„O Täler weit – o Höhen“

„O Täler weit, o Höhen …“

VON HEINRICH O. OLBRICH

Der Winter des Jahres 1788 war so streng, daß — wie der Chronist berichtet — die Schindeln auf den Dächern krachten, die armen Vogel im Schlaf von den Bäumen fielen und die Hasen und Rehe und Wölfe ganz verwirrt in die Dörfer flüchteten.

In der tiefen, stillen Nacht des 10. März dieses Winters wurde Joseph von Eichendorff auf Schloß Lubowitz, Kreis Ratibor in Oberschlesien, geboren.

In diesen Nachtstunden herrschte im Herrenhause große Aufregung. Der alte Diener Daniel schlich behutsam in den Garten, wo sich der Jäger des Gutes, der Koch des Hauses und der Organist des Dorfes mit einer Pauke eingefunden haben, um den kleinen Weltenbürger feierlich zu begrüßen. Das Kind Joseph erblickte das Licht der Welt, und nun übertönte Daniel gewaltig die Musikanten durch das Krachen der Böller, die von ihm sachgemäß entzündet wurden.

Es war eine harte und sorgenvolle Zeit für das ganze deutsche Volk, in die der kleine Joseph hineingeboren wurde, denn die Wellen der Volksunruhen in Frankreich reichten in ihren Auswirkungen bis nach Schlesien. Durch die Kriegsjahre Napoleons wurde das Volk, namentlich der Adel, mit harten Kriegslasten belegt. In unmittelbarer Nähe des Besitztums von Eichendorffs Familie lag an. der Oder die Festung Cosel, die dem Feind heftigen Widerstand leistete und sich nicht ergab. Darunter- hatte das Vorland der Feste besonders schwer zu leiden.

Als der Ruf zur Befreiung der Heimat von Breslau aus 1813 erfolgte, eilte der inzwischen als Dichtergenius bekannte Joseph v. Eichendorff zu den Fahnen, welche die Freiheit für Heimat und Vaterland bringen sollten. Als begeisterter Liederdichter zog er hinaus, um als gereifter Mann heimzukehren.

Joseph v. Eichendorff Letztes Bild, Daguerreotypie (1857)

Der Tondichter Hugo Wolf urteilte über Eichendorffs Gedichte: „Seine Erzählungen und Gedichte sind gedichtete Landschaftsbilder, die wir nur aus seiner erlebten Heimat verstehen und deuten können. Die winkenden blauen Berge erfüllen seine Brust mit jenem starken Fernweh, das ihn zum Dichter der Sehnsucht und des Wanderns werden läßt.“

Joseph v. Eichendorff verläßt seine Heimat — noch einmal gleitet sein Erinnerungsblick in sein Kindheits- und Jugendparadies mit all den schlichten Landmenschen, die ihn bis dahin liebevoll begleitet haben und singt: „O Täler weit, o Höhen, o schöner, grüner Wald, du meiner Lust und Wehen andächtiger Aufenthalt“ (vertont von Mendelsohn-Bartholdy).

Seine Gedanken beherrschen die Erinnerung an das „hohe weiße Haus“ seines Vaters, die Gärten und den Park mit seinen lauschigen Laubengängen, die urwüchsigen alten Bäume mit ihren mächtigen Ästen, auf denen er so oft das Dichten lernte, und von wo aus er den hellen Silber-Streifen der jungen Oder und die „alte Mühle“ erspähen konnte. In dieser Mühle wohnte seine erste Jugendliebe. Von ihr singt er mit -wehmutsvollem Herzen: „In einem kühlen Grunde, da geht ein Mühlenrad. Meine Liebste ist verschwunden, die dort gewohnet hat. Sie hat mir Treu versprochen, gab mir den Ring dabei. Sie hat die Treu gebrochen, das Ringlein sprang entzwei.“

Nach dieser mystischen Anwandlung, die sich im fortschreitenden Leben noch stärker ausprägt, singt er weiter: „Hör‘ ich das Mühlrad gehen, ich weiß nicht, was ich will. Ich möcht am liebsten sterben, da war’s auf einmal still.“

In den mächtigen Baumkronen des väterlichen Parks saß er oft und schaute andachtsvoll zu den rauschenden Wäldern an den Berghängen.

In einer Abschiedsstimmung schrieb begeistert der junge Dichter: „Wer hat dich, du schöner Wald, aufgebaut so hoch da droben? Wohl den Meister will ich loben, solang noch mein Stimm‘ erschallt. — Lebe wohl, du schöner Wald.“

Aus der umfassenden Fülle seiner Jugenderinnerungen, die in seinen Tagebüchern und Briefen ihren Niederschlag fanden, schildert er u. a., daß er bei der Lektüre des Matthias Claudius oder beim Lesen der Leidensgeschichte in der Bibel oft zu Tränen gerührt war.

