld, auf der Westseite des Teutoburger Waldes, kam auf den Gedanken, Wacholderbeeren zu brennen und durch Vermischung mit seinem Kornbranntwein daraus einen bekömmlichen Haustrank für sich und die Seinen herzustellen. Wer und wann das gewesen ist, läßt sich leider historisch nicht mehr nachweisen. Aber viele Steinhagener bedienten sich seines Rezeptes, der Trank wurde weit und breit bekannt und geschätzt. Steinhäger war zu einem Markenartikel geworden. Das muß schon vor 1688 gewesen sein. Damals verbot der Große Kurfürst das Branntweinbrennen in seiner Grafschaft Ravensberg, in welcher der Ort Steinhagen lag. Den Steinhagenern gestattete er aber ausdrücklich weiterhin das Brennen des Wacholderbranntweins. Im Jahre 1780 ist in einer Urkunde der Grafschaft Ravensberg zu lesen: „Es wird in Steinhagen ein Wacholderbranntwein gebrannt, welchen man wegen seiner medizinischen Kraft, die ihm von Ärzten beigelegt wird, sehr stark nach Münster und anderen benachbarten Städten, selbst bis nach Berlin, versendet.“

Die Wacholdervorkommen im Teutoburger Wald genügten bald nicht mehr dem ausgeweiteten Bedarf. Aus Polen und dem Balkan wurden Beeren bezogen. Seit der Jahrhundertwende gilt die landwirtschaftlich wenig ertragreiche Hochfläche im Süden der italienischen Landschaft Toskana als wichtigstes Lieferland für die Wacholderbeeren zur Steinhägerfabrikation bzw. zur Wacholderbranntweinherstellung überhaupt. Diese Beeren des Südens sind besonders groß, haben einen hohen Zuckergehalt und einen lieblichen, abgerundeten Geschmack.

Beides spürt man so recht, wenn ein vorsorglicher Wanderführer oder Mitwanderer nach erhitzendem Bergauf sein Wacholderfläschchen zieht und den kleinen Verschlußbecher die Runde gehen läßt. Es ist ein Elixier ! Fröhlicher und munterer schreitet die Gruppe weiter.

In meinem Elternhaus ist es seit eh und je Brauch, daß den Helfern nach getaner Arbeit ein Doppelwacholder angeboten wird. Doppelwacholder ? Auch das sei zum Schluß noch kurz erläutert: Die Korn- und Wacholderdestillate werden vermischt und nochmals gebrannt, also doppelt gebrannt. Wohl bekomm’s!

Aber ich möchte mit dieser nüchternen Aussage nicht schließen. Vom Wacholder behauptet der Hannesjüsef voll Stolz: „Ich habe mir aus einem Wacholderbaum eine Deichsel gemacht.“ Da antwortete ihm Cornel ganz überlegen: „Das ist noch nichts! Ich habe mir aus einem Ginsterstrauch einen Futtertrog hergestellt.“