KINDERFETT

VON HUBERTUS SEIDEL

Es war im Jahre 1930.

Der eisige Winterwind pfiff durch die einzige Straße des kleinen schlesischen Dorfes und trieb den Schnee in den windstillen Ecken zu niedrigen Wehen zusammen. Die Mittagsglocke schickte ihre letzten Schläge über die kahlen Bäume. Weit öffnete sich die Schultür, und heraus stürmten die ABC-Schützen, ihre Mützen bis über die Ohren heruntergezogen. In den Schulranzen klapperten die Schiefertafeln und die damals noch hölzernen Griffelkästen, Schwamm und Lappen hüpften im gleichen Takt wie die kleinen Beine. Jedes der Kinder hatte es eilig, nach Hause zu kommen; denn überall warteten schon die gefüllten Teller auf die hungrigen Mäuler. Nur der kleine Maler-Hans hatte scheinbar noch keinen Hunger, Er schlenderte ganz gemächlich auf dem Bürgersteig entlang, seine Hände tief in den Hosentaschen vergraben. Wie konnte man auch nur so schnell an all den Herrlichkeiten in den Schaufenstern vorübergehen! Beim Krämer lag doch das herrliche Taschenmesser mit allem Drum und Dran. „Echt Solingen“ stand ganz klein auf der hervorgeklappten, glänzenden Klinge und kostete doch nur 85 Pfennigel Und diesen Griffelanspitzer da mit den zwei Messern könnte er so gut gebrauchen! Seinen Vater würde er dann bestimmt nicht mehr belästigen, wenn der Schieferstift wieder einmal abgeschrieben oder abgebrochen wäre. Aber sein Vater konnte ihm diese Sachen nicht kaufen; denn mit Arbeit stand es damals schlecht, überhaupt jetzt im Winter. Und die Leute zahlten nicht. Vor ein paar Tagen kam ein Mann aus der Stadt zu den Eltern und wollte Geld holen. Seine Mutter weinte soviel, und sein Vater wurde ganz bleich im Gesicht. Aber keinen Groschen konnten ihm seine Eltern geben, so sehr auch der Gerichtsvollzieher drohte.

Das alles wußte der kleine Steppke schon, obwohl er erst sechs Jahre alt war. Mit einem verzichtenden Seufzer ging er weiter und entzifferte unterwegs noch alle Reklameschilder, die er sah. Es macht ihm Spaß in der Schule, und die Buchstaben kennt er auch schon ziemlich genau, jedenfalls die aus seiner Fibel.

Jetzt wechselt er auf die andere Straßenseite hinüber; denn beim Schlächter muß er sich erst noch die langen Würste und die Schweinehälften hinter der halbvereisten Schaufensterscheibe ansehen. Was kümmert es ihn, wenn keiner seiner Klassenkameraden mehr zu sehen ist l

Die beiden fetten Schweinchen aus rosa Porzellan kennt er schon, das Innere eines Schweines zu betrachten ist zu uninteressant, und die Würste hängen zu hoch. Aber was steht denn da unten, direkt vor seinen Augen? Eine ganze Reihe schöner Beutel, bis oben mit etwas Weißem gefüllt! Da muß er erst wissen, was darin ist. Er kann ja schließlich schon lesen! Und die blaue Schrift ist fast genau so wie die, die sie in der Schule lernen. Seine rotgefrorene Nase drückt er an der Scheibe ganz platt. Ganz langsam studiert er die Buchstaben.

Doch er kommt gar nicht mehr dazu, alles zu lesen; denn was da ganz dick gedruckt unter einer blauen Kuh steht, jagt ihm den Schreck in alle Glieder. Wie der Blitz sind seine Hände aus den Hosentaschen heraus, und im schnellsten Galopp fegt er die Straße hinunter, stürmt durch das schmale Vorgärtchen, reißt die Haustür auf, als wenn der Böse hinter ihm her wäre, stolpert im Flur und fällt der Mutter durch die offene Küchentür in die Arme, der vor Schreck fast die Suppenteller aus der Hand rutschen. Krampfhaft und ängstlich klammert er sich an ihren Rock, und stoßweise bringt er es endlich heraus: „Mama, Mama, geh bloß nicht mehr zum Schlächter Knipper! Der schlachtet ja Kinder!“ Die Mutter versteht nicht, was der Junge meint und will ihn beruhigen und sagt: „Aber Hans . . .“ Doch er läßt sie gar nicht erst ausreden: „Ja, ja, der hat im Schaufenster lauter solche Papierbeutel mit was drin, und da steht ,Kinderfett‘ drauf.“ Hans beruhigte sich erst, als die Mutter sagte: „Das heißt doch Rinderfett.“