Was sich im Elternhaus und in der dörflichen Heimat in ihm an Seelenkraft aufgespeichert hat, entlud sich bei unserem Dichter besonders stark nach der glücklichen Wiederkehr aus den Befreiungskriegen.

Im Jahre 1815 heiratete er seine alte Liebe, Luise von Larisch. Nach Vollendung des juristischen Studiums wurde er Regierungsrat im preußischen Staatsdienst. Als abgeklärter Bürger, seelisch fein abgestimmt, tritt Eichendorff in die dichterische Stufe der Erfüllung und Verklärung.

Die Aufenthalte in Danzig, Berlin, Heidelberg und Rom hinterließen in ihm starke Eindrücke, die er zu bewältigen sich stets bemühte. In dieser Zeit und Stimmungslage schrieb er seinen großen Roman: „Ahnung und Gegenwart.“ Er entwirft darin ein großangelegtes Gemälde jener seltsamen, gewitterschwülen Jahre der Erwartung, Sehnsucht und Schmerzen. Er stellt sich männlich mitten hinein in das Ringen unseres Volkes und begleitet wachsam seine werdende Neuformung.

Aber, seiner engeren Heimat, an die sein ganzes Sinnen gefesset ist, bleibt er mit allen Fasern seines Herzens treu.

Alle Kräfte des Schlesiers, auch die des gemäßigten Spottes, sind in ihm in einer einzigartigen Harmonie vereinigt, die Beruhigung ausstrahlt. Aber wir verstehen den Dichter erst ganz, wenn wir aus der Vielheit seiner Werke lesen: „Aus dem Leben eines Taugenichts“, oder „Krieg den Philistern“, wo er in Form von Erzählungen eine köstliche Kriegsansage gegen Verkalkung und Verschrobenheit bringt. Jedem gleichgesinnten Wanderer empfiehlt er zu singen:

Wem Gott will rechte Gunst erweisen, 
den schickt er in die weite Welt, 
dem will er seine Wunder weisen 
in Berg und Wald und Strom und Feld. 
Die Bächlein von den Bergen springen, 
die Lerchen schwirren hoch vor Lust, 
was sollt ich nicht mit ihnen singen 
aus voller Kehl und frischer Brust. 
Den Heben Gott laß ich nur walten, 
der Bächlein, Lerchen, Wald und Feld 
und Erd und Himmel will erhalten, 
hat auch mein Sach aufs best bestellt.

Oder:

Durch Feld und Buchenhallen, 
bald singend, bald fröhlich still 
recht lustig sei vor allem, 
wer’s Reisen wählen will,

Und weiter drängt es den reisenden Dichter, wenn er anstimmt:

Mich brennt’s in meinen Reiseschuh’n 
fort mit der Zeit zu schreiten. 
Was sollen wir agieren mir vor soviel klugen 
Leuten.

Oder:

Ich reise über“s. grüne Land, 
der Winter ist vergangen 
.. .

Die Höhe der Innigkeit von Eichendorffs Aussprüchen ist wohl jener, den auch Thomas Mann besonders hervorgehoben hat, der da lautet:

„Es war, als hätte der Himmel die Erde still geküßt …“

Er nennt diese Gedanken: Die Perle der Perlen. Um auch den leichten Spott des Dichters zu streifen, sei folgender Vers zitiert:

„Viel Essen macht viel breiter 
und hilft zum Himmel nicht; 
es kracht die. Himmelsleiter, 
kommt so ein armer Wicht. 
Das Trinken ist gescheiter, 
das schmeckt schon nach Idee, 
da braucht man keine Leiter, 
das geht gleich in die Höh.“

Das Große, das wir an unserem Dichter und seinem Werk bewundern, ist die harmonische Ausstrahlung seines Innenlebens und seine Sehnsucht nach einem Übergang in die ewigen Werte der Unsterblichkeit.

Dieses Sehnen drückt er in folgenden Worten aus: ,,Die Welt mit ihrem Gram und Glücke will ich, ein Pilger, frohbereit betreten nur wie eine Brücke !zu dir, Herr, überm Strom der Zeit.“

In den herrlichen Versen „Mondnacht“ sagt er: „Und meine Seele spannte weit ihre Hügel aus, flog durch die Lande, als flöge sie nach Haus.“

Die letzten Lebensjahre verlebte der Dichter in Neisse, dem schlesischen Rom. Diesen Lebensabschnitt können wir nur mit seinen Worten einleiten :

„O Trost der Welt, du stille Nacht; 
Der Tag hat mich so m
üd‘ gemacht, 
Das weite Meer schon dunkelt. 
Laß ausruhn mich von Lust und Not, 
Bis daß das ew’ge Morgenrot 
Den stillen Wahl durchfunkelt.“

Eichendorff und seine Gattin Luise fühlten sich in Neisse sehr wohl. Hier hat Luise ihre schönsten Jugendjahre in dem Erziehungsheim der Magdalenerinnen verbracht. 1855 erkrankte sie und verstarb am 5. Dezember dieses Jahres. Sie wurde auf dem Jerusalemer Bergfriedhof von Neisse beigesetzt.

