Sinzig im Grünen

VON WILHELM KNIPPLER

Im Sinziger Park

Ich schaue zu meinem Fenster hinaus. Drüben ragt wuchtig der Turm St. Peters gegen den Himmel, und darunter liegt“ Sinzig im Grünen. Viele meiner Nachbarn hatten, ohne den Ausspruch zu kennen, die Mahnung des bekannten Architekten Corbusier beachtet: „Ehe ihr Häuser baut, pflanzt Bäume und Sträucher!“ Daher das viele Grün!

Wer hatte wohl mit der Begrünung in größerem Ausmaß begonnen? Ohne die‘ lenkende Hand eines Meisters wäre das Unterfangen Stümperwerk geblieben. Ehe Gartenmeister hier ihre Gedanken in Taten umsetzten, war Sinzig in der Goldenen Meile arm an Bäumen. Dies beweisen alte Stiche von St. Peter. Es war eine Landschaft ohne grüne Reize. Heute werden bei jeder entstehenden Siedlung die Grünplätze eingeplant. Es gab jedoch eine Zeit, so vor zweihundert Jahren, da mußte jedem Bürger das Baumpflanzen zur Pflicht gemacht werden. Nichtbefolgen wurde bestraft, sogar mit Heiratsverbot !

Was damals fehlte und heute Sinzig ziert, das nennt Hans Sedlmayr den „Landschaftsgarten“. Dieser entstand als Gegensatz zum architektonischen Schloßpark der Barockzeit, in dem die Symmetrie oberstes Gesetz war. Von England her eroberte der Naturpark den Kontinent. Als seine großen Schrittmacher auf deutschem Boden kennen wir den Fürsten Pückler-Muskau und den Dichterfürsten Altgartenbaumeister Goethe. Aus einer Wüstenei, sagt Edwin Redslob, habe Goethe die Parklandschaft um Weimar geschaffen. Der Herzog Carl August stellte großzügig die Mittel.

Geld allein tut’s aber nicht: Ideen braucht man, ein feines Gefühl für die Landschaft und viel gärtnerische Erfahrung, den Blick für die Zukunft, die kompositorische „Vorstellung. Persönlichkeiten mit Geschmack plus Geld, das waren die entscheidenden Voraussetzungen. Sinzigs Dornröschenschlaf begann nach den Erschütterungen der französischen Revolution, während der politischen Veränderungen durch die Schwerpunktverschiebung von den rheinischen Kleinresidenzen nach dem preußischen Berlin, erschwert durch Jahre buchstäblicher Hungersnot. Die Bescheidenheit und Genügsamkeit der Biedermeierjahre waren allgemeine Tugenden, gemeinsame Merkmale aller deutschen Lande.

Um 1840 kam dann ein neues Aufleben. Man entdeckte die Romantik des Mittelrheins. Dichter und Maler, wurden deren Künder, 1840 wurde der Rolandsbogen wieder aufgebaut. Ein Jahr zuvor legte man den Grundstein zur neuen Apollinariskirche in Remagen, einem Werk, konzipiert für die Fresken der Nazarener, die aus der Düsseldorfer Akademie, damals geleitet von Fr. W. Schadow, hervorgegangen waren. Dieser Schadow erwarb 1842 den Sinziger Gutshof Godenhaus und wurde 1843 als Schadow von Godenhaus geadelt. Dreizehn Jahre lang malten die Nazarener bis-1856 in St. Apollinaris. 1848 erwarb Karl Chr. Andreae, der Vater des Nazareners Prof. Andreae, Helenaberg. Moderne Verkehrsmittel, die Köln-Düsseldorfer Dampfschiffe 1853 und die Eisenbahn (1856 bis Rolandseck, 1858 bis Sinzig), machten unsere Heimat leicht zugänglich. Den Künstlern folgten begüterte Bürger der Hansastadt Köln. Man baute nach dem Vorbild englischer Landhäuser und Gärten kleine Schlößchen und Villen, umrahmt von Parkanlagen. Es waren die Familien Broicher und die Kaufherren Bunge, Rhodius und Koenigs.

