Selbstbildnis

VON MAX BARTHEL

In diese Haut bin ich hineingeboren und trage siebzig Jahre schon dies Fell — ach, vieles hörten meine Ohren, Geschwätz der Klugen und der Toren, das Lied der Vögel und den Flüsterquell.

Ich habe manches wilde Wort gesprochen und tat begeistert manchen Schwur — ich hörte auf die wilden Worte pochen, die aber hatte lächelnd ich gebrochen, weil nach dem Wilden ich das Milde süß erfuhr.

Ich witterte in all den Jahren viele Düfte, den Schweiß, den Brandrauch der zerbombten Stadt— im Mai den Wohlgeruch der linden Lüfte, im Herbst den bittren Duft der Gräber und der Grüfte, das letzte Atemholen vom vergilbten Blatt.

Und meine Augen sahen manchen Turm und Bogen, Berlin und Moskau, Stockholm und Paris — das Eismeer sah ich und das Südmeer wogen, ich sah, wie hoch die Adler und die Lerchen flogen, die Hölle sah ich, und ich sah das Paradies.

Ich trank den Wein und habe nicht vergessen, wie der aus Frankreich und Italien schmeckt — ich habe Büchsenfleisch und Kaviar gegessen. Kartoffeln fraß ich, wie die Schweine fressen, ich hab den Wohlgeschmack von trocknem Brot entdeckt.

Zehn Jahre Krieg hat Herz und Hirn erfahren, die Träume fielen einer wilden Zeit zum Raub — wie lange ist es her, daß wir wie Kinder waren, im Flugzeug bin ich und im Karussell gefahren, und als ich ernten wollte, war die Ernte taub.

Das volle Haar ist merklich schon gelichtet, als Schönheit, nein, bekomm ich keinen Preis — ich hob geträumt, gesäumt und manches Lied gedichtet, gerichtet hob ich, und ich ward gerichtet, und daß wir gar nichts wissen, ich nun selber weiß.

Und doch, ich war kein Tauber und kein Blinder, und meine Zeit ist mir kein Zeitvertreib — gefesselt bin ich und bin Überwinder, und was mir bleibt das sind die Kinder und dann: die Zärtlichkeit von meinem Weib.