Hier, in dieser alten deutschen Stadt von österreichischer und preußischer Prägung, konnte sich das Leben Eichendorffs voll erfüllen. Auch im hohen Alter noch, wie der befreundete Fürstbischof von Dreslau an ihm rühmt, habe er sich das Herz eines Jünglings in ungeschwächter Frische bewahrt.

Am 26. November 1857 ist der Dichter Schlesiens und Deutschlands großer Lyriker gestorben. Er wurde auf dem Jerusalemer Bergfriedhof in Neisse an der Seite seiner Gattin beigesetzt.

Das ganze deutsche Volk erweckt ihn ständig zu neuem Leben, indem es seine Lieder singt.

Dieselben schlesischen Berge, die seinen Eingang bezeugen, blicken auf sein Grab, das schlesischer Marmor deckt.

Fast im Stadium des Verfalls seiner Kräfte, hinterläßt er der Nachwelt die besinnlichen Gedanken ;

„Mein Gott, dir sag ich Dank,
Daß du die Jugend mir bis über alle Wipfel
In Morgenrot getaucht und Klang,
Und auf des Lebens Gipfel,
Bevor der Tag geendet,
Vom Herzen unbewacht
Den falschen Glanz gewendet,
Daß ich nicht, taumle ruhmgeblendet,
Da nun herein die Nacht
Dunkelt in ernster Pracht.“

Der Dichter Joseph v. Eichendorff begegnete uns bis dahin als der große Lyriker seiner Zeit in dem Raum, so weit die deutsche Zunge dringt. Daß aus seiner Feder einer der bedeutungsvollsten Romane der Romantik, „Ahnung und Gegenwart“ (1813) stammt, hat sich dem Gedächtnis der Nachwelt weniger eingeprägt.

Die Trefflichkeit der seherischen Gabe, erkennen wir schon aus einem bescheidenen Abschnitt des Romans. Wir lesen folgende Stelle: „Mir scheint unsere Zeit dieser weiten, Ungewissen Dämmerung zu gleichen! Licht und Schatten ringen noch ungeschieden in wunderbaren Massen gewaltig miteinander, dunkle Wolken ziehen vrrhängnisschwer dazwischen, ungewiß, ob sie Tod oder Segen führen, die Welt liegt unten in weiter, dumpfstiller Erwartung. Kometen und wunderbare Himmelszeichen zeigen sich wieder. Gespenster wandeln wieder durch unsere Nächte, fabelhafte Sirenen tauchen selberwie vor nahen Gewittern. Alles weist wie mit blutigen Fingern warnend auf ein großes, ununvermeidliches Unglück hin.

Unsere Jugend erfreut kein sorgloses, leichtes Spiel, keine fröhliche Ruhe, wie unsere Väter; uns hat früh der Ernst des Lebens gefaßt, im Kampfe sind wir geboren, und im Kampfe werden wir überwunden oder triumphierend untergehen. Denn aus dem Zauberrauche unserer Bildung wird sich ein Kriegsgespenst entwickeln, geharnischt mit bleichem Totengesicht und blutigen Haaren; wessen Auge in der Einsamkeit geübt, der sieht schon jetzt in den wunderbaren Verschiebungen des Dampfes die Lineamente dann aufringeln und sich leise formieren.

Verloren ist, wen die Zeit unvorbereitet und unbewaffnet trifft; und wie mancher, der weich und aufgelegt zu fröhlichem Dichten, sich so gern mit der Welt vertrüge, wird, wie Prinz Hamlet, zu sich selber sagen: „Weib, daß ich zur Welt kam, sie einzurichten! Denn aus ihren Fugen wird sie noch einmal kommen, ein un-erlöster Kampf zwischen Altem und Neuem beginnen, die Leidenschaften, die jetzt verkappt schleichen, werden die Larven wegwerfen, und flammender Wahnsinn wird sich mit Brandfackeln in die Verwirrung stürzen, als wäre die Hölle losgelassen. Recht und Unrecht, beide Parteien in blinder Wut einander verwechseln.

Wunder werden zuletzt geschehen, um der Gerechten willen, bis endlich die neue und doch ewig die alte Sonne durch die Greuel bricht, die Dontier rollen nur noch fernab an den Bergen, die weiße Taube kommt geflogen, und die Erde hebt sich verweint wie eine befreite Schöne in neuer Glorie empor.“