In keinem Falle aber handelte es sich um neureiche Plutokraten, sondern um geistig hochstehende Menschen, die dazu auch vielseitige künstlerische Ambitionen besaßen. Zu der Geldmacht scharte sich — ein äußerst glücklicher Umstand — der beste gartenarchitektonische Berater jener Zeit: Peter Josef Lenne. Im Garten des Sinziger Zehnthofes, damals dem Präsidenten des Kölner Appellationsgerichtes Exz. Dr. Karl Anton Broicher (1805—1881) gehörig, liegt heute unter zerfallender Pergola, bewacht von bemoosten Marmorhäuptern griechischer Götter, ein Buntsandsteinkubus. Seine verwitterte Inschrift würde deutsch lauten: „Zu Ehren unseres Freundes Lenne, der dieses Werk (diese Grünanlagen) geschaffen!“ Peter Josef Lenne (1789—1866) stammte aus Bonn. Seit 1816 arbeitete er in Berlin und wurde Direktor der königlichen Gärten in Potsdam. Durch seine Geschwister war er zeitlebens eng mit dem Mittelrhein verbunden.. Sein Bruder August war 1863—1893 Kurdirektor in Bad Neuenahr, woran der Lennepark erinnert. Seine Schwester Elisabeth war mit dem Justizrat Fr. P. Adams in Koblenz verheiratet. Deren Sohn, Ph. J. F. Adams (1828—1891), ebenfalls Justizrat in Koblenz, erwarb sich Verdienste um die Errichtung der Koblenzer Rheinanlagen. Es war die Zeit, als Prinz Wilhelm von Preußen als Militärgouverneur im Koblenzer Schloß mit seiner Frau, der Prinzessin Augusta, wohnte. Diese Prinzessin schuf die heute nach ihr benannten Augusta-Rheinanlagen nach den Plänen des Generalgartenbaudirektors Lenne. Bevor Prinzessin Augusta 1858 die Quellen weihe in Neuenahr vornahm, besichtigte sie die Entwürfe Lennés für die Gartengestaltung, und Frick berichtet, daß Lenne bereits 1857 Zeichnungen und Pläne eingesandt hatte, nachdem er im vorhergehenden Jahre, also 1856, nach Besichtigung der Verhältnisse seine gartenkünstlerischen Ansichten über Beul geäußert hatte. Nach diesen Plänen wurden dann die ersten Kuranlagen Neuenahrs auf den Kiesfeldern der Ahr angelegt. So, wie Lenne den Berliner Tiergarten und den Leipziger Johannapark gestaltete, so schuf er mit landschaftlichem Feingefühl bei Schloß Charlottenhof und an vielen anderen Orten Baumgruppen und Rasenflächen, Laubengänge und schattige Ruhesitze, weinumrankte Pergolen und Rosengärten,. gewundene Wege mit Marmorstatuen und plätschernden Brunnen. Und so bot sich Lenne, als er wahrscheinlich 1856 oder 1857 in Sinzig weilte, der Sinziger Kirchhügel an und der Raum um die Schloßruine, und er regte die Besitzer an zu großzügiger Gestaltung, deren Ergebnisse wir heute noch bewundern können.

Schade, daß der Lenné-Gedenkstein nicht einen würdigen Platz gefunden hat und jedermann nachlesen kann, wer den Anstoß gab zu Sinzigs Grünanlagen!

Um das Jahr 1900 war der Sinziger Verkehrsund Verschönerungsverein bemüht, Lennes Werk fortzusetzen. Namen wie Broicher und Pennefather sind kennzeichnend für die damaligen Planungen. Aber der erste Weltkrieg machte einen dicken Strich durch ihr Beginnen. Jahre mußten vergehen. Erst nach dem Abklingen der Inflation kamen neue Impulse zur gartenbaulichen Weitergestaltung in der Person des neuen Gartenmeisters der Stadt Sinzig, Heinrich Berger (1899—1969), der von 1930 ab 34 Jahre lang Sinzig das neue grüne Gesicht gegeben hat. Bei Beginn seiner Arbeit reichten die öffentlichen Anlagen der Stadt vom Ehrenmal bis zum Schießberg. Überblick über seine Tätigkeit gewährten mir zwei Rücksprachen kurz vor seinem Tod und der Einblick in Bergers genau geführte Jahresarbeitsbücher.

Vergleicht man die Tätigkeiten der beiden Gartengestalter Lenné und Berger, dann stößt man auf interessante Gegensätze. Der eine, Lenné, war leitender Gartenbaudirektor, ein vollendeter Planer, als Genie bekannt und anerkannt. Seine Anregungen wurden blindlings akzeptiert. Er schaltete wie ein Feldherr im Hauptquartier. Ganz anders Heinrich Berger, stets in der Hauptkampflinie der Tagesarbeit, imponierend durch unermüdlichen Fleiß, vielseitiges Können, das stete Vorbild in der Praxis bei Wind und Wetter. Er pflegte liebevoll die alten Bestände, z. B. die herrlichen Blutbuchen, die mächtige Zeder, die orientalische Fichte, mehrere breitkronige Hängebuchen aus Leime’s Zeit, er schuf aber auch Neuanlagen, die seine Meisterschaft unter Beweis stellen.

Foto: Mathilde Flück
Gartenmeister H. Berger

Vornean stand aber die Fron der stets gleichbleibenden, sich monoton wiederholenden Arbeiten: Die Pflege der Rasenplätze, die Unkrautbekämpfung, die Sauberhaltung und Befestigung der Wege, das Pflanzen und der Schnitt der Zierbäume, denken wir nur an die 500 Linden der Rheinallee und die tausend Pappeln an der Ahr, die Jahresarbeit im Anzuchtgarten, das Kompostieren, die Blumenaussaat und das Pikieren, die Bepflanzung der Beete mit z. B. 2500 Tulpen im Schloßpark, mit 2500 Stiefmütterchen an der“ Stadtmauer und auf dem alten Friedhof, an die Hunderte von Rosen im Rosarium und schließlich die laufende Instandhaltung der Friedhöfe.

