Tausend Kiebitze bei Ahrweiler

VON DR. WERNER LINDENBEIN

Mitte März 1969 kehrte in Norddeutschland plötzlich der Winter zurück mit großer Kälte und starken Schneestürmen, zu einer Zeit also, da viele Zugvögel bereits ihre mitteleuropäischen Brutplätze aufsuchen. Die geschlossene Schneedecke reichte bis ins südlichste Niedersachsen. Am 20. März schrieb eine Göttinger Zeitung: „Tiertragödie in den Leineniederungen. Vögel von Massensterben bedroht. Schon hunderte verendet. Tausende von Vögeln aller Art sind vom Hungertod bedroht, wenn der verspätete Kälteeinbruch noch länger anhält. In den Niederungen der Leine haben sich Scharen von zurückgekehrten Zugvögeln gesammelt, die kein Futter finden. Kiebitze und Lerchen, Stare und Bachstelzen drohen zu verhungern. Erschreckend daran ist die Machtlosigkeit des Menschen. Kiebitze z. B. fressen ausschließlich Gewürm, ihnen ist kaum noch zu helfen.“

Daß Tiere oft genötigt sind, ihrem Instinkt blindlings zu folgen und dadurch ins sichere Verderben zu gehen, ist bekannt. Doch scheint es auch Fälle zu geben, bei denen die Tiere in der Lage sind, durch zweckentsprechendes Reagieren dem Unheil zu entgehen. So scheint es gerade bei Zugvögeln vorzukommen, daß sie durch Änderung des Reisetermins oder der Zugrichtung, durch verlängerte Zwischenaufenthalte oder sogar durch Umkehr dem Verderben entrinnen. Um einen solchen Fall scheint es sich bei folgender Beobachtung zu handeln.

Foto: Kreisbildstelle 

Foto: Kreisbildstelle 
Kibitzweibchen mit frischgeschlüpften Jungen

In den Vormittagsstunden des 24. März hielten sich auf der Bengener Heide, und zwar auf den Feldern und Wiesen, die sich nördlich vom Segelfliegerschuppen (Höhe 210) bis hinunter zum Ringener Bach bei Bengen hinziehen, drei Flüge von Kiebitzen auf, deren jeder aus etwa 300 Vögeln bestand. Während zwei dieser Schwärme die Felder und Wiesen bedeckten, vergnügte sich der dritte mit Flugübungen, wobei die Tiere ganz, erstaunliche Leistungen zeigten. Es wurden in rasendem Flug Schwenkungen ausgeführt, und zwar in alle sechs Richtungen des Raumes, wobei auch nicht ein Tier nachklappte. Der charakteristische Kiebitzruf war dabei oft zu hören und wirkte wie ein Kommando. War dieser Flug auf den Feldern niedergegangen, erhob sich ein anderer zu den gleichen Übungen, und manchmal waren zwei Flüge zu gleicher Zeit in der Luft, ohne jedoch sich zu vereinigen. Jede Schwadron exerzierte für sich. Wie lange sich die Tiere dort schon aufgehalten hatten und aus welcher Richtung sie gekommen waren, können wir leider nicht sagen. Gegen Mittag zogen die Flüge, jeder für sich im Abstand von 5 bis 10 Minuten, ab in südöstlicher Richtung. Sie ließen die Landkskrone links und den Berg Neuenahr rechts liegen und flogen in Richtung Löhndorf—Brohl. Dieser Kurs würde die Tiere ins untere Lahntal führen, in die Gegend von Bad Ems. Möglich, daß das Lahntal mit seinen ausgedehnten Wiesen einen bevorzugten „Warteraum“ darstellt. Nach wenigen Minuten waren die Flüge auch mit dem Fernglas nicht mehr zu sehen. Besonders zu erwähnen ist, daß einige wenige Tiere zurückblieben. Diese waren keineswegs krank oder flügellahm, sondern vergnügten sich allein am gaukelnden Flugspiel. Ob es sich um die hiesigen Brutvögel oder vielleicht um „Verbindungsmänner“ für weiter noch zu erwartende Flüge gehandelt hat, können wir nicht sagen.