Rhodius fast 150 Jahre im Brohltal

Industrieller Familienbetrieb mit vielseitigen Interessen

VON KARL HOLTZ

Der Name Rhodius ist im Wirtschaftsleben des Brohltals ein Begriff, mit dem sich kaufmännischer Unternehmungsgeist, wirtschaftlicher Weitblick und Wagemut mit Solidität verbindet. Für Generationen war das Unternehmen bestimmend für die Existenz in einer industriearmen Gegend.

Der Anfang geht auf das Jahr 1827 zurück, als der Chemieprofessor Bischoff aus Bonn und die Gebrüder Rhodius aus Linz und Sinzig unter der Firmenbezeichnung „Bischoff & Rhodius“, mit dem Sitz in Sinzig, die Ausbeutung der unterhalb von Burgbrohl im „Fellenbuhr“ gelegenen Kohlensäure-Tages-Quellen aufnahmen. Zuerst wurde das Quellwasser versandt und dann unter Ausnutzung der den Quellen entströmenden gasförmigen Kohlensäure die Herstellung von Bleiweiß betrieben. 1852 schied Prof. Bischoff aus, und der Name d er Firma wurde in Gebrüder Rhodius mit dem Sitz in Linz umgewandelt. Nachdem sich die Betriebe in Burgbrohl gegen Ende des Jahrhunderts stark ausdehnten, wurde der Sitz 1903 nach Burgbrohl verlegt. Durch Dr. Carl Neizert, der die Nachfolge seines Großvaters Albrecht Rhodius antrat, kam 1907 die Familie Neizert als Teilhaber zur Firma. Die Firmenleitung des Familienunternehmens liegt heute in Händen von Manfred Rhodius und Gottfried Neizert. Der Senior der Familie, Rudolf Rhodius, ist auch im hohen Alter noch aktiv am Unternehmen interessiert.

Die Bleiweißherstellung erfolgte zunächst in Burgbrohl und im „Fellenbuhr“ nach dem französischen Niederschlagsverfahren; 1904 wurde das Kammerverfahren und 1948 ein spezielles Niederschlagsverfahren eingeführt. Als 1883 die Kohlensäure aus den Tagesquellen nicht mehr genügte, wurde in Burgbrohl bis zur Tiefe von 52 Metern eine Kohlensäurequelle erbohrt, die in der Minute 420 Liter Wasser von 15 Grad Celsius und in 24 Stunden etwa 4 000 kg Kohlensäure lieferte. 1884 begann mit der Firma Kunheim & Co., Berlin, die Verflüssigung der überschüssigen Kohlensäure. Ein Rückschlag kam, als durch Konkurrenzbohrung 1891 die erste künstliche Quelle versiegte. In den nachfolgenden Jahren bis 1898 gewann man wieder nach verschiedenen Bohrungen zwei konstante Quellen bei 500 bzw. 120 m Bohrtiefe mit einer Gesamtleistung von 16000 kg Kohlensäure in 24 Stunden. Die beiden 900 m voneinander liegenden Quellen arbeiten heute noch mit unverminderter Stärke. Verarbeitung und Vertrieb der Kohlensäure erfolgt durch die AGEFKO (Aktiengesellschaft für Kohlensäure). Um für die Bleiweißfabrikation einen billigeren Rohstoff zu erhalten, wurde 1898 eine Nitritfabrik errichtet, die aus Chile-Salpeter und Blei Natriumnitrit und Bleioxyd herstellte. Das Aufkommen der norwegischen Luftstickstoffverfahren ließ diese Fabrikation in den Jahren 1912 bis 1914 erliegen. 1903 wurde eine Fabrik zur Herstellung von Bleimennige und Bleiglätte erbaut. 1912 erwarb die Gesellschaft die Barton-Lizenz zur Herstellung von Bleioxyd aus Blei und Luftsauerstoff. Dieses Verfahren liefert heute noch den Rohstoff für die Mennigefabrikation. 1911 begann man mit der Herstellung von Zinkweiß, dessen Produktion durch Übernahme eines patentierten Verfahrens von 1924 an erheblich gesteigert wurde. Von 1917 bis 1923 wurde unter Ausnutzung der Kohlensäure Magnesia Carbonica hergestellt. Nach Beendigung der Inflation wurde diese Fabrikation wegen Unrentabilität eingestellt.

Werkfoto
Teilansicht der Werkanlagen

Eine bedeutende Ausweitung des Fabrikationsprogramms wurde 1937 eingeleitet mit der Übernahme einer Lackfabrik in Fulda. Während des Krieges wurde in Burgbrohl die Fabrikation von Lacken und Farben aufgenommen und nach dem Krieg erweitert, aber 1957 wieder vollständig nach Fulda überführt. Von 1941 bis Kriegsende wurden Kohleanzünder hergestellt. 1945 trafen zwei Bombentreffer das Anwesen, wobei jedoch nur das 1922/23 erbaute neue Verwaltungsgebäude beschädigt wurde. Unter Ausnutzung vorhandener Fabrikationsräume wurde 1953 die Herstellung von Schrupp- und Trennscheiben für die stein- und metallverarbeitende Industrie aufgenommen. Eine weitere Ausweitung des Unternehmens begann 1958 mit der Produktion des Markengetränks „Pepsi-Cola“ für das Konzessionsgebiet Koblenz/Bonn/Trier, zuerst in Aachen, dann in Burgbrohl, wo 1972 auch eine eigene Mosterei eingerichtet wurde.

Durch den Erwerb einer Lizenz der BASF Ludwigshafen kam 1960 die Herstellung von Styropor-Verpackungen, speziell von Geschenkpackungen für den Weinversand, hinzu. 1964 übernahm man die bekannte Kölner Lackfabrik Court & Baur, die 1968 nach Übernahme der ehemaligen Werksanlagen der Brohltal AG, die nach Urmitz bei Koblenz übergesiedelt war, nach Burgbrohl-Weiler verlegt wurde. Die Firma Rhodius Lackchemie KG betreibt seit 1972 auch eine Lackfabrik in Holland. Als neuester Fabrikationszweig ist die Herstellung von Dämmstoffen für die Bauindustrie gut angelaufen.

Wenn hier in kurzer, chronologischer Folge die verschiedenartigen Fabrikationszweige genannt wurden, so mag diese Aufzählung neben der Tatsache, daß das Unternehmen rund 580 Arbeiter und Angestellte beschäftigt, zeigen, welche wirtschaftliche und soziale Bedeutung der Firma im Brohltal und darüber hinaus zukommt.