Nach all diesen Aufgaben kam erst die wirklich schöpferische Tätigkeit der Neupflanzungen, das Planen, Zeichnen, Vermessen und Berechnen. Alsdann hieß es: roden, planieren, Wege bauen, Schutt entfernen, graben, rigolen, pflügen, säen und bepflanzen.

So gestaltete Berger ab 1930:

die Planierung des Stadtgrabens und den Ausbau der Anlagen zwischen Schloß und heutigem Rathaus (1931—1933),

die Gestaltung der Elsa Brandström-Anlagen und der Ahrpromenade (1934—1936),

die Räumung des alten Friedhofes, Umwandlung in das Kernstück der Sinziger Anlagen und Anschluß an die alten Anlagen am Ehrenmal (1939—1948),

die Neuschaffung des Idylls an der Harbachecke (1950—1952),

die großen Rodungen und Neugestaltungen im Schloßpark (1954—1955),

letztlich die große Friedhofserweiterung (1962 —1963).

Der Garten des Zehnthofs ging als Rückgrat der Anlagen Stück für Stück im Laufe eines Jahrhunderts und besonders seit 1927 bis 1970 in städtischen Besitz über. Glück für Berger, daß seine Hauptschaffenszeit mit der Periode des deutschen Wirtschaftswunders zusammenfiel und daß er Verständnis fand bei den Stadtvätern, sonst wäre manches Wunschtraum geblieben. Trotzdem gab es auch für ihn kein ununterbrochenes Fortschrittsprogramm. Da gab es zunächst Veränderungen, denen nicht auszuweichen war. Schattenspendende Alleen waren zu Verkehrshindernissen geworden. Wunderschöne Bäume mußten zu Dutzenden der Axt geopfert werden. Schlimmer noch waren naturbedingte Rückschläge. Der Gärtner muß ständig mit dem drohenden Unbekannten rechnen. Das Schicksalhafte teilt er mit dem Bauern; denn, wo Leben quillt, da drohen auch Krankheiten, Unfälle und Tod, Trockenheit und Nässe, Frost und Hitze, Sturm und Gewitter. Abgesehen von den Zerstörungen im Krieg und den Verlusten durch Abbau der Hilfskräfte 1932 seien als Beispiele für Rückschläge nur genannt: das Ulmensterben der dreißiger Jahre und das Fronleichnamsunwetter von 1951, dem Dutzende der schönsten und höchsten Baumriesen der Parkanlagen zum Opfer fielen.

Ein zusammengestürztes Haus kann man wieder aufbauen. Nach Jahresfrist kann die Wunde geheilt sein. — Für einen zerschmetterten Baum kann man wohl einen neuen pflanzen. Aber wir müssen hundert Jahre warten, vielleicht auch noch länger, bis er so groß ist, wie der alte war. Ob der Neugepflanzte so schön wird wie sein Vorgänger, das weiß niemand.

Lenne und Berger haben durch den Grünschmuck das Stadtbild Sinzigs verschönert und haben ihm eine feine Prägung gegeben. Sie haben Vorbilder geschaffen, denen der Bürger gerne nacheifert in seinem privaten Bereich. Auch die Ziele wurden erreicht, welche‘ die Anlagenplaner sich nach gesundheitlichen und ästhetischen Gesichtspunkten gestellt hatten. Auch im Mauernbereich Sinzigs gibt es nun Plätze, wie man diese in Neuenahr, Ahrweiler und Breisig auch antreffen mag, die einen an Eichendorff erinnern, die Goethe auch zu einem Nachtlied inspiriert haben könnten oder zu einem „Osterspaziergang“. Hier ist man Mensch, hier darf man’s sein.

Gärtner sein, ist ein schöner Beruf. Das wußte auch Konrad Adenauer. Er liebte und pflegte seine Rosen und sagte, Gärtner wäre er gerne geworden. Blumen und Bäume, die würden doch, was man wolle, und sie dankten es einem auch.

In Kölns Grüngürtel, dem weiten Anlagenring und in den riesigen Rasenflächen, die jeder Kölner sogar betreten darf, hat sich Adenauer ein ebenso bleibendes Denkmal gesetzt wie Lenne und Berger es in Sinzig getan haben. Als letzten dankbaren Zeugen für das grüne Sinzig und als bestes Beweisstück sei Sinzigs uralte Linde genannt. Vor über dreihundert Jahren hat man sie gepflanzt als Friedensbaum. Sie wurde geprüft in harten Notzeiten, zerzaust vom Alter, sie bewährte sich in vielen Stürmen. Im tiefsten Innern ihres mächtigen Stammes hohl, zeigt sich aber nach jedem Winter an den äußersten Spitzen ihrer Zweige etwas wie ein Wunder: Zart und weich treibt sie aus hartem Holz wieder ihr junges, grünes Laub.

Über dreihundertmal Erneuerung des Lebens!