MARTINSTAG

von Wilhelm Hay

An Geschichten und Legenden, an Wetterregeln, Sprichwörtern, Reimen, Rätseln und Liedern, in Sitte und Brauch, ist kaum ein Tag des Jahres so reich wie St. Martin. Und selten, so wie hier, ist man noch heute bemüht, alte Volksbräuche zu erhalten oder gar neu zu beleben. Und warum? Nicht weil Martinus Bischof war, Klostergründer, Missionar, ja „ein wahrhaft apostolischer Mann“. Nicht weil sein Grab in Tours Jahrhunderte hindurch zu den berühmtesten Wallfahrtsorten der abendländischen wie morgenländischen Christenheit zählte. Nein, weil er als Soldat an einem bitterkalten Tag vor dem Stadttor von Amiens, wo seine Truppe im Winterquartier lag, seinen Mantel mit einem Bettler geteilt hat.

War das denn eine so überwältigende Tat, daß sie nun schon länger als anderthalb Jahrtausend seine Volkstümlichkeit erhalten konnte? Nicht die Tat allein, sondern daß er es so schneidig tat, so rasch entschlossen und so wie selbstverständlich, hoch herab vom Pferd und unbekümmert um die Witzeleien seiner Kameraden: das war es, was unseren fränkischen Vorfahren und Heimatgenossen gefiel.

Wiederbelebung und Erhaltung des Volkstums seines Tages gelten vor allem dem Mertesumzug und dem Mertesfeuer. Beide gehen in ihrem Ursprung zurück weit in vorchristliche Zeit. Hatten Weide, Wald und Feld die Früchte des Jahres gespendet, dann feierten unsere germanischen Vorfahren ihrem Allvater Wodan und seiner Gemahlin dem Lichtgott einen Widder oder eine Wildgans zum Opfer gebracht hatte. Statt des germanischen Götterbildnisses wird heute St, Martins Bild im Zug getragen, oder er selber „reitet“, als Bischof gekleidet, ihm voran. „St. Martin kommt nach alten Sitten zumeist auf einem Schimmel (im Schnee) geritten.“ Den alten Kampf zwischen Sommer und Winter aber versinnbilden noch immer die Mertesfeuer auf den Bergen und die Lichter in den Fackeln.

Foto: Kreisbildstelle 
St. Martin an der Volksschule Dernau

Es lag nahe, in der christlichen Zeit nach christlichen Erklärungen für die heidnischen Bräuche zu suchen. Die in Brand geratene Spreu, auf der Martinus an offener Feuerstelle schlief, sollte das „Martinsfeuer“ erklären, die „Martinsgans“, der Umstand, daß Gänse sein Versteck verrieten durch ihr lautes Schnattern, als er sich, um der Bischofswahl zu entgehen, in einen Stall verkroch. Der „Martinstrunk“, bei dem in Weingegenden der Most probiert wird, ist noch üblich, auch das Backwerk der „Martinshörner“ und das „Martinsvöglein“, die Gans. — Wenn die winterliche Stallfütterung begann, mußte schon aus Raummangel manches Stück Vieh auf den Martinimärkten, die noch allenthalben zu den bestbesuchten des Jahres zählen, verkauft oder geschlachtet werden. Reste jener üppigen Schlachtfeste sind die zahlreichen Martinskirmessen, auch in solchen Bauern-dörfern, in denen St. Martin nicht Kirchenpatron ist.

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Zu Sabaria in der römischen Provinz Panno-nien, dem späteren Ungarn, geboren, kam Martinus als Soldat nach Gallien, dem heutigen Frankreich. Er ließ sich taufen, nahm Abschied vom Heer, wurde 372 Bischof von Tours, wo das von ihm gegründete Benediktinerkloster zur Karolingerzeit der Mittelpunkt fränkischer Geisteskultur war; seine Ruinen sind noch heute, eine halbe Stunde von der Stadt entfernt, zu sehen. In einer Zeit weltbewegender Umwälzungen, der Völkerwanderung und des untergehenden Weströmischen Reiches hat er vor allem um die Bekehrung der bäuerlichen Bevölkerung gerungen. Als „Galliens Sonne“ starb er mit 85 Jahren um 400. Über seinem Grab schwuren die Frankenkönige ihre Eide. Vielleicht knüpfte hieran in sinniger Weise die früher in manchen deutschen Garnisonstädten geübte Sitte, am Martinstag den Fahneneid zu leisten. Denkwürdig für alle Zeiten bleibt das Wort, das Kaiser Napoleon, dessen Soldaten gewiß auch manches zerstörte Gotteshaus auf dem Kerbholz hatten, zu einer Abordnung von Tours‘ Stadtvätern sprach: „Denen, die St. Martin zerstörten, habe ich nichts zu sagen.“ Nach 1802 ragten nämlich nur noch zwei verstümmelte Türme seiner Grabeskirche zum Himmel. Erst hundert Jahre später, 1902, wurde die neue Martinsbasilika eingeweiht.

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Mancherorts war schon der Martinstag, so wie sonst Lichtmeß (2. Februar), Ziehtag fürs Gesinde. Als „Steuerheiliger“ war der Nationalheilige des Frankenreiches begreiflicherweise nicht sonderlich beliebt. „Michel (29. September) mahnt, Martin zahl!“ So galt es jahrhundertelang für Zehnten, Zinsen und Steigerungsstegen. Es ist noch gar nicht lange her, daß auf den amtlichen Pacht- und Holzzetteln stand: Fällig am 11. 11. Unser preußischer Staatsmann, Freiherr vom Stein, ließ durch Gesetze sein so überaus verdienstvolles Werk der Bauernbefreiung mit Martini 1810 als spätestem Termin wirksam werden. So war fürwahr der 11. November auch in weltlichen Dingen und besonders im bäuerlichen Bereich ein wichtiger Tag. Insofern kann man die vorsichtige Entscheidung der Bewohner eines Eifeldorfes verstehen, die in ihrer Dorfkapelle den Heiligen nicht als Reiter, also ohne Roß, darstellen ließen mit der Begründung, St. Martin käme ihnen auch zu Fuß schnell genug. Von dem Vornamen Martin sind viele Familiennamen abgeleitet: Martin, Martini, Merten, Mertens, Merz.

Auch die Bezeichnung Kapelle für ein kleines Gotteshaus geht auf den halben Mantel von St. Martin zurück. Dieser halbe Mantel wurde „Kapella“, d. h. Mäntelchen, genannt. Die fränkischen Könige nahmen auf Reisen den halben Mantel von 5t. Martin mit. Sie ließen in ihren Pfalzen Ingelheim, Sinzig und Aachen, wenn sie dort weilten, den Mantel im Gotteshaus aufbewahren. In Aachen aber bauten sie eine eigene Kapelle für dieses Kleinod. Darum nennen die Franzosen heute noch Aachen „Aix la Chapelle“. Da in dieser Kirche die Orgel fehlte, traten Musiker mit ihren Instrumenten auf, die nun auch Musikkapelle genannt wurde. Der Geistliche, der hier Dienst tat, wurde Kaplan genannt. So hat St. Martin heute noch in der Volkskunde eine große Bedeutung.Content-Disposition: form-data; name=“hjb1970.37.htm“; filename=““ Content-Type: application/octet-stream